«Nur dank gegenseitiger Unterstützung war die Umstellung möglich»
Lisa Messenzehl: Mit so einer extremen Situation hat niemand gerechnet. Als sich im Februar eine Verschlechterung der Lage abzuzeichnen begann, haben wir zwar bereits damit begonnen, erste Dokumentationen für virtuellen Unterricht aufzubauen. Damals gingen wir aber davon aus, dass einzelne Dozierende oder Studierende krankheitshalber ausfallen könnten. Die Umstellung in diesem grossen Umfang war schliesslich eine Herausforderung. Es ist aber extrem gut gelungen. Ich ziehe den Hut vor allen beteiligten Dozierenden, Mitarbeitenden wie auch Studierenden. Es war zwar sehr intensiv, aber auch extrem motivierend. Der ganze Bereich Blended Learning stand plötzlich im Rampenlicht, und ich habe gemerkt, dass wir etwas bewegen können. Ein wichtiges Element war die gegenseitige Unterstützung auf allen Ebenen: zwischen Dozierenden, Fachbereichen und auch departementsübergreifend. Nur dank dieser gegenseitigen Unterstützung ist die Umstellung innerhalb dieser extrem kurzen Zeit möglich gewesen. Es sind Communities, die sich austauschten und halfen. Wir haben am Tag, als der Lockdown absehbar war, die Taskforce E-Learning ins Leben gerufen, in der alle Departemente und auch die IT-Abteilung vertreten sind. In den ersten Wochen haben wir uns täglich getroffen. Es gibt einfache Tricks, um den Unterricht onlinetauglich zu machen . Eine Möglichkeit sind asynchrone Szenarien. Das können Texte und Videos sein, mit denen die Studierenden zwischendurch selber arbeiten und sich zu den Inhalten austauschen, etwa in Foren. Oft geht es darum, die Rolle des Dozierenden neu zu finden. Er oder sie ist mehr Coach als Frontalrednerin. Diese Erfahrung machen einige Dozierende das erste Mal. Nachdem wir uns im ersten Schritt sehr viel mit Tools beschäftigt haben, wird es in einem nächsten Schritt sehr viel mehr um Didaktik gehen. Wir versuchen, die aktuell vorhandene Offenheit, Flexibilität und Kreativität für die Zukunft fruchtbar zu machen. «Wir versuchen, die aktuell vorhandene Offenheit, Flexibilität und Kreativität für die Zukunft fruchtbar zu machen.» Zeitgleich mit der Umstellung auf Online haben wir einen Selbstlernkurs zu Digital Literacy anbieten können, der sehr viele der notwendigen Kompetenzen vermittelt. Die Studierenden sind aus meiner Sicht erstaunlich schnell reingewachsen. Sie waren sehr flexibel und haben sehr viel Verständnis für die neue Situation gezeigt. Oberstes Ziel war es bei der Umstellung, möglichst zu vermeiden, dass Unterricht verschoben werden muss. Selbstverständlich gibt es Bereiche, in denen der Online-Unterricht nicht das gleiche bieten kann wie der physische Unterricht. Wenn zum Beispiel die haptische Erfahrung wichtig ist wie im Gesundheitsbereich oder wenn die Arbeit in einem Labor dazugehört. Das ist eine grosse Herausforderung. Es wurden aber viele kreative Lösungen gefunden. In meinen Augen ist die Ausgangslage eine andere. Viele Weiterbildungsteilnehmende haben sich bewusst für ein Präsenzprogramm entschieden, Austausch und Networking rund um eine Weiterbildung sind wichtig. Hier stossen Online-Formate natürlich an ihre Grenzen. «Selbstverständlich freuen sich die meisten Dozierenden und Studierenden auf den physischen Unterricht. Die soziale Interaktion ist natürlich zentral.» Schriftliche Prüfungen werden hauptsächlich über die Lernplattform Moodle gemacht. Entweder als klassische Prüfungen, in denen die Studierenden mit Zeitlimit Fragen beantworten, oder als wissenschaftliche Arbeiten, die sie offline schreiben und dann abgeben. Alle schriftlichen Prüfungen finden Open-Book statt, das heisst, dass Hilfmittel erlaubt sind. Zudem gibt es mündliche Prüfungen. Didaktisch gesehen sind die Online-Prüfungen eine grosse Chance. Es können zum Beispiel auch Audios und Videos eingesetzt werden. Meine Beobachtung ist, dass digitale Prüfungen in den letzten Jahren für die Studierenden immer normaler wurden. Die Studierenden schätzen zum Beispiel sehr, dass sie nicht mit der Hand schreiben müssen. Das entspricht heutzutage eher der Realität. Bisher fanden diese digitalen Prüfungen aber immer an der Hochschule und nicht zuhause statt. Selbstverständlich freuen sich die meisten Dozierenden und Studierenden auf den physischen Unterricht. Die soziale Interaktion ist natürlich zentral. Meine Hoffnung ist es, dass der Hochschulunterricht in Zukunft gesamthaft profitieren kann, weil Dozierende ihr methodisches Repertoire vermehrt auf das Digitale ausdehnen werden. Künftig kann man sich das Beste aus beiden Welten nehmen. INTERVIEW ABRAHAM GILLIS