Nicole Gerber und Vicente Carabias im Gespräch

Offenheit und neue Fördergefässe

29.05.2026
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Mit vereintem Wissen mehr zu erreichen, klingt einleuchtend. Aber wie muss die Forschungscommunity dazu umdenken? Zwei ZHAW-Forschende mit grosser Erfahrung in der interdisziplinären Zusammenarbeit erzählen.

Welchen Mehrwert bringt die interdisziplinäre Zusammenarbeit?

Nicole Gerber: Sie erhöht Nutzen und Impact eines Projekts. Wir können schlichtweg mehr bewirken. Angesichts des immer höheren Finanzierungsdrucks sollten wir die Ressourcen natürlich so einsetzen, dass die besten Lösungen entstehen.

Vicente Carabias: Es fängt schon beim Problemverständnis an. Mit der Expertise von mehreren Disziplinen hat man automatisch ein besseres Verständnis der Ausgangslage. Ein Fachbereich alleine kann oft nur an einzelnen Schräubchen drehen.

Gerber: Genau, und mit einzelnen Schräubchen kann man vielleicht ein Problem lösen, aber möglicherweise hat das in einem anderen Bereich negative Auswirkungen. Die interdisziplinäre Sicht hilft, Folgen und Wechselwirkungen frühzeitig zu erkennen, und sorgt für eine bessere Entscheidungsgrundlage. Und wir als Fachhochschule haben eine zentrale Rolle: In der Praxis passiert vieles interessengebunden. Unsere Aufgabe ist es, unabhängig von reinen Profitinteressen auf einer Metaebene eine breitere Sicht auf Entwicklungen und Innovationen einzubringen.

Carabias: Was mir besonders gefällt, sind die Synergien, die sich zwischen den Stakeholdern ergeben. Wenn man zusammenarbeitet, kann einfach mehr entstehen, als wenn die einzelnen Disziplinen für sich arbeiten. Das ist unheimlich inspirierend. Interdisziplinäre Zusammenarbeit bringt Mehrwert, weil sie komplexe Probleme ganzheitlicher analysierbar macht, innovativere Lösungen ermöglicht und Organisationen anpassungsfähiger sowie lernfähiger macht.

Gerber: Es ist auch eine zwischenmenschliche Synergie, die sich über das eigentliche Thema hinaus ergeben kann. Ich arbeite gerne mit Leuten zusammen, die stark intrinsisch motiviert sind. Daraus entstehen nicht selten neue Projekte und Initiativen.

«Es braucht weiterhin eine solide fachliche Tiefe, um mit Fachspezialist:innen auf Augenhöhe zu sprechen.»

Vicente Carabias, Dozent und Forscher am Institut für Nachhaltige Entwicklung

Aber ist es denn so einfach? Welche Herausforderungen gehen mit interdisziplinärer Zusammenarbeit einher?

Carabias: Am Anfang ist es ein Mehraufwand. Der Findungsprozess ist sehr zeitaufwendig und kann anstrengend sein: Man muss sich erklären und versuchen, die anderen zu verstehen. Ingenieur:innen tendieren dazu, sehr pragmatisch einfach mal loszulegen, während Sozialwissenschaftler:innen eher zu lange diskutieren wollen. Schon hier muss ein guter Mittelweg gefunden werden. Und oft gibt es Zielkonflikte. Offenheit und Aufmerksamkeit sind extrem wichtig.

Gerber: Man muss gemeinsam die Forschungsfragen formulieren und die Methodenwahl definieren, das benötigt viel mehr Zeit als bei monodisziplinären Projekten. Es ist meist eine gezielte Kombination aus sich ergänzenden Methoden, wie z. B. Interviews und Simulationen.

Carabias: Es gibt auch oft Missverständnisse, weil Begriffe unterschiedlich verstanden werden. Als ich Umweltnaturwissenschaften studierte, sagte man uns immer: «Ihr seid Generalisten. Ihr erhaltet Einblick in Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Sozialwissenschaften – euer Job ist es, die Fachspezialist:innen zu verstehen und zu übersetzen.» Und genau diese Rolle nehme ich heute in meinen Projekten ein. Ich interessiere mich für vieles, verstehe aber nicht alle Details. Ich bin eher der Koordinierer und Vernetzer.

Gerber: So geht es mir auch. Es arbeiten nicht alle, die in ihrem Bereich top sind, gut in einem interdisziplinären Team zusammen. Darum braucht es unbedingt beide Typen – die mit der fachlichen Tiefe und die, die mit Blick aufs Ganze orchestrieren können.

Carabias: Genau. Es braucht disziplinäre Tiefe im Team, damit man von allen Stakeholdern ernst genommen wird. Glücklicherweise haben wir bei uns am Institut hervorragende Fachspezialist:innen in vielen Disziplinen, die für die Behandlung von Nachhaltigkeitsthemen benötigt werden.

Gibt es jeweils auch Machtkämpfe?

Carabias: Ich würde es eher als Aushandlungsprozess bezeichnen. Jede Person hat ihr Fachwissen und ihre Denkweise. Wenn man sich nicht einig ist, muss man verhandeln.

Gerber: Es kommt sehr auf den Kontext an. In grossen Projekten ist die Dynamik ganz anders als in kleinen Konstellationen. Ich finde es schade, wenn sich die Beteiligten nicht auf neue Gedanken einlassen. Und es ist definitiv nicht allen gleichermassen gegeben, auf Einwände von anderen Disziplinen und Funktionen einzugehen. Deshalb muss allen klar sein, wer welche Entscheidungsbefugnis hat. Das Moderieren und Orchestrieren ist wirklich eine wichtige Kompetenz, die von vielen unterschätzt wird. Es geht nicht um Personenführung, sondern darum, das ganze Konsortium weiterzubringen. Das ist viel Aufwand, der explizit vorgesehen und budgetiert werden muss.

«Unsere Aufgabe ist es, unabhängig von reinen Profitinteressen auf einer Metaebene eine breitere Sicht auf Entwicklungen und Innovationen einzubringen.»

Nicole Gerber, Dozentin und Forscherin am Institut für Facility Management

Lohnt es sich in jedem Fall, Projekte interdisziplinär aufgestellt anzugehen, oder gibt es Situationen, in denen das eher blockiert als hilft?

Gerber: Man muss sich fragen: Kann ein Fachbereich alleine das Problem lösen oder muss man weiterdenken?

Carabias: Wenn die Aufgabe klar ist, zum Beispiel ein Produkt technisch zu optimieren, dann muss das Team nicht interdisziplinär sein. So erspart man sich den grossen Koordinationsaufwand. Wenn das Problem jedoch sehr komplex ist, zum Beispiel Klimawandel, Energiewende oder die Quartierentwicklung, braucht es verschiedene Denkweisen für ganzheitliche und resiliente Lösungen. Auch für die gesellschaftliche Akzeptanz ist es zentral. In meinem Bereich zeigt sich oft, dass die technisch besten Lösungen nicht unbedingt die sind, die am besten akzeptiert werden. Wenn man das durch den Einbezug von Sozialwissenschaftler:innen antizipieren kann, spart man viel Zeit und Geld.

Sie beide arbeiten nicht nur innerhalb es Hochschulkontexts mit anderen Fachbereichen zusammen, sondern auch mit nichtakademischen Stakeholdern. Wie unterscheidet sich das?

Carabias: Im wissenschaftlichen Kontext ist die Theorie viel wichtiger. Praxispartner:innen hingegen interessieren sich meist nicht für die Methoden, für sie zählen v.a. Erfahrungswissen, die Umsetzung und das Ergebnis. Als Fachhochschule ist man ein bisschen in der Zwickmühle: Einerseits hat man den Anspruch, eine akademische Hochschule zu sein, man hat Publikationsdruck, gleichzeitig möchte man anwendungsorientiert sein und der Gesellschaft dienen.

Gerber: Das ist tatsächlich ein rechter Spagat. Ich habe manchmal auch das Gefühl, dass Praxispartner:innen sich nicht für die Theorie interessieren, es aber erwarten, dass wir die Theorie für sie herunterbrechen und einfach darstellen.

Carabias: Ja, genau. Es soll wissenschaftlich und evidenzbasiert sein, aber die Details interessieren weniger. In der transdisziplinären Zusammenarbeit wollen wir einen Wissenschaftsbeitrag leisten und damit gesellschaftliche Wirkung entfalten.

Gerber: Als Hochschule ist man zudem nicht sehr agil, weil wir noch diverse andere Verpflichtungen haben, wie die Lehre mit ihrer Curriculumslogik, und weil viele administrative Prozesse eingehalten werden müssen. Aber das ist in Grosskonzernen oft nicht anders. In der Wirtschaft ist dafür die Fluktuation tendenziell höher, was Projekte erschweren kann. Ausserdem muss man in der Wirtschaft in der Regel öfters Zwischenergebnisse präsentieren. Aber im akademischen Umfeld geht es auch immer mehr in Richtung Zwischenevaluationen, statt auf das Projektende zu warten.

«Es braucht neue Formen der Projektförderung, weg von starren Calls. Man sollte die Themen durch die Eingaben neu sehen und auf dem Weg gemeinsam Lösungen finden.»

Nicole Gerber, Dozentin und Forscherin am Institut für Facility Management

Sind die Aussichten auf Drittmittelfinanzierung besser, wenn man interdisziplinär aufgestellt ist?

Carabias: Bei Förderprogrammen, die auf die grossen gesellschaftlichen Herausforderungen ausgerichtet sind, wie Horizon Europe oder die nationalen Forschungsprogramme des Schweizerischen Nationalfonds, ist es sicher ein Plus. Es kommt aber immer darauf an, wer die Projekteingaben beurteilt. Ich bin selbst Teil solcher Gremien und habe schon oft erlebt, dass Jurymitglieder vor allem ihre eigenen Disziplinen zur Förderung vorschlagen. Das sind meist Koryphäen auf ihrem Gebiet, die aber nicht unbedingt verstehen, was Interdisziplinarität bringt oder wie solche Projekte funktionieren. Allerdings muss man auch sagen, dass die Antragstellenden ihre Projekte nicht immer so gut präsentieren, dass Fachfremde sie einfach verstehen.

Gerber: Das ist genau auch meine Erfahrung und es frustriert mich immer wieder: Das Verständnis, inwiefern interdisziplinäre Settings anders funktionieren, ist noch viel zu wenig vorhanden. Es wird zwar im Call gefordert, dass man interdisziplinär aufgestellt ist, aber es gibt gar keinen Raum, damit sich Neues entwickeln kann. Man muss von Anfang an angeben, mit welcher Methode gearbeitet wird – Methoden, die häufig aus der Grundlagenforschung stammen. Das ist nur bedingt zielführend. Aber wenn man die Förderung will, muss man sich dem beugen. Ich komme immer mehr zur Überzeugung, dass es neue Formen der Projektförderung braucht. Es wäre sinnvoller, Themen durch die Eingaben neu zu beleuchten und dann auf dem Weg gemeinsam Lösungen zu finden. Wir sollten weg von grossen starren Calls, die ewig dauern und eine totale Ressourcenverschwendung sind für alle, die nichts bekommen.

Carabias: Genau das ist es, was wir beim WinLab-Förderprogramm* anstreben. Man kann laufend Anträge einreichen, und diese werden vier Mal pro Jahr ausgewertet. Wenn uns eine Idee gefällt, sie aber noch nicht gut ausgearbeitet ist, geben wir Feedback, was noch verbessert werden könnte. Bei den meisten Förderangeboten gibt es ja nur Zuschlag oder Absage, und wenn man nicht überzeugen konnte, sind viele Monate Arbeit einfach vergebens. Beim WinLab sind wir aber an guten Ideen interessiert und wollen sie gemeinsam erreichen.

Gerber: Sehr zukunftsweisend! Wir müssen auch wegkommen von der Idee, in Projekten finale Produkte für die Ewigkeit entwickeln zu wollen. Die Welt dreht sich immer schneller, das müssen wir akzeptieren. Es sollte mehr in Iterationen gedacht werden: Prototypen entwickeln, sie implementieren und dann geeignete Businessmodelle finden, die sie weiterentwickeln. Dafür eignen sich unsere Fördergefässe nur bedingt. Die Idee des Strukturcalls der Digitalisierungsinitiative des Kantons Zürich ist diesbezüglich sehr gut: Man muss sich überlegen, wie ein Output nach der Anschubfinanzierung nachhaltig weitergeführt und -finanziert werden kann.

Carabias: Im WinLab haben wir auch sehr begrenzte Mittel. Darum lassen wir die Machbarkeit von Ideen zum Teil bei den zuständigen Bereichen der Stadtverwaltung abklären. Zum Beispiel wurde die Idee eingegeben, mit Sensoren Lecks bei Wasserleitungen zu detektieren. Diese haben wir dem städtischen Tiefbauamt präsentiert, und nun wird sie mit dem Budget des Tiefbauamts umgesetzt. Das ist das Ziel – oder natürlich, dass sich aus Ideen Businessmodelle entwickeln, die selbsttragend sind.

«Für Praxispartner:innen zählen Erfahrungswissen und das Ergebnis. Als Fachhochschule ist man in der Zwickmühle zwischen Publikationsdruck und Anwendungsorientierung.»

Vicente Carabias, Dozent und Forscher am Institut für Nachhaltige Entwicklung

Muss die Lehre bereits auf Bachelorstufe interdisziplinärer werden?

Gerber: Es gibt wohl kein Bachelorstudium mehr ohne interdisziplinäre Komponenten. Interdisziplinarität ist zentral. Es gibt auch immer mehr Formate, bei denen Studierende aus verschiedenen Studiengängen gemeinsam Lösungen für konkrete Probleme erarbeiten, zum Beispiel in Summer Schools oder in Innovation Challenges. In Wädenswil sind wir ausserdem derzeit an einem grossen Curriculum Reengineering: Es wird analysiert, welche Themen in mehreren Studiengängen relevant sind und ob man diese gemeinsam unterrichten kann, auch über Institutsgrenzen hinweg. Wir müssen mehr in grossen Themenbereichen denken und weniger in Berufen, denn ehrlich gesagt wissen wir nicht, welche Berufe es in 10 bis 20 Jahren noch geben wird. Das Ziel muss sein, das Studium modularer aufzubauen, sodass die Studierenden mehr selbst bestimmen können, welche Schwerpunkte sie setzen – so entstehen neue Kombinationen an Fähigkeiten.

Carabias: Ich stelle einen klaren Trend in Richtung Interdisziplinarität fest. Das wurde sicher schon durch die Bologna-Reform angeregt, die Interdisziplinarität als Schlüsselkompetenz für komplexe, berufsbezogene Aufgaben definiert hat. Und als Fachhochschule ist es zentral, die Studierenden berufsfähig zu machen, sodass sie im Arbeitsmarkt bestehen. Da spielt Interdisziplinarität eine immer grössere Rolle, nicht nur das Fachwissen, auch die Offenheit für andere Disziplinen. Das Grundlagenstudium bleibt aber weiterhin wichtig. Es braucht eine solide fachliche Tiefe, damit man mit Fachspezialist:innen auf Augenhöhe sprechen kann. Ergänzend bieten interdisziplinäre Projekte, Module, Lab‑Settings oder Living Labs ein Gefäss, in dem Studierende mit anderen Fachbereichen zusammenarbeiten und lernen, Fachwissen zu übertragen, zu übersetzen und zu verhandeln.

Was wünschen Sie sich für die interdisziplinäre Zusammenarbeit an der ZHAW?

Gerber: Mehr Bewusstsein für die Wichtigkeit und somit den Bedarf an Aufbau und Pflege von Ökosystemen. Momentan entsteht vieles bottom-up. Es braucht aber klare Strukturen, um die Synergien nachhaltig besser zu nutzen. Wenn ein Projekt aus einem anderen heraus entsteht, ist es meist kein Problem. Aber wenn etwas Neues aus einer neuen Idee entwickelt werden soll, stecken oft viel unbezahlte Arbeit und Goodwill dahinter. Wenn dann noch wiederholt hindernde administrative Einschränkungen dazukommen, dann schlägt das langfristig auf die Motivation. Es wäre schön, wenn wir Wege finden könnten, dass motivierte Leute mehr Eigeninitiative entfalten können.

Die WinLab Co-Kreationsplattform

Auf dieser Plattform werden Ideen gefördert, die die Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Standortattraktivität von Winterthur stärken. Die ganze Stadt Winterthur steht dafür als Reallabor zur Verfügung. Ideen aus der Bevölkerung, der Wirtschaft und der Wissenschaft können laufend eingereicht werden. Ein Netzwerk aus der städtischen Verwaltung, Wirtschaftsakteur:innen und Bildungsinstitutionen evaluiert die Anträge vier Mal pro Jahr, und die besten Ideen werden von der Stadt Winterthur gefördert.

Das ZHAW Digital Health Lab

Das Digital Health Lab ist ein Kompetenzzentrum, an dem Fachleute aus sechs Departementen der ZHAW beteiligt sind. Expert:innen aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie Biomedizin, Gesundheit, Technologie und Wirtschaft schaffen zusammen Innovationen für die digitale Transformation im Gesundheitswesen. Sie betreiben anwendungsorientierte interdisziplinäre Forschung und Entwicklung und sichern den Transfer der Erkenntnisse und Methoden in Lehre und Praxis.

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