Eine Pflegefachfrau zeigt zwei älteren Frauen etwas auf einem Smartphone

KI-Übersetzungstools: Hilfe oder Risiko?

29.05.2026
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Ob bei medizinischen Diagnosen oder Zeugenaussagen – Sprachbarrieren können einschneidende Folgen haben. KI-Lösungen bieten schnelle Abhilfe, werfen jedoch Fragen zu Datenschutz und Qualität auf.

In einem Land zu wohnen und die lokale Sprache nicht zu beherrschen, ist im Alltag eine Herausforderung. Was in gewöhnlichen Situationen mühsam oder unangenehm wird, kann in gewissen Kontexten gefährlich oder lebensverändernd sein – etwa wenn ein Arzt einer fremdsprachigen Patientin eine falsche Diagnose stellt oder eine Polizistin eine Zeugenaussage aufgrund von Verständigungsproblemen falsch interpretiert. In vielen Gesprächen mit Behörden, in Schulen oder im Gesundheitswesen sind daher Dolmetscherinnen und Dolmetscher unverzichtbar.

Doch was, wenn es schnell gehen muss und keine Fachperson vor Ort ist? Es liegt auf der Hand: In Zeiten der Digitalisierung greifen Mitarbeitende in Spitälern, Schulen, Behörden oder Hilfsorganisationen zu digitalen Hilfsmitteln. Eine 2022 erschienene Masterarbeit ergab, dass 80 % der Beschäftigten im Gesundheitswesen regelmässig digitale Übersetzungs-Apps wie Google Translate oder DeepL für die Kommunikation mit ihren Patientinnen und Patienten nutzen. Viele der Tools sind gratis und in alltäglichen Konversationen zuverlässig.

«Viele Berufe basieren auf guter Kommunikation – dass Menschen ihre Anliegen ausdrücken und andere darauf eingehen können, sollte mehr Aufmerksamkeit erhalten.»»

Anne Catherine Gieshoff, Dozentin am Institut für Mehrsprachige Kommunikation

Das Dilemma: Sicherheit versus Schnelligkeit

Ein Problem kommt jedoch auf, wenn es um vertrauliche Informationen geht: Wie kann eine Ärztin die medizinische Schweigepflicht einhalten, wenn persönliche Details einer Person in ein Tool getippt werden, das nicht verschlüsselt ist? Und können Situationen mit weitreichenden Folgen für die Einzelperson, etwa Einvernehmungsgespräche, überhaupt zuverlässig digital übersetzt werden?

Diesen Fragen stellen sich mehrere Akteure in der Übersetzungs- und Dolmetschbranche. Um Forschung und Praxis zusammenzubringen, hat sich die Projektgruppe Digilinguo gebildet. Das von der Digitalisierungsinitiative des Kantons Zürich (DIZH) geförderte interdisziplinäre Projekt wird von der ZHAW und der Universität Zürich geleitet.

Das übergeordnete Ziel: öffentliche Einrichtungen wie Spitäler, Gerichte, Schulen oder die Polizei dabei zu unterstützen, Sprachbarrieren zu überwinden, funktionierende Kommunikation zu ermöglichen und alle Beteiligten zu entlasten.

Lena Emch-Fassnacht, Geschäftsleiterin von Interpret, der Interessengemeinschaft für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln, ist als Partnerin bei Digilinguo dabei und erklärt: «Behörden erfüllen einen gesetzlich verankerten Beratungs-, Informations- und Vollzugsauftrag. Sie sind verpflichtet, sicherzustellen, dass ihre Inhalte adressatengerecht vermittelt und vollständig verstanden werden.»

Darüber hinaus gelte der Grundsatz der Gleichbehandlung: Alle Personen seien unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen gleichwertig zu berücksichtigen. Sie betont: «Digilinguo kann hier Materialien und Informationen zur Verfügung stellen und sowohl die Behörden als auch die Dolmetschenden und weitere involvierte Stakeholder stärken – zum Beispiel bei der Wahl des geeigneten Hilfsmittels der Kommunikation.»

Neue Wege der Kommunikation

Während in einfachen Situationen wie Terminabsprachen klassische digitale Übersetzungstools ausreichen, sind andere Berufssituationen deutlich herausfordernder. Alice Delorme Benites, Leiterin des Instituts für Mehrsprachige Kommunikation an der ZHAW, nennt ein Beispiel aus dem Gesundheitsbereich: «Hebammen brauchen während ihrer Arbeit freie Hände. Sie können nicht eine Gebärende begleiten und gleichzeitig Übersetzungen in ein mobiles Gerät tippen.» Aus diesem Grund seien andere Lösungen gefragt. Die meisten davon setzen künstliche Intelligenz ein. Auch der Einsatz von Smart Glasses soll getestet werden.

Gerade beim Testen verschiedener Anwendungen sei es wichtig, sich bewusst zu sein, dass es keine Lösung gibt, die für alle Bedürfnisse perfekt funktioniert. «Die Testenden müssen lernen, mit unperfekten Apps umzugehen und das Beste für ihren Berufsalltag herauszuholen», sagt Delorme Benites. Zugleich stellt sie fest: «Oft testen Entwickler im Labor statt im richtigen Leben.» Genau deshalb sei es ihnen mit Digilinguo ein grosses Anliegen, die verschiedenen Parteien – also Entwickler und Anwenderinnen – an einen Tisch zu bringen, um sich kritisch miteinander auszutauschen und voneinander zu lernen.

«Die Testenden müssen lernen, unperfekte Apps bestmöglich im Berufsalltag zu nutzen.»

Alice Delorme Benites

Wie Dolmetschende KI nutzen

Wie reagiert die Dolmetschbranche auf die laufenden Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz? Michael Stump vom Dolmetschdienst Comprendi der Caritas gesteht: «Für Dolmetschende sind KI-Tools eine Chance und eine Gefahr zugleich.» Auch sie testen die Tools im Teilprojekt «Teststrecke». So helfen sie Kundinnen, verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten besser zu beurteilen. «Es gibt Situationen, in denen wir ganz klar von Übersetzungstools abraten und eine dolmetschende Person empfehlen», sagt Stump.

Und dennoch: «Wir erkannten beim Testen auch Möglichkeiten, die Tools für uns zu nutzen.» Beispielsweise zum Erstellen oder Verwalten eines Glossars, auf das Dolmetschende während eines Einsatzes möglichst schnell und einfach zugreifen können. Auch Simulationen von Dolmetscheinsätzen seien mittels VR-Brillen sehr wertvoll, um zu üben, und könnten künftig in die Ausbildung integriert werden.

Die verbleibenden Herausforderungen

Das sensibelste Thema rund um digitale und KI-gestützte Übersetzungstools bleiben der Datenschutz sowie die sinngemäss richtige Übersetzung in schwierigen Gesprächen und bei zukunftsweisenden Entscheidungen. Gerade bei sogenannten «Low Resource»-Sprachen, also jenen, die in unseren Breitengraden weniger gängig sind, wie beispielsweise Ukrainisch oder Arabisch, ist die Übersetzungsqualität oft nur schwer überprüfbar. In diesen Sprachen sei die korrekte Übersetzung jedoch besonders wichtig, da sie häufig die Muttersprachen von Flüchtenden oder Migrantinnen sind und die Kommunikation gerade in schwierigen Gesprächen auf Englisch oft nicht ausreiche, erklärt Anne Catherine Gieshoff, Dozentin für Mehrsprachige Kommunikation.

«Für Dolmetschende sind KI-Tools eine Chance und eine Gefahr zugleich.»

Michael Stump vom Dolmetschdienst Comprendi der Caritas

Eine weitere Herausforderung ist gemäss Gieshoff, dass viele Akteure aus der Praxis – also Angestellte im Gesundheitswesen, bei der Polizei oder in Ausbildungsstätten – oft keine Ressourcen haben, um die Übersetzungstools überhaupt zu testen. Dennoch sei es wichtig, diese zu testen, um passende Lösungen zu finden. Sie betont: «So viele Berufe basieren auf guter Kommunikation – dass Menschen ihre Anliegen ausdrücken und andere darauf eingehen können, sollte mehr Aufmerksamkeit erhalten.» Das Projekt Digilinguo läuft noch bis Ende 2029. Ab 2030 soll Digilinguo ein umfassender Hub zum Thema Dolmetschen und Übersetzen mithilfe von KI sein, der bei grossen Einrichtungen bekannt ist, um neue Tools für deren Arbeitssituationen zu testen.

Drei Säulen für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit

Digilinguo besteht aus drei Teilprojekten, um verschiedene Bedürfnisse der Branche abzudecken:

Teststrecke: Digilinguo beschafft Lizenzen von verschiedenen Tools und stellt sie beispielsweise Hebammen, Pflegefachpersonen, Psychologen, Polizistinnen oder Sozialarbeitern zur Verfügung, um die Funktionen im Berufsalltag zu testen, bevor die Institutionen sie grossflächig anschaffen.

Science to Practice: Ein weiteres Ziel ist die Bündelung der schweizweiten Forschung in einem zentralen Hub. Praktiker und Wissenschaftlerinnen finden hier alle bereits gesammelten Erkenntnisse an einem Ort. Von dieser Wissensdatenbank sollen alle Branchenakteure über Disziplinen hinweg profitieren.

Meet-ups: Mit Live-Veranstaltungen und Bildungstagungen vernetzt das interdisziplinär aufgestellte Projekt Akteur:innen aus Forschung und Praxis.

(Aufmacherbild: KayExam/peopleimages.com)

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