biophilic design

Mehr Grün, mehr Fokus

29.05.2026
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Graue Wände oder begrünte Lernräume – beeinflusst das die Lernbedingungen? Ein Vorlesungssaal liefert vielversprechende Ergebnisse und zeigt den Mehrwert interdisziplinärer Zusammenarbeit.

Ein Raum, zwei Erscheinungsbilder: einmal mit weiss-grauen Wänden und dunklen Tischen – das gewohnte Bild eines Vorlesungssaals. Und dann begrünt: mit Hängepflanzen an den Wänden, einem Bild eines Bergpanoramas im Hintergrund sowie naturnahen Elementen wie Tischen mit heller Holzoptik. Die Umgestaltung ist das Resultat des interdisziplinären Living-Lab-Projekts «Beyond Grey Walls» mit dem Ziel, den Einfluss von Naturelementen in Lernumgebungen auf Aufmerksamkeit und Wohlbefinden zu untersuchen.

«Dieses Projekt zeigt gut auf, dass die Interdisziplinarität bei Projekten einen echten Mehrwert bringt», findet Cathérine Hartmann vom Institut für Mensch, Gesellschaft und Technologien (IMGT) der ZHAW, welche das Projekt leitet. Denn erst die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Nutzendengruppen, mehreren Instituten und den betrieblichen Organisationseinheiten der ZHAW habe eine rasche Realisierung und einen echten Praxistest ermöglicht. Sie ist überzeugt: «Alleine wären wir nie zu diesen Ergebnissen gekommen.»

«Alleine wären wir nie zu diesen Ergebnissen gekommen.»

Cathérine Hartmann, Co-Leiterin Fachgruppe Umwelt- und Nachhaltigkeitspsychologie am Institut für Mensch, Gesellschaft und Technologien

Drei Institute, ein Projekt

Das «Wir» sind Mitarbeitende von drei ZHAW-Instituten: Neben dem IMGT waren das Institut für Angewandte Psychologie (IAP) sowie das Institut für Facility Management (IFM) am Projekt beteiligt. Massgeblich war auch das Team des Facility Managements am Standort Toni-Areal involviert. Der Umgestaltung des Raums an diesem Standort ging ein partizipativer Prozess voraus. In einem Workshop entwarfen Studierende 3D-Modelle des Unterrichtraums mit Elementen, die sie sich in einer Lernumgebung wünschen und die vorteilhaft für gutes Lehren und Lernen sind. «Die Ideen reichten von Bepflanzung und Farben über natürliche Elemente bis hin zu erhöhten Sitzreihen», so Hartmann.

Biophilic Design nennt sich der Ansatz dahinter: Gestaltungsstrategien, die natürliche Elemente gezielt einsetzen, um das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit von Menschen zu steigern. An der ZHAW wird genau das erforscht (s. Box). Die Wunschliste der Studierenden wurde anschliessend einem Realitätscheck unterzogen, um Rahmenbedingungen, räumliche und sicherheitsbedingte Standards bei der Umgestaltung einzuhalten. «Dieser Austausch war sehr wertvoll, damit die Elemente praxistauglich waren, der laufende Betrieb gewährleistet blieb und alle am selben Strang ziehen», blickt Hartmann zurück. Grenzen zeigten sich beispielsweise bezüglich Sicherheit: Die Pflanzen dürfen sich etwa nicht im Fluchtweg befinden. Und auch das Budget liess nicht jede Idee zur Umsetzung kommen. «So näherten wir uns schrittweise an die möglichen Massnahmen an.»

Bessere Konzentration und mehr Wohlbefinden

Die Auswirkungen der Interventionen wurden mittels Fragebögen und Tests einmal vor und einmal nach der Umgestaltung des Raums und zusätzlich in einem Kontrollraum erhoben. Studierende, die in den Räumen Unterricht hatten, gaben Rückmeldungen zu ihrem Wohlbefinden und dazu, wie sie die beiden Varianten des Raums wahrgenommen hatten. Neben den Selbsteinschätzungen wurde auch ein Aufmerksamkeitstest eingesetzt, der verschiedene Komponenten erfasste.

«Die Ergebnisse waren sehr positiv», sagt Hartmann. So habe das neue Raumdesign dazu geführt, dass die Studierenden ihre Aufmerksamkeit besser fokussieren und sich nach einer Unterbrechung schneller wieder auf eine Aufgabe konzentrieren konnten. Auch ihr Wohlbefinden stieg und die Raumqualität wurde als höher empfunden.

Zusammenarbeit als Gewinn

Neben den erfreulichen Forschungsresultaten war auch der interdisziplinäre Austausch aller Beteiligten ein voller Erfolg. Durch die enge Zusammenarbeit zwischen den Instituten und dem Facility Management am Standort Toni-Areal übernahmen alle Projektbeteiligten einmal eine andere Perspektive ausserhalb ihres Fachgebiets. So tauschten die Forschenden den Laptop etwa gegen Malerpinsel und halfen bei der Umgestaltung tatkräftig mit. «Es war eine bereichernde Erfahrung, beim Umbau selbst mit anzupacken», sagt Hartmann.

Ebenfalls interdisziplinär, also über verschiedene Forschungsinstitute hinaus, sollen sich die Erkenntnisse dieses Pilotprojekts nun verbreiten. Es fanden Austausche mit Stellen anderer Institute, die für die räumliche Gestaltung zuständig sind, statt – ein wichtiger Schritt, um die Akzeptanz für Biophilia-Interventionen zu stärken. Das Team ist zuversichtlich, dass die neuen Raumkonzepte weiter übernommen werden. «Es kommt allen Beteiligten und Nutzenden zugute, wenn die Lernräume optimal ausgestaltet sind», sagt Hartmann.

Was ist Biophilic Design?

Biophilic Design beschreibt Gestaltungs- und Designstrategien, die natürliche Elemente systematisch nutzen, um menschliches Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit zu verbessern. «Naturbezogene Raumelemente können vieles umfassen: echte und künstliche Natur wie Pflanzen, natürliche Materialien und Oberflächen, Tageslicht oder naturnahe Motive, Bilder und Themen», erklärt Lukas Windlinger Inversini, der am Institut für Facility Management der ZHAW zum Thema Arbeitsplatzgestaltung forscht.

«Natur» als Thema wird in der Innenraumgestaltung als positiv bewertet, wobei echte Natur gegenüber naturimitierenden Elementen noch etwas besser wahrgenommen wird. Erfahrungen aus bisherigen Projekten zeigen zudem, dass die Menschen gerne mit dem Raum interagieren: «Wir haben festgestellt, dass Nutzende neugierig sind und biophile Elemente in ihren Arbeits- oder Lernumgebungen gern auch anfassen. Das hat bei einigen Objekten auch schon Spuren hinterlassen», so Windlinger Inversini.

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