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Keine Zeit für ein Gespräch

Pflegefachfrau Sonja X. steht im Zimmer des Patienten Herrn Y., dem tags darauf eine Herzoperation bevorsteht. Sie erkennt mit geschultem Blick: Der Mann hat Angst, auch wenn er nicht darüber spricht. Er ist unruhig, die Augenbrauen sind hochgezogen, die Hände zittern leicht. Was er jetzt bräuchte: ein behutsames Ansprechen der Angst, Informationen, persönliche Zuwendung. Doch die Bettenstation ist voll belegt, mehrere Ruflampen leuchten. Die Pflegefachfrau muss den Entscheid treffen, Herrn Y. jetzt mit seiner Angst alleinzulassen. Sie eilt aus dem Zimmer und denkt: «Das ist nicht richtig so.» Auch Pflegefachmann Reto Z. gerät ins Dilemma. Die betagte Patientin Frau W. mit der Oberschenkelhals-Fraktur sollte alle zwei bis drei Stunden im Bett umgelagert werden, damit kein Wundliegen entsteht. Auch nachts. Doch Reto Z. ist voll beschäftigt mit Frischoperierten, die eng überwacht werden müssen. Es reicht nicht für alles. Das zwingt den Pflegefachmann zu einer schwierigen Ad-hoc-Entscheidung: Frau W. muss warten. Die Folge: Das Risiko steigt, dass die nicht mehr so mobile Patientin ein Druckgeschwür bekommt. Die sogenannten Dekubiti sind schmerzhaft und heilen gerade bei älteren Menschen schlecht. Die beiden Beispiele sind verkürzt und fiktiv, stehen aber exemplarisch für ein Phänomen, das die Wissenschaft «implizite Pflegerationierung» nennt. Was bedeutet der sperrige Begriff? Maria Schubert , Co-Leiterin der Forschungsstelle Pflegewissenschaft und des Masterstudiengangs Pflege an der ZHAW, erklärt: «Gemeint ist, dass es keine offiziellen, gesetzlichen Regulierungen gibt, wie in so einem Fall vorgegangen werden muss.» Die Rationierung geschehe verdeckt: «Es sind die Pflegenden selber, die in der Situation entscheiden müssen, wie sie die Ressourcen verteilen und wem sie etwas vorenthalten.» Der Grund dafür sei «ein Mangel an Ressourcen» in Pflegeteams: zeitlich, fachlich, personell. Die ZHAW-Forscherin führt seit vielen Jahren Studien zur Thematik durch und ist international vernetzt. Daher weiss sie auch: Verglichen mit anderen Ländern, gebe es in der Schweiz «immer noch einige Spitäler mit sehr guten Arbeitsbedingungen für die Pflege». Beim Personalschlüssel liegt die Schweiz im europäischen Mittelfeld, wie die 2014 publizierten Ergebnisse der «Registered-Nurse-Forecasting»-Studie zeigen. Eine Pflegefachperson in der Schweiz betreut durchschnittlich acht Patienten. Zum Vergleich: In Deutschland sind es dreizehn Patienten, in Norwegen fünf. Neuere Forschung bestätige den Wert für die Schweiz, weiss Schubert. «Doch auch in den Schweizer Spitälern ist der Kostendruck zunehmend spürbar», stellt sie fest. Die Spitallandschaft ist in Bewegung. Die Spitäler müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und die Effizienz steigern: «Wird beim Personal gespart, ist die Pflege als grösste Gruppe überproportional betroffen», sagt die Forscherin. Die Pflege macht über vierzig Prozent des gesamten Spitalpersonals in der Schweiz aus. Für den Schweizer Teil der gross angelegten «Registered-Nurse-Forecasting»-Studie befragten Schubert und Mitforschende über 1600 Pflegefachpersonen aus 35 Akutspitälern. Ergebnis: Fast alle, nämlich 98 Prozent, gaben an, dass sie in den letzten sieben Arbeitstagen mindestens eine notwendige pflegerische Massnahme weglassen mussten. Gespräche mit Patienten, praktische Anleitungen von Patienten und präventives Umlagern entfielen dabei häufiger als Patientenüberwachung und die rechtzeitige Abgabe von Medikamenten. Pflegende geben unter Zeitdruck also Massnahmen Priorität, die sich ganz direkt auf die Sicherheit der Patienten auswirken. Und sie lassen laut Schubert solche weg, «deren Wirkung nicht so unmittelbar ist, die aber zu den Kernaufgaben der Pflege gehören». Für ältere Menschen und chronisch Kranke sei es beispielsweise wichtig, dass sie im Umgang mit ihrer Erkrankung angeleitet würden. Das ermögliche ihnen, nach dem Spitalaustritt wieder selbstständig zuhause zu leben. So seien weniger Wiedereintritte ins Spital nötig. Werde Pflege im Verborgenen rationiert, könne dies nicht nur für die Patienten Folgen haben, sondern auch für das Pflegepersonal, stellt Schubert fest. Ethische Fragen stellten sich, die Arbeitszufriedenheit nehme ab, das professionelle Verständnis sei tangiert. Deshalb sei die implizite Rationierung auch innerhalb der Pflege ein Tabuthema. Das Phänomen müsse im Auge behalten werden, damit sich der Fachkräftemangel in der Pflege nicht noch verstärke, fordert die Forscherin. Auch brauche es Gegenmassnahmen. Doch welche? Die Kostensteigerung im Gesundheitswesen ist eine Realität, die Mittel sind nun mal begrenzt. Schubert zieht zur Antwort wiederum die Forschungsresultate heran: «Bei stimmiger Arbeitsumgebung werden weniger häufig Pflegemassnahmen weggelassen.» Offen über das Thema reden, den Personalbestand dem Pflegebedarf anpassen, gute Führung und Teamorganisation: Das seien erwiesenermassen wirksame Faktoren. Beim Verband der Schweizer Spitäler H+ stellt man keine Pflegerationierung fest. «Wir bewegen uns in der Schweiz bezüglich Pflege in den Spitälern und Kliniken auf hohem Niveau», schreibt ein Sprecher auf Anfrage. Immer mehr Pflegepersonal auf allen Ausbildungsstufen werde ausgebildet und angestellt. Für Forscherin Schubert kommt es auf den richtigen Mix im Pflegeteam an. Es brauche genügend Fachpersonal. Werde dieses aus Kostengründen durch Hilfspersonal ersetzt, könne das Rationierung begünstigen. Ein Beispiel: Zwar könne auch die Pflegehilfe eine Inkontinenzeinlage wechseln, doch eine höher qualifizierte Pflegefachperson beurteile dabei den Patienten gesamtheitlich: «Sie spricht mit ihm, beurteilt den Zustand der Haut. Dadurch erhält sie Hinweise auf erforderliche Massnahmen.» Heute sind über alle Spitäler gesehen dreissig Prozent des Pflegepersonals Fachpersonen Gesundheit (FaGe), Pflegeassistenzen und -hilfen. Das Spitalmanagement sollte die Pflege bei Veränderungsprozessen immer einbeziehen, empfiehlt Schubert: «So können Mängel bei den Ressourcen frühzeitig erkannt werden.» Competence Network Health Workforce , ein Netzwerk von fünf Fachhochschulen, darunter auch die ZHAW, gegen den Fachkräftemangel Susanne Wenger

Begegnung auf Augenhöhe

Als Kind träumte Aisha Leuenberger davon, Ärztin zu werden. Als sie acht Jahre alt war, wurden sie und ihre sieben Geschwister Waisen. Ihre Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. «In Uganda sterben Menschen, da Medikamente und Spitäler fehlen», sagt sie. In ihrer Heimat, wo 38 Millionen Menschen leben, gebe es kaum alte Leute. «Ich möchte möglichst viel über Gesundheit lernen und anderen helfen.» Zurzeit macht die 33-Jährige ein Praktikum im Alters- und Pflegeheim Grossfeld in Kriens. Nach der ersten Woche berichtet sie Emilie Stämpfli bei einem Kaffee von ihren ersten Erfahrungen. Sie sei von allen freundlich aufgenommen worden, erzählt sie gut gelaunt. Einmal habe sie allerdings zwei Bewohnerinnen verwechselt. «Hast Du etwas Schweizerdeutsch gesprochen?», will Emilie Stämpfli wissen. «Ja, das kommt gut an», antwortet Aisha Leuenberger. Die beiden Frauen haben sich über das Mentoring-Programm BEGIN kennengelernt, welche Freiwillige im Pensionsalter und Teilnehmende des Lehrgangs Pflegehelfer/-in des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) zusammenbringt. «Die Idee ist eine Begegnung auf Augenhöhe», sagt eine der Initiantinnen Beate Schwarz, Professorin für Entwicklungs- und Familienpsychologie am Psychologischen Institut der ZHAW. Es gehe um einen intergenerationalen Austausch, von dem beide Seiten profitierten. Der Ansatz ist ein ressourcenorientierter. Der Fokus liegt auf den Stärken, welche die Migrantinnen und Migranten mitbringen. «Sie sind eine gute Basis für die Integration», so Schwarz. Das Programm ist in Kooperation mit der Berner Fachhochschule (Institut Alter), der Hochschule für Technik und Wirtschaft (Institut für Multimedia Production) Chur sowie dem SRK entstanden. Die Gebert Rüf Stiftung unterstützt Entwicklung und Evaluation finanziell. «Es war uns wichtig, auf Erfahrungen aufzubauen», sagt Beate Schwarz. Spezifisch für den Pflegebereich gab es bislang zwar kein vergleichbares Engagement. Die Wissenschaftler befragten jedoch Anbieter von Mentoring-Programmen in anderen Branchen. Sie gingen zudem auf Fachleute der Pflege zu, um nicht an deren Bedürfnissen vorbei zu arbeiten. So kristallisierten sich praxisrelevante Themenfelder heraus. Dazu zählen neben der Sprache kulturelle Unterschiede wie etwa der Umgang mit Zeit. Hinzu kommen schwierige Situationen im Arbeitsalltag, die Rolle der Angehörigen in der Pflege, aber ebenso die Frage, ob man sich als Angestellter abgrenzen darf. Ob man nach zahlreichen Sonntagsdiensten zum Beispiel auf einem freien Wochenende bestehen darf. Zu diesen Themen hat das Projektteam kurze Filme sowie ein Arbeitsheft produziert, welche den Tandems als Anregung dienen. «Sie sind hilfreich, wir haben uns aber nicht immer darangehalten», sagt Emilie Stämpfli. Die ehemalige Primarlehrerin, die nicht zum ersten Mal Freiwilligenarbeit leistet, hat mit Aisha Leuenberger unter anderem Schweizerdeutsch geübt. Mit eigenen Arbeitsblättern hat sie ihr kurze Sätze beigebracht, die das Eis brechen und ein Gespräch eröffnen können. «Hend Sie gued gschlofe?» ist so eine Frage, welche die Pflegehelferin stellen kann, wenn sie am Morgen das Zimmer eines Bewohners betritt. Auch das Essen sorgte für Diskussionsstoff. «Brot und Käse ‒ wie kann man so leben?», fragt Aisha Leuenberger und lacht. Die zurückhaltende Art der Schweizer war für sie anfangs gewöhnungsbedürftig. Dass alte Menschen in einem Heim leben und teilweise kaum Besuch erhalten, schockierte sie. «Ich habe viel von Frau Stämpfli gelernt», sagt die Uganderin, die in ihrer Heimat als Kosmetologin arbeitete, mit einem Schweizer verheiratet war und seit 2012 hier lebt. Auch bei der Bewerbung für ihr Praktikum konnte sie auf die Hilfe ihrer Mentorin zählen. «Ich kann offen mit ihr sprechen, sie gibt mir ein gutes Gefühl». Die Wertschätzung ist gegenseitig. «Ich bewundere ihr positives Wesen, ihre Zielstrebigkeit und dass sie bereit ist, ältere Menschen zu pflegen», sagt Emilie Stämpfli. Sie hat die Begegnungen ebenfalls als Bereicherung erlebt. «Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen», so die 67-Jährige. Ihre gemeinsame Zeit ist offiziell zwar vorbei, seit Aisha Leuenberger die SRK-Ausbildung abgeschlossen hat. Die beiden Frauen treffen sich jedoch weiterhin. Nach dem ersten Durchgang beim SRK Kanton Luzern, wird zurzeit ein zweiter in Bern durchgeführt. Die Mentorinnen – es engagieren sich bislang ausschliesslich Frauen – verfügen in der Regel nicht über spezifische Kenntnisse der Pflege. «Es geht um einen kulturellen Austausch», sagt Belinda Berweger, wissenschaftliche Assistentin am Psychologischen Institut. Viel wichtiger als Fachkenntnisse sei eine Offenheit anderen Kulturen gegenüber. Die Suche nach Freiwilligen, die sich längerfristig engagierten, sei aufwändig, erzählt sie weiter. Die Zahl der interessierten Pflegehelferinnen und -helfer überstieg bislang jene der Mentoren. In Luzern konnten sieben Tandem gebildet werden, in Bern sechs. Die Duos sind in der Regel drei Monate lang zusammen unterwegs, der Lehrgang dauert ein halbes Jahr. Er bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuss zu fassen ‒ und dies in einem Berufsfeld, in dem ein Fachkräftemangel herrscht. «Sie sind in ihren Heimatländern zum Teil sehr gut qualifiziert, nicht wenige bilden sich danach weiter», sagt Beate Schwarz. Das Psychologische Institut der ZHAW begleitet das Projekt noch bis im Oktober. Nach einem abschliessenden Workshop geht BEGIN dann ganz in die Hände des SRK über. Aisha Leuenberger ist dankbar für die Unterstützung, die sie erhalten hat, und spricht von einem «grossen Geschenk». Neben der Arbeit im Pflegeheim ist sie derzeit daran, ihr Deutsch zu verbessern. «Ich will weiterkommen», sagt sie fröhlich, «ich habe Ziele». Eveline Rutz

Strukturelle Förderung wie bei Wissenschaft und Kunst

Wie war es möglich, dass der «Spiegel»-Journalist Claas Relotius Beiträge ganz oder teilweise erfinden konnte? Vinzenz Wyss: Auch wenn in jeder und jedem von uns ein «kleiner Relotius» steckt – da wir alle ein bisschen an der Grenze zwischen Realem und Fiktionalem spielen –, halte ich den Fall Relotius eher für einen Einzelfall. Einzelfall? Es kommt vielleicht alle zehn Jahre mal vor, dass einem Star-Journalisten so viel Vertrauen geschenkt wird, dass er in diesem Ausmass fälschen kann und das auch tut. Es waren ja wohl letztlich etwa zwölf von 60 Reportagen, bei denen nicht so gründlich geprüft wurde, wie das sonst beim «Spiegel» üblich sein soll. Man sagt dem Nachrichtenmagazin nach, es kontrolliere jeweils, ob der Eiffel-Turm noch steht, wenn dieser in einer Geschichte vorkommt. Hier hat sich eine Organisation – vor allem der «Spiegel» – von perfekt fabrizierten Geschichten blenden lassen. Es braucht aber auch eine entsprechende Persönlichkeitsstruktur des Journalisten, der, angetrieben durch den Irrsinn, dass es keiner merkt, fast süchtig weitermacht. Die Kritiker, die über die «Lügenpresse» schimpfen, sehen sich bestätigt. Das ist natürlich Wasser auf deren Mühlen. Diese Pauschal-Kritiker, die von «Lügenpresse» sprechen, sind jedoch wenigstens hierzulande eine kleine Minderheit. Gemäss Umfragen ist nämlich das Vertrauen in die Medien seit vielen Jahren recht stabil, auch wenn mit 60 Prozent eine gesunde Skepsis immer dabei ist. Wie müssen wir angehende Journalistinnen und Journalisten ausbilden, damit so etwas nicht so schnell wieder passiert? Vor allem vor dem Hintergrund, dass nicht nur Texte, sondern auch Fotos oder Videos gefälscht werden können. Es wäre blauäugig, zu sagen, wir könnten das verhindern, wenn wir in der Ausbildung noch stärker darauf aufmerksam machen, dass man Fakten checken muss und dass Fälschungen überall möglich sind. Das Risiko bleibt bestehen, dass einzelne Personen aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur ganz bewusst fälschen, und letztlich setzt man auch in Redaktionen Vertrauen als Steuerungsmittel ein, ohne das kaum gearbeitet werden kann «Bei einer Geschichte, die fast schon zu schön ist, um wahr zu sein, sollte man besonders vorsichtig und skeptisch sein.» Ist diese Fälschungsgeschichte das Ende des viel gepriesenen Storytellings? Viele sagen: «Jetzt habt ihr den Mist. Dieses Storytelling war schon immer eine Gefahr für den Journalismus, der doch einfach seiner Chronistenpflicht nachkommen und Fakten abbilden soll.» Der Journalismus soll gefälligst seine Hände von diesem literarischen Zugriff lassen, sagen die Kritiker. Dem kann ich nur entgegenhalten: Als ob es möglich wäre, Wahrheiten abzubilden. Journalisten konstruieren immer eine Medienrealität, zum Beispiel wenn sie bestimmen müssen, wie welche Ereignisse und Protagonisten inszeniert werden. Bei einer Geschichte aber, die dadurch verblüfft, dass sie allen Ansprüchen des Storytellings genügt und fast schon zu schön ist, um wahr zu sein, da sollten Redaktionen besonders vorsichtig und skeptisch sein und besser einmal mehr nachprüfen lassen. Jede journalistische Geschichte kann nur so gut sein, wie die Fakten stimmen. Also kein Ende des Storytelling? Das würde bedeuten, das Kind mit dem Bade auszuschütten: Storytelling bleibt ein sehr geeignetes Mittel, um Leserinnen und Leser in ihrer Lebenswelt abzuholen. Erst die Erzählung lässt verstehen. In der Ausbildung machen wir aber auch auf die Schattenseiten des deutungsmächtigen Storytellings aufmerksam. Und der Fall Relotius zeigt: Man muss zuerst einmal die Hausaufgaben des Journalismus gemacht haben, bevor erwartbar «wahre» Geschichten gut erzählt werden können. Storytelling ist eine Königsdisziplin. Wenn man zu dem Schluss kommt, eine Geschichte könne so nicht erzählt werden, weil sich bestimmte Fakten dagegen sperrig verhalten, dann stirbt sie eben oder muss umgeschrieben werden. Es ist eine Todsünde, wenn man relevante Fakten weglässt oder eben eine Geschichte mit Erfundenem anreichert, nur damit diese besser «flutscht», wie das wohl bei den Geschichten von Relotius der Fall war. Sind fehlende Ressourcen Schuld an mangelnder Sorgfalt? Diese Erklärung konnte man im Fall Relotius hören: Es gebe einen steigenden Druck auf die Journalisten, gute, stimmige, beim Publikum eben gut «flutschende» Geschichten anzubieten. Zugleich fehle aber die Zeit, intensiv zu recherchieren. Ich denke, dass dies im Fall Relotius nicht das Hauptproblem war. Aber es besteht unter zunehmend prekären Bedingungen der Medienbranche natürlich generell die Gefahr, dass immer weniger Ressourcen wie Zeit oder Wissen vorhanden sind und dies dazu führt, dass dann einzelne Journalisten ihre Geschichten vielleicht nicht zu Ende recherchieren oder etwas zurechtbiegen und dies in der Redaktion kaum geprüft wird. Wie kann man das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen? Journalismus sollte sich heute viel stärker gegenüber seinem Publikum erklären. Ich nenne das Metakommunikation. Der «Spiegel» hat das jetzt vorbildlich gemacht, indem er den Fall Relotius untersucht und darüber kommuniziert hat. Aber auch in jedem einzelnen wichtigen journalistischen Beitrag sollte Metakommunikation betrieben werden, indem man dem Publikum quasi die Packungsbeilage mitliefert: Weshalb ist man so vorgegangen? Weshalb hat man diese Fragen gestellt und weshalb hat man gewisse Dinge vielleicht bewusst weggelassen? Diese Erklärungen fehlen bisher. Sollte das auf einer Medienseite geschehen? Nein, nicht in einem Ghetto, wo sich vorwiegend Journalisten und Fachleute tummeln. Sondern bei allen wichtigen, oft polarisierenden Geschichten, sei es über die Flüchtlingskrise oder den Klimawandel: Journalismus sollte seine Logik gegenüber dem Publikum erklären; gerade auch um Grenzen zu ziehen beispielsweise zu pseudojournalistischen Kommunikationsangeboten etwa auf Social-Media-Plattformen. Dort simulieren ja auch strategische Kommunikatoren Journalismus. Journalisten sollten in ihren Beiträgen zeigen, wie sie arbeiten und wo etwa die Grenzen und Schwierigkeiten der oft naiv erwarteten Objektivität oder Realitätsabbildung liegen. Wie könnte Journalismus zukunftssicher gemacht werden? Journalistische Logik zu erklären und damit Vertrauen zu schaffen, ist ein wichtiges Element auf dem Weg dahin. Aber der Journalismus hat noch viel grössere Probleme: Mit der Digitalisierung haben wir eine nie da gewesene Konkurrenz zu dem von Medien herausgebrachten Journalismus erhalten. Es wird immer schwieriger, diese Qualität zu finanzieren. Die Werbewirtschaft wendet sich immer mehr von den Medien ab und geht dahin, wo die Menschen zunehmend sind – auf Social-Media-Plattformen. Auch das Nutzungsverhalten ändert sich robust. Man ist nicht mehr ohne weiteres bereit, für News zu bezahlen, weil vieles gratis angeboten wird. Noch viel brutaler ist aber: Der Journalismus kann qualitativ noch so gut sein – wenn er sein Publikum nicht erreicht, dann nützt die Qualität auch nicht. Also muss auch das journalistische Angebot auf Social-Media-Plattformen präsent sein. Herausfordernd ist, dass es dort eben neben ganz vielen – auch pseudojournalistsichen – Angeboten steht und auch dort von Facebook, Google und Co. abhängig ist, ob es gefunden wird oder nicht. Was müsste geschehen, damit guter Journalismus eine Chance hat? Ich sehe zwei Lösungswege. Da der Journalismus unverzichtbar ist für Demokratie und Gesellschaft, muss sich auch die Gesellschaft die Frage stellen, wie Journalismus künftig finanziert werden kann. Ähnlich wie im Bereich Wissenschaft, Bildung oder Kunst kann die Gesellschaft Vorkehrungen treffen, um Journalismus auch strukturell zu fördern. Stichworte wären hier öffentliche Finanzierung, Stiftungsmodelle – also alternative Modelle zu den herkömmlichen werbefinanzierten Modellen. Vielleicht sollte man sich zweitens als Gesellschaft in der Schweiz oder Europa auch Gedanken machen, wie man quasi in Konkurrenz zu den grossen Giganten Facebook und Google eine eigene Medieninfrastruktur bauen könnte. «Ähnlich wie bei unserem Eisenbahnnetz könnten wir eine Infrastruktur bauen, bei der wir als Gesellschaft die Kontrolle darüber haben, wie dort mit Daten umgegangen wird.» Das klingt ein bisschen utopisch. Wird aber durchaus diskutiert – etwa in der Eidgenössischen Medienkommission, die den Bundesrat berät. Ähnlich wie bei unserem Strom- oder Eisenbahnnetz könnten wir eine Infrastruktur bauen, bei der wir als Gesellschaft die Kontrolle selber darüber haben, wie dort mit Daten treuhänderisch umgegangen wird, dass Netzneutralität herrscht oder dass letztlich ausgehandelt wird, welchen transparenten Standards der Qualitätssicherung ein Anbieter genügen muss, um dort von dieser technologisch innovativen Infrastruktur profitieren zu können. Es darf nicht von irgendeinem undurchsichtigen Algorithmus abhängen, ob wir im Netz etwas zu sehen bekommen oder nicht. Facebook, Google und Co. können derzeit einfach die Schrauben anders drehen, was dann dazu führt, dass ein Anbieter von einem Tag auf den anderen nicht mehr gefunden wird. Da braucht es ein Gegenmittel. Interview Patricia Faller

Konsumenten entsorgen am meisten

Wie viel Lebensmittel werfen wir weg, wo passiert am meis­ten Food Waste? Das Bundes­amt für Umwelt (BAFU) hat sich zum Ziel gesetzt, die anfallenden Lebensmittelabfälle in der gesamten Wertschöpfungskette – vom Feld bis auf den Teller – abbilden zu können. Bestehende Datenlücken bei der Landwirtschaft sowie auf Stufe der Konsumentinnen und Konsumenten halfen Forschende des Departements Life Sciences und Facility Management der ZHAW zu schliessen. Sie trugen einerseits bestehende Zahlen zur Landwirtschaft zusammen und erhoben andererseits Primärdaten zum Verhalten der Konsumenten. In der Studie zum Konsumentenverhalten hat Ragini Hüsch von der Fachstelle Umweltbiotechnologie der ZHAW in sechs Gemeinden jeweils zweimal Grüngutproben untersucht. Das Material – insgesamt rund fünf Tonnen Frischsubstanz – wurde nach der kommunalen Grüngutsammeltour bei einer Biogasanlage sortiert und analysiert. Hüsch hat ihr Vorgehen an die Schweizer Kehrichtsackstudie angelehnt, welche alle zehn Jahre den Inhalt der Abfallsäcke unter die Lupe nimmt. Unterstützt wurde sie dabei von Forschenden und Hilfskräften des Instituts für Ecopreneurship der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Man muss sich vorstellen, dass man einen Monat lang einkauft – diese Lebensmittel dann aber nicht essen darf, sondern wegwerfen muss.» Urs Baier Die Ergebnisse waren in vielerlei Hinsicht überraschend: Auf der Stufe der Konsumenten werden, in absoluten Zahlen, am meisten Lebensmittel weggeworfen. Professor Urs Baier, Leiter der Fachstelle Umweltbiotechnologie, macht die Dimensionen deutlich: «Man muss sich vorstellen, dass man einen Monat lang einkauft – diese Lebensmittel dann aber nicht essen darf, sondern wegwerfen muss.» Weiter zeigte die Studie, dass die Schweizerinnen und Schweizer nur ein Viertel der Lebensmittelabfälle übers Grüngut entsorgen, drei Viertel landen nach wie vor im Kehrichtsack. Ragini Hüsch und ihr Team wollten jedoch nicht nur wissen, was auf welche Art entsorgt wird, sondern auch, was im Grüngut vermeidbare oder unvermeidbare Abfälle sind. Als vermeidbar gilt alles, was hätte konsumiert werden können, zum Beispiel ganze Früchte, Nudeln oder Brot. Hüsch fand im Grüngut denn auch ganze Brotlaibe und Käsestücke sowie Früchte. Fleisch und Fisch wurden weniger entsorgt. Den Grossteil der Lebensmittelabfälle im Grüngut machten Rüstabfälle aus, die als unvermeidbar eingestuft wurden. Auffallend war auch, dass im Kehricht doppelt so viele vermeidbare Abfälle zu finden waren als im Grüngut. Die Landwirtschaftsstudie hat hingegen ergeben, dass auf dieser Stufe vergleichsweise wenig Abfälle entstehen. Dazu gehören Gemüse oder Obst, die den Marktvorgaben nicht genügen, oder Ernten, bei denen aus Gründen der Effizienz nicht zwischen verwertbaren und verdorbenen Lebensmitteln unterschieden wird. Urs Baier gibt zudem zu bedenken, dass die Landwirtschaft als erstes Glied in der gesamten Wertschöpfungskette aus energetischer Sicht viel weniger kritisch ist als Konsumenten: «Wenn der Bauer ein Rüebli wegwirft, kommt dieses direkt aus der Erde. Tut dies der Konsument, hat es schon Transportwege zurückgelegt und Verarbeitungsmaschinen passiert.» «Konsumenten müssen mehr Verantwortung übernehmen, damit weniger Lebensmittelabfälle entstehen.» Urs Baier Die Lebensmittelindustrie produziert ähnlich viel Abfall wie Konsumenten, dieser sei aber in den Produktionsprozessen oft unvermeidbar, so Baier. Denn die Produzenten stünden so stark unter Kostendruck, dass sie niemals leichtfertig für den Abfalleimer produzierten. Die grosse Frage, die sich aus den neuen Erkenntnissen ergibt, lautet: Wie kann das Verhalten der Konsumenten beeinflusst werden? Die Studienautoren sehen erste mögliche Ansätze. Damit erst gar nicht so viel Lebensmittel weggeworfen werden, müssten die Konsumenten mehr Verantwortung übernehmen, wie Urs Baier betont. Er ist überzeugt, dass Gastronomie und Detailhandel als Drehscheiben eine Vorbildfunktion wahrnehmen können. Sie können zur Lösung beitragen, indem sie Konsumenten zu mäs­sigem Konsum anregen und mit geschicktem Marketing die Produzenten in den Vordergrund rücken: «Den Käse von Heidi Schöchlin werfen wir nicht so leichtfertig weg wie irgendein Produkt ohne Identität», sagt er. «Die Menschen müssen sich bewusst werden, dass Grüngut, welches in einer Biogasanlage verwertet wird, einen grossen Mehrwert bringt.» Ragini Hüsch Ragini Hüsch sieht zudem Sensibilisierungsbedarf für die richtige Entsorgung und dafür, dass Grüngut dann zur wertvollen Ressource werden kann: «Die Menschen müssen sich bewusst werden, dass Grüngut, welches in einer Biogasanlage verwertet wird, einen grossen Mehrwert bringt. Wird es hingegen im Kehricht verbrannt, können die Nährstoffe daraus und das eigentliche Energiepotenzial nicht genutzt werden.» Die beiden ZHAW-Forschenden sind der Ansicht, dass sich bezüglich Food Waste in den nächsten Jahren viel bewegen wird. In der Industrie sind bereits Bestrebungen in Gang, bei der Herstellung punktuell anfallende Überbleibsel in andere Lebensmittel zu verarbeiten. «Wir glauben aber auch, dass die Gesamtmenge der Lebensmittelab­fälle zurückgehen und das Bewusstsein der Konsumenten für Food Waste steigen wird», sagt Baier. Um die tatsächlichen Entwicklungen in diesen Bereichen weiterhin verfolgen zu können, soll es auch künftig Studien geben, welche die Datenlage über die ganze Wertschöpfungskette hinweg laufend aktualisieren werden. • Clever einkaufen: Planen Sie Ihren Wochenbedarf und kaufen Sie nur das ein, was Sie benötigen. Besser kleine oder unverpackte Portionen anstelle von grossen Aktionspackungen. • Menü anpassen: Gestalten Sie den Menüplan nach den vorhandenen Lebensmitteln, die aufgebraucht werden müssen. Rezepte lassen sich anpassen. • Richtig portionieren: Kleinere Mengen kochen und schöpfen, damit nichts übrig bleibt, was im Abfall landet. • Reste verwerten: Bereits gekochte Lebensmittel wie Nudeln, Gemüse oder Saucen lassen sich in neue Menüs verwandeln. • Eigenen Sinnen trauen: Die Haltbarkeitsangaben auf den Verpackungen haben verschiedene Bedeutungen. Lediglich die Angabe «zu verbrauchen bis» bedeutet, dass ein Produkt nach Ablauf des Datums nicht mehr konsumiert werden sollte. Bei den übrigen Angaben riecht, sieht und schmeckt man, ob die Lebensmittel noch geniessbar sind. Optisch unpassendes und nicht normgerechtes Obst und Gemüse landen oft im Abfall. Eine Gruppe von Studierenden vom Departement Life Sciences und Facility Management der ZHAW hat reagiert. Die Studierenden retten nicht nur Gemüse vor dem sicheren «Tod», sondern wollen auch den Dialog zwischen Konsumenten, Grosshändlern, Bauern und Landwirten mit ihrem Verein Grassrooted ermöglichen. An der ZHAW wurde ein Planungs­tool entwickelt, welches die komplexe Frage nach der richtigen Einkaufsmenge beantwortet. «Prognosix Demand» ist ein Produkt, das am Institut für Angewandte Simulation (IAS) für den Handel entwickelt und mit einem Startup-Unternehmen in den Markt überführt wurde. Kern der Software sind zahlreiche Algorithmen, die Faktoren wie Wetter, Verkaufszahlen oder Aktionen einbeziehen. «Diese Daten helfen dem Planer, eine fundierte Entscheidung über seinen Einkauf zu fällen», sagt Professor Thomas Ott, der die neue Software an der ZHAW mitentwickelt hat. Die Algorithmen helfen laut eigenen Untersuchungen, die Prognosen von namhaften Beschaffungs-Systemanbietern um 30 Prozent zu verbessern. Das führt zu Kostensenkungen von bis zu fünf Prozent des Umsatzes. Ein Detailhändler mit einem Umsatz von einer Million Franken kann also durch die verbesserte Planung jedes Jahr 50'000 Franken einsparen, davon etwa die Hälfte durch die Reduktion von Lebensmittelabfällen. Anders als bei anderen Planungs­tools bleibt bei Prognosix der Mensch ein wichtiger Faktor: Nur das Zusammenspiel zwischen der menschlichen Intelligenz und Erfahrung sowie der Auswertung einer riesigen Datenmenge bringt optimale Ergebnisse, ist Thomas Ott überzeugt. Deshalb lässt sich das System immer wieder anpassen und lernt von den Erfahrungen in der Praxis. Rahel Lüönd

Damit Vegi aus der Exoten-Ecke rauskommt

«Wir wollen Wirkung erzielen», sagen Priska Baur und Jürg Minsch. «Darum haben wir ein Thema aufgegriffen, wo das Potenzial besteht, mit den Ergebnissen etwas auszulösen.» Die Agrarökonomin Baur und der Ökonom Minsch, auch privat ein Paar, leiten zusammen das Projekt «NOVANIMAL – Innovationen in der Ernährung» . Beide forschen und lehren am Institut für Umwelt und natürliche Ressourcen der ZHAW in Wädenswil. Offiziell wurde das Forschungsprojekt Ende 2018 abgeschlossen, die Auswertungsphase läuft aber noch. Es handelt sich um das grösste Projekt des Nationalen Forschungsprogramms NFP 69 («Gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion»), das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert wird. Bei NOVANIMAL geht es um die Frage, wie die negativen Auswirkungen der Produktion und des Konsums von tierischen Nahrungsmitteln reduziert werden können. Eine pflanzen­fokussierte Ernährung belastet die Umwelt weniger als eine mit viel Fleisch und vielen Milchprodukten. NOVANIMAL besteht aus zwölf Teilprojekten, sieben Institutionen sind beteiligt. «Wir haben möglichst viele Akteure integriert, von der Landwirtschaft über die Verarbeitung bis zum Essen im Restaurant», sagt Jürg Minsch. «Entlang der Nahrungsmittelversorgungsketten haben die Forscherinnen und Forscher nach Innovationen gesucht, welche die ökologischen Auswirkungen mindern.» An der ZHAW konzentrierten sich die Wissenschaftler auf den Konsum, und dort wiederum auf die Gastronomie. «Zwar gibt es viel Konsumforschung», sagt Priska Baur. «Aber die Gastronomie ist ein blinder Fleck, es existieren kaum Studien dazu.» Dies ist umso bedauerlicher, als die Ausserhausverpflegung wichtiger wird: Ein durchschnittlicher Schweizer Haushalt verwendet vierzig Prozent der Ernährungs-Ausgaben für Restaurant-, Kantinen- und Take-away-Besuche. Etwa die Hälfte der Hauptmahlzeiten und auch die Hälfte des Fleisches konsumieren wir auswärts, Tendenz steigend. Was braucht es, damit Konsumenten seltener fleischhaltiges Essen wählen? Die Forschenden haben dazu im Herbstsemester 2017 ein dreimonatiges Feldexperiment durchgeführt. In Zusammenarbeit mit dem ZHAW Facility Management und dem Gastronomieunternehmen SV Schweiz vergrösserten sie jeweils für eine Woche das vegetarische Angebot in den Mensen Grüental und Reidbach in Wädenswil. In diesen vegi-lastigen Wochen standen den Mensa-Besuchern je ein ovo-lakto-vegetarisches (Eier- und Milchprodukte sind erlaubt), ein veganes und ein fleischhaltiges Menü zur Auswahl. In den Kontrollwochen waren es hingegen wie üblich zwei Fleischmenüs und bloss ein vegetarisches. Die Wirkung war deutlich: In den vegi-lastigen Wochen ging der Anteil der Fleischmenüs von 60 auf 44 Prozent zurück. Die Zufriedenheit der Besucher nahm dabei nicht ab, wie umfassende Befragungen zeigten. Mehr noch: Es gab keine Reklamationen, ja viele schienen von dem Experiment gar nichts mitbekommen zu haben, obwohl sie per Mail und durch Hinweisschilder an den Kassen informiert worden waren. Der entscheidende Trick hinter dem Erfolg war, die fleischlosen Menüs erstens nicht als «vegetarisch» oder «vegan» anzupreisen – und sie zweitens abwechslungsweise auf allen drei Menülinien anzubieten, auch auf der teuersten. Gibt es nämlich eine Vegi-Linie oder steht über einem Essen «vegan», so schreckt das viele ab. Die ZHAW-Wissenschaftler haben bewusst auf eine explizite Kennzeichnung verzichtet und die pflanzlichen Menüs so für die breite Gästeschar zugänglicher gemacht. «Es gab sogar die lus­tige Situation, dass Befragte angaben, nie vegan zu essen, obwohl sie soeben ein veganes Menü gewählt hatten», sagt Priska Baur. Man darf also vermuten, dass zahlreiche Gäste fleischlos assen, weil es ein Angebot gab, das sie ansprach – und nicht etwa, weil sie Vegetarier wären. Man wolle aus den Menschen keine Vegetarier machen, das funktioniere sowieso nicht und dürfe in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft auch nicht sein, sagen die Forscher. Ziel sei vielmehr, den Fleischverzehr auf lustvolle Weise zu reduzieren, ohne die Souveränität der Konsumenten bei der Essenswahl einzuschränken. Das ist aber schwierig, solange vegetarisches und vor allem veganes Essen als Teil des Lebensstils einer exotischen Minderheit wahrgenommen wird. Die in Wädenswil erprobten Veränderungen könnten helfen, vegetarisches Essen von seinem ideologischen Ballast zu befreien und zu einem Teil des Alltags werden zu ­lassen. Befragungen und die Analyse von Lehrmitteln im Rahmen von NOVANIMAL haben gezeigt, dass viele Köche die Nachfrage nach vegetarischem Essen unterschätzen. «Fleisch ist die Regel – Vegetarisches gilt bei vielen als ungeeignet für normale Gäste. Das hindert sie daran, es vermehrt und vor allem in besserer Qualität anzubieten», sagt Priska Baur. Die Forscher schlagen vor, dem vegetarischen Essen in der Koch-Ausbildung mehr Raum zu geben und die Umweltauswirkungen unseres Fleischkonsums vertieft zu thematisieren. Auch eine breitere Behandlung der Tierhaltung könnte die Köche motivieren, sich vermehrt mit vegetarischen Gerichten auseinanderzusetzen. Die Befragungen haben auch ergeben, dass viele Köche die Nachfrage nach vegetarischen und veganen Gerichten als Störung empfinden: Ihre Zubereitung ist oft aufwendiger und erfordert spezifisches Know-how. Als Gegenstrategie empfehlen die Forscher eine vermehrte Spezialisierung in der Küche. «Wir schlagen vor, eine Lehre für Vegiköche einzuführen oder zumindest eine entsprechende Spezialisierung innerhalb der bestehenden Kochlehre anzubieten», sagt Priska Baur. «So eine Lehre würde vermehrt auch für die Vegi-Küche besonders motivierte Menschen ansprechen.» Heute stehen in vielen Gastronomiebetrieben Männer am Herd. Sie kochen, so die pointierte Hypothese der ZHAW-Forschenden, für ihresgleichen – also Fleisch. Denn Männer wählen häufiger Fleisch als Frauen (vgl. Abbildung). Eine spezifische Lehre könnte auch dazu beitragen, das Vegi-Angebot zu vergrössern und attraktiver zu machen. «Damit auch Fleisch­esser Vegi-Gerichte wählen, müssen diese mit der klassischen Fleischküche mithalten können», sagen Priska Baur und Jürg Minsch. Denn das hat das Feldexperiment auch gezeigt: Nicht nur die Vegetarier sind in der Minderheit, sondern auch diejenigen, die immer Fleisch wählen. Die Forschenden folgern daraus, dass die meisten Gäste offen sind, häufiger vegetarisch zu essen, wenn die Qualität stimmt. Tipps für Gastronomiebetriebe, die den Vegi-Anteil am Absatz erhöhen möchten: • grösseres und attraktiveres Vegi-Angebot, nicht bloss ein Pasta-Gericht • appetitmachende Beschreibungen • Vegi-Gerichte nicht als «vegetarisch» oder «vegan» anpreisen • Keine Unterteilung der Speisekarten in «Fleisch»-, «Fisch»- und «Vegi»-Sektionen, kein spezifisches Vegi-Menü • Vegetarische und vegane Gerichte über die gesamte Speisekarte respektive über alle Menü-Linien verteilen • Vegi-Kompetenz in der Küche gezielt ausbauen Mathias Plüss

«Wir können gemeinsam am aktuellen Tun lernen»

Frau Blosser, Jugendliche sind apolitisch, engagieren sich für nichts, hiess es lange Zeit. Und jetzt diese grossen Schülerdemos angesichts des Klimawandels und Ressourcenverbrauchs. Wie kommt das? Ursula Blosser: Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Grundsätzlich leben Jugendliche auch heute in sehr unterschiedlichen Verhältnissen. Vor allem jene aus der Mittel- und Oberschicht haben oft grosse Chancen, gefördert und unterstützt zu werden. Gleichzeitig sehen sie in ihrem Umfeld, dass Lebensläufe, Arbeitskarrieren und -situationen unsicher und brüchig sein können. Das Vertrauen in traditionelles politisches Handeln ist eher einer Skepsis gewichen, ob es den Exponentinnen und Exponenten wirklich um Lösungen für anstehende Probleme geht. Zudem möchte die jüngere Generation ihre Interessen in die von älteren Semestern dominierte Politik einbringen. «Die jüngere Generation will ihre Interessen in die von älteren Semestern dominierte Politik einbringen.» Böse Zungen behaupten, sie wollten nur die Schule schwänzen. Darauf würde ich nichts geben. Heutige Jugendliche sind sehr sensibel für das, was ihr Leben und ihre Zukunft positiv beeinflussen oder gefährden könnte. In den Diskussionen um Nachhaltigkeit kommt der Wille zum Ausdruck, persönliches Verhalten und gesellschaftliche Ziele ernsthaft aufeinander abzustimmen. Diese jungen Menschen haben den Mut, sich eine Stimme zu verschaffen und Verantwortung beziehungsweise konkretes Handeln einzufordern. Der Diskurs über den Klimawandel betrifft alle und bietet eine Chance, aus dem Alltag auszubrechen und ein Zeichen zu setzen in Bezug auf einen Ausgleich über Generationen und Ländergrenzen hinweg. Sieht Solidarität heute anders aus? Ein Teil der Jugendlichen erfährt Solidarität und Unterstützung im engeren Umfeld. Sie haben oft ein Recht auf Wohlbefinden erfahren und verinnerlicht. Das möchten sie sich bewahren. Die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel zeigen Brüche in unserer Gesellschaft. Insofern ist das Bewahren unserer Natur ein Thema geworden, bei dem sich ganz viele Anliegen in die Waagschale werfen lassen. «Neben dem Eingreifen bei bestehenden Schieflagen ist es aber ein Kerngeschäft der Sozialen Arbeit, Handlungsspielräume zu eröffnen und Ressourcen zugänglich zu machen.» An welche denken Sie da? Wahrnehmen von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Fragen um Gewinnmaximierung oder -verteilung, Einsicht, dass es auch Verzicht braucht, oder kongruentes persönliches Verhalten. Es kann durchaus eine heutige Form der Solidarität sein, sich damit zu beschäftigen. Der Umbau hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft ist eine der grossen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Wie nimmt die ZHAW Soziale Arbeit ihre Verantwortung wahr? Unsere Forschenden untersuchen Voraussetzungen, Wirkungen und Zusammenhänge des beruflichen Handelns im Sozialbereich. Sie fördern mit ihren Erkenntnissen, die sie mit Vertreterinnen und Vertretern aus Praxis und Politik oder unter Einbezug von Adressatinnen und Adressaten erörtern oder erarbeiten, soziale Nachhaltigkeit. Was heisst das konkret? Wenn der Übergang aus der Kinder- und Jugendhilfe in das Erwachsenenalter erforscht wird, zeigt sich, was zum Gelingen beiträgt und welches mögliche Stolpersteine sind. Daraus lassen sich passende Anschlusslösungen ableiten. Auch bei der Diskussion um die Anwendung standardisierter Modelle im Kindesschutz können Erkenntnisse aus unserer Forschung nicht nur zur Versachlichung beitragen, sondern auch zeigen, wo diese Modelle positiv eingesetzt werden können und wo die Grenzen liegen. Nicht zuletzt zeigen Forschungsprojekte, wie die Zusammenarbeit mit Angehörigen Strafgefangener positive Auswirkungen auf die Resozialisierung hat. Sind Sozialarbeitende mehr als die Reparateure in einer modernen Gesellschaft, die durch Egoismus geprägt ist? Es gibt in jeder Gesellschaftsform Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen schwertun oder die eher am Rande stehen. Dass sich ausgebildete Fachleute ihrer annehmen, ist für die aufgeklärte, kohäsive Gesellschaft notwendig. Neben dem Eingreifen bei bestehenden Schieflagen ist es aber ein Kerngeschäft der Sozialen Arbeit, Handlungsspielräume zu eröffnen und Ressourcen zugänglich zu machen – etwa im Sinne von Präventionsarbeit, wie sie gerade im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe geleistet wird. Nicht immer wird Hilfe gutgeheissen. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden spüren heftigen Gegenwind. Natürlich gibt es in diesem Metier auch Gegenwind: Menschen, die in den KESB oder in der Sozialhilfe arbeiten und von politischen Exponentinnen und Exponenten oft bar von Faktenwissen und Respekt desavouiert werden, haben meine grosse Hochachtung. Sozial Arbeitende müssen die Situation, in der sie arbeiten, möglichst differenziert erfassen – und das ist schwer genug. Und manchmal braucht es auch die Fähigkeit, einstecken zu können oder auszuhalten, dass es nicht immer so geht, wie man es sich für Klientinnen und Klienten und die Gesellschaft wünscht. «Die Beteiligung von Klienten macht die Soziale Arbeit verbindlicher und näher an der Realität der Klienten.» Macht Klientenbeteiligung die Arbeit von Organisationen besser? Zu dieser Frage hatten wir im Departement kürzlich eine Abendveranstaltung mit interessierten Fachleuten. Da wurde deutlich: Die Beteiligung von Klientinnen und Klienten macht die Soziale Arbeit verbindlicher und näher an der Realität der Klientinnen und Klienten. Diese haben zum Beispiel im stationären Bereich eine hohe Bereitschaft, Konflikte untereinander auszutragen und das nicht den Sozialarbeitenden zu überlassen. Zum anderen macht Klientenbeteiligung Sozialarbeitende ehrlicher und zugänglicher für die eigene Verletzlichkeit. Oft fehlt es im Sozialbereich an Ressourcen – finanzielle, personelle oder zeitliche. Was sind die Folgen? Wer Weiterentwicklung haben will, muss Mittel gezielt einsetzen. Mir scheint es wichtig, dass wir uns in der Sozialen Arbeit darüber im Klaren sind, nach welchen Werten wir handeln wollen. Das gilt natürlich auch für die ganze Gesellschaft. Wenn alles Medizinische dafür getan wird, dass Menschen sehr alt werden können, und dann stellt man ihnen im hohen Alter aber für Betreuung – etwa für langsames Essen und Waschen, Gespräche, Zuwendung – keine finanziellen Mittel zur Verfügung, ist das doch unverständlich. Ebenso, wenn man beispielsweise bei Jugendlichen wartet, bis eine gesetzliche Massnahme die Finanzierung regelt, statt dass man rechtzeitig auf freiwilliger Basis staatliche Unterstützung bietet. So etwas ist einerseits menschenunwürdig und kann andererseits schwerwiegende Konsequenzen sowie unerwünschte Folgekosten haben. Was könnte erreicht werden, wenn man Ressourcen gezielt einsetzen könnte? Ressourcen kann und sollte man immer gezielt einsetzen. Wenn die Mittel knapp sind, erst recht. Soziale Arbeit tut gut daran, zu zeigen, wo sie ganz grundlegende Beiträge zu einer kohäsiven Gesellschaft leistet. Denn das ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Funktionieren unserer Wirtschaft – wie die Entwicklungen in anderen Ländern zeigen – sehr wichtig. Wir befassen uns im Departement darum mit Fragen zu Wirkung und Effektivität. Ihre Beantwortung setzt eine breite und ernsthafte Auseinandersetzung voraus, die Zeit benötigt. Da kann man nicht mal eben schnell an einer Schraube drehen und alles wird besser. Im Herbst startet die ZHAW mit einem eigenen Masterstudiengang in Sozialer Arbeit. Weshalb? Die Verschränkung von Lehre, Forschung und Entwicklung sowie Praxis ist gerade auf der Masterstufe für Lehrende und Studierende zentral. Dies zu realisieren, gelingt am besten mit Themen, zu denen wir selbst vielfältig forschen. So können wir zusammen mit Studierenden und Praxisorganisationen Entwicklungen verfolgen und Lösungen erarbeiten. Und wir können flexibler auf aktuelle Themen eingehen und diese in die Ausbildung integrieren. Wir können also gemeinsam auch mit anderen Departementen an der ZHAW am aktuellen Tun lernen, und das ist der Kern einer anwendungsorientierten Fachhochschule. «Übergänge im Lebenslauf sind grundsätzlich Momente, die immer mit Chancen und Risiken behaftet sind.» Weshalb wurde der Fokus «Transitionen und Interventionen» gewählt? Mit Transitionen meinen wir alles, was gesellschaftlicher Wandel mit sich bringt: Veränderungen in Institutionen, beruflich-fachliche Entwicklungen sowie Übergänge in der Biografie zum Beispiel vom Jugend- ins Erwachsenenalter, vom eigenen Zuhause in eine Einrichtung für Betagte. Übergänge im Lebenslauf sind grundsätzlich Momente, die immer mit Chancen und Risiken behaftet sind. Es lohnt sich, diese Momente zu verstehen und da gezielt wirksam zu werden. Dies gilt auch für gesellschaftliche Veränderungen und Wandlungsprozesse: Soziale Arbeit stellt sich die Frage, wo sie wie mit welchen Massnahmen rechtlicher, ökonomischer, sozialer oder pädagogischer Art intervenieren soll und wo nicht. Sie sind schon sehr lange in der Sozialen Arbeit aktiv. Wie hat sich die Profession verändert? Die Aufnahme der Sozialen Arbeit in die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften im Mai 2013 ist ein Erfolg in der über hundertjährigen Geschichte der Verfachlichung sozialer Themen in der Schweiz. Forschung in unterschiedlichen Themenbereichen der Sozialen Arbeit wird in hohem Mass von Fachhochschulen geleistet. Sie hat zum Verständnis und zur Bearbeitung von sozialpolitischen und gesellschaftlichen Fragestellungen wie auch zum vertieften Verständnis über Wirkungen von Interventionen und damit auch zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit beigetragen. Soziale Arbeit begründet ihre Arbeit vermehrt fachlich, theoretisch und methodisch. Damit verschränkt sich die Professions- mit der Disziplinentwicklung, und das bringt auch die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit weiter. Sie gehen im Mai in Pension. Worauf sind Sie stolz hinsichtlich der Entwicklungen am Departement? Wir haben am Departement gezielt Forschung gefördert, dies auf der Basis einer geschärften inhaltlichen Strategie. In der Folge haben wir das Departement organisatorisch umgestellt und Zentren und Institute gebildet. Damit haben wir die fachliche Profilierung, die Verbindung von Lehre und Forschung und die Zusammenarbeit mit der Praxis auf ein breites fachliches Fundament gestellt. Dass wir ab Herbst eine eigene Masterstufe anbieten, unterstützt eine anwendungsorientierte und wissensbasierte Ausbildung, und das ist ja ein zentraler Auftrag von Fachhochschulen. Damit haben wir eine gute Basis geschaffen, um die Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit weiterzuentwickeln – auch in der Zusammenarbeit mit anderen Expertinnen und Experten der Sozialen Arbeit und mit anderen Disziplinen. Wie aktivieren Sie Ihre eigenen Ressourcen jetzt neu? Ich hatte das Glück, dass mir mein Berufsleben viele Gestaltungsmöglichkeiten bot. Und die habe ich auch genutzt – immer zusammen mit vielen anderen Menschen. Einen Berufsweg geht man ja nie allein. Insofern bin ich sehr zufrieden. Während dieser Zeit wusste ich immer, was wann wieder auf der Agenda stand, und kaum war die eine Herausforderung vorbei, kam wieder eine neue. Nun lasse ich mich auf das Experiment ein, zu sehen, was ist, wenn das wegfällt. Ich freue mich darauf, den vielen schönen und bereichernden Erfahrungen und Momenten, die das Leben sonst noch mit sich bringt, mehr Raum geben zu können. Ich glaube, ich habe einen offenen Zugang zu meinen Ressourcen und eine gewisse Resilienz – und die werden ja nicht pensioniert ... Ursula Blosser ist seit knapp zwölf Jahren Direktorin des ZHAW-Departements Soziale Arbeit und stellvertretende Rektorin. Viele Jahre war sie Ressortleiterin «Internationales» der gesamten ZHAW. Bevor sie an die Hochschule wechselte, agierte sie u.a. als Rektorin der Hochschule für Soziale Arbeit und als Leiterin des Amts für Soziales des Kantons St. Gallen. In den 90er Jahren führte sie eine eigene Unternehmens- und Organisationsberatungsfirma mit Schwerpunkten im Sozial-, Bildungs- und Umweltbereich. Ihre Dissertation widmete die Historikerin dem Thema «Töchter der Guten Gesellschaft. Frauenrolle und Mädchenerziehung im schweizerischen Grossbürgertum um 1900». Im Mai geht Ursula Blosser in Pension. Interview Patricia Faller

«Meine Methode ist unerbittliche Neugier»

Er ist ein Problemlöser par excellence. Mit Herz und Verstand analysiert er komplexe Situationen und sucht ganzheitliche Lösungen – Christian Liesen , seit 2017 am Institut für Sozialmanagement (ISM) am ZHAW-Departement Soziale Arbeit tätig. Dieses noch junge Institut beschäftigt sich mit Organisationen im Gesundheits-, Bildungs-, und Sozialbereich. «Es geht darum, mit diesen Organisationen die Herausforderungen im Handlungsfeld anzugehen, ob Rentabilität, Arbeitsorganisation oder Professionalität. Um Perspektive reinzubringen, sind wir transdisziplinär aufgestellt. Unsere Mitarbeitenden kommen aus der Sozialen Arbeit, Pädagogik, Politologie, Psychologie und Betriebswirtschaft», erklärt Liesen, der von Haus aus Sonderpädagoge ist, aber schon seit Jahren systemische Fragen im Sozialwesen erforscht. «Ohne die Sicht auf das grosse Ganze sehen viele Beteiligte nur die kurzfristigen Kosten und gehen in Abwehrhaltung. » Feuer und Flamme ist er für Beratungsmandate. Auftraggeber kommen auf das ISM zu, wenn zum Beispiel die Finanzen nicht stimmen. So hatte etwa die Stadt Winterthur 2013 ein Konzept eingeführt, mit dem die Kosten für sonderpädagogische Massnahmen an Schulen gesenkt werden sollten. Doch danach setzte sich der Kostenanstieg unvermindert fort. Das ISM evaluierte die Situation und erarbeitete einen Vorschlag, wie sich die Stadt organisieren müsste, um die Kosten unter Kontrolle zu bekommen. Das von der Stadt erarbeitete Konzept habe zwar auf einer guten Grundidee beruht, jedoch wichtige Verflechtungen nicht berücksichtigt. Dazu Liesen: «So etwas passiert. Es braucht Aussenstehende, um die blinden Flecken auszuleuchten.» Mittlerweile habe die Stadt ein eigenes neues System entwickelt, von dem Liesen sehr überzeugt ist. «Das ist der Idealfall: Kunden zuzuarbeiten, damit sie sich selbst besser organisieren können.» Manchmal geht es aber auch nicht darum, die Kohlen aus dem Feuer zu holen, sondern gesetzliche Bestimmungen mitzuprägen. So sollte etwa im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) evaluiert werden, ob intensive Interventionsmethoden bei frühkindlichem Autismus wirksam sind. In einem Pilotprojekt werden betroffene Kinder mit einer in der Schweiz noch nicht anerkannten Methode behandelt. Sollte sie sich bewähren, würden die Kosten dafür künftig von der öffentlichen Hand übernommen. Das ISM und die weiteren Forschungspartner kamen zum Schluss, dass die Methode wirksam ist. Darauf entwickelten sie einen Vorschlag für ein Kosten- und ein Wirkungsmodell. Weil davon sowohl die IV als auch die Schulen betroffen sind, musste nicht nur das BSV, sondern auch die Kantone überzeugt werden. Dazu musste das Team von Liesen die Tragweite der Therapie deutlich machen. «Ohne die Sicht auf das grosse Ganze sehen viele Beteiligte nur die kurzfristigen Kosten und gehen in Abwehrhaltung. Wir haben deshalb aufgezeigt, wie sich eine frühe Investition in späteren Jahren auszahlt.» Das Pilotprojekt wurde daraufhin verlängert, eine definitive Entscheidung, ob die Therapie anerkannt wird, steht noch aus. «Wenn es bei einer Lösung keinen Zielkonflikt zu geben scheint, sollte man misstrauisch werden.» So unterschiedlich solche Mandate von aussen scheinen – der Problemlösung liegt immer dasselbe Muster zugrunde. «Bei Ressourcen gibt es immer Zielkonflikte. Diese gilt es zu eruieren und bewusst zu gestalten. Wenn es bei einer Lösung keinen Zielkonflikt zu geben scheint, sollte man misstrauisch werden», meint Liesen. Eine Organisation sollte sich darauf besinnen, wofür sie steht, und ihre Mittel so einsetzen, dass ihre Klientinnen und Klienten den grösstmöglichen Nutzen haben. Denn gerade im Sozialbereich sei die Gefahr gross, dass eine Organisation sich mehr auf ihre wirtschaftlichen Indikatoren konzentriere als auf die Bedürfnisse ihrer Klienten – weil diese einfacher zu steuern sind. «Man kühlt das Fieberthermometer, statt das Fieber zu senken», sagt Liesen schmunzelnd. Das ISM analysiert deshalb zusammen mit seinen Auftraggebern, wo der Schuh drückt, und erarbeitet weitsichtige Lösungsvorschläge. Dabei sei die transdisziplinäre Zusammensetzung des Projektteams der Schlüssel zum Erfolg. «Es ist schlichtweg nicht möglich, dass eine oder zwei Personen ein komplexes Anliegen von allen Seiten richtig durchdenken. Breit gefächertes Know-how ist gefragt.» «Ich will verstehen, was mein Gegenüber sagt, aber auch die noch unformulierten Spielräume aufstöbern.» Die Auseinandersetzung mit allen Beteiligten erfordere zudem Sensibilität und Sozialkompetenz. «Was mir dabei hilft, ist meine unerbittliche Neugier», sagt Liesen. «Ich will verstehen, was mein Gegenüber sagt, aber auch die noch unformulierten Spielräume aufstöbern.» Die Kooperation sei meist sehr gut, weil die Beteiligten merken, dass er ein ehrliches Interesse daran hat, eine ganzheitliche Lösung zu finden. Dass er seine Arbeit liebt, hört man aus seinen Erzählungen heraus. Und er bestätigt: «Ich kann mir keinen besseren Job vorstellen. Zu wissen, dass ich mit meiner Arbeit, wenn sie gelingt, das Leben von Menschen massgeblich verbessern kann, motiviert mich ungemein.» Sara Blaser

Mitsprache, nicht nur Gratisäpfel

Ohne Computer und Internet aufgewachsen, tun sich heute 70- oder 80-Jährige häufig schwer mit den digitalen Technologien, sofern sie sich nicht im Beruf mit ihnen vertraut machen mussten. Weil aber fast alles übers Internet läuft – von Fahrplan-Abfrage über Telefonbuch bis zu Bankgeschäft –, sind nicht wenige ältere Menschen zunehmend von wichtigen Funktionen ausgeschlossen. Hier setzt das Projekt von Tatjana Drescher an. Im Rahmen ihres Praktikums bei der Pro Senectute Zug hat die Studentin im Bachelor Gesundheitsförderung und Prävention einen Tablet-Treff für Seniorinnen und Senioren in Steinhausen aufgegleist. Über die Nachbarschaftshilfe und Vereine hat sie Personen gefunden, die ihre Erfahrungen mit dem Computer ­ehrenamtlich weitergeben. «Heute setzt man auf Selbstbestimmung, Empowerment und Partizipation.» Irene Abderhalden Beim ersten Treffen im Januar seien über 25 Interessierte erschienen, freut sich Drescher. «Die Menschen erfahren, dass sie auch im Alter noch fähig sind, Neues zu lernen.» Zudem soll das Angebot helfen, die Isolation und Einsamkeit älterer Menschen zu reduzieren. Es sei erwiesen, dass Einsamkeit krank macht – sowohl psychisch als auch körperlich, führt die Studentin aus. Neben der Anleitung zu mobilen Computern erhalten die Teilnehmenden am Treffpunkt stets auch Gelegenheit, sich über andere Dinge auszutauschen. Vom Projekt profitieren gleichzeitig die freiwilligen Instruktoren. Die meisten von ihnen seien ebenfalls bereits älteren Jahrgangs. «Sich aktiv und kompetent zu erleben, unterstützt das Selbstwertgefühl», sagt Drescher. Das Stärken der Ressourcen ist einer der wichtigsten Ansatzpunkte in der Gesundheitsförderung. Während man sich früher hauptsächlich auf Krankheitsrisiken konzentrierte, versucht man heute, die gesunden Anteile zu unterstützen und erhalten. Der grundsätzliche Perspektivenwechsel basiert auf der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, welche die WHO 1986 publiziert hat. «Statt dass Expertinnen und Experten die Menschen von oben herab zu erziehen versuchen, setzt man auf Selbstbestimmung, Empowerment und Partizipation», erklärt ZHAW-Dozentin Irene Abderhalden. Häufig komme das Peer-to-Peer-Konzept zum Zug, bei dem Personen aus der gleichen Zielgruppe als Multiplikatoren dienen. Ein Beispiel für diese Herangehensweise ist etwa das Projekt Femmes-Tische, wo eine andere ZHAW-Studentin Einblick erhält. In verschiedenen Schweizer Städten tauschen sich Migrantinnen in ihrer Muttersprache über die Normen und Umgangsformen in der Schweiz, Kindererziehung oder Gesundheits- und Familienthemen aus und geben untereinander ihre Erfahrungen weiter. Geschulte Fachleute treten dabei eher zurückhaltend als Moderatorinnen auf. «Ein Kind aus einer suchtbelasteten Familie hat ein sechsmal höheres Risiko, selbst eine Suchtproblematik zu entwickeln.» Irene Abderhalden Eines der wichtigsten Handlungsfelder für Prävention und Gesundheitsförderung ist die Schule. Natürlich kläre man die Kinder und Jugendlichen nach wie vor über Gefahren wie Komatrinken oder sexuell übertragbare Krankheiten auf, betont Irene Abderhalden. «Das Thematisieren von Risiken und das Weitergeben von Fachwissen sind keineswegs überholt.» Doch gleichermassen wichtig sei es, Selbst- und Sozialkompetenzen zu fördern. Kinder sollten zum Beispiel lernen, mit ihren Gefühlen konstruktiv umzugehen, Konflikte zu bewältigen, und sich an Entscheidungsprozessen beteiligen können. Gute Übungsfelder dafür seien Gefässe für die Partizipation wie etwa ein Klassen- oder Schülerrat. Zudem versuche man, das System Schule an sich gesünder zu gestalten, erklärt die Sozialwissenschaftlerin: Wenn Lehrpersonen weniger gestresst sind, fühlen sich auch die Kinder wohler. Dasselbe Prinzip gelte im betrieblichen Gesundheitsmanagement: Häufig seien es Faktoren wie fehlende Möglichkeiten zur Mitwirkung und unklare Rollen, die zu Burnout führten. «Man muss die ganze Betriebskultur anschauen und nicht nur Gratis­äpfel austeilen.» Gesundheitsförderung habe stets auch eine gesamtgesellschaftliche und somit eine politische Dimension, betont Abderhalden. Es gehe darum, die Chancengleichheit in verschiedenen Bereichen zu verbessern – etwa für alte Menschen, bildungsferne Schichten oder gefährdete Familien. «Ein Kind aus einer suchtbelasteten Familie hat ein sechsmal höheres Risiko, selbst eine Suchtproblematik zu entwickeln», führt sie als Beispiel an. «Es haben eben nicht alle die gleichen Startbedingungen.» Deshalb greife es zu kurz, an die Eigenverantwortung des Einzelnen zu appellieren. «Das Schlagwort der Bevormundung im Zusammenhang mit Prävention wird häufig politisch missbraucht. Unter diesem Deckmantel geht es nicht selten ums Sparen.» Einen ganzheitlichen und ressourcenorientierten Ansatz pflegt der Verein Akzent in Luzern, der sich in der Suchtprävention engagiert. Dort ist die ZHAW-Studentin Esther Helfenstein im Praktikum. Die Fachleute arbeiten nicht direkt mit den Zielgruppen, sondern mit Schlüsselpersonen wie etwa Berufsbildnern oder Lehrpersonen. «Vermutet ein Berufsbildner, dass ein Lehrling kifft, ist es wichtig, dies mit Fingerspitzengefühl anzusprechen», so Helfenstein. Das Fördern von Schutzfaktoren, etwa durch Wertschätzung und Anerkennung, spiele eine zentrale Rolle in der Frühintervention. Zudem sollten Risiko­faktoren wie Über- oder Unterforderung reduziert werden. Besonders gefährdet seien Lernende in Berufen mit unregelmässigen Arbeitszeiten. Wenn etwa eine angehende Bäckerin wegen Nachtschichten den Kontakt zu Gleichaltrigen verliere, bestehe die Gefahr, dass sie einen problematischen Internet- oder Drogenkonsum entwickele. Berufsbildner sollten solche Schwierigkeiten thematisieren und mit den Jugendlichen über gesunde Strategien sprechen. Ihr Rat: «Natürlich müssen sie Klartext reden, was im Betrieb geht und was nicht. Gleichzeitig sollten sie den Jugendlichen Unterstützung anbieten. Die meisten sind froh darüber.» Andrea Söldi

Pro Treppenstufe zwölf Kilo CO2 gespart

Eine reale Bauaufgabe war der Ausgangspunkt im Frühlingssemester 2018 im Mas­ter­­studio des Instituts Konstruktives Entwerfen IKE. Dabei ging es um die Halle 118 am Lagerplatz in Winterthur. Der Stahlbau mit Backstein- bzw. Fensteraus­fachungen ist der letzte Zeitzeuge auf diesem wichtigen Teil des Sulzer­areals, der noch nicht vollständig umgebaut worden ist. Nun soll der westlich angebaute Kopfbau saniert und aufgestockt werden. Derzeit wird die ehemalige Sulzer-Modellschreinerei als Lager genutzt. Der Gestaltungsplan für den Lagerplatz lässt beachtliche 25 Meter Höhe zu, das ist mehr als doppelt so hoch wie die heutige Halle. Doch einzigartig ist eine andere, völlig ungewöhnliche Vorgabe: Für die Aufstockung sind ausschliesslich wiederverwertete Bauteile erwünscht, die aus Abbruchliegenschaften stammen. Hier, bei der Halle 118, sollen sie nochmals eingesetzt werden. Beim Raumprogramm ist der Bauherr, die Pensionskasse Stiftung Abendrot, recht offen. Flexible Arbeits- und Wohnformen lautet die Vorgabe. Die Studierenden bearbeiten die Bauauf­gabe parallel zum Architekturbüro in situ, das mit der Umsetzung beauftragt worden ist. In situ ist auf solche Fragen spezialisiert, Geschäftsleitungsmitglied Barbara Buser gehörte vor über zwanzig Jahren auch zu den Mitbegründerinnen der Bauteilebörse Basel. Die sechs Studentinnen und vierzehn Studenten des Masterstudios seien erst mal «tatkräftig auf Spurensuche gegangen», erzählt IKE-Co-Leiter Andreas Sonderegger. Schauplatz war das Zürcher Industriequartier. Dort wurde der Bürokomplex Orion abgebrochen, in dem auch das bekannte Restaurant Westend untergebracht war. Die erst 30-jährigen Geschäftshäuser entpuppten sich als wahre Fundgrube für Bauteile, die ein zweites Leben verdienen. Zuerst abschätzen, was man brauchen kann, dann ausmessen und schliesslich Hand anlegen. Mit sanfter, aber gezielter Gewalt entwand der studentische Trupp den Gebäuden Fenster, Bürotrennwände, Radiatoren, Lavabos, Fassadenelemente, Geländer und vieles mehr. Das Baubüro in situ hatte weitere geeignete Abbruchliegenschaften identifiziert, darunter die ehemalige Druckerei Ziegler in Winterthur oder die Coop-Verteilzentrale in Pratteln BL. Von der Deckenleuchte bis zum Stahlträger erhielt jedes sichergestellte Stück einen Beschrieb im Bauteilekatalog, der als Basis für das Projekt Halle 118 dient, mitsamt der Angabe, wie viel graue Energie in Form von CO₂ darin steckt. Bei Aluminium oder Stahl ist das viel, weil der Schmelzprozess sehr energieaufwendig ist, bei Gipswänden ist es vergleichsweise wenig. Dann erst kam das Teil in ein Zwischen­lager. Ungewohnt war für die Masterstudenten vor allem eins: Die planerische Arbeit wurde komplett auf den Kopf gestellt. «Meist ist zuerst die Idee, der Entwurf», sagt Martin Deuber. Man zeichnet, erarbeitet das grosse Ganze. Dann erst kommt man zum Kleinen, sprich zur Auswahl der benötigten Materialien im Katalog und zur Bestellung mit den erforderlichen Massen. «Bei diesem Projekt lief es genau umgekehrt – zuerst war das Bauteil, dann erst war der Entwurf möglich», so Deuber. Das macht die Sache zwar komplexer, hat aber auch Vorteile. Die Abbruchbauten bieten Inspiration. «Du siehst ein interessantes Bauteil und überlegst dir, wie es sich wohl einbauen liesse», beschreibt Selina Putzi den Vorgang. Zum Beispiel die Türen eines Warenlifts. Sie sorgen nun mit ihren kleinen, runden Bullaugenfenstern im «Wohnsilo», wie Putzis Entwurf heisst, für einen magischen Moment zwischen Vorzimmer und Atrium. Und einfach­verglaste Fenster, die wegen ihrer schlechten Isolationswirkung als Fassadenfenster undenkbar sind, setzt sie im Innern als Raumteiler ein. Marc Zahn wiederum verguckte sich in simple feuerverzinkte Kabeltrassen, die sich mit ihren gestanzten Löchern und Schlitzen kilometerweise durch Industriebauten winden. Der Clou an seiner Umsetzung ist eine Zweckentfremdung. Zahn nutzt die Kabeltrassen an der Fassade als passiven Sonnenschutz, indem er sie zum Brise soleil umfunktioniert – eine so einfache wie gestalterisch pfiffige Lösung. «Bauteilrecycling kann als Bricolage enden, als Gebastel, oder es kann zu einer kunstvollen Collage-Technik werden, die uns anregt, über architektonische Werte nachzudenken.» Astrid Staufer Um solche Entdeckungen und Auseinandersetzungen mit Referenzpunkten der Baugeschichte geht es Astrid Staufer, die zusammen mit Andreas Sonderegger das Institut Konstruktives Entwerfen leitet. «Bauteilrecycling kann als Bricolage enden, als Gebastel», sagt sie, «oder es kann zu einer kunstvollen Collage-Technik werden, die uns anregt, über architektonische Werte nachzudenken.» Tatsächlich bieten die 15 studentischen Projekte viele spannende, oft überzeugende Lösungen – nebst all der eingesparten grauen Energie. Um solche Entdeckungen und Auseinandersetzungen mit Referenzpunkten der Baugeschichte geht es Astrid Staufer, die zusammen mit Andreas Sonderegger das Institut Konstruktives Entwerfen leitet. «Bauteilrecycling kann als Bricolage enden, als Gebastel», sagt sie, «oder es kann zu einer kunstvollen Collage-Technik werden, die uns anregt, über architektonische Werte nachzudenken.» Tatsächlich bieten die 15 studentischen Projekte viele spannende, oft überzeugende Lösungen – nebst all der eingesparten grauen Energie. Wer in den Bauteilekatalog mit seinen Fundstücken schaut, gerät ins Staunen. Im «Fens­ter ­Schmidlin-TSK» zum Beispiel stecken 465,32 kg CO₂-Äquivalente (CO₂-e), wie in situ aufgrund von Bauweise und Materialeigenschaften errechnet hat. CO₂-e ist eine Masseinheit, die verschiedene klimaschädigende Stoffe auf die erderwärmende Wirkung von CO₂ umrechnet. Zwecks Veranschaulichung gibt in situ zusätzlich die «maximale Bauteilereisedistanz» von 4526 Kilometern an. Bis zu dieser Streckenlänge lohnt sich der Transport der Fenster ökologisch. Was darüber liegt, schadet der Umwelt. Die «Storen VR 90 Schenker» kommen auf 156,13 kg CO₂-e und 27‘852 Kilometer, die «Einzelstufe Aussentreppe» in verzinktem Metallgitter auf 12,43 kg CO₂-e und 987 Kilometer. «Früher erfolgte das Recycling aus ökonomischer Not, heute gebietet es die ökologische Not, die vielen mehr und mehr bewusst wird.» Alexandra Vier Neu ist die Sache nicht. Einst nutzte man Bauteile aus haushälterischer Umsicht ein zweites oder drittes Mal, mit der Industrialisierung, die zu einer Entwertung der Baumaterialien führte, ging das aber weitgehend verloren. «Früher erfolgte das Recycling aus ökonomischer Not, heute gebietet es die ökologische Not, die vielen mehr und mehr bewusst wird», merkt die Masterstudentin Alexandra Vier an. Tatsächlich hat das Projekt einiges ausgelöst. Während andere Arbeiten am Semesterende in einer Schublade landen und keiner mehr darüber spricht, schlägt «Bauen mit Fundstücken» immer neue Wellen, sei es mit Medienberichten oder mit einer Ausstellung des Schweizerischen Architekturmuseums (S AM). Übereinstimmend sagen die Studentinnen und Studenten, künftig bereits bei der Planung eines Gebäudes viel mehr darüber nachzudenken, wie sich ein Rückbau in einigen Jahrzehnten erleichtern lässt. Schon mit einfachen Mitteln lässt sich viel erreichen. «Verschrauben statt verkleben», bringt es Ivo Costa auf den Punkt. So lassen sich Material­kombinationen später gut trennen und rezyklieren. Andernfalls bleibt nur die ­Deponie oder der Kehrichtofen. Thomas Müller

Gutes tun – aber nachhaltig

Kaum ein Tag vergeht, an dem Medien nicht über Klimawandel, Energie- und Ressourcenknappheit berichten. Das Thema Nachhaltigkeit (Sustainability) hat an Aufmerksamkeit gewonnen, nicht zuletzt durch Schüler-Demos und Hitzesommer. Unternehmen werden in die Pflicht genommen, umwelt- und ressourcen­schonend zu wirtschaften und ihre Anstrengungen transparent zu machen. Doch wie sieht das bei Non-Profit-Organisationen (NPO) aus, bei denen Gutes tun quasi zum Kerngeschäft gehört? Helene Eller, Forscherin vom Institut für Financial ­Management an der ZHAW, ging dieser Frage bei Einrichtungen aus dem Sozialbereich wie Alters- und Pflegeheimen oder Kinderbetreuungseinrichtungen in der Deutschschweiz nach. Ihr Fazit: «Für NPOs hat das Thema Nachhaltigkeit noch nicht erste Priorität.» Häufig seien die Besitzverhältnisse bei den Gebäuden ein Hindernis oder die Annahme, das Engagement für mehr Nachhaltigkeit sei mit hohem Zeit- und Kos­tenaufwand verbunden. «Da sie qua ihrer Mission bereits Gutes tun, verspüren sie weniger Druck vonseiten der Öffentlichkeit und ihrer Stakeholder, ihre Leistungen im Sinne einer Nachhaltigkeit transparent zu machen», sagt Eller. Letztlich setzten die Organisationen jedoch mehr Massnahmen um, als sie berichten, wie ihre nachfolgenden Untersuchungen zeigten. Eller begann ihre Forschung mit einer Fallstudie über das Alters- und Pflegezentrum in Amriswil (APZ) im Kanton Thurgau. Gesetzliche Vorgaben waren 2016 der Auslöser dafür, dass sich das APZ der Nachhaltigkeits-Thematik annahm. In einem Alters- und Pflegeheim gibt es zahlreiche energie­intensive Anlagen: Wasseraufbereitungsanlagen, Waschanlagen, Lüftung und Heizung und vieles mehr. Am Anfang erhob das APZ den gesamten Energieverbrauch im Tagesverlauf. Das Ergebnis sollte die Basis für das erste Etappenziel sein: den Energieverbrauch in zehn Jahren um zehn Prozent zu senken. Zur Freude der Heimleitung zeigte sich bald, dass Nachhaltigkeit nicht nur Geld kostet, sondern dass auch Einsparungen möglich sind. Die Warmwasseraufbereitung konnte zum Beispiel deutlich redimensioniert werden. Dies unter anderem deshalb, weil in der Lingerie und der Abwasch­küche eine Anlage zur Weiterverwendung der Abwärme eingebaut wurde. In den Sommermonaten erfolgt die Warmwasseraufbereitung ausschliesslich über diese Abwärme. Gleichzeitig wurden durch diese Änderungen die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden verbessert, da die Abwärme besser abgeleitet wird. Zudem konnten die Alterswohnungen an das örtliche Fernwärmenetz angeschlossen werden. Weitere Massnahmen sollen folgen. Seit kurzem liegen auch Ergebnisse einer Umfrage unter den Einrichtungen aus dem Sozialbereich vor. Auch wenn die Rücklaufquote mit 26 Prozent eher bescheiden ausfiel, lassen sich aus dem vorhandenen Datenmaterial deutliche Tendenzen ablesen: Massnahmen, die beeinflusst werden können, werden bereits bei den meisten NPOs realisiert. «Dazu gehören vor allem ein Abfallmanagement, der Einkauf regionaler und lokaler Lebensmittel sowie von Bioprodukten oder die Reduktion von Essensabfällen», erklärt die Forscherin. Massnahmen der sozialen Nachhaltigkeit sind Einrichtungen, die an der Umfrage teilnahmen, besonders wichtig. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die Umsetzung von Nachhaltigkeit in Einrichtungen aus dem Sozialbereich aufgrund der hohen Zahl an Organisationen grosse Aufmerksamkeit verdient, wie Eller betont: «Es gibt ein grosses Potenzial für optimierten Ressourceneinsatz zum Wohl der Umwelt, aber auch der Mitarbeitenden und Bewohnerinnen und Bewohner beziehungsweise Nutzerinnen und Nutzer aller Altersstufen.» In den letzten Jahren sind zahlreiche Modelle zur Umsetzung der Nachhaltigkeitspostulate entstanden. Diese haben jedoch alle den Fokus auf gewinnorientierten Unternehmen. Für NPOs gibt es bislang keine geeigneten Modelle zur Umsetzung. Bedeutsam sind in jedem Fall folgende Kernaufgaben: 1. Wesentlichkeitsanalyse: Welche Aspekte sind für die NPOs wesentlich? (Wichtig für die innerbetriebliche Akzeptanz) 2. Definition der Anspruchsgruppen: Die relevanten Anspruchsgruppen werden im Rahmen eines Stakeholderdialoges eingebunden. 3. Organisatorische Verankerung: «Business-Case», der einer Abteilung verantwortlich zugeordnet ist? Oder Bestandteil des strategischen Zielkatalogs einer Organisation? 4. Reporting: Auch NPOs sollten mittel- und längerfristig ihre Stakeholder über getätigte Aktivitäten informieren. Patricia Faller

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