
Selbstoptimierung übers Handgelenk
Wie präzise sind Gesundheitstracker wirklich? Und warum vertrauen wir ihnen oft mehr als unserem Körpergefühl? Samuel Wehrli vom ZHAW-Institut für Computational Life Sciences ordnet ein.
Laut einer aktuellen Befragung nutzen bereits 80 Prozent der 25- bis 34-Jährigen in Deutschland eine Smartwatch oder denken über deren Anschaffung nach – in der Schweiz dürften die Zahlen ähnlich aussehen. Wann haben wir angefangen, unsere Gesundheit mittels solcher Geräte zu überwachen?
Samuel Wehrli: Begonnen hat alles mit den Schrittzählern, die sich etwa vor zwanzig Jahren verbreiteten. Lustig ist, dass sich die 10 000 Schritte pro Tag als Richtwert total etabliert haben, obwohl diese Zahl auf keinerlei wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert.
Tatsächlich habe ich gelesen, dass gemäss einer grossen Metaanalyse der Gesundheit zuliebe eigentlich 7000-8000 Schritte am Tag vollends reichen würden. Unterdessen messen viele von uns aber nicht mehr nur die Schritte, sondern auch den Puls, die Schlafphasen und teilweise sogar den Blutzucker. Seine Fitness zu tracken scheint zu einer Art Volkssport geworden zu sein.
Zuerst haben nur Sportbegeisterte und Profisportler Produkte wie die Garmin Watch benutzt. Mit Consumer-Produkten wie dem iPhone und der Apple Watch hat das Tracking dann die breite Masse erreicht. Vor allem das iPhone hat den Trend angekurbelt, weil plötzlich jede:r mit seinem Smartphone automatisch auch einen Gesundheits-Tracker in der Hosentasche hatte.
Wie verlässlich sind die Zahlen, die diese Geräte tagein, tagaus messen?
Das ist sehr abhängig vom Gerät selbst und auch davon, welche Messwerte wir anschauen. Generell kann man sagen, dass aufs Tracking spezialisierte Geräte bessere Resultate liefern als etwa eine Apple-Watch, die eigentlich als Erweiterung des iPhone konzipiert wurde und einfach nebenbei noch die Gesundheitswerte misst.
Spezialisierte Geräte wären zum Beispiel das Whoop-Armband, eine Garmin- oder Fitbit-Uhr?
Genau. Geräte, die auf einen Bereich fokussieren und nicht hundert Dinge gleichzeitig machen. Vor einem Kauf würde ich empfehlen, unabhängige Vergleichsstudien zu lesen, damit man das Produkt findet, das exakt auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten ist.
«Es ist kaum möglich, ein Produkt zu lancieren, das für alle Geschlechter, Lebensabschnitte und Hautfarben funktioniert.»
Samuel Wehrli, Forscher am Institut für Computational Life Sciences
Welche Werte messen Wearables präzise und welche nicht? Fangen wir bei den Schlafphasen an.
Der Goldstandard für eine Schlafanalyse ist die Messung von Hirnströmen. Die Uhr am Handgelenk ist schon rein räumlich gesehen ziemlich weit weg vom Kopf. Zwar gibt es gewisse Zusammenhänge zwischen dem Pulsschlag, der sich am Handgelenk sehr gut messen lässt, und den einzelnen Schlafphasen – dennoch bekommt man in der Regel drei unterschiedliche Resultate, wenn man den Schlaf mit drei Trackern misst, da jedes Gerät die Pulswerte etwas anders interpretiert. Und was man nicht ausser acht lassen darf: Wenn eine Firma eine solche Uhr entwickelt und sie an jungen weissen Menschen testet, funktioniert die Schlafmessung vielleicht tatsächlich relativ gut. Kommt das Produkt in den Verkauf, soll es aber bei einer extrem vielfältigen Zielgruppe Ergebnisse liefern – und da wird es schwierig. Alleine die Hautfarbe kann schon eine Herausforderung sein für die Messung am Handgelenk.
Gehen wir davon aus, dass der Puls zuverlässig gemessen wird: Der weibliche Zyklus zum Beispiel hat auch einen Einfluss auf den Puls und kann solche Tools überfordern, weil sie einen phasenweise erhöhten Puls automatisch als problematisch interpretieren.
Ja, das ist ein super Beispiel. Das zeigt, dass es kaum möglich ist, ein Produkt zu lancieren, das für alle Geschlechter, Lebensabschnitte und Hautfarben funktioniert. Hinter diesen Tools stecken ja Machine Learning Modelle und diese müssen bestimmte Muster erkennen können und anhand dieser eine Einordnung vornehmen. Aber wenn gar nicht alle Menschen repräsentiert sind in den Daten, die den Modellen gefüttert wurden, dann sind die Ergebnisse nicht korrekt.
Wie sieht es beim Thema Herzratenvariabilität (HRV) aus? Der Wert scheint plötzlich der ultimative Stressindikator zu sein.
Viele denken: «Wenn die HRV hoch ist, ist alles super, sinkt die Zahl hingegen ab, bin ich zu gestresst.» Das ist nicht per se falsch, aber zu einfach gedacht. Die HRV sinkt auch, wenn man gerade zu Mittag gegessen hat, denn für den Körper bedeutet es einen gewissen Effort, genug Energie und Blut zur Verfügung zu stellen für die Verdauung. Deshalb muss man vorsichtig sein, dass man nicht zu viel in solche kurzzeitigen Schwankungen hineininterpretiert.
Laut der eingangs erwähnten Befragung hat sich ein Drittel der Leute die Smartwatch angeschafft, um die eigene Gesundheit zu optimieren. Wenn man sich aber jedes Mal Sorgen macht, sobald die HRV absinkt, ist das kaum gesundheitsfördernd.
Wer solche Produkte erfolgreich vermarkten möchte, profitiert natürlich davon, wenn die Leute eine diffuse Angst verspüren. Deshalb wird alles sehr plakativ und vereinfacht dargestellt. Beim Schlaf etwa fokussieren die meisten Nutzer:innen auch nur auf den Tiefschlaf. Laut dem Schlafforscher Matthew Walker ist aber der REM-Schlaf genauso wichtig für unsere Gesundheit und übrigens auch für unsere Emotionsregulierung.
Macht angesichts dessen die Nutzung von Trackern überhaupt Sinn, oder sollte man sich stattdessen lieber aufs Körpergefühl zurückbesinnen?
Gegenfrage: Können wir das überhaupt? Wir leben in einer sehr verkopften Kultur und ich glaube, es ist gar nicht selbstverständlich, dass man sich und seinen Körper richtig spürt. Deshalb denke ich, dass diese Tracker uns sogar dabei unterstützen können, uns selbst wieder spüren zu lernen und achtsamer mit unserem Körper umzugehen.
Motivieren sie uns auch, nachhaltig gesünder zu leben? Schliesslich sieht man Schwarz auf Weiss, dass der Schlaf nach zwei Gläsern Alkohol schlechter ist oder man sich kaum bewegt hat am Wochenende.
Dass die öffentliche Gesundheit automatisch besser wird, nur weil jede:r Zweite eine Smartwatch trägt, wage ich zu bezweifeln. Die Motivation für eine Verhaltensänderung muss von innen kommen. Aber wenn diese Motivation vorhanden ist, kann der Tracker helfen. Generell tut man gut daran, sich ehrlich zu fragen was die Benutzung dieses Geräts mit einem macht: Löst es Stress aus oder hilft es mir, ein Problem zu lösen? Je nach Antwort macht es Sinn, es weiter zu tragen.
Experte für Gesundheitsdaten
Samuel Wehrli arbeitet am Institut für Computational Life Sciences am Departement Life Sciences und Facility Management im Bereich Gesundheit, Gesundheitsdaten und Datenanwendungs-Sensorik. Aktuell leitet er unter anderem das Projekt «FocusWatch», in dem eine Smartwatch-basierte Lern- und Alltagshilfe für Kinder mit ADHS entwickelt wird. Die Uhr soll die Kinder bei der Selbstregulation, Organisation und Aufmerksamkeit im Alltag unterstützen. Wer Interesse an einer zukünftigen Studienteilnahme hat, findet hier weitere Informationen.
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