Zwei Mehrfamilienhäuser in moderner Holzbauweise
Bauwirtschaft

Kreislauffähig bauen über alle Ebenen

29.05.2026
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Swircular will Zirkularität messbar und praxisnah ­umsetzbar machen. So entstehen neue Chancen für die Bauwirtschaft. Zwei ZHAW-Institute engagieren sich in dem umfassenden Innosuisse-Projekt.

Die Kreislaufwirtschaft im Schweizer Bausektor steht noch am Anfang – insbesondere bei der Wiederverwendung von Bauteilen. Zwar werden mineralische Bauabfälle heute zu grossen Teilen recycelt, doch echte Kreisläufe bleiben selten. Die Wiederverwendung ganzer Bauteile ist bislang nur wenig verbreitet. Gleichzeitig ist der Hebel enorm: Der Bau- und Gebäudesektor verursacht rund 70 Prozent des Materialverbrauchs und etwa 80 Prozent des Abfalls in der Schweiz. Entsprechend gross ist das Potenzial, durch zirkuläre Ansätze Ressourcen zu schonen und Emissionen zu reduzieren.

Gesetzliche Entwicklungen und das wachsende Interesse von Wirtschaft und Gesellschaft treiben den Wandel zwar voran, doch die praktische Umsetzung bleibt eine Herausforderung. Hier setzt das von Innosuisse geförderte Innovations- und Forschungsprojekt «Schweizer Ökosystem für digitales zirkuläres Bauen (Swircular)» an. Partner aus Forschung und Praxis – darunter ZHAW, ETH Zürich, Berner Fachhochschule, Empa, Unternehmen, die öffentliche Hand sowie Investoren und Versicherungsgesellschaften – arbeiten gemeinsam daran, zirkuläres Bauen ganzheitlich zu verstehen und voranzubringen.

«Mich begeistert besonders die Zusammenarbeit mit so vielen engagierten Menschen. Die Vielfalt der Perspektiven schafft ein starkes Netzwerk.»

Konrad Graser, Dozent am Institut für Bautechnologie und Prozesse am ZHAW Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen

Teilprojektleiter Konrad Graser vom Institut Bautechnologie und Prozesse bringt die Idee des Projekts auf den Punkt: «Im Fokus steht nicht die Grundlagenforschung, sondern die konkrete Umsetzung neuer Lösungen in der Praxis. Ziel ist der Aufbau eines grossen, transdisziplinären Ökosystems, das Zirkularität messbar macht, geeignete Massnahmen definiert, Hindernisse identifiziert und gleichzeitig Chancen aufzeigt.» Seit rund zwei Jahren läuft SWIRCULAR und vernetzt ein breites Spektrum an Akteuren. Das Projekt umfasst acht Teilprojekte, die unterschiedliche Herausforderungen adressieren – von der Messbarkeit und rechtlichen Grundlagen über digitale Daten und neue Projektmodelle bis hin zu technischen Lösungen und innovativen Geschäftsmodellen.

Kreislauffähiges Bauen rechtlich umsetzbar machen

Die Fachstelle Städtebau- und Umweltrecht der ZHAW leitet das Teilprojekt 2 «Legal framework for circular construction». Gerade im rechtlichen Bereich sind derzeit noch viele Fragen offen, erklärt Projektleiter Oliver Streiff: «Nehmen wir die Besitzstandsgarantie. Sie erlaubt die weitere Nutzung bestehender Gebäude, auch wenn diese nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprechen. Doch gilt das auch für einzelne Bauteile und sogar dann, wenn sie in einem anderen Gebäude wiederverwendet werden? Wie ist die Haftung bei Lagerung, Transport und Wiedereinbau geregelt? Und lässt sich die Planung mit solchen Bauteilen überhaupt versichern?» Im Rahmen von SWIRCULAR werden die rechtlichen Grundlagen für zirkuläres Bauen praxisnah weiterentwickelt. Das Spektrum ist breit, wie Streiff ausführt: «Für das Privatrecht erarbeiten wir konkrete Instrumente wie Musterverträge und Vertragsklauseln, die Unternehmen direkt anwenden können. Im öffentlichen Recht schaffen wir wissenschaftliche Grundlagen und Policy Briefs für Politik und Verwaltung, um die Rahmenbedingungen gezielt weiterzuentwickeln.»

«Wir erarbeiten konkrete Instrumente wie Musterverträge und Vertragsklauseln, die Unternehmen direkt anwenden können.»

Oliver Streiff, Leiter Fachstelle Städtebau- und Umweltrecht an der ZHAW School of Management and Law

Die eine richtige Lösung gibt es nicht

Zwei weitere Swircular-Teilprojekte liegen in der Verantwortung der ZHAW. «Im Teilprojekt 4 ‹Abwicklungsmodelle für zirkuläres Bauen› entwickeln wir neue Projekt- und Organisationsmodelle, die Wiederverwendung, Rückbau und Kreislaufstrategien systematisch berücksichtigen», so Graser. Im Fokus stehen die Schnittstellen zwischen Planung und Ausführung, an denen heute oft Brüche bestehen. Design-Build-Modelle, bei denen Planung und Bau aus einer Hand erfolgen, können hier Vorteile bringen, setzen jedoch eine frühe umfassende Zieldefinition voraus, während gerade innovative Projekte oft mehr Offenheit für spätere Anpassungen brauchen. Ziel ist daher ein auf die Bedürfnisse eines Projekts mit seiner zirkulären Strategie anpassbares Abwicklungsmodell – mit Auswirkungen auf Verträge und Recht.

Besonders praxisnah und interdisziplinär ist Teilprojekt 8, gewissermassen die Feuerprobe des Gesamtprojekts: Hier werden alle Forschungsergebnisse in enger Zusammenarbeit mit den Partnern in reale Bauvorhaben überführt. Anhand von Rückbau-, Umbau- und Neubauprojekten wird erprobt, wie sich die erarbeiteten Erkenntnisse in der Praxis bewähren. «Das Teilprojekt läuft parallel zu den anderen und bringt laufend neue Fragestellungen aus der Praxis ein, die wir gemeinsam weiterbearbeiten», ergänzt Graser.

«Ziel ist der Aufbau eines transdisziplinären Ökosystems, das Zirkularität messbar macht, geeignete Massnahmen definiert, Hindernisse identifiziert und gleichzeitig Chancen aufzeigt.»»

Konrad Graser, Dozent am Institut für Bautechnologie und Prozesse am ZHAW Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen

Die gleiche Sprache sprechen

Die Zusammenarbeit im Projekt Swircular ist interdisziplinär und lebt vom engen Austausch zwischen unterschiedlichen Fachbereichen. Das funktioniere mehrheitlich sehr gut, so Streiff: «In der Schweiz sind Hochschulen und Institute oft räumlich und organisatorisch nahe beieinander, das erleichtert die Zusammenarbeit erheblich. Dennoch musste sich diese Interdisziplinarität erst entwickeln. Dies geschieht insbesondere in den gemeinsamen Workshops, in denen die Teilprojekte zusammenkommen, Themen sich überschneiden und neue Schnittstellen entstehen.»

Auch eine gemeinsame Sprache ist von grosser Bedeutung, damit ein so umfassendes Projekt erfolgreich ist. Im Rahmen des Teilprojekts 2 wird in einem eigenen Arbeitspaket ein Glossar zum zirkulären Bauen erstellt und mit computerlinguistischen Methoden in der Normenwelt verankert. Dabei sollen zentrale Begriffe systematisch mit Gesetzen, Verordnungen und Normen verknüpft werden. Die Forschenden wollen so mehr Klarheit und Kohärenz in das Fachgebiet bringen, das sich sprachlich und inhaltlich noch stark entwickelt.

Auf dem Weg zu einem zirkulären Ökosystem

Der Austausch erfolgt teilweise digital, entscheidend sind jedoch physische Treffen und gemeinsame Arbeitssituationen. Hier entsteht das Verständnis füreinander und für die komplexen Zusammenhänge. Regelmässige Formate wie Forschungstage, Workshops und ein jährliches Treffen aller Beteiligten stärken den Austausch und machen die Interdisziplinarität zu einem Schlüsselfaktor des Projekts. Das dabei entstehende Ökosystem sieht Graser als einen der wichtigsten Erfolge von SWIRCULAR: «Mich begeistert besonders die Zusammenarbeit mit so vielen engagierten Menschen. Die Vielfalt an Perspektiven und Ideen führt zu einem starken Netzwerk, das langfristig Bestand haben dürfte – über die konkreten Projektergebnisse hinaus.»

In der Kreislaufwirtschaft gibt es derzeit schweizweit und international zahlreiche Projekte und Initiativen mit unterschiedlichen Ansätzen und Rahmenbedingungen. Diese Fragmentierung sehen Graser und Streiff zwar als Herausforderung, zugleich aber auch als typische Erscheinung einer frühen Innovationsphase. Entscheidend sei deshalb, den Austausch über Projektgrenzen hinweg aktiv zu fördern und bestehende Ansätze enger miteinander zu verknüpfen – insgesamt zeigen sich beide dabei zuversichtlich, dass ein zirkuläres Ökosystem in der Baubranche gelingen kann.

Weitere Infos zum Projekt

Die Initiative Swircular wird von einem breiten Bündnis an Forschungsinstitutionen und Industrieunternehmen getragen. Weitere Infos finden Sie auf der Projektwebsite.

(Aufmacherbild: Adobestock/Maryana)

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