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Aktive Filter: Kategorie: Interview Autor: Bettina Bendiner Ausgabe: 1/2026 Alle Filter entfernen
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«Wir sagen oft Ja und meinen eigentlich Nein»

Natalie Spalding: Weil das, was uns guttun würde, oft nicht sofort angenehm ist oder belohnend wirkt. Wir Menschen bevorzugen kurzfristige Belohnungen. Langfristige Konsequenzen oder Benefits wirken oft noch zu weit weg. Wenn du bereits erschöpft bist, fehlt dir die Energie, etwas zu verändern. Und gerade unter Stress greifen wir dann automatisch auf alte und damit vielleicht auch ungesunde Muster zurück. Rational weisst du zwar, was gesund wäre. Emotional entscheidest du anders. Teilweise schon. Wenn man sich umhört, sagen viele Menschen ständig, sie hätten Stress, zu wenig Zeit oder seien müde. Selten sagt jemand: «Ich bin fit, ausgeschlafen und habe genug Zeit.» Erschöpfung ist in gewisser Weise fast zu einem Statussymbol geworden. Wer immer beschäftigt ist, wirkt wichtig und leistungsfähig. Überstunden oder Dauerstress werden teilweise sogar positiv bewertet. Dabei wäre die spannendere Frage oft: Warum schaffen wir es eigentlich nicht mehr, zur Ruhe zu kommen? Stressphasen gehören zum Leben. Problematisch wird es, wenn Überlastung dauerhaft wird und erste körperliche oder emotionale Warnsignale auftreten. Schlafprobleme, dauerhafte Anspannung, Gereiztheit, Konzentrationsprobleme oder das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können. Zur Kompensation greifen wir dann zum Beispiel auf Alkohol und Schlaftabletten zurück, konsumieren fast ständig Medien oder arbeiten noch mehr, um die inneren Warnsignale zu übertönen. Oft verlieren wir dabei auch den Zugang zum eigenen Körper. Kopfschmerzen, Verspannungen oder Erschöpfung werden schnell einfach «wegbehandelt». Dabei müsste man sich fragen: Was steckt eigentlich dahinter? Ein wichtiges Signal ist auch, wenn man bereits bei kleinen Dingen unverhältnismässig gestresst reagiert. Etwa beim Warten an der Supermarktkasse: Werde ich schnell ungeduldig? Reagiere ich schnell gereizt auf kleine Reize? Fühlt es sich an, als sei alles zu viel? Dann lohnt es sich unbedingt, genauer hinzuschauen. «Die permanente Reiz- und Informationsflut lässt kaum noch echte Ruhephasen zu.» Natalie Spalding, Dozentin und Kursleiterin des WBK «Resilienz und Burnout-Prophylaxe» Funktionieren bedeutet oft: im Autopilot weitermachen, reagieren, durchhalten. In vier Wochen habe ich Ferien, bis dahin muss ich durchhalten. Dann wird alles wieder besser. Dabei bewegen wir uns in einer Wiederholungsschlaufe von Ferien zu Ferien, von Wochenende zu Wochenende. Wir versuchen, effizient Aufgaben abzuarbeiten, um die gewonnene Zeit dann in das Smartphone zu investieren. Resilienz bedeutet etwas anderes. Resilienz heisst, das eigene Leben aktiv zu gestalten und bewusst Entscheidungen zu treffen – und das dauerhaft. Es geht darum, eigene Grenzen wahrzunehmen, bewusst Ja oder Nein zu sagen oder sich mit den eigenen Mustern auseinanderzusetzen. Auch Themen wie Selbstwirksamkeit, Akzeptanz oder Lösungsorientierung spielen eine Rolle. Ein bisschen Yoga oder Spazieren kann hilfreich sein. Aber es reicht nicht immer. Wenn jemand bereits stark erschöpft ist, wirken solche Tipps schnell bagatellisierend. Resilienz ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie muss immer wieder aktiv aufgebaut und gepflegt werden. Es wäre zu einfach, die Verantwortung nur beim Individuum zu suchen. Natürlich kann jede Person etwas für die eigene Gesundheit tun. Gleichzeitig sind aber auch Unternehmen und Führungskräfte in der Verantwortung. Prävention funktioniert nicht einfach über einen einzelnen Kurs oder ein Gesundheitsangebot. Entscheidend ist, ob eine Kultur entsteht, in der über Belastung gesprochen werden darf. Es braucht den ehrlichen Austausch: Wie geht es uns als Team? Wo stehen wir gerade? Was belastet uns und wie geht es uns dabei? Und welche Ressourcen haben wir? Was könnte uns helfen in der aktuellen Situation? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Führungskräfte haben dabei eine wichtige Vorbildfunktion. Wegschauen ist oft einfacher. Langfristig aber deutlich teurer. Weil Veränderung nicht linear funktioniert. Viele nehmen sich zu viel auf einmal vor: mehr Sport, mehr Pausen, weniger Handy, besser schlafen, gesünder essen und scheitern dann an den eigenen Ansprüchen. Durch zu ambitionierte Ziele erhöht sich der Eigendruck und die ganzen Vorhaben können kontraproduktiv wirken. Hilfreicher sind kleine, realistische Schritte. Vielleicht beginnt man damit, zweimal täglich zehn Minuten wirklich Pause zu machen. Oder E-Mails nicht mehr permanent zu kontrollieren. Menschen funktionieren unterschiedlich. Manche brauchen Rückzug, andere Austausch. Manche erholen sich durch Bewegung, andere durch Ruhe. Achtsamkeit muss dabei nichts Esoterisches sein. Im Kern geht es darum, überhaupt wahrzunehmen: Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Und was raubt mir Energie? Ja, ich glaube schon, dass sich Belastungen verändert haben. Einer der grössten Faktoren ist die permanente Reiz- und Informationsflut. Viele Menschen sind praktisch ständig online, ständig erreichbar und permanent mit anderen Lebensrealitäten konfrontiert. Dadurch gibt es kaum noch echte Ruhephasen. Psychische Themen sind heute sichtbarer. Menschen sprechen offener über psychische Belastungen oder psychisches Leid. Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr, dass Diagnosen oder Labels inflationär verwendet werden. Manche identifizieren sich sehr stark mit Diagnosen, die sie online oder auf sozialen Medien entdeckt haben. Diese Selbstdiagnostik kann problematisch sein. Sie nehmen sich eher Zeit, um auf sich selbst zu hören. Sie kennen ihre Bedürfnisse, Werte und Grenzen besser. Resiliente Menschen gehen bewusster mit ihrer Energie um. Sie überlegen sich bewusster, wie sie ihren Alltag gestalten und wo ihre Grenzen liegen. Ausserdem akzeptieren sie eher, dass Rückschritte normal sind. Veränderung ist kein perfekter Prozess. Entscheidend ist, geduldig dranzubleiben, dem Prozess zu vertrauen und immer weiterzugehen. Ich glaube, wir haben ein zunehmendes Problem mit Abgrenzung. Viele Menschen lesen auch abends oder am Wochenende noch E-Mails, sind ständig erreichbar oder lassen permanent neue Reize zu. Gleichzeitig wird sehr viel kommuniziert, aber oft wenig klar und wenig differenziert. Wir haben verlernt, wirklich Pause zu machen, einfach mal gar nichts tun. Dabei wären genau solche Momente wichtig. Kreativität und Erkenntnis entstehen oft in der Ruhe. Ich würde mir wünschen, dass wir neugieriger und offener mit diesen Themen umgehen. Nicht mit dem Anspruch, sofort alles perfekt zu machen, sondern explorativ. Oder anders gesagt: Veränderung beginnt selten mit der perfekten Lösung – sondern oft mit fünf Minuten, in denen man etwas anders macht als sonst. (Aufmacherbild: Adobestock/ stokkete ) Bettina Bendiner

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