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Aktive Filter: Kategorie: Dossier Kategorie: Main Topic Autor: Matthias Kleefoot Ausgabe: 4/2020 Alle Filter entfernen
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Data Science: Auf Daten surfen, statt in der Flut unterzugehen

Bei den SBB ist Daniele Mele einer der ersten Data Scientists im Bereich des Sicherheitsmanagements. Bis vor wenigen Jahren gab es Stellen wie seine noch gar nicht. «Im Zuge der Digitalisierung stehen auch im Bahnverkehr immer mehr Daten zur Verfügung, die nur darauf warten, analysiert und ausgewertet zu werden», so Mele. Zusammen mit anderen Data Scientists leistet er mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag an die Sicherheit und Qualität – und somit zum Wohl der Fahrgäste. Seine Abteilung fungiert dabei als Schnittstelle zwischen IT und Business, wie Mele erklärt: «Wir bereiten die Datensätze inhaltlich und visuell so auf, dass die Entscheidungsträger daraus die richtigen Schlüsse ziehen können.» Dass Daten sogar die Grundlage unternehmerischer Erfolgsgeschichten bilden können, zeigt das Startup Prognolite von Informatik-Absolvent Roman Lickel . Das Unternehmen hat eine Software entwickelt, mit der Gastronomen das zu erwartende Gästeaufkommen voraussagen können. Ziel sind eine effizientere Personalplanung und weniger Food Waste. «Manche Gastronomen sind zunächst skeptisch und halten unsere Berechnungen für wenig erfolgsversprechend», sagt Lickel. «Wir zeigen ihnen dann, was auf Grundlage ihrer Daten alles möglich ist.» Gemeint sind bis zu 1,5 Millionen Kassenbons pro Restaurant, die mit verschiedenen Faktoren wie Wetterdaten, Feiertagen oder Schulferien in Relation gesetzt werden. Die Prognosegenauigkeit liegt derzeit im Durchschnitt bei 90 Prozent für den Folgetag. Die Software wird aber laufend weiterentwickelt, unter anderem auch in ZHAW-Forschungsprojekten. Daniele Mele und Roman Lickel sind nur zwei von vielen ZHAW-Absolventen, die Daten wertschöpfend für Dienstleistungen oder Produkte einzusetzen wissen. Heutige Data Scientists haben in der Regel ein Bachelorstudium in Informatik oder Wirtschaftsingenieurwesen absolviert und sich später im Bereich Data Science weitergebildet. Denn Studienangebote auf Bachelorebene sind in diesem Feld noch neu. Die ZHAW School of Engineering bietet im Herbstsemester 2021 erstmals den Bachelorstudiengang Data Science an. «Wir wissen, dass die Wirtschaft zunehmend nach Fachleuten verlangt, die sowohl Daten erheben, aufbereiten und analysieren als auch sogenannte Data Products umsetzen können», sagt Thomas Järmann , Leiter Lehre an der School of Engineering. Wer den neuen Studiengang absolviert, wird sich deshalb nicht nur Expertenwissen in Grunddisziplinen wie Informatik und Statistik aneignen, sondern auch gezielt interdisziplinäres Domänenwissen aufbauen, um Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. «Data Scientists sollen Innovationen vorantreiben», findet Järmann. Informatik-Dozent Martin Braschler sieht Data Scientists als «neue Berufsgattung, die klassisches Ingenieurwissen mit Fähigkeiten aus den Bereichen Analytik, Unternehmertum und Kommunikation zu einem einzigartigen Mix verbindet». Braschler hat den neuen Studiengang mit aufgebaut. Er ist überzeugt, dass es in Zukunft von zentraler Bedeutung sein wird, wie wir Daten nutzen. «Schon heute müssen Dienstleistungen und Produkte smart sein, um längerfristig Erfolg zu haben», so Braschler. «Und jede Künstliche Intelligenz basiert auf der erfolgreichen Nutzung von Daten.» Deshalb brauche es Data Scientists, die diese Entwicklungen an vorderster Front mitgestalten. «Wir bieten nun einen vollwertigen Studiengang, der auch jene Themen ins Zentrum rückt, welche aus Data Science mehr als die Summe seiner Teile machen», erklärt Braschler. «Dabei wird Data Science als eigenständige Ingenieurdisziplin positioniert, mit einer soliden Grundausbildung, die langfristig wertvoll sein wird in diesem sich rasch wandelnden Umfeld.» Im Zuge der digitalen Transformation ist davon auszugehen, dass den Absolventinnen und Absolventen fast jede Branche offenstehen wird. «Kaum ein Geschäftsfeld wird künftig darauf verzichten können, mittels Daten seine Produkte und Dienstleistungen besser auf die Bedürfnisse der Kunden abzustimmen», schätzt Braschler. Der Bedarf an neuen Fachkräften dafür werde in den kommenden Jahren voraussichtlich gross sein. Data Scientists mit Fachwissen und dem Anwendungsfokus eines Fachhochschulstudiums sieht er dabei in der Poleposition stehen. Doch nicht nur die grossen Unternehmen empfangen Data Scientists mit offenen Armen: «Es entstehen Startups, die neuartige datengetriebene Ideen umsetzen und dabei zum Teil ganze Bereiche unserer Gesellschaft umkrempeln», stellt Braschler in Aussicht. Womit wir wieder bei Prognolite wären: Das Team um Startup-Gründer Roman Lickel hat eben nicht nur eine Software programmiert, sondern eine innovative Anwendung entwickelt, die seine Kunden nicht mehr missen möchten. Sie können ihre Absatzprognosen einfach auf dem Handy abrufen. Auch Daniele Mele hat bewiesen, dass er als Data Scientist die Geschäftsbedürfnisse der SBB versteht. Er hat ein Tool entwickelt, um Textmeldungen des Betriebspersonals automatisiert zu klassifizieren, also je nach Ereignis statistisch einzuordnen. Sein Textklassifikator-Konzept wird nun von den SBB technisch umgesetzt. Mele begleitet diesen Prozess als Product Owner. «Man muss sich als Data Scientist auch verkaufen können», meint Daniele Mele abschliessend, denn viele Unternehmen stünden in der Datennutzung noch am Anfang. Angehenden Data Scientists rät er deshalb, initiativ und offen zu sein für die vielseitigen Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben. Matthias Kleefoot

Mit Künstlicher Intelligenz Verträge prüfen

Kaum ein Geschäft erfolgt heute ohne schriftliche Vereinbarung. Rechtsabteilungen müssen je nach Unternehmensgrösse Dutzende Verträge gleichzeitig prüfen, verhandeln und zur Unterschrift freigeben. Trotz technologischem Fortschritt und angestrebten Standardisierungen werden Verträge heute immer noch manuell darauf geprüft, ob alle relevanten Klauseln enthalten sind und keine problematischen Inhalte einer Unterschrift im Weg stehen. Für Anwältinnen und Anwälte ist das mehrheitlich eine repetitive und aufwendige Arbeit. Abhilfe schafft das Startup Legartis . Gemeinsam mit der ZHAW hat das Zürcher Unternehmen eine Software entwickelt, die Verträge automatisiert auf Abweichungen von den vordefinierten Unternehmensrichtlinien des jeweiligen Kunden prüft. Das bedeutet, die Inhalte werden automatisch identifiziert und klassifiziert. Die Lösung von Legartis weist dabei auf Risiken hin, erkennt insbesondere fehlende und problematische Klauseln und markiert diese. Technisch möglich ist das dank Künstlicher Intelligenz, konkret: Verfahren aus den Bereichen Natural Language Processing und Deep Learning, wie ZHAW-Forscher Don Tuggener erklärt: «Die Software ‘liest’ die Verträge sozusagen und strukturiert sie thematisch in über 150 sogenannte Labels. Sie erkennt in wenigen Sekunden, ob ein Vertrag nicht den vorgegebenen Guidelines eines Unternehmens entspricht oder unvollständig ist.» Ist das der Fall, weist die Software auf die fehlerhafte Stelle hin. Ein typischer Anwendungsfall für die Software sei das Überprüfen von NDAs, so Legartis-CEO David Alain Bloch. Gemeint sind «Non-Disclosure Agreements», also Geheimhaltungsvereinbarungen. Bei seinen Kunden seien das von ein paar Dutzend bis zu mehreren Tausend NDAs pro Jahr, die es zu überprüfen gilt. Bisher gibt es Software dieser Art vorwiegend für englischsprachige Verträge. Die an der ZHAW entwickelte Legartis-Software versteht hingegen nicht nur Englisch, sondern auch Deutsch – ein Alleinstellungsmerkmal. Von der Konkurrenz abheben will sich Legartis auch dadurch, dass das maschinelle Lernen, also das Antrainieren der Software mit Daten, nicht erst auf Kundenseite, sondern bereits vorab passiert. «Wir trainieren die Lösung heute für jede Vertragsart individuell. Dabei soll die KI Gelerntes auch von einer Vertragsart auf die Nächste übertragen können», sagt Bloch. Das fertige Out-of-the-Box-Produkt können die Kundinnen und Kunden sofort und selbstständig einsetzen. «Unternehmen nutzen diese Lösung, um ihren Fachleuten die Möglichkeit zu geben, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren», so Bloch. Nach dem erfolgreichen Markteintritt Ende 2019 wurde das junge Unternehmen inzwischen als Early Stage Startup of the Year bei den Swiss FinTech Awards ausgezeichnet. Matthias Kleefoot

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