Eine Gruppe Studierender sitzt um einen Tisch mit PC und diskutiert
Kreislaufwirtschaft

Praxisnahes Lernen im Global Classroom

29.05.2026
1/2026

In internationalen interdisziplinären Projekten erwerben Business-Studierende Kompetenzen, zum Beispiel agil zu denken und mit Unsicherheit umzugehen.

In Arztpraxen, Apotheken und Spitälern, wo besonders strenge Anforderungen an Hygiene und Sicherheit gelten, fällt viel Abfall an. Weggeworfen werden etwa abgelaufene Medikamente, Einweg-Spritzen und medizinische Instrumente aus den Operationssälen. Systematisch sortiert und wiederverwertet werden sie bislang kaum – obwohl sich darunter wertvolle Materialen, aber auch Stoffe mit bekannten Umweltrisiken befinden. Woran liegt das? Und: Wie lässt sich die Pharmaindustrie zu mehr Nachhaltigkeit bewegen? Solchen Fragen gehen Masterstudierende des International Management Institute in internationalen interdisziplinären Forschungs- und Entwicklungsprojekten nach. Sie kommen dabei nicht nur in ihrem Fachbereich weiter, sondern eignen sich zusätzlich überfachliche Kompetenzen an, die sie in ihrem späteren Berufsalltag brauchen werden.

International, unternehmerisch und transformativ

«Die Businesswelt ist komplexer geworden», sagt Albena Björck, welche die Kooperationen aufgebaut hat und leitet. Es gebe heute in der Schweiz kaum eine Unternehmenstätigkeit, die nicht eine internationale Komponente habe. Führungskräfte seien gefordert, mehrere Anspruchsgruppen in unterschiedlich regulierten Umfeldern zu verstehen und zu navigieren. Sie arbeiteten vermehrt in hybriden Teams mit Fachleuten aus mehreren Disziplinen und Ländern zusammen.

«Was die studentischen Teams jeweils an Ideen, Konzepten und Maschinen entwickeln, ist beeindruckend.»

Albena Björck, Dozentin und Forscherin am International Management Institute


«Auf diese realen Herausforderungen bereiten wir unsere Studierenden vor», betont die ZHAW-Dozentin. Klassische Lehr- und Lernformate, herkömmliche Austauschprogramme oder interkulturelle Trainings genügten dafür allerdings nicht. Um Schlüsselkompetenzen wie Ambiguitätstoleranz oder agiles Denken zu vermitteln, brauche es andere Ansätze. Studierende müssten mit offenen Aufgaben, volatilen Rahmenbedingungen und wenig strukturierten Unterrichtsformen konfrontiert werden. «Sie sollen etwas Neues lernen und befähigt werden, Veränderungen anzustossen», sagt Albena Björck und verweist auf die strategischen Ziele der ZHAW, die dazu ausbilden, international, unternehmerisch und transformativ tätig zu sein.

Um dem gerecht zu werden, setzt die frühere Managerin seit einigen Jahren verstärkt auf interdisziplinäre und internationale Kooperationen. Ausgangspunkt sind dabei Themen aus der Praxis. Global tätige Firmen wirken als Auftraggeber und Sponsoren mit.

Im Global Classroom sind Kompromisse gefragt

Mit der Pharmabranche sowie den Universitäten Stanford (USA) und Chalmers (Schweden) hat Björck eine enge Form der Zusammenarbeit gefunden und etabliert. Während mehrerer Monate gehen Business-, Economics-, Engineering-, Entrepreneurship- und Design-Studierende gemeinsam aktuelle Herausforderungen an. Im Global Classroom wirken jeweils acht bis zwölf Teilnehmende mit. Sie arbeiten online und vier Mal an einem der Standorte zusammen. Wenn sie sich gegenseitig besuchen, erhalten sie auch einen Einblick in die Geschäftsbereiche der Businesspartner. Sie tauschen sich mit weiteren Expert:innen, Coaches und Alumni aus. Die Kooperationen folgten keinem starren Konzept oder fixen Abläufen, betont Björck. «Das verlangt von allen Beteiligten Offenheit, Flexibilität und den Willen, zu gestalten.» 

Das Studienformat hat sich bislang mit medizinischen und pharmazeutischen Abfällen befasst. Bei der ersten Durchführung untersuchten Masterstudierende aus der Schweiz und den USA, was es braucht, damit abgelaufene und ungenutzte Tabletten vermehrt zurückgeführt werden. Sie evaluierten bestehende Hürden, erstellten Marktanalysen und zeigten mögliche Rücknahmesysteme auf. Sie entwickelten zudem innovative Vertriebs- und Verpackungsmodelle, die weniger Abfall erzeugen, und bauten einen Prototyp.

«Gerade in der heutigen KI-Zeit ist die Businesspraxis auf Fachleute angewiesen, die Brücken bauen können.»

Albena Björck, Dozentin und Forscherin am International Management Institute

Die Pharmaindustrie habe erkannt, dass sie kreislauffähiger werden müsse, sagt Björck. Sie habe grosses Potenzial, Ressourcen zu schonen sowie Abfälle, Emissionen und Kosten zu reduzieren. Kreislaufwirtschaft bedinge jedoch, dass international und interdisziplinär vorangegangen werde. Für die Kollaborationen sei das Thema daher geradezu prädestiniert.

In einem anderen Durchgang arbeiteten studentische Teams an Innovationen für Nachhaltigkeit in den Operationssälen. Medizinische OP-Instrumente werden häufig verbrannt, was mit Zeitdruck, engen Räumlichkeiten und der Priorisierung der Patientensicherheit zu tun hat. In der Kollaboration, an der sich auch die Universität Chalmers beteiligte, entstanden ein datengestütztes, kontaktfreies Sortiersystem sowie service- und technologiegetriebene Geschäftsmodelle. Alle drei Projekte sind finanziell ausschliesslich von Pharmafirmen und interdisziplinären Konsortien wie Be Circular ermöglicht worden.

Für alle Beteiligten ein Gewinn

«Was die studentischen Teams jeweils an Ideen, Konzepten und Maschinen entwickeln, ist beeindruckend», sagt Albena Björck. Sie gelangten zu greifbaren und marktfähigen Ergebnissen, die in der Praxis weiterverfolgt und umgesetzt würden. Mit Kommiliton:innen renommierter Universitäten zusammenzuarbeiten, spornt die Teilnehmenden an. «Sie wollen zeigen, was sie können – und erreichen ein hohes Niveau.» Die Masterstudierenden eignen sich fachliches Wissen aus den anderen Berufsfeldern an. Jene der ZHAW lernen etwa, wie man Maschinen entwirft und baut. Die Design- und Engineering-Studierenden erfahren wiederum, wie Projektmanagement und der Verkauf von Produkten gelingen. «Alle sind gefordert, mit Risiken umzugehen und selbst zu gestalten», sagt Björck. Sie legten an Selbstbewusstsein und Führungsqualitäten zu. «Das macht sie für den Arbeitsmarkt attraktiv.»  

Die Businesspartner profitieren nicht nur von Analysen und konkreten Entwicklungen. Sie erhalten zusätzlich eine Aussensicht auf Themen, die sie beschäftigen. «Sie interessieren sich explizit für die Meinung der jungen Generation», sagt Björck. Sie selbst erlebt den Austausch ebenfalls als bereichernd. «Er hat auch mich in meiner Lehr- und Forschungstätigkeit weitergebracht.»

Hohes Engagement erforderlich

Damit die Zusammenarbeit gelingt, müssen aber alle bereit sind, «die Extrameile zu gehen». Sie sind gefordert, mit unterschiedlichen Zeitzonen, Curricula, Ferien und Prüfungsphasen umzugehen. Sie werden mit anderen Mentalitäten und Mindsets konfrontiert. Das macht Koordination und Kommunikation herausfordernd: «Einige erwarten schnell eine Antwort, andere lassen sich mehr Zeit.» Arbeitsweisen, Motivationen und Erwartungen unterscheiden sich. «In unseren Breitengraden neigt man dazu, alles viel zu schnell und zu stark zu strukturieren», sagt Albena Björck. Um komplexe Probleme zu lösen, lohne es sich jedoch, Innovationsprozesse lange offen zu halten. Gerade in Phasen der Unsicherheit könnten einzelne Persönlichkeiten – «wie im realen Geschäftsleben» – aneinandergeraten.

Um die Motivation hochzuhalten, planen die Projektleitenden regelmässig Höhepunkte ein. Dazu zählen auch Ausflüge und Aktivitäten, die dem persönlichen Austausch dienen. «Aus dem Programm sind schon einige Freundschaften entstanden», erzählt Albena Björck. Die Herausforderungen unserer Zeit könne man nur interdisziplinär anpacken, betont sie abschliessend. Das gelte auch, wenn Medikamente oder OP-Instrumente nachhaltiger entsorgt werden sollten. Das neue Studienformat vermittle die dafür nötigen Kompetenzen: «Gerade in der heutigen KI-Zeit ist die Businesspraxis auf Fachleute angewiesen, die Brücken bauen können.»

0 Kommentare

Sei der Erste der kommentiert!

Kommentar ist erforderlich!
Name ist erforderlich!
Gültige E-Mail ist erforderlich!
This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.