
«Weshalb prüfen wir KI-Antworten nicht genauer?»
Viele Menschen vertrauen Chatbots heute ihre intimsten Gefühle an. Psychologin Marisa Tschopp, Leiterin Themenbereich «Mensch und künstliche Intelligenz», über Chancen und Risiken von KI im Bereich mentale Gesundheit.
Immer mehr Menschen nutzen KI heute nicht mehr nur zur Recherche, sondern vertrauen ChatGPT oder Gemini auch ihre Sorgen und intimsten Gefühle an. Manchmal aus der Not heraus, weil sie keinen Therapieplatz finden. Wie beurteilen Sie diesen Austausch mit der KI?
Marisa Tschopp: Ich denke, es gibt durchaus positive Aspekte bei dieser Art der Interaktion. Man kann zum Beispiel seinen Frust loswerden. Und wie Sie sagen, mangelt es an Therapieplätzen: Es gibt weltweit viel mehr Menschen, die Hilfe benötigen, als es Menschen gibt, die Hilfe geben können. Deshalb springen die Tech-Firmen in diese Lücke. Das Problem ist, dass die Entwicklung so rasend schnell passiert, dass die Gesetze und die Forschung nicht hinterherkommen. Sprich, diese Dinge passieren und wir können gar nicht genau sagen, ob das nun gut oder schlecht ist, weil wir es schlicht noch nicht wissen.
Manche suchen das Gespräch mit einer KI, weil sie sich einsam fühlen. Kann ein Chatbot in solchen Fällen helfen, oder verschlimmert er die Einsamkeit sogar?
Beides trifft zu. Im Moment wirkt der Austausch mit KI wie ein digitaler Schnuller: Man kann sich kurzzeitig beruhigen, seine Sorgen loswerden, ausatmen. Es gibt wissenschaftliche Evidenz, die darauf hinweist, dass das Gespräch mit der KI depressive Gedanken, Angstzustände und sogar suizidale Gedanken mildern kann. Belastbare Ergebnisse fehlen jedoch. Die Vermutung liegt nahe, dass die Leute mit der Zeit immer weiter auf dieser Einsamkeitsspirale hinunterrutschen. Diese Systeme sind ja darauf ausgerichtet, dass die Leute dranbleiben und immer weiter interagieren mit der KI. Es würde gegen ihre Geschäftsidee sprechen, wenn sie der einsamen Person sagen würden: «So, jetzt geh raus Freund:innen suchen!»
Sie haben die mögliche positive Wirkung bei suizidalen Gedanken angesprochen. Auf der anderen Seite haben die Medien über Fälle berichtet, bei denen die KI Menschen zum Suizid ermutigt haben soll.
Mittlerweile gibt es sogar eine Wikipedia-Seite zum Thema, weil das schon mehrfach vorgekommen ist. Es ist höchst tragisch und fragwürdig, dass überhaupt Modelle auf den Markt gelassen werden, die zu so etwas fähig sind.
Hätten die Tech-Firmen solche Vorkommnisse antizipieren müssen?
Ursprünglich waren Large Language Models (LLM) wie ChatGPT oder Gemini dafür gebaut worden, Menschen beim Schreiben von E-Mails oder Erstellen von Präsentationen zu unterstützen. Dass die Menschheit sie auch auf sozio-emotionaler Ebene nutzt, hat selbst die Herstellerfirmen überrascht. Deshalb könnte man argumentieren, dass eine Firma nicht jeden Use Case voraussehen kann. Aber es müsste generell viel schärfere Regelungen geben, bevor solche Anwendungen auf den Markt kommen. Die LLM-Chatbots sind bekannt dafür, zu halluzinieren und Dinge zu schreiben, die totaler Quatsch sind. Das kann dazu führen, dass eine suizidale Person sich in ihrem Vorhaben bestätigt fühlt. In solchen Fällen müssen die Firmen zur Verantwortung gezogen werden.
Wenn Sie von depressiven oder suizidalen Gedanken betroffen sind oder sich um eine andere Person Sorgen machen, holen Sie sich bitte professionelle Unterstützung.
Die Dargebotene Hand: Telefon 143 (rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und völlig anonym) oder im Internet unter 143.ch (Beratung per Chat oder E-Mail).
Unterhalten sich eigentlich Leute über alle Generationen hinweg mit der KI?
Die Datenlage ist nicht klar. Ich würde spekulieren, dass aktuell vor allem Jugendliche und jüngere Erwachsene mit Mitte Dreissig den Hauptanteil ausmachen. Gerade im Seniorenbereich hätte die KI Potenzial, da dort die sozialen Kontakte meist deutlich abnehmen.
Sie sind also nicht per se gegen den Einsatz von KI zur Unterstützung der mentalen Gesundheit?
Überhaupt nicht! Ich bin bloss gegen den Einsatz von Large-Language-Modellen. Regelbasierte Chatbots sind ein ganz anderes Thema. Diese arbeiten nach starren Wenn-Dann-Regeln und geben nur Antworten, die zuvor von einem Menschen verfasst und eingespiesen worden sind. In der Kognitiven Verhaltenstherapie kann man solche Modelle gut anwenden.
«Im Moment wirkt der Austausch mit KI wie ein digitaler Schnuller: Man kann sich kurzzeitig beruhigen, seine Sorgen loswerden, ausatmen.»
Marisa Tschopp, Leiterin des Bereichs «Mensch und KI» am Institut für Mensch, Gesellschaft und Technologien
Im Alltag landen die meisten Leute dennoch bei LLM-Chatbots. Auch beim Googlen erhält man sofort eine KI-Zusammenfassung und die Versuchung ist gross, darauf zu klicken.
Klar, man guckt automatisch zuerst auf die KI-Zusammenfassung ganz oben und dadurch weniger auf die einzelnen Suchresultate, die einem genauer angeben, welche Quelle einer Aussage zugrunde liegt. Dabei wissen wir heute, dass nicht alle KI-Antworten korrekt sind. Wir werden denkfaul durch die künstliche Intelligenz und geben uns mit weniger zufrieden. Die Frage, die mich hier interessiert ist: Weshalb? Weshalb prüfen wir diese KI-Antworten nicht genauer, weshalb nehmen wir das einfach hin?
Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?
Vielleicht ist es wirklich Faulheit. Oder wir kommen in einen Overtrust-Bereich, in dem wir der KI-Antwort mehr vertrauen, als wir sollten. Sei das aus Stress oder weil sie zehnmal korrekt war und es dann beim elften Mal hoffentlich auch gut gehen wird.
Ich habe vor unserem Gespräch ausprobiert, wie es sich anfühlt, mit ChatGPT und Gemini private Probleme zu diskutieren. Parallel dazu habe ich mit einem Freund über dasselbe Thema gechattet. Mir ist aufgefallen, dass mir die KI meistens zustimmte und mich in meinen Ansichten bestärkte, während mein Freund auch einmal eine kritischere Frage oder andere Perspektive einbrachte.
Grundsätzlich sind diese Modelle darauf gepolt, positiv-wohlwollend zu antworten. Man kann sie aber durchaus etwas kritischer werden lassen, indem man einen entsprechenden Prompt eingibt, etwa: «Ich möchte, dass du ultrakritisch bist.»
Was ich bei dem Selbstversuch besonders interessant fand, war meine eigene Reaktion auf das Gespräch: Ich habe schon nach kurzer Zeit fast vergessen, dass ich mit einer Maschine chatte.
Die Kommunikation mit der Maschine löst Prozesse im Hirn aus, die leicht dazu führen, dass wir die KI vermenschlichen. Die meisten finden einen Umgang damit. Es gibt aber auch einen Mechanismus namens Suspension of Belief, da verdrängen die Leute den Gedanken, dass das Gegenüber eine Maschine ist. Sie wollen sie als Freundin sehen, also ist es ihre Freundin – Punkt. Manche heiraten die KI sogar. Bei dem Thema werde ich total emotional …
Weshalb?
Ich erlebe momentan an Konferenzen mit, dass über solche Mensch-KI-Beziehungen gesprochen wird und man dabei über diese Leute lacht. Das geht gar nicht! Abfällig über Personen zu reden, die sich in eine KI verlieben oder sich während einer Panikattacke verzweifelt an ChatGPT wenden, halte ich für äusserst destruktiv. Gerade die Medien müssten mit solchen Geschichten vorsichtiger umgehen, weil das nur dazu führt, dass die betroffenen Leute sich noch mehr verstecken und noch tiefer in diese Computerwelt abtauchen.
A propos immer tiefer abtauchen: Anders als ChatGPT hat mir Gemini bei meinem Versuch irgendwann vorgeschlagen, das Ganze erst einmal setzen zu lassen und mich am nächsten Tag wieder zu melden.
Spannend, das hätte ich nicht erwartet. Das kann man den Leuten hinter dem System positiv anrechnen. Die Frage ist einfach: Waren die Antworten davor gut und dein Problem für den Moment gelöst? Denn wenn du dich gerade in einer wahnsinnigen Krisensituation befindest, willst du natürlich nicht, dass die KI das Gespräch vertagt.
Das geschah in einem Moment, in dem das Gespräch problemlos pausieren konnte. Und die vorherigen Einordnungen und Tipps waren für mich als KI-kritischen Geist überraschend hilfreich gewesen.
Das überrascht mich hingegen nicht. Ich bin sehr, sehr kritisch, muss die KI aber natürlich trotzdem immer wieder ausprobieren. Vor Kurzem habe ich ein Erziehungsthema besprochen und es danach zusätzlich in die KI eingegeben. Sie schlug mir sehr ähnliche Lösungen vor wie diejenigen, die wir bereits erarbeitet hatten – plus ein paar zusätzliche, die echt gut waren. Gerade im Bereich Erziehungs- und Beziehungskonflikte kann die KI auf eine unglaubliche Masse an Informationen zurückgreifen, deshalb kommen da oft hilfreiche Ratschläge. Essenziell ist allerdings, dass man diese für seine persönliche Situation einordnen und beurteilen kann.
Expertin für die Interaktion zwischen Mensch und KI
Die promovierte Psychologin Marisa Tschopp arbeitet seit zehn Jahren an der Schnittstelle Mensch-KI und untersucht, wie Menschen KI wahrnehmen und wie die Interaktion mit künstlicher Intelligenz das menschliche Verhalten beeinflusst. Seit dem Frühling 2026 ist sie am Departement Angewandte Psychologie für den Themenbereich «Mensch und künstliche Intelligenz» zuständig.
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