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«Halten sich kleine Kinder an dem Ort auf, braucht es Massnahmen»

PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylverbindungen. Das ist eine Stoffgruppe, die bis zu 10 000 Chemikalien umfasst. Sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine starke chemische Bindung zwischen dem Fluor- und dem Kohlenstoffatom haben. Dadurch sind sie wasser- und fettabstossend. Weil diese Bindung so stark ist, ist sie auch hitzeresistent – das macht PFAS einzigartig. Der Nachteil dieser starken Bindung ist, dass diese Stoffe für sehr lange Zeit in der Umwelt verbleiben. Deshalb nennt man sie auch Ewigkeitschemikalien. Genau wissen wir das leider nicht, weil es keine Deklarationspflicht gibt. Alles in allem muss man aber leider davon ausgehen, dass heute mehr PFAS angewendet werden als noch vor dreissig, vierzig Jahren. Was bekannt ist: Bei den Feuerlöschschäumen gibt es mittlerweile auch PFAS-freie Alternativen, da ist also etwas in Bewegung in die richtige Richtung. Dafür werden PFAS sehr intensiv für Kühlmittel benutzt, etwa in Auto-Klimaanlagen. Das Problem ist, dass dort immer wieder winzige Lecks entstehen, durch die PFAS in die Umwelt gelangen. «Es gibt noch keine eindeutigen Antworten darauf, wann eine Belastung kritisch ist.» Basil Thalmann, Umweltchemiker am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen Im besten Fall landen Einwegverpackungen im Entsorgungsrecyclingprozess. Dort geht es in die Verbrennung, wo PFAS über Rauchgase in die Umwelt gelangen können. Meist werden die Verbindungen allerdings gar nicht aufgebrochen, weil die Hitze dafür nicht ausreicht. Also landen sie in der Schlacke und diese kann auf der Deponie in den Boden sickern. Es gibt also verschiedene Wege, wie sie in die Umwelt gelangen können. Ähnlich bei den Textilien … Textilien erzeugen Abrieb, dieser gelangt in den Staub und den inhalieren wir. Auch beim Waschen werden sie abgerieben, so landen die PFAS im Wasser. Theoretisch wäre das zwar möglich, aber die Haut stellt in der Regel eine gute Barriere dar, so dass das weniger ein Problem ist. Da würde ich mir eher Sorgen machen bei Kosmetika, die PFAS enthalten. Dass PFAS überall in unseren Böden vorkommen, ist ein Grundsatzproblem – und zwar ein menschgemachtes. Sie gehören dort eigentlich nicht hin. Da wir aber nun diese Situation haben, ist die nächste Frage, wann eine Belastung kritisch ist – und wie wir damit umgehen. Es gibt keine eindeutigen Antworten, weil uns noch einiges an Wissen fehlt. Klar ist, dass man an Orten, an denen sich kleine Kinder aufhalten, Massnahmen ergreifen muss, weil die Kleinen beim Spielen manchmal ein bisschen Boden essen. Man kann zum Beispiel den Boden auswechseln, was allerdings gar nicht so einfach ist, weil man ja erst irgendwo sauberen Boden herbekommen muss. Ich vermute, Sie sprechen von Thalwil? Noch gibt es tatsächlich nicht viele Gemeinden, die das so konsequent umsetzen. Als erwachsene Person muss man deswegen keine grosse Angst haben, weil man kaum etwas vom Boden aufgenommen hat. Es sind eher die Kinder, die gefährdet waren. Als Konsequenz können etwa gewisse Impfungen weniger gut wirken, wodurch die Kinder eher erkranken. Bei den Erwachsenen kann eine langjährige Exposition das Risiko für zu hohe Cholesterinwerte fördern. Und gewisse Krebsarten werden auch damit assoziiert. Das ist korrekt, eines der kleinsten PFAS-Moleküle steht diesbezüglich im Verdacht, die Trifluoressigsäure (TFA). In der EU ist man aktuell daran, diese Vermutung zu überprüfen. Würde sich das bewahrheiten, wäre das eine wirklich grosse Herausforderung, denn die TFA ist überall drin: Man findet sie im Regen und dadurch auch im Grundwasser, in Gemüse, Weizen und so weiter. Und das in einer anderen ganz anderen Grössenordnung als andere PFAS. Ich hoffe deshalb sehr fest, dass sich dieser Verdacht nicht erhärten wird. Das ist in der Tat ein grosses Problem. Wobei es bei tierischen Lebensmitteln noch schlimmer ist, weil die Nutztiere auch Boden essen. Oder die Hühner fressen Regenwürmer, welche wiederum die PFAS aus dem Boden aufgenommen haben. Deshalb gibt es beim Fleisch bereits Grenzwerte. Werden diese überschritten, darf das Produkt nicht in den Handel gebracht werden. «Bei tierischen Lebensmitteln ist das Problem grösser als bei pflanzlichen, weil die Nutztiere auch Boden essen.» Basil Thalmann, Umweltchemiker am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen Eier, Milch, Fleisch, alles ist belastet. Ich selbst esse zum Beispiel kein Wildschwein mehr, weil diese Tiere besonders viel Boden fressen. Übrigens sind Bio-Eier tendenziell leider etwas stärker belastet, weil Bio-Hühner mehr Kontakt zu richtigem Boden haben. Hier verzichte ich aber nicht auf das Bio-Ei, da mir das Tierwohl wichtig ist – eine klassische Güterabwägung. Das Gute ist, dass man die Hühner bei zu hoher Belastung relativ einfach an einen anderen Ort umsiedeln kann und sie das PFAS innert weniger Wochen ausscheiden. Bei Kühen dauert das viel länger. Es ist für die betroffenen Bauern deshalb unheimlich schwierig, wenn sie wegen zu hoher PFAS-Werte ihr Fleisch plötzlich nicht mehr verkaufen dürfen und auch keine neuen Nutztiere auf diese Weide lassen können. Es handelt sich teilweise um riesige Bodenflächen, die eigentlich nur zur Viehzucht genutzt werden können. Da müssen dringend Lösungen gefunden werden. Natürlich wäre es schön, wenn es schneller gehen würde. Aber lieber nimmt man sich die Zeit und stellt dafür einen guten Aktionsplan auf die Beine. Die PFAS sind seit vierzig Jahren in unseren Böden, deshalb bringt es nichts, jetzt Panik zu schieben und alles überstürzen zu wollen. Wichtig ist, dass wir das Thema ernst nehmen und dranbleiben. Ja, wir kommen in der Schweiz sogar eher etwas spät damit im Vergleich zu anderen Nationen. Die USA und die Niederlande etwa beschäftigen sich schon länger mit dem Thema, sie haben allerdings auch Industrien, welche PFAS herstellen. In Deutschland wurden die letzten Jahre ebenfalls viele Bodenproben genommen. Es ist nicht einfach, die Ergebnisse 1:1 zu vergleichen, weil die Proben mit unterschiedlichen Forschungsfragen genommen wurden. Aber in der Tendenz sieht man, dass die Schweizer Böden stärker belastet sind als diejenigen in Deutschland oder zum Beispiel auch in Schweden. Da kann man nur mutmassen. PFAS sind relativ teure Chemikalien, deshalb geht man generell davon aus, dass weiterentwickelte Länder ein grösseres Problem damit haben. Es kann gut sein, dass wir in der Schweiz uns mehr von diesen Chemikalien geleistet haben, um Top-Produkte herzustellen. So richtig hat es 2021 angefangen, als wir die erste schweizweite Studie publiziert haben. Für mich als Chemiker sind PFAS sehr spannende Verbindungen, weil sie sich in der Umwelt so speziell verhalten. Zudem ist das Ganze ein relativ junges Forschungsgebiet, es gibt also noch ganz viele offene Fragestellungen, bei denen man in die Tiefe gehen kann. Dank meiner Arbeit an der ZHAW habe ich nun auch mit dem Bund und den Kantonen zu tun, lerne die politische Seite kennen und helfe mit, am Ende ganz konkrete Lösungen zu finden etwa für die Landwirt:innen, die ihre Felder nicht mehr bewirtschaften dürfen. Das macht meine Arbeit äusserst abwechslungsreich und auch sinnstiftend, weil ich direkt hier vor Ort etwas bewirken kann. (Aufmacherbild: Monika Liechti) Jeanette Kuster

«Wer sich früh am Morgen bewegt, schüttet am Abend eher Melatonin aus»

Vor Kurzem wurden auf einer Konferenz des American College of Cardiology Studienergebnisse vorgestellt, die einen klaren Zusammenhang zeigen sollen zwischen Frühsport und einem verringerten Risiko für Herzerkrankungen. Was sagen Sie zu diesen Ergebnissen? Anne-Kathrin Rausch: Bisher gibt es erst einen Preprint, die Studie wurde also noch nicht wissenschaftlich diskutiert. Trotzdem ist das Ganze spannend, weil sehr viele Daten gesammelt worden sind: Die Forschenden haben mit rund 23 000 Teilnehmenden gearbeitet, die alle ein Wearable getragen haben. Es sind also keine fragebogenbasierten Daten, wie das sonst üblich ist bei solch grossen Gruppen, sondern objektive Daten. In der Studie wurde untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt körperlicher Aktivität und Risikofaktoren für Herzkreislauferkrankungen gibt. Die Analyse zeigte, dass Personen, die am Morgen Ausdauersport machen, weniger Herzkreislauferkranken hatten. Aber die Studie untersucht natürlich keine Kausalität. Man kann also nicht daraus schlussfolgern, dass man keine Herz-Kreislauf-Erkrankung erleidet, wenn man immer zwischen 7 und 8 Uhr morgens Sport treibt. Genau. Natürlich ist die Überlegung spannend, zu welchem Tageszeitpunkt der Sport am sinnvollsten ist, um möglichst effizient mein persönliches Trainingsziel zu erreichen. Aber seien wir ehrlich: Die Leute, die sich darüber Gedanken machen, sind in der Regel schon sehr vorbildlich unterwegs in Sachen Fitness. Für den Grossteil der Bevölkerung ist die Herausforderung eher, überhaupt in Bewegung zu kommen. Zumal es gerade im Sommer den meisten leichter fällt, Frühsport zu treiben, man fühlt sich allgemein aktiver. Und das Tolle ist: Es wird von Tag zu Tag einfacher, denn wer sich am Morgen früh bewegt, schüttet am Abend früher Melatonin aus. Das bedeutet, dass sich der Schlafrhythmus verschiebt: Man geht etwas früher schlafen und steht folglich auch einfacher und früher auf am nächsten Tag. Es gibt Studien, die zeigen, dass man auf diese Weise den natürlichen Tagesrhythmus beeinflussen kann. «Man weiss, dass dasselbe Training draussen in der Natur als weniger belastend empfunden wird als in Innenräumen.» Anne-Kathrin Rausch, Leitung Schwerpunkt Physical Activity im MSc Physiotherapie Im Bezug auf die Fitness macht das natürlich keinen Unterschied. Aber die Bewegung draussen an der frischen Luft bringt definitiv zusätzliche positive Effekte mit sich. So konnte man etwa eine Wirkung aufs Stressempfinden und die Linderung von Depressionen nachweisen. Und man weiss, dass dasselbe Training draussen in der Natur als weniger belastend empfunden wird als in Innenräumen. Es macht also mehr Spass, obwohl man genau gleich viel leistet. Der Kreislauf wurde angekurbelt, dadurch fühlt man sich aufgeweckter. Zudem baut Bewegung Stress ab, weshalb man danach fokussierter arbeiten kann. Liegt es auch daran, dass man sich schon etwas Gutes getan hat? Das Paddeln am Morgen fühlt sich für mich jeweils fast meditativ an: die Ruhe auf dem See, die rhythmische Bewegung… und alleine aufs Wasser zu schauen hat ja nachweislich eine entspannende Wirkung. Bestimmt, das sind dann die psychologischen Faktoren, die mit hineinspielen. Es fühlt sich einfach besser an schon etwas Schönes für sich getan zu haben und somit die Selbstwirksamkeit zu steigern, als wenn man direkt vom Bett zum PC wechselt und zu arbeiten beginnt. Und das gleichmässige Paddeln senkt den Stresspegel zusätzlich, das ist so. Und zur Untermauerung jeder Meinung gibt es eine Studie … Es kommt etwas darauf an, was man mit dem Training erreichen möchte und wie der eigene Körper auf Bewegung im nüchternen Zustand reagiert. Ist das Ziel Gewichtsabnahme, kann es Sinn machen, erst nach dem Sport zu essen. Denn wenn der Kohlehydratspeicher leer ist, baut der Körper mehr Fett ab. Plant man aber eine intensivere Trainingseinheit, empfiehlt es sich, vorher zu essen. Man könnte es also wie folgt zusammenfassen: Ein bisschen Yoga am See kann man gut nüchtern oder mit einem kleinen Snack machen, aber vor einem intensiven Krafttraining sollte man ausreichend frühstücken. «Wer Gewicht verlieren möchte, frühstückt besser nach dem Sport. Bei intensiven Trainingseinheiten empfiehlt es sich jedoch, vorher zu essen.» Anne-Kathrin Rausch, Leitung Schwerpunkt Physical Activity im MSc Physiotherapie Laut WHO-Empfehlung zählt jeder Schritt, sprich jede Aktivität ist besser als keine. Es ist sinnvoll, sich ein realistisches Ziel zu setzen und sich danach fortlaufend zu steigern. Vielleicht fängt man einfach einmal mit einem 5-Minuten-Spaziergang durchs Quartier an. Dabei spürt man, wie gut das tut und nach einer Woche geht man einen Häuserblock weiter. Der Knackpunkt ist, dabeizubleiben und eine Routine zu entwickeln. Man kann sich zum Beispiel einen täglichen Agenda-Eintrag als Reminder setzen. Oder man klebt sich ein Post-it an den Computer, auf dem steht «Stopp, erst ums Haus laufen!». Was auch helfen kann: Schon am Vorabend die Kleider, das SUP und den Snack parat machen, so dass am Morgen weniger mentale Energie nötig ist, um in die Gänge zu kommen. Dem ist so. Deshalb ist es wichtig, zu Beginn dranzubleiben. Im besten Fall kommt man dann an den Punkt, an dem man merkt, dass es einem ohne die Bewegung nicht so gut geht – dann braucht es keine externen Erinnerungen mehr, weil die Eigenmotivation hoch genug ist. Jeanette Kuster

Entspannt verreisen und zurückkommen

Eine gute Vorbereitung ist wichtig, aber nicht im Sinn von «alles fertig machen», sondern offene Punkte so weit zu klären, dass sie im Kopf nicht ständig weiterarbeiten. Forschung zu Urlaub und Erholung zeigt, dass übermässige Arbeitsbelastung vor und nach dem Urlaub die positiven Effekte schnell abschwächen kann. Wenn man vor den Ferien zu viel komprimiert, steigt die Belastung genau dann, wenn Erholung eigentlich beginnen sollte. Sich auf dem Smartphone aus dem Geschäfts-Account auszuloggen kann sehr sinnvoll sein, wenn das Ziel echte Distanz ist. Dies ist individuell. Forschung zu arbeitsbezogener Smartphone-Nutzung im Urlaub zeigt, dass digitale Arbeitssignale die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verwischen und Erholung erschweren können. Wer weniger an die Arbeit erinnert wird, kann leichter abschalten. Dies trifft besonders zu, wenn Benachrichtigungen Stress auslösen. Wer beruflich mit Social Media arbeitet, kann dem Job nicht vollständig ausweichen, wenn er oder sie privat dieselben Plattformen nutzt. In diesem Fall hilft nicht «alles vermeiden», sondern die Trennung von Rollen und Nutzungskontexten. Erholungsforschung zeigt, dass Abschalten nicht zwingend vollständige Nicht-Nutzung bedeutet, sondern vor allem das Ausbleiben von arbeitsbezogener Grübelei und Pflichtgefühl. Wenn Social Media privat wirklich nur schwer von Arbeit trennbar ist, hilft oft eher die Frage: Welche Inhalte sind erholsam und welche sind berufliche Stimuli? Genau diese Unterschiede sind für mentale Distanz wichtiger als die blosse App-Nutzung. Eine gute Stellvertretung kann für die Erholung wichtig sein. Studien und Übersichtsarbeiten zeigen, dass Entspannung und Abschalten besser gelingen, wenn Arbeitsanforderungen während der Abwesenheit aufgefangen werden und nicht mental präsent bleiben. «Die Rückkehr sollte Teil der Ferienplanung sein, nicht ein nachträglicher Gedanke.» Imke Knafla, Co-Leiterin Institut für Mental Health am Departement Angewandte Psychologie Ja, Distanz hilft oft. Forschung zu Erholung zeigt, dass Abstand vom Alltag, von Routinen und von häuslichen Pflichten das mentale Abschalten erleichtern kann; zugleich berichten Studien, dass Reisen und neue Umgebungen mit höherer Erholung und positivem Erleben verbunden sind. Dies liegt vermutlich daran, dass Reisen oder andere Orte die Aufmerksamkeit stärker auf andere Reize lenken und so Grübeln reduzieren. Entfernung wirkt aber nicht automatisch. Die Rückkehr sollte Teil der Ferienplanung sein, nicht ein nachträglicher Gedanke. Untersuchungen zeigen, dass Urlaubseffekte nach Arbeitsbeginn oft relativ schnell wieder abnehmen, vor allem wenn direkt danach viel Arbeitsdruck wartet. Darum ist ein sanfter Wiedereinstieg sinnvoller als ein voller Kalender ab dem ersten Tag. Bewährt haben sich folgende Massnahmen: Ein im Kalender eingetragener Puffer für E-Mails, Ablage und organisatorische Nacharbeit und ein kurzes Priorisieren am ersten Tag: Was ist wirklich dringend, was ist nur laut? Die Aussage ist teilweise korrekt und hängt vom Kontext und der Person ab. Mehrere kürzere Erholungsphasen können über das Jahr verteilt sehr wirksam sein, weil Erholungseffekte nach Urlaub oft wieder verblassen und somit regelmässige Unterbrechungen hilfreich sein können. Gleichzeitig zeigen Studien, dass in längeren Ferien das Abschalten besser gelingt. Es ist also nicht ein Entweder-oder, sondern eine Frage von Qualität, Häufigkeit und individueller Passung. (Aufmacherbild: Adobestock/ svetograph ) Jeanette Kuster

Die Mensa als Labor

Wer während des Herbstsemesters 2025 in der Mensa Grüental oder der Mensa Vista am ZHAW-Standort Wädenswil gegessen hat, war Teil von «Farm to Table 2.0» : einem Forschungsprojekt der ZHAW , der ZFV-Genossenschaft und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) , das zeigen will, wie Hochschulverpflegung nachhaltiger werden kann, ohne ihre wirtschaftliche Grundlage zu gefährden. Es baut auf einem Pilotprojekt der Hochschulverpflegung am Toni-Areal auf und überträgt dessen Erkenntnisse auf einen neuen Standort. Durchgeführt wurde das Projekt als sogenanntes Living Lab . Konkret bedeutet dies: Hier wurde nicht unter Laborbedingungen geforscht, sondern im realen Betrieb – mit echten Gästen, echten Verkaufszahlen und echten betriebswirtschaftlichen Anforderungen. Hinter dem Projekt steht eine vielfältige Allianz: Die ZHAW liefert die wissenschaftliche Grundlage mit ökobilanziellen Berechnungen, ernährungswissenschaftlichen Analysen und Gästebefragungen. Die ZHdK bringt gestalterische Expertise ein, während die ZFV als Betreiberin der ZHAW-Mensen als entscheidende Schaltstelle zwischen Forschung und Teller fungiert. «’Farm to Table’ ermöglicht es uns als ZFV, sehr viel über unsere Gäste, ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse zu erfahren», erklärt Christian Gerber, Leiter Innovation bei der ZFV. «Die Umsetzung solcher Reallabore ist essenziell für unsere Weiterentwicklung hin zur Gastronomie der Zukunft.». «Living Labs zeigen, dass die Preissensitivität je nach Gästeprofil stark variieren kann.» Gianna Lazzarini, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen Gestartet wurde mit einer Ideensammlung. «Wir haben alle möglichen Expertisen abgedeckt und zu Beginn breit gesammelt. Dabei haben wir uns wichtige Fragen gestellt, wie zum Beispiel: Wie kann Food Waste reduziert werden? Was ist aus Sicht der Ökobilanz besonders wirkungsvoll? Das haben wir strukturiert und sind dann auf unsere Partner zugegangen», schildert Gianna Lazzarini , Co-Projektleiterin am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW. Aus rund 60 Ideen wurden drei Hauptinterventionen ausgewählt: FlexiTeller, EcoPrice und WädiSnack. Ausgewählt wurden diese aufgrund von Rückmeldungen wichtiger Anspruchsgruppen, externer Expert:innen und von Mensagästen. Diese haben die jeweiligen Interventionen nach ihrer Umsetzbarkeit, Skalierbarkeit und Akzeptanz bewertet. Beim FlexiTeller wurde das Angebot gezielt weiterentwickelt, um eine stärker pflanzenbasierte Ausrichtung zu fördern: Vegetarische und vegane Gerichte wurden abwechslungsreicher und attraktiver gestaltet, unter anderem durch den verstärkten Einsatz pflanzlicher Proteinquellen oder einen höheren Gemüseanteil. Gleichzeitig wurde in Fleischgerichten der Fleischanteil pro Menü um rund 15 Prozent reduziert. «Bei einem Geschnetzelten können wir den Gemüseanteil erhöhen oder einen Teil ersetzen mit einem pflanzenbasierten Produkt – nicht hochverarbeitet, sondern möglichst natürlich. Beim Schweinsragout haben wir beispielsweise einen Teil des Ragouts mit Bohnen ersetzt. Das erhöht auch gleichzeitig den Proteingehalt des Gerichtes. So können wir gerade auch klassische Gerichte attraktiv und dennoch nachhaltiger gestalten», erklärt Reto Zuberbühler, Food & Beverage Entwickler bei der ZFV. Diese Anpassung wurde bewusst nicht kommuniziert, um eine allfällige Reaktanz – eine Abwehrhaltung gegenüber einer wahrgenommenen Einschränkung – zu vermeiden. Erste Resultate zeigten: Die Verkaufszahlen und der Umsatz blieben stabil und negatives Gästefeedback blieb aus. Gleichzeitig sanken die Treibhausgasemissionen pro Menü um rund 20 Prozent, während der Anteil ernährungsphysiologisch ausgewogener Menüs von rund 14 auf über 40 Prozent anstieg. Bei der Intervention EcoPrice wurden die Preise für Menüs mit höherem Klima-Impact moderat angehoben, während nachhaltigere Gerichte preislich unverändert blieben. Die Reaktionen fielen je nach Standort unterschiedlich aus: Während die Anpassungen in der Mensa Grüental auf verhaltene Akzeptanz stiessen, gingen in der Mensa Vista Umsatz und Verkaufszahlen in den ersten beiden Wochen spürbar zurück. Die Auswertung der Gästefeedbacks zeigte, dass insbesondere die Verwendung der Mehreinnahmen für einige Gäste nicht ausreichend transparent war. Auch die Kommunikation wurde teilweise als unklar wahrgenommen, und bei einigen Gästen entstand das Gefühl, bevormundet zu werden. Vor diesem Hintergrund wurde EcoPrice nach zwei Wochen beendet, und die Preise wurden auf das ursprüngliche Niveau zurückgeführt, um den betriebswirtschaftlichen Anforderungen wieder gerecht zu werden. «Diese wertvollen Erkenntnisse zur Preissensitivität direkt aus der Praxis offenbaren die Stärke von Living Labs. Sie zeigen, dass die Preissensitivität je nach Gästeprofil stark variieren kann – der Vergleich zwischen Vista und Grüental macht dies eindrücklich sichtbar. Genau deshalb sollte bei preisbasierter Steuerung neben den betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Mensa unbedingt auch die Sicht der Gäste, beispielsweise durch partizipative Prozesse und transparente Kommunikation, integriert werden », sagt Gianna Lazzarini. «In der Praxis zeigte sich, dass die Einbindung von regionalen Produkten mit organisatorischen und logistischen Herausforderungen verbunden ist.» Claudia Müller, Forscherin in der Gruppe für Lebensmittel-Technologie Die Region Wädenswil ist geprägt von landwirtschaftlichen Betrieben. Ziel war es daher, regionale Produkte stärker in die Menüplanung der Mensen einzubinden und damit lokale Wertschöpfungsketten zu stärken. «In der Praxis zeigte sich jedoch, dass dies mit organisatorischen und logistischen Herausforderungen verbunden ist – unter anderem weil sich Produkte einzelner landwirtschaftlicher Betriebe nur schwer in bestehende standardisierte Beschaffungsprozesse und Abläufe grosser Cateringbetriebe integrieren lassen», erklärt Claudia Müller, Co-Projektleiterin und Forscherin in der Gruppe für Lebensmittel-Technologie der ZHAW. Als Alternative wurde der WädiSnack konzipiert: Lokale Produkte vom Wädenswiler Schluchtalhof, darunter Haferguetsli, Öpfelringli und Süssmost, wurden im Mensabetrieb angeboten. Während die ersten beiden Produkte moderat nachgefragt wurden, stiess der Süssmost auf deutlich höhere Nachfrage. «Farm to Table» macht deutlich: Die wirksamste Stellschraube ist die Menüplanung selbst. Nachhaltigkeit lässt sich nicht verordnen, aber durch ein attraktives Angebot und transparente Kommunikation fördern. «Farm to Table 2.0» soll als Modell auf weitere ZHAW-Standorte ausstrahlen. Die ZFV nutzt die Erkenntnisse zudem zur Weiterentwicklung ihres Angebots an all ihren Standorten. Die Erkenntnisse aus dem Projekt zeigen dabei, was praxisorientierte Forschung ausmacht: Sie liefert nicht nur Antworten für die Wissenschaft, sondern Lösungen für die Gesellschaft – entwickelt unter realen Bedingungen und dort, wo sie gebraucht werden. Dominik Bracher

«Videogames sind ein Hobby wie andere auch»

Videogames haben längst einen festen Platz im Alltag von Jugendlichen – besonders bei Buben und jungen Männern. Und in den vergangenen Jahren haben Fortnite, Fifa & Co. nochmals an Popularität zugelegt. Drei Viertel aller Jungen und ein Viertel aller Mädchen zwischen 12 und 19 Jahren gamen inzwischen mehrmals pro Woche oder sogar täglich. Zu diesem Schluss kommt die aktuelle JAMES-Studie zum Medienverhalten von jungen Menschen, die die ZHAW alle zwei Jahre im Auftrag von Swisscom durchführt. Die Medianzeit beträgt werktags gut eine Stunde und am Wochenende etwa das Doppelte. Jungs spielen nicht nur häufiger, sondern auch länger als Mädchen. Die Studie zeigt aber auch: Der Anteil jener Jugendlicher, die ein problematisches Gamingverhalten aufweisen, liegt heute bei 3 Prozent. «Natürlich ist die Diskussion um einen sinnvollen und vernünftigen Umgang mit digitalen Medien wichtig», betont Stephan Toggweiler , Dozent am IAP Institut für Angewandte Psychologie. «Nur darf darüber nicht vergessen gehen, dass sich das Gamingverhalten der meisten Jugendlichen in einem ganz normalen Rahmen bewegt.» Wer Videospiele ausschliesslich als Problem betrachte, verpasse ausserdem auch eine Chance, ist Toggweiler überzeugt. Die Gelegenheit nämlich, mehr darüber zu erfahren, wo sich Jugendliche als kompetent erleben und wo sie ihre Stärken sehen. Schliesslich erfordern auch Videogames ganz bestimmte Fähigkeiten. Diese gamebezogenen Skills wollte Stephan Toggweiler sicht- und vor allem auch messbar machen. Zusammen mit dem Videogames-Experten Marc Bodmer und dem Forscher Marc Schreiber hat er dazu das «Berufsbezogene Gaming-Skills Inventar» (BGSI) entwickelt. Die Überlegung dahinter: Jugendliche können häufig noch keinen so klaren Berufswunsch formulieren. «Oft finden sie vieles spannend, gleichzeitig sind sie von nichts voll und ganz überzeugt», sagt Toggweiler. «Ein klassischer Berufsinteressentest kommt hier deshalb an seine Grenzen.» Was aber, wenn man die Heranwachsenden stattdessen fragen würde, welche Fähigkeiten bei ihrem Lieblingsspiel gefragt seien, was sie daran herausfordere und was ihnen am meisten Spass mache? «Wir müssen mit dem Klischee vom isolierten Gamer-Teenager aufräumen.» Stephan Toggweiler, Dozent am IAP Institut für Angewandte Psychologie Für die Ausarbeitung des Gaming-Skills-Inventars und des dazugehörigen Fragebogens konzentrierte sich das Team ausschliesslich auf aufwendig produzierte Videogames, die am Computer oder mit Konsolen gespielt werden. Die bekanntesten und beliebtesten sind Fortnite und Fifa, wie Toggweiler sagt; aber auch Games wie GTA oder Minecraft gehören dazu. Handyspiele wie Brawl Stars dagegen habe man bewusst nicht einbezogen. «Das Game-Erleben ist dort ein ganz anderes.» Was Festlegung der gamespezifischen Fähigkeiten betrifft, orientierten sich die Forscher an jenen Kompetenzen, die auch in gängigen Berufsberatungstests erhoben werden. Neben klassischen Dimensionen wie sprachliche, numerische oder räumliche Kompetenzen zählen dazu auch Feinmotorik, Reaktionsgeschwindigkeit, Konzentrationsfähigkeit und Sozialkompetenz. Halt, Sozialkompetenz? «Selbstverständlich», entgegnet Toggweiler. Auch in virtuellen Welten gelte es, sich in andere Mitspieler hineinzuversetzen, Kompromisse einzugehen und sich auf sozial akzeptierte Weise durchzusetzen. «Jungs gamen zudem fast gleich viel gemeinsam mit anderen wie für sich alleine», betont der Forscher. «Wir müssen wirklich wegkommen vom Bild des gamenden Teenagers, der sich in seinem Zimmer isoliert und nur noch von Pizza und Cola lebt.» Ziel des Fragebogens sei keineswegs, von einem einzelnen Skill direkt auf den idealen Beruf schliessen zu können, betont Toggweiler. Erst in ihrer Kombination könnten die verschiedenen gamebezogenen Fähigkeiten auf mögliche Berufsfelder hinweisen. Vor allem aber sollen die Antworten der Jugendlichen es den Berufsberatenden einfacher machen, einen Gesprächseinstieg zu finden und erste Hypothesen zu formulieren. Diese könnten dann in der Beratung erhärtet oder auch wieder verworfen werden, und man könne sich für weitere Handlungsschritte daran orientieren, eine Schnupperlehre zum Beispiel. «Mit dem BGSI gelangen wir sozusagen über ein Hintertürchen zu berufsrelevanten Fähigkeiten und Interessen der Jugendlichen.» Für die Entwicklung und Überprüfung des Berufsbezogenen Gaming-Skills Inventars haben Toggweiler, Bodmer und Schreiber ihren Fragebogen von rund 600 Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschülern ausfüllen lassen. Das Projekt sei an den Schulen auf sehr grosse Resonanz gestossen, erzählt der Psychologe. «So ein fantastisches Echo hatten wir noch nie.» Der Fragebogen ist allen Interessierten frei zugänglich, nötig ist lediglich eine Registrierung mit Namen und E-Mail zu statistischen Zwecken. Für Berufsberatende, die gerne mit dem BGSI arbeiten würden, bieten Toggweiler und Bodmer ausserdem entsprechende Weiterbildungen an. Damit wolle man auch Zweifel klären und Vorbehalte ausräumen. «So dass auch Videogames irgendwann einfach ein Hobby sind wie andere Freizeitbeschäftigungen auch.» (Aufmacherbild: Adobestock/ stokkete ) Ümit Yoker

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