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Filterkaffee als Lifestyle-Getränk

Tässchen oder Tasse? Da muss sie nicht lange überlegen. Nina Rimpl braucht Kaffee nicht als Muntermacher, trinkt statt Espresso lieber Filter­kaffee, von Hand aufgebrüht mit entkalktem Wasser und frisch gemahlenen Bohnen. «Filterkaffee ist die purste Form, Kaffee zu geniessen», sagt sie, «er bietet ein breiteres Geschmacksspektrum als Kaffee aus der Maschine». Die hellere Rös­tung der Bohnen verleiht ihm eine Farbe wie Tee und erzeugt fruchtige und florale Noten wie Johannisbeere oder Rosenblüten. Abgestandener Aufguss in Thermoskannen war gestern: In Szene­cafés von Berlin über New York bis nach Zürich erlebt Filterkaffee ein Revival als Lifestyle-Getränk. Keine weiss das besser als Nina Rimpl: Sie ist seit 2018 Präsidentin und treibende Kraft der Swiss Speciality Coffee Association , die sich für Qualität und Nachhaltigkeit in Anbau und Verarbeitung von Kaffee einsetzt. Spezialitätenkaffee wird durch strenge Richtlinien geschützt und bildet das kleine, aber schnell wachsende High-End-Segment des Kaffeemarkts. Neben Nina Rimpl ist ein weiterer international anerkannter Kaffeekenner im Vorstand: Chahan Yeretzian, Professor für Analytische Chemie und Leiter des Coffee Excellence Cen­t­er der ZHAW, einer der weltweit führenden Kaffee-Forschungsstät­­ten (siehe auch Interview weiter hinten). Im Rahmen des Festivals «Zürich meets Seoul» reisen die beiden im September in die asiatische Metropole und stellen dort ein «Mini-Festival» auf die Beine. Ziel ist es, Südkorea die Kaffeeforschung und -bildung der ZHAW näherzubringen, Networking zu betreiben und von der aufstrebenden koreanischen Kaffeekultur zu profitieren. «In Seoul haben die Coffeeshops ein sehr hohes Niveau», sagt Nina Rimpl, die dort vor zwei Jahren an den Barista-Weltmeisterschaften juriert hat. Dass sie Kaffee-Events organisieren kann, hat sie zuletzt mit dem Swiss Coffee Festival bewiesen, das auf ihre Initiative hin im März 2019 erstmals stattfand. Der Anlass brachte Röster, Maschinenhersteller, Gastronomen, Kaffee-Experten und -Freunde zusammen und war so erfolgreich, dass die nächste Ausgabe für 2020 bereits gesetzt ist. 2014 gewann Nina Rimpl den Titel der Barista-Schweizer-Meisterin. In der Ausmarchung ist nicht nur Handwerk gefragt, sondern auch Schnelligkeit, Wissen über den Kaffee, seine Herkunft und die Aufbereitung. Heute nimmt sie nicht mehr als Kandidatin, sondern als Jurorin an den Wettkämpfen teil – sie ist eine von zwei Schweizer Experten, die für Weltmeisterschaften zertifiziert sind. Dabei zeigt sich, dass Kaffee die Kraft hat, Menschen über die Grenzen zu verbinden. Laut Nina Rimpl ist die internationale Spezialitätenkaffee-Szene «wie eine grosse Familie», in der es entspannt und lustig zu und her gehe. Die Leidenschaft für Kaffee wurde durch ihren Onkel geweckt: Er nahm sie sonntags ab und zu mit seinem Oldtimer in die beiden bes­ten italienischen Kaffeebars zwischen München und Ingolstadt mit, wo sie aufwuchs. Der Geruch gemahlenen Kaffees und die zeremonielle Zubereitung faszinierten sie schon als junges Mädchen. Während des Studiums der Kunstgeschichte und der Psychologie an der Universität Zürich begann sie, als Barista in der Zürcher Bar Rivington and Sons zu arbeiten, und fasste so im hiesigen Kaffeekosmos Fuss. Sie fügte ein Psychologie-Studium an der ZHAW an mit Vertiefung in Arbeits- und Organisationspsychologie. 2018 schloss sie es mit dem Bachelor ab und arbeitet nun an ihrer Masterarbeit zum Thema «Agiles Mindset in Organisationen». Daneben begleitet sie am Institut für Angewandte Psychologie Leadership- und Coachingkurse, hat eine Teilzeitstelle bei der Swisscom und ist als Beraterin für Startups tätig. «Alles zusammen ergibt ein buntes Potpourri», sagt sie, «was mir sehr entspricht.» Wie ihr Leben ist auch Kaffee kein Einheitsprodukt. Nina Rimpl pröbelt ständig mit neuen Sorten, Wasser­temperatur, Mahlgrad, Menge und Aufgusstechnik und erweitert so die Kaffeevielfalt. Ausser Haus trinkt sie nur dort eine Tasse, wo sie weiss, dass diese ihren Ansprüchen genügt. Das trifft auf immer mehr Lokale zu, in denen eine moderne Kaffeekultur zelebriert wird. Asien verbindet man mit Tee. Weshalb veranstalten Sie ausgerechnet in Seoul einen Kaffee-Event? Chahan Yeretzian: Als Kaffee-Experte beobachte ich mit Erstaunen und Freude, wie sich die südkoreanische Kaffeekultur an die Weltspitze gesetzt hat. Hat die Kaffeebewegung die Kraft, die traditionsreiche Teekultur in Asien zu verdrängen? Das ist eine Generationenfrage. Die Jungen bevorzugen Kaffee, aber die Älteren trinken nach wie vor Tee. Tee hat eine lange Tradition und ist weniger dynamisch als die Kaffeekultur, darum ist er auch weniger attraktiv für Junge. Die Kaffeeszene ist intensiver und emotionaler als die Teekultur – rund um die Baris­tas mit ihren Hipster-Frisuren und Tätowierungen ist ein regelrechter Hype entstanden. Kaffee ist Action. «Bei der Verzierung von Milchschaumhauben sind Asiaten wahre Künstler.» Warum sind die Südkoreaner so gut in der Kaffeezubereitung? Die Koreaner kultivieren, so wie viele andere asiatische Länder, die Liebe zu den Details, die unseren Alltag bereichern. Sie haben in den letzten Jahrzehnten den Spezialitätenkaffee für sich entdeckt und stetig verfeinert. Die Bewegung ist enorm kreativ und qualitätsbewusst. Gerade in Seoul gibt es eine hohe Dichte an Coffeeshops, mehr als in irgendeiner Stadt der Welt. Die Avantgarde des Kaffees lebt in Seoul. Nicht von ungefähr wurde dieses Jahr eine Südkoreanerin Baris­ta-Weltmeisterin. Was wollen Sie bei «Zürich meets Seoul» konkret bieten? Wichtig ist mir der Fun-Faktor. Es soll kein dröges Symposium werden, sondern spannende Begegnungen ermöglichen. Dazu gehören Performances von Baristas, praxis­orientierte Vorträge und Events mit Schweizer Unternehmen aus der Kaffeebranche. Mir schwebt auch ein Latte-Art-Wettbewerb vor. Bei der Verzierung von Milchschaumhauben sind Asiaten wahre Künstler. Die ZHAW nimmt an der Festivalreihe «Zürich meets Your City», diesmal vom 28. September bis 5. Oktober, in Seoul teil. Dort wird sie verschiedene Projekte präsentieren, darunter das «Kaffee-Minifestival» oder auch ein Virtual-Reality-Spiel, das die ZHAW derzeit erarbeitet. Mit dem Spiel soll die Bevölkerung in die Gestaltung von Smart Cities eingebunden werden – und zwar weltweit. Im Rahmen des Städte­festivals diskutieren das IAM-MediaLab des ZHAW-Departements Angewandte Linguistik, Forschende der ZHAW School of Engineering und ein interdisziplinäres Team der Ewha Womans University in Seoul mit Expertinnen und Experten, Forschenden und Studierenden, wie das Spiel gestaltet werden kann, damit es auch Frauen anspricht und deren Potenzial für die Gestaltung von Smart Cities erschliesst. Die Ewha Womans University ist eine der führenden Universitäten für Stadtentwicklung und Virtual Reality in Korea. Corinne Amacher

Robert Fraefel – Der Überflieger

«Caution», warnt ein gelbes Plakat an der Eingangstüre, «drones may be operating in this area». Ein kleiner Scherz: Drohnen gibt es hier weit und breit keine – sie surren nur in den Köpfen der Beschäftigten. Hinter der Türe verbirgt sich ein harmloses Grossraumbüro mit sechs leeren Arbeitsplätzen, einem Sitzungstisch und einer Tafel mit einem Zeitplan. Eine knallgelbe Wand und ein quietschrotes Sofa setzen die einzigen Akzente. So sieht er aus, der Projektraum U-Space für das unbemannte Luftverkehrsmanagement: unspektakulär – und weitgehend unbemannt. Ursprünglich wollte Robert Fraefel den Raum als Arbeitsort für sein Team nutzen, als er im Herbst 2017 die neu geschaffene Stelle als Chef des Swiss U-Space antrat. Aber bis heute finden dort lediglich Meetings und Koordinationssitzungen statt. Alle Mitglieder des U-Space-Teams haben im Gebäude der Flugsicherungsgesellschaft Skyguide in Dübendorf verstreute Arbeitsplätze, wie das so ist in einer Matrixorganisation, wo jeder mehrere Zuständigkeiten hat. Entsprechend rollend ist die Planung. Erst kürzlich habe er seinen Stellenbeschrieb selber formuliert, sagt Robert Fraefel schmunzelnd, der Job lasse sich auf einen einfachen Nenner bringen: «Mach mal!». Den 44-Jährigen bringt es nicht aus der Fassung, wenn er ab und zu den Reset-Knopf drücken muss. «Mit dem U-Space betraten wir einen luftleeren Raum», sagt er, «wir mussten zuerst schauen, wie wir am besten vorgehen.» Nur das Ziel war klar: ein System zu entwickeln für das Management von Drohnen und deren Integration in den kontrollierten Luftraum. Die unbemannten Flugkörper bewegen sich in immer grösserer Zahl durch die Lüfte, was zu mehr oder weniger engen Begegnungen mit bemannten Flugobjekten führt, die gefährlich werden können. Dabei geht es nur am Rand um Hobbypiloten, die aus luftigen Höhen Bilder schiessen oder Filme drehen – sie werden, vermutet Fraefel, eine Randerscheinung bleiben. Boomen werden dagegen professionelle Einsatzmöglichkeiten von Drohnen, etwa wenn Rettungskräfte Defibrillatoren an Unfallstellen fliegen, Landwirte ihre Felder besprühen, die Rega Suchflüge durchführt, die Post Laborproben transportiert, Behörden von der Luft aus Hochspannungsleitungen prüfen oder die SBB ihr Streckennetz inspiziert. Solche und weitere Anwendungen will Skyguide künftig ermöglichen, indem sie den Anbietern den Zugang zum Luftraum verschafft. «Für Skyguide geht es nicht nur darum, das Sicherheitsproblem zu lösen», betont Fraefel, «sondern vor allem darum, neue Geschäftsfelder zu erschliessen.» Der Aufzug der Drohnen am Himmel zwinge die Flugsicherung, ihr Geschäftsmodell zu überdenken und neu auszurichten. Zu Robert Fraefels grössten Herausforderungen gehört es, die Anforderungen an den U-Space und die Schnittstellen zum bemannten Flugverkehrsmanagement zu definieren: «Wir lernen laufend dazu, weil es noch nie jemand gemacht hat», sagt er. Immerhin ist der Rollout der Plattform in Sichtweite: Ende 2019 soll der Swiss U-Space lanciert werden. Er verspricht der weltweit modernste Verkehrsmanagementdienst für Drohnen zu werden. Bis Drohnenflüge tatsächlich über eine App autorisiert und überwacht werden können, braucht es aber noch die entsprechende Regulierung. Es ist nicht das erste Mal, dass Robert Fraefel mit einem Pionierprojekt für Aufsehen sorgt. Der Pfarrerssohn aus Elsau-Räterschen, der im Jahr 2001 an der ZHW (heute ZHAW) das Diplom als Maschinenbauingenieur erlangte, arbeitete zwischen 2006 und 2017 als Chefentwickler der Solar Impulse – des Flugzeugs, mit dem Bertrand Piccard und André Borschberg nur von Sonnenlicht angetrieben die Erde umrundeten. Alles begann mit einem Tipp von einem ZHAW-Kollegen, der wusste, dass bei Solar Impulse Ingenieure gesucht würden. Robert Fraefel war auf Jobsuche und nahm Kontakt mit ETH-Professor und ZHAW-Dozent Peter Frei auf – einem Mann der ersten Stunde bei Solar Impulse. Kurz darauf trat er seine Stelle in der Werkstatt am Flughafen Dübendorf an und stellte nach und nach das Entwicklungsteam zusammen: «Ich wuchs in die Aufgabe hinein», erinnert er sich und fährt fort: «Ich organisiere gerne und übernehme gerne Führungsverantwortung.» Zu Spitzenzeiten zählte sein Team 45 Ingenieure und Mechaniker, ein grosser Teil davon ZHAW-Absolventen. «Wir wussten nicht, ob es klappen würde, die ständige Unsicherheit war natürlich aufreibend.» Während Peter Frei für Konzept und Aerodynamik zuständig war, kümmerte sich Fraefel um Konstruktion, Energieversorgung und Produktion des Solarflugzeugs. Zupass kamen ihm die Tatsache, dass er sich im Studium auf Leichtbau vertiefte, und die Erfahrungen, die er nach dem Studium als Entwickler beim Schweizer Formel-1-Rennstall Sauber gesammelt hatte. Mit einer Spannweite von 70 Metern und dem extremen Leichtbau stellte das Flugzeug eine grosse Herausforderung an die Steuerbarkeit und Belastbarkeit dar. «Wir wussten nicht, ob es klappen würde», sagt Fraefel, «die ständige Unsicherheit war natürlich aufreibend.» Aber Pioniergeist und Idealismus habe alle zusammengeschweisst: «Der Spirit bei Solar Impulse war einmalig.» So triumphal die Erdumrundung am Ende war – auch Rückschläge sind haften geblieben: etwa als ein Flügelholm in einem Belastungstest versagte, was das ganze Vorhaben um ein Jahr verzögerte und zu Millionen an Mehrkosten führte. Oder dass die Weltumrundung in zwei Etappen aufgeteilt werden musste, weil auf der Strecke zwischen Japan und Hawaii die Batterien überhitzten. Im Sommer 2016, als die Erdumrundung geschafft war, kam Hoffnung auf, die Technologie weiter mit einer neuen Firma vermarkten zu können. Ein Geschäftsmodell wurde entwickelt, wonach entlegene Regionen durch hochfliegende Solardrohnen ans Internet angebunden werden könnten. Das Vorhaben scheiterte allerdings, weil die Batterien zu wenig leistungsfähig waren und sich Investoren rar machten. Am Schluss war es Robert Fraefel, der bei Solar Impulse die Server wegräumte und die Lichter löschte. «Nach zehn Jahren war bei uns allen die Luft draussen», sagt er, «es war Zeit für etwas Neues». Der Luftfahrt blieb er allemal treu. Die Leidenschaft für die Fliegerei entdeckte er im Alter von zwölf Jahren, als er im Estrich des Elternhauses den Modellhelikopter des Vaters aufstöberte. Die Modellfliegerei wurde sein grosses Hobby, das ihn auch an internationale Wettbewerbe führte. Zusammen mit der Begeisterung für Technik erzeugte das viel Schub für die Karriere – bis hin zu Skyguide, wo er nun mit dem Swiss U-Space erstmals in einer digitalen Werkstatt gelandet ist. In den Räumen der Flugsicherungsgesellschaft wird sein Alltag nicht mehr von Schrauben und Zahnrädern bestimmt, sondern von Einsen und Nullen. Deshalb ist eines seiner nächsten Projekte ein Nachdiplomstudium in Softwareentwicklung. Corinne Amacher

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