Basil Thalmann steht auf einer Wiese, im Hintergrund der Zürichsee.

«Halten sich kleine Kinder an dem Ort auf, braucht es Massnahmen»

22.06.2026
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ZHAW-Umweltchemiker Basil Thalmann hat gemeinsam mit anderen Forschenden Schweizer Böden auf PFAS untersucht. Im Interview erklärt er, welche Gefahr von den Ewigkeitschemikalien ausgeht.

Alle reden von PFAS. Was genau bedeutet die Abkürzung?

PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylverbindungen. Das ist eine Stoffgruppe, die bis zu 10 000 Chemikalien umfasst. Sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine starke chemische Bindung zwischen dem Fluor- und dem Kohlenstoffatom haben. Dadurch sind sie wasser- und fettabstossend. Weil diese Bindung so stark ist, ist sie auch hitzeresistent – das macht PFAS einzigartig. Der Nachteil dieser starken Bindung ist, dass diese Stoffe für sehr lange Zeit in der Umwelt verbleiben. Deshalb nennt man sie auch Ewigkeitschemikalien.

PFAS werden seit Jahrzehnten etwa in Textilien, Lebensmittelverpackungen oder Feuerlöschmitteln genutzt. Sind sie aktuell immer noch so verbreitet in der industriellen Produktion?

Genau wissen wir das leider nicht, weil es keine Deklarationspflicht gibt. Alles in allem muss man aber leider davon ausgehen, dass heute mehr PFAS angewendet werden als noch vor dreissig, vierzig Jahren. Was bekannt ist: Bei den Feuerlöschschäumen gibt es mittlerweile auch PFAS-freie Alternativen, da ist also etwas in Bewegung in die richtige Richtung. Dafür werden PFAS sehr intensiv für Kühlmittel benutzt, etwa in Auto-Klimaanlagen. Das Problem ist, dass dort immer wieder winzige Lecks entstehen, durch die PFAS in die Umwelt gelangen.

«Es gibt noch keine eindeutigen Antworten darauf, wann eine Belastung kritisch ist.»

Basil Thalmann, Umweltchemiker am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen

Auf welchem Weg geraten die PFAS aus Lebensmittelverpackungen und Textilien in die Natur?

Im besten Fall landen Einwegverpackungen im Entsorgungsrecyclingprozess. Dort geht es in die Verbrennung, wo PFAS über Rauchgase in die Umwelt gelangen können. Meist werden die Verbindungen allerdings gar nicht aufgebrochen, weil die Hitze dafür nicht ausreicht. Also landen sie in der Schlacke und diese kann auf der Deponie in den Boden sickern. Es gibt also verschiedene Wege, wie sie in die Umwelt gelangen können. Ähnlich bei den Textilien …

Wie läuft es dort ab?

Textilien erzeugen Abrieb, dieser gelangt in den Staub und den inhalieren wir. Auch beim Waschen werden sie abgerieben, so landen die PFAS im Wasser.

Nehmen wir die PFAS beim Tragen der Kleidung auch direkt auf?

Theoretisch wäre das zwar möglich, aber die Haut stellt in der Regel eine gute Barriere dar, so dass das weniger ein Problem ist. Da würde ich mir eher Sorgen machen bei Kosmetika, die PFAS enthalten.

Sie haben mit Ihrem Team im Auftrag des Bundesamts für Umwelt schweizweit Bodenmessungen zusammengetragen und nachweisen können, dass unsere Böden im ganzen Land mit PFAS belastet sind. Kann man überhaupt noch barfuss über eine Wiese spazieren?

Dass PFAS überall in unseren Böden vorkommen, ist ein Grundsatzproblem – und zwar ein menschgemachtes. Sie gehören dort eigentlich nicht hin. Da wir aber nun diese Situation haben, ist die nächste Frage, wann eine Belastung kritisch ist – und wie wir damit umgehen.

Und wie lauten die Antworten auf diese Fragen?

Es gibt keine eindeutigen Antworten, weil uns noch einiges an Wissen fehlt. Klar ist, dass man an Orten, an denen sich kleine Kinder aufhalten, Massnahmen ergreifen muss, weil die Kleinen beim Spielen manchmal ein bisschen Boden essen. Man kann zum Beispiel den Boden auswechseln, was allerdings gar nicht so einfach ist, weil man ja erst irgendwo sauberen Boden herbekommen muss.

Dort wo ich jeweils baden gehe wird genau das aktuell gemacht: Die Wiese wurde Anfang Winter wegen PFAS-Belastung gesperrt, alles abgetragen und neuer Boden wurde aufgebracht. Bis zum Hochsommer sollte die Wiese wieder nutzbar sein.

Ich vermute, Sie sprechen von Thalwil?

Ja genau. Kommt das so selten vor, dass Sie den Ort sofort kennen?

Noch gibt es tatsächlich nicht viele Gemeinden, die das so konsequent umsetzen.

Bis letzten Sommer sind die Leute dort stundenlang auf der Wiese gelegen, Babys haben dort gespielt, Kinder sind herumgerannt. Müssen die sich nun alle Sorgen machen?

Als erwachsene Person muss man deswegen keine grosse Angst haben, weil man kaum etwas vom Boden aufgenommen hat. Es sind eher die Kinder, die gefährdet waren. Als Konsequenz können etwa gewisse Impfungen weniger gut wirken, wodurch die Kinder eher erkranken. Bei den Erwachsenen kann eine langjährige Exposition das Risiko für zu hohe Cholesterinwerte fördern. Und gewisse Krebsarten werden auch damit assoziiert.

Ich habe ausserdem gelesen, dass PFAS ein Grund sein könnten für verminderte Fruchtbarkeit bei Männern.

Das ist korrekt, eines der kleinsten PFAS-Moleküle steht diesbezüglich im Verdacht, die Trifluoressigsäure (TFA). In der EU ist man aktuell daran, diese Vermutung zu überprüfen. Würde sich das bewahrheiten, wäre das eine wirklich grosse Herausforderung, denn die TFA ist überall drin: Man findet sie im Regen und dadurch auch im Grundwasser, in Gemüse, Weizen und so weiter. Und das in einer anderen ganz anderen Grössenordnung als andere PFAS. Ich hoffe deshalb sehr fest, dass sich dieser Verdacht nicht erhärten wird.

Wenn PFAS im Boden sind, landen sie dann auch in der darauf angebauten Nahrung?

Das ist in der Tat ein grosses Problem. Wobei es bei tierischen Lebensmitteln noch schlimmer ist, weil die Nutztiere auch Boden essen. Oder die Hühner fressen Regenwürmer, welche wiederum die PFAS aus dem Boden aufgenommen haben. Deshalb gibt es beim Fleisch bereits Grenzwerte. Werden diese überschritten, darf das Produkt nicht in den Handel gebracht werden.

«Bei tierischen Lebensmitteln ist das Problem grösser als bei pflanzlichen, weil die Nutztiere auch Boden essen.»

Basil Thalmann, Umweltchemiker am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen

Betrifft das nur Fleisch oder auch Eier?

Eier, Milch, Fleisch, alles ist belastet. Ich selbst esse zum Beispiel kein Wildschwein mehr, weil diese Tiere besonders viel Boden fressen. Übrigens sind Bio-Eier tendenziell leider etwas stärker belastet, weil Bio-Hühner mehr Kontakt zu richtigem Boden haben. Hier verzichte ich aber nicht auf das Bio-Ei, da mir das Tierwohl wichtig ist – eine klassische Güterabwägung. Das Gute ist, dass man die Hühner bei zu hoher Belastung relativ einfach an einen anderen Ort umsiedeln kann und sie das PFAS innert weniger Wochen ausscheiden. Bei Kühen dauert das viel länger. Es ist für die betroffenen Bauern deshalb unheimlich schwierig, wenn sie wegen zu hoher PFAS-Werte ihr Fleisch plötzlich nicht mehr verkaufen dürfen und auch keine neuen Nutztiere auf diese Weide lassen können. Es handelt sich teilweise um riesige Bodenflächen, die eigentlich nur zur Viehzucht genutzt werden können. Da müssen dringend Lösungen gefunden werden.

Der Bundesrat will bis 2027 einen Aktionsplan zum Thema PFAS vorstellen. Ist das nicht zu spät?

Natürlich wäre es schön, wenn es schneller gehen würde. Aber lieber nimmt man sich die Zeit und stellt dafür einen guten Aktionsplan auf die Beine. Die PFAS sind seit vierzig Jahren in unseren Böden, deshalb bringt es nichts, jetzt Panik zu schieben und alles überstürzen zu wollen. Wichtig ist, dass wir das Thema ernst nehmen und dranbleiben.

Sind PFAS in anderen Ländern aktuell auch so ein grosses Thema?

Ja, wir kommen in der Schweiz sogar eher etwas spät damit im Vergleich zu anderen Nationen. Die USA und die Niederlande etwa beschäftigen sich schon länger mit dem Thema, sie haben allerdings auch Industrien, welche PFAS herstellen. In Deutschland wurden die letzten Jahre ebenfalls viele Bodenproben genommen.

Und die Resultate sehen ähnlich aus?

Es ist nicht einfach, die Ergebnisse 1:1 zu vergleichen, weil die Proben mit unterschiedlichen Forschungsfragen genommen wurden. Aber in der Tendenz sieht man, dass die Schweizer Böden stärker belastet sind als diejenigen in Deutschland oder zum Beispiel auch in Schweden.

Woran liegt das?

Da kann man nur mutmassen. PFAS sind relativ teure Chemikalien, deshalb geht man generell davon aus, dass weiterentwickelte Länder ein grösseres Problem damit haben. Es kann gut sein, dass wir in der Schweiz uns mehr von diesen Chemikalien geleistet haben, um Top-Produkte herzustellen.

Sie beschäftigen sich beruflich schon einige Jahre mit PFAS. Was fasziniert Sie an dem Thema?

So richtig hat es 2021 angefangen, als wir die erste schweizweite Studie publiziert haben. Für mich als Chemiker sind PFAS sehr spannende Verbindungen, weil sie sich in der Umwelt so speziell verhalten. Zudem ist das Ganze ein relativ junges Forschungsgebiet, es gibt also noch ganz viele offene Fragestellungen, bei denen man in die Tiefe gehen kann. Dank meiner Arbeit an der ZHAW habe ich nun auch mit dem Bund und den Kantonen zu tun, lerne die politische Seite kennen und helfe mit, am Ende ganz konkrete Lösungen zu finden etwa für die Landwirt:innen, die ihre Felder nicht mehr bewirtschaften dürfen. Das macht meine Arbeit äusserst abwechslungsreich und auch sinnstiftend, weil ich direkt hier vor Ort etwas bewirken kann.

(Aufmacherbild: Monika Liechti)

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