Ein Junge und ein Mädchen essen Pizza
ernährung

«Essen ist komplex und immer interdisziplinär»

29.05.2026
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In welchem Alter entwickeln wir unsere Essgewohnheiten? Und wie ­werden sie vom Geschlecht beeinflusst? Erstmals wirft ein Forschungsprojekt den Blick auf die Prägung in den jungen Lebensjahren.

Frauen essen gerne Gemüse, Männer trinken gerne Bier: Wie viele Klischees hat auch dieses einen wahren Kern. So zeigen Studien, dass viele Erwachsene geschlechtsspezifische Ernährungsgewohnheiten haben. Doch in welchem Alter entwickeln sich diese? Wie wird unser Essverhalten vom biologischen Geschlecht, wie vom sozialen Geschlecht beeinflusst? Und welche Rolle spielen beispielsweise unsere Nationalität und die Region, in der wir aufwachsen? Diesen Fragen geht die Studie «Gender concepts and Nutrition In childhood» (GeNI) nach. Es ist das erste Schweizer Forschungsprojekt, das geschlechtsspezifische und intersektionale Aspekte der Ernährung bei Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren untersucht.

Ziel: geschlechtersensiblere Prävention

Das Projekt wird von Julia Dratva vom ZHAW Institut für Public Health geleitet und ist Teil des nationalen Forschungsprogramms «Gendermedizin und -gesundheit». Es ist im April 2025 gestartet und gliedert sich in drei Teile: Im ersten Teil werten die Forschenden Daten aus der bundesweiten «MenuCH-Kids»-Studie aus, die erstmals die Essgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz unter die Lupe genommen hatte. «Wir schauen diese Daten aus intersektionaler Perspektive an, untersuchen sie auf ihre soziokulturellen und soziodemografischen Charakteristika, auf geschlechtsspezifische Unterschiede», erklärt Julia Dratva.

«Ernährung hängt mit einer Vielzahl von Erkrankungen zusammen, die zum Teil schon im Kindesalter, meist aber erst später auftauchen. Deshalb ist es aus unserer Sicht wichtig, genau hinzuschauen, wie sich Ernährungsmuster bilden.»

Julia Dratva, Professorin am Institut für Public Health

Im zweiten, qualitativen Teil des Forschungsprojekts werden Fokusgruppen-Diskussionen mit Kindern und Jugendlichen sowie mit Eltern und Betreuungspersonen geführt. Die Ergebnisse aus dem quantitativen und qualitativen Teil werden laut der Projektleiterin dann zusammengeführt, um daraus Empfehlungen für die Praxis abzuleiten.

Im Moment befinden sich die Forschenden noch im ersten Teil des Projekts. «Ernährung hängt mit einer Vielzahl von Erkrankungen zusammen, die zum Teil schon im Kindesalter, meist aber erst später auftauchen. Deshalb ist es aus unserer Sicht wichtig, genau hinzuschauen, wie sich Ernährungsmuster bilden», begründet die Public-Health-Expertin die Relevanz der Studie. Als ein Beispiel für eine solche Erkrankung nennt sie Adipositas. «Übergewicht und Adipositas sehen wir häufig schon im Kindesalter. In der Schweiz ist ein beträchtlicher Teil der Kinder und Jugendlichen von erhöhtem Körpergewicht betroffen, je nach Altersstufe zwischen 11 und 21 Prozent», sagt Julia Dratva. «Und etwa drei bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen sind adipös.» Aufbauend auf den Ergebnissen der Studie, erhoffe man sich dann, unter anderem geschlechtersensiblere Präventionsmassnahmen für beispielsweise diese Erkrankung ergreifen zu können.

«Das Thema Essen ist so breit und bunt – wir können eigentlich gar nicht anders, als aus verschiedenen Blickwinkeln darauf zu schauen.»

Christine Brombach, Ernährungswissenschaftlerin am Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation

Geboren als unbeschriebenes Blatt

Die Forschenden rund um Julia Dratva gehen davon aus, dass das Essverhalten im Kindesalter stark durch die Familie geprägt wird. Zunächst einmal werde der Mensch aber als «unbeschriebenes Blatt» geboren, sagt Christine Brombach vom Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation an der ZHAW, die in der Vorprojektphase involviert war, sich auf den Projektstart hin aber aufgrund ihrer anstehenden Pensionierung zurückzog. «Essen ist etwas, das erlernt wird. Wir werden nicht mit bestimmten Präferenzen geboren.» Ein Koala beispielsweise möge instinktiv Eukalyptusblätter, alles andere interessiere ihn nicht. «Wir sind da viel komplexer unterwegs. Zwar wird jedes Kind zu Beginn mit einem einzigen Lebensmittel ernährt – mit Mutter- oder Flaschenmilch –, aber was danach im Laufe der Entwicklung auf den Teller kommt, ist hochgradig individuell», führt die Ernährungswissenschaftlerin weiter aus. Nach der Prägung durch die Familie im Kindesalter spielten dann vermutlich weitere Faktoren eine Rolle, ergänzt Julia Dratva. «Unsere Hypothese ist, dass das Thema Gender mit zunehmender Unabhängigkeit an Wichtigkeit gewinnt. Die Forschung wird zeigen, ob wir damit richtigliegen.»

«In der Schweiz ist ein beträchtlicher Teil der Kinder und Jugendlichen von erhöhtem Körpergewicht betroffen, je nach Altersstufe zwischen 11 und 21 Prozent»

Julia Dratva, Professorin am Institut für Public Health

Nicht nur aufs «eigene Kästchen» blicken

Neben der Public-Health-Expertin und der Ernährungswissenschaftlerin sind am Forschungsprojekt noch Fachpersonen aus anderen Bereichen beteiligt, beispielsweise aus der Pädiatrie. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit habe es ermöglicht, die Fragestellung aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, sagt Julia Dratva. «Die Vielfalt der Ansätze macht die Fragestellung viel wertvoller und relevanter für die Gesellschaft.» Gerade bei einem Thema wie Ernährung, das so breit interessiere und an diversen Stellen immer wieder Thema sei – vom Schul- bis zum Spitalwesen –, sei eine interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Forschung gewinnbringend.

Genauso im Hinblick auf die dritte Projektphase: Bei der Erstellung der Empfehlungen, voraussichtlich 2028, arbeiten die Forschenden mit Implementierungspartnern wie etwa Gesundheitsförderung Schweiz, Kinderärzte Schweiz oder dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen zusammen. Christine Brombach teilt die Auffassung von Julia Dratva. Das Thema Essen sei breit, bunt und komplex – und immer interdisziplinär. «Und so können wir eigentlich gar nicht anders, als in einer Vielschichtigkeit, aus verschiedenen Blickwinkeln auf dieses Thema zu schauen», sagt die Ernährungswissenschaftlerin.

«Ich habe gelernt, dass ich wenig erreiche, wenn ich nur auf mein eigenes Forschungsgebiet blicke.»

Christine Brombach, Ernährungswissenschaftlerin am Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation

Dass sie den Abschluss des Projekts nicht mehr aktiv mitgestalten wird, stimme sie ein bisschen wehmütig, aber auch dankbar – gerade auch mit Blick auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die sie in ihrem Berufsleben stark geprägt habe. «Ich habe gelernt, dass ich wenig erreiche, wenn ich nur auf mein eigenes kleines Kästchen blicke, auf mein Forschungsgebiet», sagt Christine Brombach. In dieser komplexen Welt mache es Sinn, sich Fragen gemeinsam zu stellen. «Und gemeinsam zu versuchen zu verstehen, warum unsere Welt wie tickt. Sodass wir auch besser gemeinsam dafür sorgen können, dass unsere Welt ein Ort ist, an dem wir weiterhin leben und arbeiten können – und auch unsere Kinder und Kindeskinder.»

NFP 83: Geschlecht und Gesundheit im Fokus

«Gender concepts and Nutrition In childhood» (GeNI) wird vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert und ist Teil des nationalen Forschungsprogramms «Gendermedizin und -gesundheit». Ziel dieses fünfjährigen Forschungsprogramms ist, eine wissenschaftlich fundierte Grundlage zu schaffen für die Berücksichtigung von Geschlecht und Gender in Medizin, Gesundheitsforschung und Public Health. Denn das biologische Geschlecht wie auch das soziale Gender hätten einzeln und in Wechselwirkung Einfluss auf die Gesundheit, heisst es im Beschrieb des Forschungsprogramms. Der Einbezug von Geschlecht und Gender in die Gesundheitsforschung und -praxis sei wichtig und notwendig, um eine bessere Gesundheit der Bevölkerung und einen gerechteren Zugang zur Gesundheit für alle zu gewährleisten.

Das Programm umfasst 19 Projekte, beispielsweise aus den Themenbereichen psychische Gesundheit, Palliativversorgung oder Schwangerschaft und reproduktive Gesundheit. «Gender concepts and Nutrition In childhood» ist das einzige der 19 Projekte, das explizit die Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen erforscht.

(Aufmacherbild: Adobestock/Africa Studio)

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