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Aktive Filter: Kategorie: Dossier Autor: Interview Patricia Faller Ausgabe: 1/2019 Alle Filter entfernen
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Strukturelle Förderung wie bei Wissenschaft und Kunst

Wie war es möglich, dass der «Spiegel»-Journalist Claas Relotius Beiträge ganz oder teilweise erfinden konnte? Vinzenz Wyss: Auch wenn in jeder und jedem von uns ein «kleiner Relotius» steckt – da wir alle ein bisschen an der Grenze zwischen Realem und Fiktionalem spielen –, halte ich den Fall Relotius eher für einen Einzelfall. Einzelfall? Es kommt vielleicht alle zehn Jahre mal vor, dass einem Star-Journalisten so viel Vertrauen geschenkt wird, dass er in diesem Ausmass fälschen kann und das auch tut. Es waren ja wohl letztlich etwa zwölf von 60 Reportagen, bei denen nicht so gründlich geprüft wurde, wie das sonst beim «Spiegel» üblich sein soll. Man sagt dem Nachrichtenmagazin nach, es kontrolliere jeweils, ob der Eiffel-Turm noch steht, wenn dieser in einer Geschichte vorkommt. Hier hat sich eine Organisation – vor allem der «Spiegel» – von perfekt fabrizierten Geschichten blenden lassen. Es braucht aber auch eine entsprechende Persönlichkeitsstruktur des Journalisten, der, angetrieben durch den Irrsinn, dass es keiner merkt, fast süchtig weitermacht. Die Kritiker, die über die «Lügenpresse» schimpfen, sehen sich bestätigt. Das ist natürlich Wasser auf deren Mühlen. Diese Pauschal-Kritiker, die von «Lügenpresse» sprechen, sind jedoch wenigstens hierzulande eine kleine Minderheit. Gemäss Umfragen ist nämlich das Vertrauen in die Medien seit vielen Jahren recht stabil, auch wenn mit 60 Prozent eine gesunde Skepsis immer dabei ist. Wie müssen wir angehende Journalistinnen und Journalisten ausbilden, damit so etwas nicht so schnell wieder passiert? Vor allem vor dem Hintergrund, dass nicht nur Texte, sondern auch Fotos oder Videos gefälscht werden können. Es wäre blauäugig, zu sagen, wir könnten das verhindern, wenn wir in der Ausbildung noch stärker darauf aufmerksam machen, dass man Fakten checken muss und dass Fälschungen überall möglich sind. Das Risiko bleibt bestehen, dass einzelne Personen aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur ganz bewusst fälschen, und letztlich setzt man auch in Redaktionen Vertrauen als Steuerungsmittel ein, ohne das kaum gearbeitet werden kann «Bei einer Geschichte, die fast schon zu schön ist, um wahr zu sein, sollte man besonders vorsichtig und skeptisch sein.» Ist diese Fälschungsgeschichte das Ende des viel gepriesenen Storytellings? Viele sagen: «Jetzt habt ihr den Mist. Dieses Storytelling war schon immer eine Gefahr für den Journalismus, der doch einfach seiner Chronistenpflicht nachkommen und Fakten abbilden soll.» Der Journalismus soll gefälligst seine Hände von diesem literarischen Zugriff lassen, sagen die Kritiker. Dem kann ich nur entgegenhalten: Als ob es möglich wäre, Wahrheiten abzubilden. Journalisten konstruieren immer eine Medienrealität, zum Beispiel wenn sie bestimmen müssen, wie welche Ereignisse und Protagonisten inszeniert werden. Bei einer Geschichte aber, die dadurch verblüfft, dass sie allen Ansprüchen des Storytellings genügt und fast schon zu schön ist, um wahr zu sein, da sollten Redaktionen besonders vorsichtig und skeptisch sein und besser einmal mehr nachprüfen lassen. Jede journalistische Geschichte kann nur so gut sein, wie die Fakten stimmen. Also kein Ende des Storytelling? Das würde bedeuten, das Kind mit dem Bade auszuschütten: Storytelling bleibt ein sehr geeignetes Mittel, um Leserinnen und Leser in ihrer Lebenswelt abzuholen. Erst die Erzählung lässt verstehen. In der Ausbildung machen wir aber auch auf die Schattenseiten des deutungsmächtigen Storytellings aufmerksam. Und der Fall Relotius zeigt: Man muss zuerst einmal die Hausaufgaben des Journalismus gemacht haben, bevor erwartbar «wahre» Geschichten gut erzählt werden können. Storytelling ist eine Königsdisziplin. Wenn man zu dem Schluss kommt, eine Geschichte könne so nicht erzählt werden, weil sich bestimmte Fakten dagegen sperrig verhalten, dann stirbt sie eben oder muss umgeschrieben werden. Es ist eine Todsünde, wenn man relevante Fakten weglässt oder eben eine Geschichte mit Erfundenem anreichert, nur damit diese besser «flutscht», wie das wohl bei den Geschichten von Relotius der Fall war. Sind fehlende Ressourcen Schuld an mangelnder Sorgfalt? Diese Erklärung konnte man im Fall Relotius hören: Es gebe einen steigenden Druck auf die Journalisten, gute, stimmige, beim Publikum eben gut «flutschende» Geschichten anzubieten. Zugleich fehle aber die Zeit, intensiv zu recherchieren. Ich denke, dass dies im Fall Relotius nicht das Hauptproblem war. Aber es besteht unter zunehmend prekären Bedingungen der Medienbranche natürlich generell die Gefahr, dass immer weniger Ressourcen wie Zeit oder Wissen vorhanden sind und dies dazu führt, dass dann einzelne Journalisten ihre Geschichten vielleicht nicht zu Ende recherchieren oder etwas zurechtbiegen und dies in der Redaktion kaum geprüft wird. Wie kann man das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen? Journalismus sollte sich heute viel stärker gegenüber seinem Publikum erklären. Ich nenne das Metakommunikation. Der «Spiegel» hat das jetzt vorbildlich gemacht, indem er den Fall Relotius untersucht und darüber kommuniziert hat. Aber auch in jedem einzelnen wichtigen journalistischen Beitrag sollte Metakommunikation betrieben werden, indem man dem Publikum quasi die Packungsbeilage mitliefert: Weshalb ist man so vorgegangen? Weshalb hat man diese Fragen gestellt und weshalb hat man gewisse Dinge vielleicht bewusst weggelassen? Diese Erklärungen fehlen bisher. Sollte das auf einer Medienseite geschehen? Nein, nicht in einem Ghetto, wo sich vorwiegend Journalisten und Fachleute tummeln. Sondern bei allen wichtigen, oft polarisierenden Geschichten, sei es über die Flüchtlingskrise oder den Klimawandel: Journalismus sollte seine Logik gegenüber dem Publikum erklären; gerade auch um Grenzen zu ziehen beispielsweise zu pseudojournalistischen Kommunikationsangeboten etwa auf Social-Media-Plattformen. Dort simulieren ja auch strategische Kommunikatoren Journalismus. Journalisten sollten in ihren Beiträgen zeigen, wie sie arbeiten und wo etwa die Grenzen und Schwierigkeiten der oft naiv erwarteten Objektivität oder Realitätsabbildung liegen. Wie könnte Journalismus zukunftssicher gemacht werden? Journalistische Logik zu erklären und damit Vertrauen zu schaffen, ist ein wichtiges Element auf dem Weg dahin. Aber der Journalismus hat noch viel grössere Probleme: Mit der Digitalisierung haben wir eine nie da gewesene Konkurrenz zu dem von Medien herausgebrachten Journalismus erhalten. Es wird immer schwieriger, diese Qualität zu finanzieren. Die Werbewirtschaft wendet sich immer mehr von den Medien ab und geht dahin, wo die Menschen zunehmend sind – auf Social-Media-Plattformen. Auch das Nutzungsverhalten ändert sich robust. Man ist nicht mehr ohne weiteres bereit, für News zu bezahlen, weil vieles gratis angeboten wird. Noch viel brutaler ist aber: Der Journalismus kann qualitativ noch so gut sein – wenn er sein Publikum nicht erreicht, dann nützt die Qualität auch nicht. Also muss auch das journalistische Angebot auf Social-Media-Plattformen präsent sein. Herausfordernd ist, dass es dort eben neben ganz vielen – auch pseudojournalistsichen – Angeboten steht und auch dort von Facebook, Google und Co. abhängig ist, ob es gefunden wird oder nicht. Was müsste geschehen, damit guter Journalismus eine Chance hat? Ich sehe zwei Lösungswege. Da der Journalismus unverzichtbar ist für Demokratie und Gesellschaft, muss sich auch die Gesellschaft die Frage stellen, wie Journalismus künftig finanziert werden kann. Ähnlich wie im Bereich Wissenschaft, Bildung oder Kunst kann die Gesellschaft Vorkehrungen treffen, um Journalismus auch strukturell zu fördern. Stichworte wären hier öffentliche Finanzierung, Stiftungsmodelle – also alternative Modelle zu den herkömmlichen werbefinanzierten Modellen. Vielleicht sollte man sich zweitens als Gesellschaft in der Schweiz oder Europa auch Gedanken machen, wie man quasi in Konkurrenz zu den grossen Giganten Facebook und Google eine eigene Medieninfrastruktur bauen könnte. «Ähnlich wie bei unserem Eisenbahnnetz könnten wir eine Infrastruktur bauen, bei der wir als Gesellschaft die Kontrolle darüber haben, wie dort mit Daten umgegangen wird.» Das klingt ein bisschen utopisch. Wird aber durchaus diskutiert – etwa in der Eidgenössischen Medienkommission, die den Bundesrat berät. Ähnlich wie bei unserem Strom- oder Eisenbahnnetz könnten wir eine Infrastruktur bauen, bei der wir als Gesellschaft die Kontrolle selber darüber haben, wie dort mit Daten treuhänderisch umgegangen wird, dass Netzneutralität herrscht oder dass letztlich ausgehandelt wird, welchen transparenten Standards der Qualitätssicherung ein Anbieter genügen muss, um dort von dieser technologisch innovativen Infrastruktur profitieren zu können. Es darf nicht von irgendeinem undurchsichtigen Algorithmus abhängen, ob wir im Netz etwas zu sehen bekommen oder nicht. Facebook, Google und Co. können derzeit einfach die Schrauben anders drehen, was dann dazu führt, dass ein Anbieter von einem Tag auf den anderen nicht mehr gefunden wird. Da braucht es ein Gegenmittel. Interview Patricia Faller

«Wir können gemeinsam am aktuellen Tun lernen»

Frau Blosser, Jugendliche sind apolitisch, engagieren sich für nichts, hiess es lange Zeit. Und jetzt diese grossen Schülerdemos angesichts des Klimawandels und Ressourcenverbrauchs. Wie kommt das? Ursula Blosser: Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Grundsätzlich leben Jugendliche auch heute in sehr unterschiedlichen Verhältnissen. Vor allem jene aus der Mittel- und Oberschicht haben oft grosse Chancen, gefördert und unterstützt zu werden. Gleichzeitig sehen sie in ihrem Umfeld, dass Lebensläufe, Arbeitskarrieren und -situationen unsicher und brüchig sein können. Das Vertrauen in traditionelles politisches Handeln ist eher einer Skepsis gewichen, ob es den Exponentinnen und Exponenten wirklich um Lösungen für anstehende Probleme geht. Zudem möchte die jüngere Generation ihre Interessen in die von älteren Semestern dominierte Politik einbringen. «Die jüngere Generation will ihre Interessen in die von älteren Semestern dominierte Politik einbringen.» Böse Zungen behaupten, sie wollten nur die Schule schwänzen. Darauf würde ich nichts geben. Heutige Jugendliche sind sehr sensibel für das, was ihr Leben und ihre Zukunft positiv beeinflussen oder gefährden könnte. In den Diskussionen um Nachhaltigkeit kommt der Wille zum Ausdruck, persönliches Verhalten und gesellschaftliche Ziele ernsthaft aufeinander abzustimmen. Diese jungen Menschen haben den Mut, sich eine Stimme zu verschaffen und Verantwortung beziehungsweise konkretes Handeln einzufordern. Der Diskurs über den Klimawandel betrifft alle und bietet eine Chance, aus dem Alltag auszubrechen und ein Zeichen zu setzen in Bezug auf einen Ausgleich über Generationen und Ländergrenzen hinweg. Sieht Solidarität heute anders aus? Ein Teil der Jugendlichen erfährt Solidarität und Unterstützung im engeren Umfeld. Sie haben oft ein Recht auf Wohlbefinden erfahren und verinnerlicht. Das möchten sie sich bewahren. Die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel zeigen Brüche in unserer Gesellschaft. Insofern ist das Bewahren unserer Natur ein Thema geworden, bei dem sich ganz viele Anliegen in die Waagschale werfen lassen. «Neben dem Eingreifen bei bestehenden Schieflagen ist es aber ein Kerngeschäft der Sozialen Arbeit, Handlungsspielräume zu eröffnen und Ressourcen zugänglich zu machen.» An welche denken Sie da? Wahrnehmen von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Fragen um Gewinnmaximierung oder -verteilung, Einsicht, dass es auch Verzicht braucht, oder kongruentes persönliches Verhalten. Es kann durchaus eine heutige Form der Solidarität sein, sich damit zu beschäftigen. Der Umbau hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft ist eine der grossen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Wie nimmt die ZHAW Soziale Arbeit ihre Verantwortung wahr? Unsere Forschenden untersuchen Voraussetzungen, Wirkungen und Zusammenhänge des beruflichen Handelns im Sozialbereich. Sie fördern mit ihren Erkenntnissen, die sie mit Vertreterinnen und Vertretern aus Praxis und Politik oder unter Einbezug von Adressatinnen und Adressaten erörtern oder erarbeiten, soziale Nachhaltigkeit. Was heisst das konkret? Wenn der Übergang aus der Kinder- und Jugendhilfe in das Erwachsenenalter erforscht wird, zeigt sich, was zum Gelingen beiträgt und welches mögliche Stolpersteine sind. Daraus lassen sich passende Anschlusslösungen ableiten. Auch bei der Diskussion um die Anwendung standardisierter Modelle im Kindesschutz können Erkenntnisse aus unserer Forschung nicht nur zur Versachlichung beitragen, sondern auch zeigen, wo diese Modelle positiv eingesetzt werden können und wo die Grenzen liegen. Nicht zuletzt zeigen Forschungsprojekte, wie die Zusammenarbeit mit Angehörigen Strafgefangener positive Auswirkungen auf die Resozialisierung hat. Sind Sozialarbeitende mehr als die Reparateure in einer modernen Gesellschaft, die durch Egoismus geprägt ist? Es gibt in jeder Gesellschaftsform Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen schwertun oder die eher am Rande stehen. Dass sich ausgebildete Fachleute ihrer annehmen, ist für die aufgeklärte, kohäsive Gesellschaft notwendig. Neben dem Eingreifen bei bestehenden Schieflagen ist es aber ein Kerngeschäft der Sozialen Arbeit, Handlungsspielräume zu eröffnen und Ressourcen zugänglich zu machen – etwa im Sinne von Präventionsarbeit, wie sie gerade im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe geleistet wird. Nicht immer wird Hilfe gutgeheissen. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden spüren heftigen Gegenwind. Natürlich gibt es in diesem Metier auch Gegenwind: Menschen, die in den KESB oder in der Sozialhilfe arbeiten und von politischen Exponentinnen und Exponenten oft bar von Faktenwissen und Respekt desavouiert werden, haben meine grosse Hochachtung. Sozial Arbeitende müssen die Situation, in der sie arbeiten, möglichst differenziert erfassen – und das ist schwer genug. Und manchmal braucht es auch die Fähigkeit, einstecken zu können oder auszuhalten, dass es nicht immer so geht, wie man es sich für Klientinnen und Klienten und die Gesellschaft wünscht. «Die Beteiligung von Klienten macht die Soziale Arbeit verbindlicher und näher an der Realität der Klienten.» Macht Klientenbeteiligung die Arbeit von Organisationen besser? Zu dieser Frage hatten wir im Departement kürzlich eine Abendveranstaltung mit interessierten Fachleuten. Da wurde deutlich: Die Beteiligung von Klientinnen und Klienten macht die Soziale Arbeit verbindlicher und näher an der Realität der Klientinnen und Klienten. Diese haben zum Beispiel im stationären Bereich eine hohe Bereitschaft, Konflikte untereinander auszutragen und das nicht den Sozialarbeitenden zu überlassen. Zum anderen macht Klientenbeteiligung Sozialarbeitende ehrlicher und zugänglicher für die eigene Verletzlichkeit. Oft fehlt es im Sozialbereich an Ressourcen – finanzielle, personelle oder zeitliche. Was sind die Folgen? Wer Weiterentwicklung haben will, muss Mittel gezielt einsetzen. Mir scheint es wichtig, dass wir uns in der Sozialen Arbeit darüber im Klaren sind, nach welchen Werten wir handeln wollen. Das gilt natürlich auch für die ganze Gesellschaft. Wenn alles Medizinische dafür getan wird, dass Menschen sehr alt werden können, und dann stellt man ihnen im hohen Alter aber für Betreuung – etwa für langsames Essen und Waschen, Gespräche, Zuwendung – keine finanziellen Mittel zur Verfügung, ist das doch unverständlich. Ebenso, wenn man beispielsweise bei Jugendlichen wartet, bis eine gesetzliche Massnahme die Finanzierung regelt, statt dass man rechtzeitig auf freiwilliger Basis staatliche Unterstützung bietet. So etwas ist einerseits menschenunwürdig und kann andererseits schwerwiegende Konsequenzen sowie unerwünschte Folgekosten haben. Was könnte erreicht werden, wenn man Ressourcen gezielt einsetzen könnte? Ressourcen kann und sollte man immer gezielt einsetzen. Wenn die Mittel knapp sind, erst recht. Soziale Arbeit tut gut daran, zu zeigen, wo sie ganz grundlegende Beiträge zu einer kohäsiven Gesellschaft leistet. Denn das ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Funktionieren unserer Wirtschaft – wie die Entwicklungen in anderen Ländern zeigen – sehr wichtig. Wir befassen uns im Departement darum mit Fragen zu Wirkung und Effektivität. Ihre Beantwortung setzt eine breite und ernsthafte Auseinandersetzung voraus, die Zeit benötigt. Da kann man nicht mal eben schnell an einer Schraube drehen und alles wird besser. Im Herbst startet die ZHAW mit einem eigenen Masterstudiengang in Sozialer Arbeit. Weshalb? Die Verschränkung von Lehre, Forschung und Entwicklung sowie Praxis ist gerade auf der Masterstufe für Lehrende und Studierende zentral. Dies zu realisieren, gelingt am besten mit Themen, zu denen wir selbst vielfältig forschen. So können wir zusammen mit Studierenden und Praxisorganisationen Entwicklungen verfolgen und Lösungen erarbeiten. Und wir können flexibler auf aktuelle Themen eingehen und diese in die Ausbildung integrieren. Wir können also gemeinsam auch mit anderen Departementen an der ZHAW am aktuellen Tun lernen, und das ist der Kern einer anwendungsorientierten Fachhochschule. «Übergänge im Lebenslauf sind grundsätzlich Momente, die immer mit Chancen und Risiken behaftet sind.» Weshalb wurde der Fokus «Transitionen und Interventionen» gewählt? Mit Transitionen meinen wir alles, was gesellschaftlicher Wandel mit sich bringt: Veränderungen in Institutionen, beruflich-fachliche Entwicklungen sowie Übergänge in der Biografie zum Beispiel vom Jugend- ins Erwachsenenalter, vom eigenen Zuhause in eine Einrichtung für Betagte. Übergänge im Lebenslauf sind grundsätzlich Momente, die immer mit Chancen und Risiken behaftet sind. Es lohnt sich, diese Momente zu verstehen und da gezielt wirksam zu werden. Dies gilt auch für gesellschaftliche Veränderungen und Wandlungsprozesse: Soziale Arbeit stellt sich die Frage, wo sie wie mit welchen Massnahmen rechtlicher, ökonomischer, sozialer oder pädagogischer Art intervenieren soll und wo nicht. Sie sind schon sehr lange in der Sozialen Arbeit aktiv. Wie hat sich die Profession verändert? Die Aufnahme der Sozialen Arbeit in die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften im Mai 2013 ist ein Erfolg in der über hundertjährigen Geschichte der Verfachlichung sozialer Themen in der Schweiz. Forschung in unterschiedlichen Themenbereichen der Sozialen Arbeit wird in hohem Mass von Fachhochschulen geleistet. Sie hat zum Verständnis und zur Bearbeitung von sozialpolitischen und gesellschaftlichen Fragestellungen wie auch zum vertieften Verständnis über Wirkungen von Interventionen und damit auch zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit beigetragen. Soziale Arbeit begründet ihre Arbeit vermehrt fachlich, theoretisch und methodisch. Damit verschränkt sich die Professions- mit der Disziplinentwicklung, und das bringt auch die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit weiter. Sie gehen im Mai in Pension. Worauf sind Sie stolz hinsichtlich der Entwicklungen am Departement? Wir haben am Departement gezielt Forschung gefördert, dies auf der Basis einer geschärften inhaltlichen Strategie. In der Folge haben wir das Departement organisatorisch umgestellt und Zentren und Institute gebildet. Damit haben wir die fachliche Profilierung, die Verbindung von Lehre und Forschung und die Zusammenarbeit mit der Praxis auf ein breites fachliches Fundament gestellt. Dass wir ab Herbst eine eigene Masterstufe anbieten, unterstützt eine anwendungsorientierte und wissensbasierte Ausbildung, und das ist ja ein zentraler Auftrag von Fachhochschulen. Damit haben wir eine gute Basis geschaffen, um die Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit weiterzuentwickeln – auch in der Zusammenarbeit mit anderen Expertinnen und Experten der Sozialen Arbeit und mit anderen Disziplinen. Wie aktivieren Sie Ihre eigenen Ressourcen jetzt neu? Ich hatte das Glück, dass mir mein Berufsleben viele Gestaltungsmöglichkeiten bot. Und die habe ich auch genutzt – immer zusammen mit vielen anderen Menschen. Einen Berufsweg geht man ja nie allein. Insofern bin ich sehr zufrieden. Während dieser Zeit wusste ich immer, was wann wieder auf der Agenda stand, und kaum war die eine Herausforderung vorbei, kam wieder eine neue. Nun lasse ich mich auf das Experiment ein, zu sehen, was ist, wenn das wegfällt. Ich freue mich darauf, den vielen schönen und bereichernden Erfahrungen und Momenten, die das Leben sonst noch mit sich bringt, mehr Raum geben zu können. Ich glaube, ich habe einen offenen Zugang zu meinen Ressourcen und eine gewisse Resilienz – und die werden ja nicht pensioniert ... Ursula Blosser ist seit knapp zwölf Jahren Direktorin des ZHAW-Departements Soziale Arbeit und stellvertretende Rektorin. Viele Jahre war sie Ressortleiterin «Internationales» der gesamten ZHAW. Bevor sie an die Hochschule wechselte, agierte sie u.a. als Rektorin der Hochschule für Soziale Arbeit und als Leiterin des Amts für Soziales des Kantons St. Gallen. In den 90er Jahren führte sie eine eigene Unternehmens- und Organisationsberatungsfirma mit Schwerpunkten im Sozial-, Bildungs- und Umweltbereich. Ihre Dissertation widmete die Historikerin dem Thema «Töchter der Guten Gesellschaft. Frauenrolle und Mädchenerziehung im schweizerischen Grossbürgertum um 1900». Im Mai geht Ursula Blosser in Pension. Interview Patricia Faller

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