
Biologie trifft auf Ethik, IT auf Anatomie
Die Studiengänge Biomedizinische Labordiagnostik und Medizininformatik vereinen naturwissenschaftlich-technische Grundlagen mit Kenntnissen des Gesundheitswesens. Eine Kombination mit Zukunft.
Eine der häufigsten Krebserkrankungen bei Kindern ist das Neuroblastom, ein Tumor, der aus Nervenzellen entsteht. Bei Verdacht brauchen Kinder, ihre Familien und die behandelnden Ärztinnen und Ärzte schnell Gewissheit. Dabei spielen bereits in der frühen Diagnosestellung Laboruntersuchungen eine zentrale Rolle, da sich bestimmte Tumor-Biomarker im Körper nachweisen lassen. Eine Bachelorarbeit im noch jungen Studiengang Biomedizinische Labordiagnostik entwickelte und prüfte ein Verfahren, um diese Biomarker in getrockneten Urinproben – sogenannten «Dried Urine Spots» – als Alternative zu flüssigen Proben nachzuweisen.
Das Beispiel verdeutlicht, wie biomedizinische Labordiagnostik eigene Innovation ins Gesundheitssystem einbringen kann. Im ersten Durchgang des Studiengangs schlossen 2025 insgesamt 62 Studierende mit einem Bachelordiplom ab – die meisten nach drei Jahren, einige mit einer verkürzten Ausbildung dank vorheriger Qualifikation an einer Höheren Fachschule. Sie sind die ersten Fachkräfte in der Schweiz, die diesen Bereich mit akademischem Abschluss und interdisziplinärem Ansatz vertreten. «Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie essenziell der Laborberuf für die gesundheitliche Versorgung ist», sagt Sylvia Kaap-Fröhlich, Leiterin des Studiengangs.
«Interprofessionelle Zusammenarbeit wird immer wichtiger – darauf bereiten wir unsere Studierenden vor».»
Den Blickwinkel erweitern
Der Studiengang wird vom Departement Life Sciences und Facility Management in Zusammenarbeit mit dem Departement Gesundheit durchgeführt. «Wir verbinden naturwissenschaftlich-technische Grundlagen mit dem Denken und Handeln eines Gesundheitsberufs», erklärt Kaap-Fröhlich. Die Studierenden lernen Biologie, Chemie und Mathematik, vertiefen sich in Fachgebiete wie Hämatologie und medizinische Genetik und beschäftigen sich mit labordiagnostischen Verfahren für spezifische Krankheitsbilder.
Zusätzlich erwerben sie Managementfähigkeiten und Kenntnisse über das Gesundheitswesen – von Patientenrecht und Ethik bis zu Gesundheitsförderung und Prävention. Diese Themenverknüpfung soll den Blick über das Labor hinaus schärfen: auf das Gesundheitssystem, andere Berufsgruppen und die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten. Denn integrierte Versorgungsmodelle, in denen alle Beteiligten eng zusammenarbeiten, gewinnen an Bedeutung.
Zusammenarbeit der Berufsgruppen
«Interprofessionelle Zusammenarbeit wird immer wichtiger – darauf bereiten wir unsere Studierenden vor», betont Lisa Rigassi, die Koordinatorin am Departement Gesundheit. Der Studiengang soll auch dazu beitragen, dass die Labordiagnostik eigene fundierte Erkenntnisse einbringen kann. Das stärke den Austausch zwischen den Gesundheitsberufen. Dies lernen die Studierenden mit Kommiliton:innen aus den Studiengängen Pflege, Hebamme, Physiotherapie, Ergotherapie sowie Gesundheitsförderung und Prävention in der gemeinsamen Modulgruppe «Gesellschaft, Kultur und Gesundheit». Die Praxisnähe bleibt ein Kern des Studienangebots.
Die Praxisnähe bleibt ein Kern des Studienangebots. Der Schweizer Berufsverband «labmed» brachte den Studiengang mit einer Berufsfeldanalyse auf den Weg und war an der Konzeption beteiligt, und die Studierenden absolvieren Praktika bei einigen von rund 30 Partnerorganisationen, darunter Spitäler und Industrieunternehmen.
«Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie essenziell der Laborberuf für die gesundheitliche Versorgung ist.»
Digitalisierung im Gesundheitswesen
Auch der Studiengang Medizininformatik, der 2023 mit 47 Studierenden startete, setzt auf Interdisziplinarität. Die meisten studieren Teilzeit über vier Jahre, die ersten Vollzeitstudierenden schliessen dieses Jahr ab. «Die Klasse ist heterogen», berichtet Studiengangleiter Daniel Roetenberg. Etwa die Hälfte kommt aus dem Gesundheitswesen, die andere aus technischen Berufen wie Informatik und Elektrotechnik. Einzelne haben einen kaufmännischen Hintergrund.
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet voran: Spitäler und Praxen tauschen Daten aus, Pflegedokumentationen werden digitalisiert, Patientinnen und Patienten nutzen Apps und Sensoren, und künstliche Intelligenz analysiert Bilddaten. Diese Entwicklungen bieten Chancen, bringen aber auch Herausforderungen wie den Datenschutz – im Gesundheitswesen ein besonders sensibles Thema. Der Studiengang kombiniert IT-Know-how mit medizinischem Verständnis. «Das ermöglicht Lösungen, die den Klinikalltag erleichtern und die Versorgungsqualität verbessern», sagt Roetenberg.
Silo-Denken überwinden
Die Vorstellung, der Studiengang bilde «halb informatisch, halb medizinisch» aus, weist Roetenberg zurück. Ziel sei es, Fachkräfte zu qualifizieren, um Technologien umzusetzen, die dem Gesundheitswesen echten Nutzen bringen. Ein Beispiel: «Wer die Arbeitsweise des ambulanten Pflegepersonals versteht, kann bessere Dokumentationssoftware für die Spitex entwickeln.» Im Idealfall schafft Technologie mehr Zeit für Patientinnen und Patienten. Silo-Denken funktioniere in der Gesundheitsversorgung immer weniger, sagt Roetenberg – Fachbereiche und Informationssysteme müssten miteinander kommunizieren.
Das Curriculum umfasst Programmieren, Cybersecurity, Datenschutz und Datenvisualisierung ebenso wie Grundlagen der Medizin und des Gesundheitswesens, von Anatomie und Physiologie bis zu Medizinethik. Auch hier bleibt der Praxisbezug eng: Die Studierenden absolvieren ein Praxissemester bei einer von rund fünfzig Partnerorganisationen, darunter Kliniken und E-Health-Unternehmen.
Sprachen und Kulturen vereinen
Die Studiengänge Biomedizinische Labordiagnostik und Medizininformatik spiegeln zunehmend dynamische Arbeitswelten wider, in denen verschiedene Disziplinen ineinandergreifen. Doch diese Interdisziplinarität birgt auch Hürden: «Es geht darum, die unterschiedlichen Sprachen und Kulturen der Natur- und Gesundheitswissenschaften zusammenzuführen», erklärt Rigassi. Kommunikation wird deshalb gezielt trainiert, und interdepartementale Veranstaltungen fördern das gegenseitige Verständnis.
«Wir bieten kein reduziertes Informatikstudium an, sondern ein eigenständiges Profil ohne starre Grenzen.»
Roetenberg sieht eine Herausforderung darin, Breite und Tiefe des vermittelten Wissens auszubalancieren. «Wir bieten kein reduziertes Informatikstudium an, sondern ein eigenständiges Profil ohne starre Grenzen», erklärt er. Weil künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen an Bedeutung gewinne, vermittle der Studiengang mehr als nur technisches Wissen. Die Studierenden sollten unter anderem auch regulatorische Anforderungen an Technologien verstehen. Die Lernkurve sei anfangs für alle steil – ob aus dem Gesundheitswesen oder der Informatik. Im letzten Studienabschnitt ermöglichen Wahlpflichtmodule Spezialisierungen, etwa in Cloud Computing oder klinischer Datenanalyse.
Bedarf am Arbeitsmarkt
Die erweiterten Kompetenzen der Studierenden führen zu gefragten Berufsprofilen, wie die Studiengangleitungen beobachten. Manche der ersten Bachelorabsolventinnen und -absolventen der Labordiagnostik arbeiten heute bei Praxispartnern, die sie während des Studiums kennengelernt haben. «Der Abschluss eröffnet vielfältige Berufsfelder», sagt Kaap-Fröhlich – in medizinischen Laboren in Spitälern, Forschung oder Industrie.
Auch bei der Medizininformatik, wo der erste Studiengang noch läuft, ist die Nachfrage da. Einige Absolventinnen und Absolventen wurden bereits während des Studiums Teilzeit angestellt. «Das Studienprofil orientierte sich schon bei der Konzeption am Bedarf im Arbeitsmarkt», erklärt Roetenberg – sowohl in Gesundheitsinstitutionen als auch in IT-Unternehmen des Medizinsektors.
In beiden Studiengängen sind inzwischen weitere Jahrgänge gestartet. Wegen des grossen Andrangs wurde bei der schweizweit einmaligen Biomedizinischen Labordiagnostik vorübergehend ein Numerus Clausus eingeführt. In der Medizininformatik, die auch an anderen Fachhochschulen angeboten wird, stabilisieren sich die Anmeldezahlen. Für beide Programme sind vertiefende Masterstudiengänge in Planung.
(Aufmacherbild: Stefan Kubli)
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