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Die Wertschöpfungskette zum Kreis schliessen

Die gute alte Fundgrube bei Ikea ist seit kurzem zum «Circular Hub» umbenannt worden. Wo es früher Ausstellungsstücke zu günstigem Preis gab, soll nun allen Möbeln von Ikea ein längeres Leben beschieden sein: die Kundin und der Kunde können ihre gebrauchten Ikea-Möbel, die noch in einem guten Zustand sind, wieder an den Konzern zurückverkaufen. Im Circular Hub sollen sie dann ein «zweites Leben» bei einer neuen Besitzerin oder einem neuen Besitzer finden. Tipps für einen kreislauforientierten Lebensstil werden gleich mitgeliefert. Und damit das gebrauchte Billy-Regal oder das nicht mehr zur Einrichtung passende Klippan-Sofa in dieser Drehscheibe noch mehr Beachtung findet, spannt Ikea mit der Plattform tutti.ch zusammen, wo Private nicht mehr benötigte Gegenstände gratis inserieren können und auch kommerzielle Händler Kunden für Neuprodukte suchen. Der schwedische Möbelriese will bis 2030 «zirkulär und klimapositiv» werden – mit dem «Ehrgeiz, nur noch erneuerbare und rezyklierte Materialien» in den Produkten zu verwenden. Mit solchen Bestrebungen steht er nicht allein da. «Die Kreislaufwirtschaft steht hoch oben in der Agenda von Politik wie Unternehmen», sagt Marc Schmid , Studienleiter des CAS Managing Circular Economy . «Die Kreislaufwirtschaft wird uns beschäftigen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.», so der stellvertretende Zentrumsleiter des Center for International Industrial Solutions der School of Management and Law. Der Bund unterstützt diese Entwicklung mit Umwelttechnologieförderung im Rahmen der Strategie Nachhaltige Entwicklung. Die Europäische Kommission hat bereits 2015 den ersten Wirtschaftsplan zur Kreislaufwirtschaft verabschiedet. Die Kreislaufwirtschaft will Rohstoffe in den Produkten – im Gegensatz zur traditionellen linearen Wertschöpfungskette – im Umlauf halten. Damit sollen weniger Ausgangsrohstoffe wie Erdöl verbraucht und der Abfall reduziert werden. Kreislaufwirtschaft bedeutet: Teilen, wiederverwenden, reparieren und wiederaufbereiten. Das fängt beim Carsharing an, geht über die Papier- oder Textilsammlung, der Reparatur etwa eines defekten Föns bis hin zum Auffrischen eines alten Stuhls. Der weltweite Markt für Kreislaufwirtschaft und Material- und Ressourceneffizienz sei in den letzten fünf Jahren um über zehn Prozent gewachsen, schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Damit wachse er schneller als der Weltmarkt als Ganzes. Dabei geht es längst nicht mehr nur um das Vermeiden und Wiederverwerten von Abfall in den Haushalten oder in Gastronomie und Detailhandel. Die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft seien heute auch ein grosses Thema in Industriebetrieben und Fertigungsunternehmen, so Schmid. Dabei spielt nicht nur der Druck von Gesellschaft und Kundschaft, umweltschonend zu produzieren, eine Rolle. Nachhaltig zu produzieren, kann dem Unternehmen Kosten sparen, Innovationen fördern oder die Abhängigkeit von globalen Lieferketten reduzieren. All dies ureigene Interessen eines Unternehmens. Die Ansätze einer Kreislaufwirtschaft müssen dabei drei Ansprüchen genügen: Sie müssen sozial verträglich sein, der Umwelt zugute kommen und den Unternehmenszielen entsprechen und die Kostenseite berücksichtigen. Fachleute in den Unternehmen müssen Materialflüsse verstehen, verschiedene Optionen prüfen und den Produktlebenszyklus analysieren können. «Das erfordert systemisches Denken», so Studienleiter Schmid. Diese Themen werden auch im Zertifikatslehrgang behandelt: Sie betreffen Managerinnen und Manager in den Nachhaltigkeitsbereichen eines Unternehmens wie auch Produktionsleiter oder Fachpersonen in der Verwaltung und in den Behörden. In einer Umfrage hat das Team des Center for International Industrial Solutions diesen Sommer bei Schweizer Industrieunternehmen eruiert, wie diese zur Kreislaufwirtschaft stehen. Bei der Frage nach den Gründen hätten gut 60 Prozent geantwortet, dies aus Gründen des Umweltschutzes zu tun und weil es die Kundschaft verlange – die Massnahmen werden von ihnen vorab zur Stärkung der Marke eingesetzt. Gut 40 Prozent hätten das Potenzial für Kosteneffizienz genannt, so Schmid. Doch die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft verändern immer mehr die Geschäftsmodelle von Unternehmen: durch den Einkauf von erneuerbaren Rohmaterialien, der Rückgewinnung von Ressourcen, der Verlängerung der Lebensdauer von Produkten oder der Vermietung ihrer Produkte. Innovationen werden gefördert, mit denen die Effizienz von Ressourcen erhöht und die Betriebskosten von Prozessen gesenkt werden können. Lieferketten werden gestärkt, da sie weniger von neuen Rohmaterialien und Ressourcen abhängen. Dem Unternehmen eröffnen sich neue Geschäftsbereiche und Ertragsfelder. So rezykliert der Automobilhersteller Renault intern gebrauchte Öle oder Lacklösemittel und will im Einklang mit den Bestrebungen der französischen Regierung bis 2025 eine Recyclingrate von 100 Prozent für Plastik erreichen. Der Konzern setzt seit einigen Jahren auf das Wachstumspotenzial von Circular Economy: Er hat eine eigene Division Circular Economy und baut seinen Produktionsstandort in Flins nordwestlich von Paris in den nächsten Jahren zu einem «Zentrum für Kreislaufwirtschaft» um mit mehr als 3000 Mitarbeitenden. Eine anderes Prinzip der Kreislaufwirtschaft setzt der niederländische Elektronikkonzern Philips ein: Er stellt dem Amsterdamer Flughafen Schiphol die Beleuchtung zur Verfügung. Der Flughafenbetreiber kauft nicht die Leuchten, sondern abonniert Licht. Die Leuchten selbst bleiben im Eigentum von Philips, welche diese auch wartet und nach einer bestimmten Laufzeit ersetzt. Dieses Geschäftsmodell «Product as a Service», so Schmid, werde derzeit in der Industrie viel diskutiert. Das Produkt wird immer mehr zur Dienstleistung. Das hilft, Ressourcenkreisläufe zu schliessen, soll aber auch die Produktrentabilität erhöhen, die Kundenbindung verbessern und neue Geschäftszweige eröffnen. Moderne Technologien wie Cloud Computing, künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge oder Mixed Reality unterstützen dieses Geschäftsmodell: das Produkt kann vom Hersteller überwacht und ferngewartet werden. Ein ganz neues Geschäftsfeld hat sich der Schweizer Weidmann Holding in Rapperswil eröffnet: Sie produziert in einem mechanischen Verfahren ohne Einsatz von Chemikalien aus Zellulose so genannte mikrofibrillierte Zellulose: ein natürlliches, nachhaltiges und biologisch abbaubares Material, welches das Potenzial hat, Produkte auf fossiler Basis zu ersetzen. Eingesetzt wird es bei Verpackungen, Beschichtungen, Farben oder Mitteln für die Körperpflege. Die über 140 Jahre alte Herstellerin von Produkten für Elektrotechnik, Medizin und Pharmazeutik greift hier auf ihre Erfahrungen mit Isolationsmaterialien aus Pressspan und Papier zurück. «Circular Supply Chain» nennt sich dieses Geschäftsmodell. Global betrachtet, sei die Wirkung solcher Massnahmen der Kreislaufwirtschaft auf den CO 2 -Ausstoss heute noch sehr gering, sagt Schmid. Und nicht immer sind sie angebracht: «Nicht alle Kreislaufwirtschaft-Massnahmen sind auch aus Umweltsicht sinnvoll», schreibt das Bundesamt für Umwelt. So verursachten das Recycling und die Aufbereitung von gewissen Materialien, beispielsweise bestimmten Plastiksorten, mit den heutigen Technologien einen höheren Ressourcen- und Energieverbrauch als die Verwendung von Primärrohstoffen. Zur Analyse eines Produktlebenszyklus gehört deshalb idealerweise auch eine Ökobilanzierung, um den sinnvollen und umweltschonenden Einsatz zu eruieren. Sibylle Veigl

«Man muss jeden Stein umdrehen, um wirklich nachhaltig zu sein»

Matthias Baer: Corporate Responsibility ist für ein öffentlich-rechtliches Unternehmen wie die Zürcher Kantonalbank von besonderer Bedeutung. Die politische Interessenvertretung muss im Einklang mit den Werten des Unternehmens, aber auch von Gesellschaft und Politik stehen. Zudem gewinnen Nachhaltigkeit und Klimaschutz für den Finanzplatz generell an Bedeutung. Zum einen will und muss der Finanzplatz seinen Beitrag leisten, um die Ziele des Klimaübereinkommens von Paris und der Treibhausgasneutralität 2050 zu erreichen. Zum anderen entspricht es einem wachsenden Bedürfnis von Kundinnen und Kunden, die nachhaltige Produkte nachfragen. Der Klimawandel und seine Folgen sind aber auch ein Thema, das mich selbst sehr beschäftigt. Persönlich und mit meiner Arbeit möchte ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, diese grosse gesellschaftliche Herausforderung zu meistern. «Risiken im Bereich der Nachhaltigkeit zu missachten, wird sehr viel kostspieliger werden als sie zu vermeiden – für die Gesellschaft und die Wirtschaft.» Matthias Baer, Leiter Public Affairs bei der Zürcher Kantonalbank Wertvoll war für mich, dass der Lehrgang bewusst eine ökonomische Perspektive wählt – mit der Fragestellung, wie ein Unternehmen mit der Übernahme von Verantwortung für die Gesellschaft seine eigenen Unternehmensziele besser erreicht. Die ethische Perspektive ist selbstverständlich sehr wichtig. Um im eigenen Unternehmen in Belangen der Nachhaltigkeit aber besser überzeugen zu können, benötigt man auch ökonomische Argumente. Risiken im Bereich der Nachhaltigkeit zu missachten, wird sehr viel kostspieliger werden als sie zu vermeiden – für die Gesellschaft und die Wirtschaft. Zudem schätzen es die Kundinnen und Kunden, wenn ein Unternehmen Verantwortung übernimmt. Es stärkt Reputation sowie gesellschaftliche Akzeptanz des Unternehmens und leistet damit einen Beitrag zum Geschäftserfolg. Auf jeden Fall. Die Frage, wie Unternehmen gesellschaftliche und politische Verantwortung übernehmen können, wird nicht mehr verschwinden, sondern im Gegenteil an Gewicht gewinnen. Nicht nur aufgrund des Klimawandels, sondern weil die Sensibilität für soziale und ökologische Fragen insgesamt wächst. Wenn ich ein Highlight herausgreifen müsste, wären es die Referate aus der Praxis. Hier erzählten Unternehmerinnen und Unternehmer, wie sie ihr Geschäft nachhaltig umgestellt haben, etwa ein Drucker oder eine Herstellerin von Lederaccessoires. Geblieben sind mir dabei vor allem zwei Erkenntnisse: Man muss in seiner Branche jeden Stein umdrehen und jeden kleinsten Prozess genau anschauen, um wirklich nachhaltig zu sein. Und das Zweite: Wenn man will, geht es. Und man hat sogar Erfolg damit.

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