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Pro und Contra: Was ist smart an Smart Cities?

Städte bereiten sich vermehrt für die Herausforderungen der Zukunft vor. Aktuelle Trends und Entwicklungen, wie die Urbanisierung mit ihrem wachsenden Ressourcenverbrauch, die postulierte Energiewende und damit verbundene Veränderungen in der Mobilität und Forderungen nach mehr Klimaschutz erfordern neue Lösungen. Dabei bietet die zunehmende Digitalisierung neue Möglichkeiten, wobei Bürgerinnen und Bürger zunehmend an Planungs- und Entwicklungsprozessen für ihren Lebensraum beteiligt werden wollen. Die Bedürfnisse verschiedener Anspruchsgruppen in einer Stadt sind vielfältig. Um diese zu erfüllen, sollten Städte auf Basis von Szenarien neue Leitbilder, Strategien und Massnahmenpläne entwickeln. Innovationsführer wie Wien, Amsterdam oder Santander setzen diese systematisch und strategisch um und leiten damit – angetrieben vom Digitalisierungstrend – einen langfristigen Transformationsprozess hin zu einer Smart City ein. Wissenschaft und Praxis verstehen unter Smart City ein Konzept, das Lösungsansätze für die zukünftigen Herausforderungen der Städte liefert. Ziel ist es, eine fortschrittliche, vernetzte Stadt zu schaffen, die sich durch eine hohe Lebensqualität für ihre Bewohnerinnen und Bewohner bei einem gleichzeitigen effizienten Einsatz der benötigten Ressourcen auszeichnet. «Die Digitalisierung wird die heutigen etablierten Stadtsysteme radikal verändern.» Eine Schlüsselfunktion kommt dabei den Informations- und Kommunikationstechnogien (IKT) zu: Viele Praxisprojekte nutzen bereits IKT, und aus wissenschaftlicher Sicht wird IKT als notwendiges Grundgerüst von Smart Cities zur Vernetzung von Handlungsfeldern, Technologien und Stakeholdern angesehen. Im Vergleich zu den europäischen Smart-City-Vorreitern sind Städte in der Schweiz noch eher am Anfang ihrer Entwicklung hin zu einer Smart City. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass grosse Städte für Investoren attraktiver sind. Doch auch in der Schweiz erweitern Städte ihr Netzwerk und tauschen sich untereinander aus, wie zum Beispiel in der IG Smart Cities oder im Smart City Hub Schweiz zusammen mit den bundesnahen Unternehmen, um letzteren als Testumgebungen zu dienen vor einem flächendeckenden Rollout erfolgversprechender Umsetzungen sozialer und technologischer Innovationen. In der Innovations- und Transitionsforschung geht man davon aus, dass die Digitalisierung die heutigen etablierten Stadtsysteme radikal verändern wird. Daher geht es bei Smart City nicht nur um die Umsetzung von einzelnen Projekten oder den Aufbau einer Innovationscommunity, sondern um das Management eines Transformationsprozesses hin zu neuen Stadtsystemen. In diesen neuen Stadtsystemen werden Technologien, Infrastrukturen, Organisationsstrukturen, Regulierung und das Verhalten der Menschen systemisch zusammenspielen. Wie sie sich gegenseitig beeinflussen, ist noch nicht ausreichend erforscht. Mit der eigens geschaffenen ZHAW-Plattform Smart Cities & Regions bündeln wir institutsübergreifend unsere Kompetenzen und Erfahrungen, um diese für die Identifizierung zukünftiger Geschäftsfelder und Innovationen, die Implementierung von Co-Creation-Plattformen, die Behandlung von zukunftsorientierten Smart-City-Entwicklungen zusammen mit den Anspruchsgruppen so einzusetzen, dass die Lebensqualität und Ressourceneffizienz erhöht wird. Dank koordinierter Beteiligung aller städtischen Akteure, relevanter Unternehmen und der Bevölkerung kann die urbane Transformation stark vorangetrieben werden. Smart Cities und Technologies steigern die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner und fördern die Nachhaltigkeit der Stadt. Der Kühlschrank weiss, was fehlt, und bestellt selbst Nachschub. Dank der Gesundheits-App auf der Smartwatch weiss das Spital anhand der übermittelten Pulsfrequenz, dass der Patient bald eingeliefert wird, noch bevor der Herzinfarkt akut wird. Tickets für einen Konzertbesuch werden gebucht, weil das Gesichtserkennungsprogramm an den Gesichtszügen feststellen kann, was man gerade braucht. Die Hinfahrt ins Konzert übernimmt das autonome Fahrzeug, das den Kühlschrank beliefert hat, die Rückfahrt das autonome Fahrzeug, mit dem zuvor der Herzinfarktpatient ins Spital eingeliefert wurde. Durch Vernetzung wird alles smart. Und: Wer will schon nicht smart sein? Die Menschheit muss auf keine Annehmlichkeiten verzichten, das Verhalten nicht ändern, und gleichzeitig wird die Welt gerettet. Uns dies glauben zu machen, ist bisher nichts weiter als eine Meisterleistung des Marketings. Noch bestehen riesige Gaps zwischen der Realität der Technologieentwicklungen und den Heilsversprechen. Ist das schlechte Gewissen erst einmal ausgeschaltet, führen Rebound-Effekte zu keiner Reduktion des Verbrauchs. Hinzu kommt der Energie- und Ressourcenverbrauch der Gerätschäften, die es zusätzlich braucht, um den Energie- und Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Abgesehen davon ist es einfach nur ärgerlich, dass sich Unternehmen eine goldene Nase mit fremden Daten verdienen. «Nicht der Weg des geringsten Widerstands darf im Mittelpunkt stehen.» Smart Cities versprechen Effizienz, Sicherheit, Reibungslosigkeit, gemanagt von privaten Dienstleistungsfirmen. Die Politik schiebt Verantwortung ab auf Privatfirmen und Technologien. Daten und Systeme können aber leicht manipuliert und missbraucht werden. Das politische und gesellschaftliche System kann dadurch ins Wanken geraten. Aber wen stört das schon in Anbetracht des Komforts, der einem geboten werden soll. Technik und Artificial Intelligence werden ja alle diese Probleme in Zukunft lösen. Gut für die Forschung. Gut für die Wirtschaft. Doch was macht das reale Leben aus? Sich an unvorhersehbare Verhältnisse anpassen, Zukünfte imaginieren, Empathie entwickeln und verantwortungsbewusst handeln – das können die Smart Technologies nicht. In Anbetracht heutiger Herausforderungen wie steigender Meeresspiegel, Ressourcenknappheit, endlicher Energielieferanten, demografischer Entwicklungen, Hitzesommern, Starkregen, Migrationsbewegungen, Infrastrukturengpässen etc. dürfte es allen klar sein: Es braucht weitere Mittel und Wege als die «blosse» Moderation von Lebensverhältnissen. Auch wenn Konsistenz- und Suffizienzstrategien auf grosse gesellschaftliche Widerstände stossen, sind sie weit zielführender und dringender denn je. Nicht der Weg des geringsten Widerstands darf im Mittelpunkt stehen. Die Digitalisierung hat durchaus auch ihre positiven Seiten. Der Hype durch die Werbeindustrie sollte aber nicht den Blick auf die Realität verstellen. Im Zweifelsfall setze ich auf Reflexionsbereitschaft, Imaginationsfähigkeit, Verantwortungs- und Handlungsbewusstsein smarter Menschen. Gerade auch in der Bildung. Darin liegt eine Stärke von uns Architektinnen und Architekten. Gut für die Forschung. Gut für die Praxis. Gut für die Gesellschaft.

30- bis 39-Jährige in Zürich: In der «Rush Hour» des Lebens

Montserrat Mendez ist 37 Jahre alt, in Mexiko geboren und aufgewachsen. Sie hat in den USA und Genf gelebt, Finanzwesen und Banking studiert. Heute ist sie in Zürich zuhause und arbeitet als selbstständige Ernährungsberaterin. Sie ist eine typische Vertreterin der grössten Bevölkerungsgruppe der Stadt: Rund ein Fünftel oder 90'000 Bewohnerinnen und Bewohner Zürichs sind zwischen 30 und 39 Jahre alt, gut ausgebildet, die meisten arbeiten Vollzeit. Die Mehrheit von ihnen ist im Ausland geboren, und fast die Hälfte hat keinen Schweizer Pass. «Diese Altersgruppe bildet das wirtschaftliche Fundament der Stadt», erklärt Anna Schindler, Direktorin der Stadtentwicklung Zürich, die Bedeutung dieser Menschen. Um den verschiedenen Lebensrealitäten und Fragen dieser Gruppe auf den Grund zu gehen, hat die Stadt das Projekt «ZRH3039» lanciert; innerhalb dieses Projekts hat ein Forschungsteam des Departements Soziale Arbeit der ZHAW eine stadtethnografische Studie abgeschlossen. Schwerpunktthemen waren dabei Weichenstellungen in dieser Lebensphase und die Mehrfachbelastungen in Beruf und Familie, Lebensqualität, Identifikation, Zugehörigkeit und Teilhabe in der Stadt Zürich. Dazu hat das ZHAW-Forschungsteam 18 Menschen aus 9 Ländern und 7 Stadtkreisen befragt und Handlungsempfehlungen für die Stadt Zürich formuliert. Laut den Studienautorinnen zeichnen die Befragten «in vielen Aspekten ein sehr positives Bild der Stadt Zürich als ihres aktuellen Lebens- und Wohnorts». Sie schätzen Zürich als Stadt der kurzen Wege und bewegen sich mit Velos, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Mobility. Besonders positiv werten sie neben den Karriereangeboten die vielfältigen Freizeit- und Naherholungsmöglichkeiten sowie das grosse Angebot an Kultur, Partys und Gastronomie. Diesen positiven Aspekten stehen das hohe Preisniveau der Limmatstadt gegenüber, die angespannte Wohnraumsituation und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf. «Eine zeitgemässe, fortschrittliche Familien- und Vereinbarkeitspolitik ist dringend erwünscht», sagt Sonja Kubat, Ko-Autorin der Studie. Beispielhaft dafür ist die Aussage einer Frau mit drei Kindern: «Mein Mann und ich erleben den Alltag als stressiges Projektmanagement», sagt sie. «Das ist eigentlich ein zusätzlicher Job.» Zumal sich Kinderhort und Schule oder Kindergarten oft nicht am gleichen Ort befinden, wie eine «Leidensgenossin» sagt: «Es gibt zwar einen Hort ab 7 Uhr, aber der ist irgendwo. Also muss das Kind um 7 irgendwohin und um 8 Uhr wieder zurück in den Kindergarten.» Hinzu kommt für viele Expats, dass sie nicht auf familiäre Unterstützung bei der Kinderbetreuung zählen können. Generell ist festzuhalten: Diese Altersgruppe steht mitten in der «Rush Hour» des Lebens, in der vieles zusammenkommt – berufliche Laufbahn, Karriere und Familienplanung. «Ich glaube, das ist einfach die Zeit, wo man sich am meisten Fragen stellt», so eine 36-Jährige. Wenig flexible Betreuungszeiten, Stress im Alltag und teure Wohnungen gelten als Hauptursache für den Wegzug aus Zürich. Tatsächlich sind die Angehörigen der untersuchten Altersgruppe überdurchschnittlich mobil und deshalb schneller bereit, die Stadt wieder zu verlassen – erst recht, wenn sie keine Schweizer Staatsbürgerschaft haben. Viele von ihnen würden aber gerne auf der politischen Ebene mitbestimmen. So regen die Studienautorinnen denn auch an, Ausländerinnen und Ausländern auf Gemeinde- und Quartiersebene das Stimm- und Wahlrecht oder spezifische Mitwirkungsrechte einzuräumen. Ersterem erteilt Stadtenwicklerin Schindler eine klare Absage: «Das ist kein Thema», sagt sie. «Entsprechende Vorstösse wurden im Kanton und auch in der Stadt Zürich schon ein paar Mal abgelehnt.» Bezahlbarer Wohnraum, mehr und vor allem preiswertere Betreuungsangebote, Förderung der (ökologischen) Mobilität: Diese durch die Studie belegten Wünsche sind kaum überraschend und die entsprechenden Handlungsempfehlungen bereits heute «integrierter Bestandteil städtischer Politik in Zürich», wie die Autorinnen festhalten. «Allerdings sollten auch neue Ansätze geprüft und bei ausgewählten Themen die Diskussionen gezielt vertieft und fortgeführt werden», sagt Sonja Kubat. So sollten insbesondere in Stadtrandquartieren – also dort, wo Familienwohnungen noch eher bezahlbar sind – «Treffpunkte geschaffen werden, welche die Kreativwirtschaft und einen Konsum unterstützen, die den neuen Altersgruppen gerecht werden und die Diversität fördern.» Zudem sollen der Austausch und das Netzwerk der Zuzügerinnen und Zuzüger auf Quartiersebene längerfristig gefördert werden. Zum Thema Betreuungsangebote schlagen die Forscherinnen unter anderem vor, die Betreuungszeiten an Berufsanforderungen anzupassen, flexiblere Angebote bezüglich ungeplanter Einzeltage und die stundenweise Betreuung für Notfälle auszubauen. Zudem könnten Ersatzgrosseltern systematisch organisiert und deren Eignung überprüft werden. Für Anna Schindler ist klar, dass bei diesen Handlungsempfehlungen auch private Akteure angesprochen sind. «Es ist nicht Aufgabe der Stadt, Leihgrossmütter zu organisieren», erklärt die Stadtentwicklerin. Generell soll die gesamte Bevölkerung über anstehende politische Wahlen, Entscheidungen und Planungen informiert werden, vorzugsweise über eine App statt über eine Website. Wünschenswert wäre gemäss den Studienteilnehmenden, dass Informationen zu städtebaulichen Entwicklungen, Planungen und Diskussionen im Stadtraum breiter und häufiger publiziert werden. «Dafür braucht es neue Formate und Netzwerke zur Informationsvermittlung sowie Werkzeuge, um Partizipation zu testen», betont Kubat. Auch das entspricht den Vorstellungen der politisch Verantwortlichen, welche die «digitale Stadt» zum Strategieschwerpunkt erklärt haben. Derweil geht das analoge Leben für Montserrat Mendez und ihre Altersgenossinnen weiter. Menschen, die woanders geboren sind, einen ausländischen Pass haben, aber in Zürich ihre Heimat gefunden haben: «Mein Mann und ich haben immer wieder evaluiert, ob wir hierbleiben oder weiterziehen möchten. In diesem Jahr haben wir entschieden: Hier ist unser Zuhause. Zürich ist unser Anker, Zürich ist unsere Stadt.» Astrid Tomczak-Plewka

Lagerplatz Winterthur: Ein gesellschaftliches Biotop

Ein gewöhnlicher Dienstag­nachmittag, doch die Tische beim «Portier» sind auch draussen gut besetzt. Im Portier­häuschen meldete sich einst, wer Zugang zum Industriegelände begehrte. Heute gibts hier Verköstigung – und Informationen über den Lagerplatz, wie Simon Mühle­bach vom ZHAW-Institut Urban Land­scape zum Auftakt des Rundgangs erklärt. Auf dem Areal gibts über 100 Mieter. Nicht alle sind so einfach zu finden wie das Programm­kino ­«Cameo» oder das Hostel ­«Depot 195», das Betten ab 36 Franken anbietet. Und natürlich die Multisporthalle des Skills Park, auf die Kids mit ihren BMX-Velos, Scooters und Inlineskates zusteuern. Trotz der Umnutzung atmet heute noch jede Ecke industrielle Vergangenheit. Die alten Industriegleise sind sichtbar, ein Vordach aus einer anderen Ecke des Areals schützt die Aussenwirtschaft des Bistros «Les Wagons», das aus drei antiken Wagen der Üetlibergbahn besteht. Weiter führt der Rundgang mit Mühlebach zur Halle 181, die um drei Etagen aufgestockt wurde. Im alten Teil gibts einen Verein mit historischen Dampfmaschinen, darüber liegen Büros und Unterrichtsräume der ZHAW. Gegen die Bahngleise im Süden erhielt die Halle zur Schall- und Wärmedämmung eine Gewächshausschicht mit Tomaten, Kräutern und anderen Pflanzen. «Eigentlich bestand auf dem Lagerplatz schon länger ein gesellschaftliches Biotop – man brauchte es bloss zu erhalten.» Simon Mühlebach. Der Lagerplatz macht ein Viertel des Sulzerareals Stadtmitte aus. Hier pulsiert das Leben wie nirgendwo sonst im einstigen Industriequartier. Wie konnte eine so beseelte Urbanität heranwachsen? Solche Fragen untersucht Mühlbach in einem ZHAW-Forschungsprojekt, das anhand von vier Deutschschweizer Arealen der Wechselwirkung zwischen städebaulicher Gestaltung und gesellschaftlicher Integration nachgeht. Denn das war nicht selbstverständlich, als Sulzer 1988 den Rückzug von den Produktionsstandorten in der Stadt bekannt gab. Das Projekt «Winti Nova» wollte mit Neubauten auftrumpfen. Ein Aufschrei ging durch die Stadt. Die Abbruchpläne wurden ausgebremst, eine Stadtentwicklungsdebatte entstand. Zu einer der ersten Zwischennutzungen kam es in der Halle 180, der ehemaligen Kessel­schmiede. Sie wurde zur Architekturschule umgebaut (heute ZHAW-Departement Architektur, Gestaltung und Bau­ingenieurwesen). Nach und nach folgten weitere Zwischenmieter. 2006 schlossen sich die Zwischennutzer im Arealverein zusammen. Obwohl ihnen die Grundstücke gar nicht gehörten, suchten sie einen Käufer – mit Erfolg. Seit 2009 ist der Lagerplatz im Besitz der Stiftung Abendrot, die Pensionskassengelder nach den drei Kriterien Gesundheit, Umwelt und Gerechtigkeit investieren will. Mitgespielt hat, dass eine Umzonung die zugelassene Ausnutzung des Areals verringerte. Das senkte den Rendite- und Überbauungsdruck. «Der Bestand wird nach und nach sozialverträglich saniert, optimiert und erweitert», sagt Mühlebach. Thomas Müller

Filterkaffee als Lifestyle-Getränk

Tässchen oder Tasse? Da muss sie nicht lange überlegen. Nina Rimpl braucht Kaffee nicht als Muntermacher, trinkt statt Espresso lieber Filter­kaffee, von Hand aufgebrüht mit entkalktem Wasser und frisch gemahlenen Bohnen. «Filterkaffee ist die purste Form, Kaffee zu geniessen», sagt sie, «er bietet ein breiteres Geschmacksspektrum als Kaffee aus der Maschine». Die hellere Rös­tung der Bohnen verleiht ihm eine Farbe wie Tee und erzeugt fruchtige und florale Noten wie Johannisbeere oder Rosenblüten. Abgestandener Aufguss in Thermoskannen war gestern: In Szene­cafés von Berlin über New York bis nach Zürich erlebt Filterkaffee ein Revival als Lifestyle-Getränk. Keine weiss das besser als Nina Rimpl: Sie ist seit 2018 Präsidentin und treibende Kraft der Swiss Speciality Coffee Association , die sich für Qualität und Nachhaltigkeit in Anbau und Verarbeitung von Kaffee einsetzt. Spezialitätenkaffee wird durch strenge Richtlinien geschützt und bildet das kleine, aber schnell wachsende High-End-Segment des Kaffeemarkts. Neben Nina Rimpl ist ein weiterer international anerkannter Kaffeekenner im Vorstand: Chahan Yeretzian, Professor für Analytische Chemie und Leiter des Coffee Excellence Cen­t­er der ZHAW, einer der weltweit führenden Kaffee-Forschungsstät­­ten (siehe auch Interview weiter hinten). Im Rahmen des Festivals «Zürich meets Seoul» reisen die beiden im September in die asiatische Metropole und stellen dort ein «Mini-Festival» auf die Beine. Ziel ist es, Südkorea die Kaffeeforschung und -bildung der ZHAW näherzubringen, Networking zu betreiben und von der aufstrebenden koreanischen Kaffeekultur zu profitieren. «In Seoul haben die Coffeeshops ein sehr hohes Niveau», sagt Nina Rimpl, die dort vor zwei Jahren an den Barista-Weltmeisterschaften juriert hat. Dass sie Kaffee-Events organisieren kann, hat sie zuletzt mit dem Swiss Coffee Festival bewiesen, das auf ihre Initiative hin im März 2019 erstmals stattfand. Der Anlass brachte Röster, Maschinenhersteller, Gastronomen, Kaffee-Experten und -Freunde zusammen und war so erfolgreich, dass die nächste Ausgabe für 2020 bereits gesetzt ist. 2014 gewann Nina Rimpl den Titel der Barista-Schweizer-Meisterin. In der Ausmarchung ist nicht nur Handwerk gefragt, sondern auch Schnelligkeit, Wissen über den Kaffee, seine Herkunft und die Aufbereitung. Heute nimmt sie nicht mehr als Kandidatin, sondern als Jurorin an den Wettkämpfen teil – sie ist eine von zwei Schweizer Experten, die für Weltmeisterschaften zertifiziert sind. Dabei zeigt sich, dass Kaffee die Kraft hat, Menschen über die Grenzen zu verbinden. Laut Nina Rimpl ist die internationale Spezialitätenkaffee-Szene «wie eine grosse Familie», in der es entspannt und lustig zu und her gehe. Die Leidenschaft für Kaffee wurde durch ihren Onkel geweckt: Er nahm sie sonntags ab und zu mit seinem Oldtimer in die beiden bes­ten italienischen Kaffeebars zwischen München und Ingolstadt mit, wo sie aufwuchs. Der Geruch gemahlenen Kaffees und die zeremonielle Zubereitung faszinierten sie schon als junges Mädchen. Während des Studiums der Kunstgeschichte und der Psychologie an der Universität Zürich begann sie, als Barista in der Zürcher Bar Rivington and Sons zu arbeiten, und fasste so im hiesigen Kaffeekosmos Fuss. Sie fügte ein Psychologie-Studium an der ZHAW an mit Vertiefung in Arbeits- und Organisationspsychologie. 2018 schloss sie es mit dem Bachelor ab und arbeitet nun an ihrer Masterarbeit zum Thema «Agiles Mindset in Organisationen». Daneben begleitet sie am Institut für Angewandte Psychologie Leadership- und Coachingkurse, hat eine Teilzeitstelle bei der Swisscom und ist als Beraterin für Startups tätig. «Alles zusammen ergibt ein buntes Potpourri», sagt sie, «was mir sehr entspricht.» Wie ihr Leben ist auch Kaffee kein Einheitsprodukt. Nina Rimpl pröbelt ständig mit neuen Sorten, Wasser­temperatur, Mahlgrad, Menge und Aufgusstechnik und erweitert so die Kaffeevielfalt. Ausser Haus trinkt sie nur dort eine Tasse, wo sie weiss, dass diese ihren Ansprüchen genügt. Das trifft auf immer mehr Lokale zu, in denen eine moderne Kaffeekultur zelebriert wird. Asien verbindet man mit Tee. Weshalb veranstalten Sie ausgerechnet in Seoul einen Kaffee-Event? Chahan Yeretzian: Als Kaffee-Experte beobachte ich mit Erstaunen und Freude, wie sich die südkoreanische Kaffeekultur an die Weltspitze gesetzt hat. Hat die Kaffeebewegung die Kraft, die traditionsreiche Teekultur in Asien zu verdrängen? Das ist eine Generationenfrage. Die Jungen bevorzugen Kaffee, aber die Älteren trinken nach wie vor Tee. Tee hat eine lange Tradition und ist weniger dynamisch als die Kaffeekultur, darum ist er auch weniger attraktiv für Junge. Die Kaffeeszene ist intensiver und emotionaler als die Teekultur – rund um die Baris­tas mit ihren Hipster-Frisuren und Tätowierungen ist ein regelrechter Hype entstanden. Kaffee ist Action. «Bei der Verzierung von Milchschaumhauben sind Asiaten wahre Künstler.» Warum sind die Südkoreaner so gut in der Kaffeezubereitung? Die Koreaner kultivieren, so wie viele andere asiatische Länder, die Liebe zu den Details, die unseren Alltag bereichern. Sie haben in den letzten Jahrzehnten den Spezialitätenkaffee für sich entdeckt und stetig verfeinert. Die Bewegung ist enorm kreativ und qualitätsbewusst. Gerade in Seoul gibt es eine hohe Dichte an Coffeeshops, mehr als in irgendeiner Stadt der Welt. Die Avantgarde des Kaffees lebt in Seoul. Nicht von ungefähr wurde dieses Jahr eine Südkoreanerin Baris­ta-Weltmeisterin. Was wollen Sie bei «Zürich meets Seoul» konkret bieten? Wichtig ist mir der Fun-Faktor. Es soll kein dröges Symposium werden, sondern spannende Begegnungen ermöglichen. Dazu gehören Performances von Baristas, praxis­orientierte Vorträge und Events mit Schweizer Unternehmen aus der Kaffeebranche. Mir schwebt auch ein Latte-Art-Wettbewerb vor. Bei der Verzierung von Milchschaumhauben sind Asiaten wahre Künstler. Die ZHAW nimmt an der Festivalreihe «Zürich meets Your City», diesmal vom 28. September bis 5. Oktober, in Seoul teil. Dort wird sie verschiedene Projekte präsentieren, darunter das «Kaffee-Minifestival» oder auch ein Virtual-Reality-Spiel, das die ZHAW derzeit erarbeitet. Mit dem Spiel soll die Bevölkerung in die Gestaltung von Smart Cities eingebunden werden – und zwar weltweit. Im Rahmen des Städte­festivals diskutieren das IAM-MediaLab des ZHAW-Departements Angewandte Linguistik, Forschende der ZHAW School of Engineering und ein interdisziplinäres Team der Ewha Womans University in Seoul mit Expertinnen und Experten, Forschenden und Studierenden, wie das Spiel gestaltet werden kann, damit es auch Frauen anspricht und deren Potenzial für die Gestaltung von Smart Cities erschliesst. Die Ewha Womans University ist eine der führenden Universitäten für Stadtentwicklung und Virtual Reality in Korea. Corinne Amacher

Zwischen Senioren und Babygeschrei – so wohnen Studierende

Endlich raus aus dem Elternhaus – viele Studentinnen und Studenten wollen unbedingt ausziehen. Sie erhoffen sich in einer WG mehr Freiheit und Unterhaltung. Ein paar Klicks im Internet, eine entspannte Vorstellungsrunde, und schon hält man den Zimmerschlüssel in der Hand. Jeder Student hat eine klare Vorstellung vom perfekten WG-Zimmer. Die Realität sieht jedoch oftmals anders aus als die Wunschvorstellung. Laut dem Bundesamt für Statistik ist es im Raum Zürich überdurchschnittlich schwierig, ein WG-Zimmer zu finden. Im Jahr 2016 gaben 53 Prozent der Hochschulstudenten an, dass sie bei der Suche Mühe hatten. Im Schweizer Durchschnitt fiel dies 45 Prozent der Studenten schwer. Wenn man nicht fündig wird, bleibt eine Lösung: das Elternhaus. 40 Prozent haben angegeben, noch bei den Eltern zu wohnen (siehe Infografik). Sobald die Studenten von daheim bis zur Fachhochschule oder Universität lange pendeln müssen, suchen sie lieber nach Alternativen. Fündig werden Studierende beispielsweise bei der Studentischen Wohngenossenschaft Woko. «Wir haben Studios für Einzelpersonen bis zu ganzen Studentenhäusern», sagt Pascal Wyrsch, Leiter Wohnen. In Winterthur und Zürich beherbergt die Genossenschaft über 3500 Studenten. In Zürich Altstetten betreibt die Woko ein Studentenhaus mit 169 Zimmern, wo sich die Studierenden eine Grossküche und mehrere Nasszellen teilen. Die Studenten, die im Haus wohnen, seien aus dem Ausland. «Jedes Semester gibt es deshalb einen grossen Wechsel», sagt er. Allgemein gelte für Studierende, dass sie maximal acht Jahre in einem Haus der Woko wohnen dürften. Die Woko arbeite stetig daran, das Angebot auszubauen. Gegenüber dem Vorjahr sei die Anzahl der Zimmer um 14 Prozent angestiegen. So auch für Menschen mit Beeinträchtigungen. «Wir bieten Wohnräume an, welche als IV-Zimmer ausgebaut und somit rollstuhlgängig sind», sagt Wyrsch. Viele Liegenschaften hätten zudem einen Lift. In Winterthur wohne eine Mieterin, die blind sei. «Für sie wurden Markierungen angebracht, damit sie sich im Haus orientieren kann», sagt Wyrsch. Eigentlich seien Haustiere nicht erlaubt, aber bei Blindenhunden mache die Woko eine Ausnahme. Eine Wohnform der ungewöhnlichen Art bietet die Pro Senectute im Kanton Zürich an. Im Rahmen des Projekts «Wohnen für Hilfe» wohnen ältere Leute mit Studentinnen und Studenten zusammen. «Die Studierenden müssen keine Miete zahlen, aber dafür die Seniorin oder den Senior im Alltag unterstützen», sagt Andrea Ziegler, Koordinatorin des Projekts. Als Tauschregel gelte: eine Stunde Hilfe pro Monat und Quadratmeter Wohnraum. Die Aufgaben der Studenten variieren laut Ziegler: «Meistens sind es Arbeiten im Haushalt oder im Garten.» Im Fall des Seniors Hermann Marti und der Studentin Melanie Gottier geht es weniger um häusliche Arbeiten, dafür mehr darum, Zeit zusammen zu verbringen (siehe Video). Die Studenten können im Voraus angeben, welche Aufgaben sie bereit wären zu erledigen. Dass der Wohnraum kostenlos sei, solle nicht im Vordergrund stehen, so Ziegler: «Wenn ich einen Studenten kennenlerne und merke, dass es ihm nur ums Geld geht, lehne ich ihn ab.» Seit dem Beginn des Projekts im Jahr 2009 hat die Pro Senectute im Kanton Zürich über 120 Studenten vermittelt. Sobald das Studium vorbei ist, müssen sie ausziehen. Die meisten bekämen schnell einen Nachfolger: «Wir erhalten viel mehr Anfragen, als dass wir Senioren haben, die ein Zimmer anbieten.» Viele Senioren, die einmal Teil des Projekts waren, nehmen erneut jemanden auf, solange das Alter und die Gesundheit es erlauben. «Ich könnte mir nicht vorstellen, in einer normalen WG zu wohnen», sagt Frida Schlegel. Mit «normal» meint sie, wie die meisten Studenten wohnen, mit zwei oder drei Mitbewohnern. Die 26-Jährige hat sich für eine spezielle WG entschieden. Sie wohnt zusammen mit sechs Erwachsenen und zwei kleinen Kindern im Alter von drei und sechs Jahren in einem Haus. Frida sitzt im Sessel in ihrem Zimmer im obersten Stock des Hauses. Das Gebäude ist hellhörig, im Erdgeschoss ist Kindergeschrei zu hören. Daran habe sie sich schon gewöhnt. «Unter der Woche habe ich kein Problem, das Kindergeplapper zu hören, an einem Samstagmorgen dafür eher», sagt sie und lacht. Seit dem Beginn ihres Ergotherapiestudiums vor fünf Jahren wohnt sie hier. Oft werde sie gefragt, wie es möglich sei, dass sich neun Bewohner ein Badezimmer mit Dusche teilen. «Dabei klappt das erstaunlich gut», sagt Frida. Man müsse halt sehr aufeinander achten. So sei es auch in der Küche. «Wir teilen uns alle den Kühlschrankinhalt», sagt sie. Es funktioniere, weil das Haus schon jahrelang eine WG sei. Wenn man dazuziehe, seien die Regeln von Anfang an klar. Einmal im Monat gibt es eine WG-Sitzung mit gemeinsamem Nachtessen. Dort werden Probleme oder Wünsche angesprochen, wie die geplante Dachrenovation. «Weil wir das Haus selber verwalten, müssen wir uns um alles kümmern», sagt sie. Der Grund dafür sei, dass ihre WG ein Genossenschaftshaus sei und alle Mitbewohner somit Genossenschafter. Diese Wohnform ist laut Frida nur etwas für Leute, die mit ihren Mitbewohnern viel Kontakt haben wollen. «Es darf einen nicht stören, dass, wenn du am Essen bist, jemand anders kocht, auf dem Boden ein Baby rumkrabbelt und es mal laut ist.» Manchmal sei es aber auch erstaunlich ruhig. Wenn jemand seine Zimmertüre schliesse und seine Ruhe haben wolle, respektierten das alle. «Es gibt sogar Abende, an denen ich um neun Uhr heimkomme und alles im Haus schon dunkel ist.» *Lisa Wickart studiert Journalismus im Bachelorstudiengang Kommunikation am Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM. Die Beiträge entstanden in der Werkstatt «Konvergente und Multimediale Produktion» im fünften Semester. In dieser Werkstatt erarbeiten die Studierenden Beiträge für die Praxis, unter Bedingungen und in Abläufen, wie sie im Journalismus üblich sind. Lisa Wickart*

Biodiversität für Grünflächen – Es hat Platz für alle

Solch prächtige Blumenwiesen sind heute selten: «Hier wachsen auf wenigen Quadratmetern dreissig bis fünfzig Pflanzenarten», sagt Florian Brack, Leiter der Forschungsgruppe Freiraummanagement am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW. Wir befinden uns in der Überbauung «Brombeeriweg», einem jüngeren Teil der Siedlung Friesenberg am Fusse des Uetlibergs in Zürich. Er sei ein «Vorzeigebeispiel für naturnahe Gestaltung», so Brack: Neben den Blumenwiesen gibt es hier auch Heckenbänder, Steinstrukturen und ein Wildbienenhotel, aber auch Nutzgärten und Spielflächen. «Nach dem Bezug 2003 haben die Bewohner noch oft gefragt, wann endlich aufgeräumt werde – inzwischen haben sie ein Bewusstsein dafür entwickelt.» Florian Brack Die Mischung gefällt. In keiner Wohnsiedlung am Friesenberg sind die Menschen so zufrieden wie hier, hat eine Untersuchung der Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) ergeben, zu der auch der «Brombeeriweg» gehört. Auf unserem Rundgang werden wir spontan von Bewohnerinnen angesprochen, denen der Stolz auf die naturnahe Umgebung deutlich anzumerken ist. «Das war am Anfang anders», sagt Florian Brack. «Nach dem Bezug 2003 haben die Bewohner noch oft gefragt, wann endlich aufgeräumt werde. Man musste den Leuten das Konzept erklären – inzwischen haben sie ein Bewusstsein dafür entwickelt.» Wir wechseln in die Nachbarsiedlung «Hegianwandweg», die auch der FGZ gehört, aber deutlich älter ist. Die Umgebung sieht viel weniger abwechslungsreich aus, die Artenvielfalt ist geringer. «Diese Siedlung wurde damals nicht bewusst naturnah gestaltet», sagt Brack. «Trotzdem lässt sich auch hier etwas für die Natur machen.» So wird heute deutlich seltener gemäht, mancherorts lässt man das Gras hoch wachsen. Diese Massnahmen beruhen auf einer engen Kooperation zwischen den ZHAW-Forschenden und den Genossenschafts-Angestellten. «Die FGZ-Gärtner sind sehr offen für unsere Anliegen und arbeiten aus eigener Motivation naturnah, sonst ginge es nicht», sagt Brack. Die Grundlage für die Zusammenarbeit ist das Handbuch «Mehr als Grün», das die Forschungsgruppe Freiraummanagement in den letzten zwei Jahren im Auftrag von Grün Stadt Zürich erarbeitet hat, dem für die städtischen Grünräume zuständigen Amt. Die FGZ war in diesem Projekt die Praxispartnerin. Ziel sind die Förderung der Artenvielfalt und die Schonung von Ressourcen. «Die Biodiversität kommt meist erst am Ende des Bauprozesses zur Sprache, und dann fehlt es oft an Geld und Platz.» Anke Domschky Die Reaktionen auf das Buch sind durchwegs positiv. Trotzdem gilt die Biodiversität immer noch als Randthema – bei vielen Projekten steht der Profit im Zentrum. «Die Biodiversität kommt meist erst am Ende des Bauprozesses zur Sprache, und dann fehlt es oft an Geld und Platz», sagt Anke Domschky, die sich am Institut Urban Landscape am Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen der ZHAW mit dieser Problematik auseinandersetzt. «Aber die Biodiversität ist kein Randthema, sie gehört von Anfang an mit an den Tisch.» Doch selbst ein Miteinbezug bei der Planung ist noch kein Garant für eine entsprechende Umsetzung. So kommt es vor, dass sich geplante Blumenwiesen und Naturhecken im Laufe der Ausführung in artenarme Fettwiesen und Thujahecken verwandeln, weil es der Gärtner halt schon immer so gemacht hat. Um solche Fehlprozesse zu verhindern, gibt es nun eine Fortsetzung des Projekts. «Das Handbuch für die Pflege steht schon im Einsatz», sagt Florian Brack. «Nun wollen wir ähnliche Instrumente auch für Planung und Bau entwickeln, um alle Phasen von Bauvorhaben abzudecken.» Dieses neue Projekt ist soeben gestartet und wiederum auf zwei Jahre angelegt, Leiter ist abermals Florian Brack. Die Stadt Zürich ist wieder beteiligt, dazu weitere Schweizer Städte – ein Teil der Finanzierung kommt vom Bundesamt für Umwelt (BAFU). «Beim BAFU hat man die Erfahrung gemacht, dass es viele übergeordnete Konzepte gibt, der Transfer in die Praxis aber oft nicht stattfindet», sagt Brack. «Auch darum unterstützt es unser Forschungsprojekt.» Eigentlich sind Bauvorhaben im Spannungsfeld von Nutzerbedürfnissen, ästhetischen Vorlieben und Naturförderung schon komplex genug. Doch es kommen noch weitere Faktoren hinzu, allen voran der Klimawandel. So will man im ZHAW-Forschungsbereich Urbane Ökosysteme, in dem Florian Brack wirkt, etwa der Frage nachgehen, welche Bäume in der Stadt der Zukunft gepflanzt werden sollen: Sie müssen Hitze und Trockenheit besser vertragen als die heutigen Arten, aber gleichzeitig immer noch gegen Winterfrost gewappnet sein. Auch Fassadenbegrünungen, die man etwa in Zürichs Wohnsiedlungen noch zu selten sieht, müssen zu einem grossen Thema werden, weil sie die Häuser kühl halten. Windschneisen von den Wäldern und vom See her sollen in den Siedlungen für frische Luft sorgen. Gleichzeitig muss aber auch mehr verdichtet werden, in der Stadt Zürich rechnet man in den nächsten zwanzig Jahren mit hunderttausend zusätzlichen Einwohnern. Wie soll das alles zusammengehen? Dass es funktionieren kann, zeigt ein Gang mit Anke Domschky durch die neue Siedlung «Entlisberg 2» in Wollishofen. Gebaut hat sie die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich, der Bezug fand 2017 und 2018 statt. Auf engem Raum stehen hier 213 Wohnungen, aber noch viel mehr: Im Innenhof und rundherum gibt es Spazierwege, Bänkli, Spielplätze, ruhige Nischen, Mitmach-Flächen (etwa für Urban Gardening), Kunstwerke, Staudenrabatten, Biodiversitätsflächen und sogar einen kleinen Schlittelhang. «Das ist vorbildlich gemacht – vor allem angesichts all der Randbedingungen, die zu erfüllen waren», sagt Domschky. Auch ans Klima hat man gedacht: Es wurden viele Bäume gepflanzt, auch lokale Obstsorten, und es gibt kaum Asphalt, weil der sich im Sommer stark erhitzt. Die Dächer sind von Solarzellen bedeckt, auf bestehende Frischluftschneisen hat man Rücksicht genommen. Zudem wurden Retentionsflächen gebildet, in die bei Starkregen das Wasser fliessen kann. Auch hier: Den Bewohnerinnen und Bewohnern gefällt es offensichtlich – der Innenhof sprüht vor Leben, und der Kontrast zur steril wirkenden Nachbarssiedlung mit ihren monotonen Rasen- und Asphaltflächen ist scharf. «Verdichtung, Natur und Lebensqualität sind kein Widerspruch», sagt Domschky. Wichtig sei, schon in der Planung an alle Bedürfnisse zu denken und die Bewohner aktiv an ihrem Umfeld teilhaben zu lassen. Es dürfe etwa in so einer Siedlung nicht zu grosse reine Naturflächen mit Betretverbot geben: «Nicht nur die Pflanzen und Tiere sollen sich wohlfühlen, sondern auch die Menschen.» ZHAW-Handbuch zu naturnaher Pflege «Das Feedback ist sehr gut», sagt Florian Brack zu seinem neuen Handbuch «Mehr als Grün» . «Die Reaktionen sind durchwegs positiv», sagt Bettina Tschander, die bei Grün Stadt Zürich dafür verantwortlich ist. Offenbar hat die Umweltszene auf genau dieses Werk gewartet. Es füllt eine Lücke, weil man sich Informationen zur naturnahen Pflege bisher aus verschiedenen Quellen zusammensuchen musste. Nun bekommt man alles Relevante in einer einzigen Schrift geliefert, knapp zusammengefasst und sehr praxisorientiert. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist vermutlich, dass die ZHAW-Forscher nicht auf einen ausgrenzenden Naturschutz setzen, wie er teilweise früher betrieben wurde, sondern konsequent für den Dreiklang «Nutzung–Gestaltung–Ökologie» eintreten, also die Bedürfnisse der Menschen miteinbeziehen. Das Buch existiert in zwei Formen: Als umfassendes Nachschlagewerk («Profilkatalog») und als kleines Praxishandbuch, das Gärtner bequem bei der Arbeit mittragen können. Unterteilt in Kapitel wie «Gebrauchsrasen», «Hochstaudenflur» oder «Wildhecke», beschreibt es die einzelnen Schritte bei der naturnahen Pflege – aber auch, welche Massnahmen man besser sein lässt. Das Handbuch ist für Profis gedacht. Gebraucht wird es vorwiegend von Gärtnern der Stadt und der Wohnbaugenossenschaften. Grün Stadt Zürich setzt es überdies in ihren Mitarbeiter-Kursen ein. «Mittelfristig soll das Werk zur Grundlage für den Unterhalt werden, zur Leitlinie für die Pflege», sagt Bettina Tschander. Um die Umsetzung zu fördern, hat die Stadt letztes Jahr auch ein kleines Förderprogramm für die Schaffung ökologisch wertvoller Flächen auf die Beine gestellt. Ausserdem will man mit dem Buch auf private Liegenschaftsbesitzer zugehen. «Bei den Genossenschaften stossen wir auf offene Ohren», sagt Tschander. «Bei den Privaten ist es schwieriger. Insbesondere bei Immobilienfirmen und Pensionskassen stehen häufig andere Interessen als die Ökologie im Fokus.» Mathias Plüss

Mit Pflanzen Räume schaffen

Wie versetzte Riegel stehen die Wohnblöcke in den kurz getrimmten Rasenflächen. Nur einzelne Bäume und Baumgruppen lockern das Bild auf. Die parkartigen Grünflächen wirken anonym zwischen den Zufahrtsstrassen und Parkplätzen. Das Klotener Quartier Hohrainli ist ein typischer Vertreter der «aufgelockerten, durchgrünten» Stadt aus den 1950er und 1960er Jahren. Diesen Grünräumen fehlt es an Intimität und Potenzial für Gemeinschaft. Das möchten ZHAW-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler aus dem Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen des Departements Life Sciences und Facility Management ändern. Ihre These ist, dass Aussenraumstrukturen zentral sind für das soziale Gefüge eines Quartiers, für das Wohlbefinden seiner Bewohnerinnen und Bewohner – und dadurch für deren physische und psychische Gesundheit. «Wir möchten Investoren aufzeigen, dass vielgestaltige, pflanzenreiche Aussenräume auch zu ihrem Vorteil sein können: mehr Mieterzufriedenheit, weniger Mieterfluktuation und gleichzeitig ein Beitrag zur Biodiversität», erklärt die Projektleiterin Petra Hagen Hodgson. Veraltete Bausubstanz, ein hoher Anteil an Kleinwohnungen und anonyme Grünräume führen dazu, dass sich das Quartier Hohrainli mit einer zunehmenden Mieterfluktuationen und einem schlechten Image konfrontiert sieht. Aus diesem Grund hat die Stadt Kloten zusammen mit den Immobilienbesitzern beschlossen, das Quartier gestalterisch wie auch sozial weiterzuentwickeln und ein Soziales Quartierentwicklungskonzept (SQEK) in Auftrag gegeben. Das Kapitel «Soziales» des SQEK wurde von Petra Hagen Hodgson und ihrem Team von der Forschungsgruppe Grün und Gesundheit ausgearbeitet. Darin haben die Forschenden zehn Punkte formuliert, von denen einer beispielsweise die Schaffung von mehr Wohnlichkeit im Aussenraum fordert. Hodgson möchte dies erreichen, indem sie wieder Begriffe in die Diskussion einbringt wie etwa «Sinnlichkeit». «Uns geht es darum herauszufinden, wie Sinnlichkeit in Wohnsiedlungen gestaltet werden kann und was Wohnlichkeit überhaupt ausmacht», erklärt sie. «Uns geht es nicht ums Abhaken, ob es einen Spielplatz oder eine Grillstelle gibt, sondern darum, herauszufinden, wo die Menschen sich wohlfühlen.» Hodgson und ihr Team interessieren sich bei ihrer Forschung vor allem für die Anliegen der Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers. Darum setzen sie auf sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden und dabei vor allem auf qualitative Zugänge über Interviews und teilnehmende Beobachtungen. «Uns geht es nicht ums Abhaken, ob es einen Spielplatz oder eine Grillstelle gibt, sondern darum, herauszufinden, wo die Menschen sich wohlfühlen», erklärt Hagen Hodgson. Mit qualitativer Forschung sei es möglich, auf die individuellen Lebenswelten der Menschen im Hohrainli einzugehen, welche ganz unterschiedlich seien. Die einen wollen ein Buch lesen in einer angenehmen Ecke, andere möchten gärtnern und wieder andere möchten sich auf einen Schwatz zusammensetzen. «Dafür reicht es nicht, eine Rasenfläche zur Verfügung zu stellen. Dafür braucht es unterschiedliche Strukturen im Grünraum und dass die Eigentümer Aneignung zulassen.» Es gehe darum, mit Pflanzen Räume zu gestalten und damit etwas Soziales zu ermöglichen, ist Hagen Hodgson überzeugt. Aneignung entstehe zum Beispiel, wenn ein Familienvater im Aussenraum seinen Grill aufstelle und andere zum Mitmachen anrege. Möglicherweise würden sie sich sogar gemeinsam eine Pergola bauen. Wieder andere würden vielleicht ein Gemüsebeet anlegen. «Das ist Zulassen von Wohnlichkeit im Aussenraum und ein Gewinn für eine Immobilienunternehmung», so Hagen Hodgson. Gerade dieser Punkt sei bei der Zusammenarbeit mit der ZHAW von grosser Bedeutung, erklärt Raumplaner Andreas Stoll, der das Projekt Hohrainli bei der Stadt Kloten betreut. «Die von den ZHAW-Forschenden aufgestellten Eckpunkte im Entwicklungskonzept sollen die Räume im Quartier für die Bewohnerinnen und Bewohner nutzbarer machen.» Es ist bereits das dritte Projekt, welches die ZHAW im Hohrainli durchführt. «Aktuell planen wir, mit kleinen Interventionen im Grünraum zusammen mit Bewohnerinnen und Bewohnern den Aussenraum etwas wohnlicher zu gestalten», erzählt Hodgson. Das Projekt mit dem Titel «Interaktionen im Grünraum» wird im Rahmen des Schwerpunkts «Gesellschaftliche Integration» der ZHAW mitfinanziert. Dort geht es um ganz praktische Aktivitäten wie etwa, gemeinsam mit den Anwohnern Bepflanzungen vorzunehmen, aber auch um erste Überlegungen, wie der geplante Transformationsprozess des Quartiers hin zu einem verdichteten Quartier möglichst sozialverträglich stattfinden kann. Die Entwicklung der Überbauung wird noch bis zu 20 Jahre in Anspruch nehmen. Für Hagen Hodgson stehen deshalb Fragen rund um den längerfristigen sozialen Transformationsprozess in einem Quartier im Zentrum. Um diesen Fragen weiter nachgehen zu können, stehen die ZHAW-Forschenden mit der Stadt Kloten weiterhin im Gespräch. Laut Stoll gibt es auch bereits Perspektiven, wie es weitergehen kann. Die Immobilienfirma Pensimo besitzt einen Sechstel der rund 700 Wohnungen im Klotener Quartier Hohrainli. Im Jahre 2012 überlegte sich der Immobilienbesitzer, wie die Siedlung vor der baulichen wie auch sozialen Abwärtsspirale gerettet werden könnte. Daraus entstand zuerst das ZHAW-Projekt «Partizipative Vorgehensweisen für die Aufwertung und Umgestaltung von Innen- und Aussenräumen der Siedlung Hohrainli in Kloten». In diesem Projekt gingen die ZHAW-Forschenden unter anderem der Frage nach, was Grünräume für ältere Menschen beitragen können. Zwischen 2015 und 2017 erstellten zwei Planungsbüros zusammen mit Landschaftsarchitekten eine Studie zur Weiterentwicklung des Quartiers. Die Stadt Kloten und Pensimo entwickeln diese Studie unter Mitarbeit der ZHAW aktuell weiter mit einem Sozialen Quartierentwicklungskonzept (SQEK). Dieses ist zwar noch nicht verbindlich für öffentliche Planungsträger (behördenverbindlich), aber die Stadt Kloten und der Kanton Zürich möchten dem Thema auch aus raumplanerischer Sicht mehr Gewicht geben. Gerade der Kanton Zürich sei sehr interessiert an den Entwicklungen im Hohrainli und betrachte das Ganze als Pilotprojekt, erklärt der Klotener Raumplaner Andreas Stoll. Im Kanton stünden in nächster Zeit viele Entwicklungen von Quartieren aus den fünfziger bis siebziger Jahren an. Um diese Sanierungen und Verdichtungen nicht nur planerisch, sondern auch sozialverträglich zu ermöglichen, sei der Kanton auf Expertisen wie jene der ZHAW angewiesen. Abraham Gillis

Schlauer unterwegs

Nur nicht stehenbleiben – das scheinen wir in den letzten Jahrzehnten nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinn verinnerlicht zu haben. Ständig gehen wir irgendwohin, zur Arbeit, ins Fitness, ans Klassentreffen. Wir sind nicht nur öfter unterwegs, sondern bewegen uns auch über weitere Strecken und längere Zeiträume fort. Mehr Mobilität bedeutet aber immer auch: im Stau stecken, im Zug stehen, auf verspätete Busse warten. Ein Viertel der gesamten Strecke, die wir in der Schweiz täglich zurücklegen, macht der Arbeitsweg aus. Die Statistiker zählen zu den Pendlern alle Erwerbstätigen, die für ihre Arbeit aus dem Haus gehen. Ein grosser Teil dieser knapp 3,9 Millionen Menschen verlässt nicht nur die Wohnung, sondern auch die Wohngemeinde. Pendler brauchen im Durchschnitt eine halbe Stunde beziehungsweise legen knapp 15 Kilometer zurück, bis sie an ihrem Arbeitsplatz sind. Die Hälfte fährt mit dem Auto ins Geschäft, etwa ein Sechstel nimmt den Zug, eine von zehn geht zu Fuss, einige wenige steigen aufs Fahrrad oder das E-Bike . «Den Druck spüren insbesondere die urbanen Zentren wie Zürich, Basel oder Genf», sagt Raphael Hörler, wissenschaftlicher Assistent am Institut für Nachhaltige Entwicklung an der ZHAW. Der Stellenwert des Autos fällt jedoch je nach Stadt sehr unterschiedlich aus: Sind in Lugano fast zwei Drittel aller Pendler mit dem Auto unterwegs, ist es in Basel nur gerade ein Fünftel; auch Zürich (24 %) und Genf (27 %) liegen deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt, was den Anteil des motorisierten Individualverkehrs am Pendlerverkehr betrifft. Den hohen Wert in Lugano erklärt Hörler unter anderem mit der Topografie der Stadt, die von steilen Hängen und Hügeln umgeben ist; das macht sie ungünstiger für den öffentlichen Verkehr. Zudem sind in Lugano am Arbeitsort oft mehr und günstigere Parkplätze vorhanden als in anderen Kernstädten, was dem Vorzug des Autos ebenfalls Vorschub leistet. Die ZHAW hat im Projekt «Smart Commuting» am Beispiel von Basel untersucht, wie offen Pendlerinnen und Pendler für neue Mobilitätslösungen sind – dabei standen Angebote wie Car-Sharing und Ride-Sharing im Fokus sowie Systeme wie Mobility-as-a-Service (MaaS), die das Planen, Buchen und Bezahlen verschiedener Mittel und Methoden des Transports ermöglichen und eine Dienstleistung bieten, die auf die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen zugeschnitten ist. «Mit dem Projekt wollten wir den Fragen auf den Grund gehen, wie das Pendeln nachhaltiger werden beziehungsweise eine CO 2 -Reduktion erreicht werden kann und was einer solchen Entwicklung bislang im Weg steht», erklärt Hörler. Er hat diese Fragen gemeinsam mit anderen Forschenden der ZHAW untersucht. «Smart Commuting» wurde vom Bundesamt für Energie unterstützt und ist Teil des Förderprogramms ERA-NET Cofund Smart Cities and Communities (ENSCC), eines Netzwerks zur Weiterentwicklung des europäischen Forschungsraums. Zum Programm gehören neben der Fallstudie aus der Schweiz auch Untersuchungen aus Österreich und Finnland. Ein Blick auf diverse Städte Europas zeigt, wie unterschiedliche Mobilitätslösungen zu mehr Nachhaltigkeit beitragen können: So hat Bremen vor einigen Jahren den Hub «mobil.punkt» ins Leben gerufen – Car-Sharing-Stationen in der Nähe des öffentlichen Verkehrs, die mit dem Bus, zu Fuss und mit dem Velo gut erreichbar sind und für Letztere auch Abstellplätze bieten. Rund ein Drittel der Personen, die das Car-Sharing nutzen, lassen ihr eigenes Auto gemäss einer Untersuchung von 2016 dank dieser Möglichkeit zu Hause, das sind fast 4000 Fahrzeuge. London hat bereits 2003 eine Staugebühr eingeführt. Sie muss von allen Fahrzeugen entrichtet werden, die werktags zwischen 7 und 18 Uhr in die Innenstadt fahren, Ausnahmen sind Taxis oder Elektroautos. Die Registrierung der Nummernschilder ein- und ausfahrender Fahrzeuge erfolgt über Kameras. Die Zahl der Autos im Zentrum hat bereits in den ersten Jahren um ein Drittel abgenommen: Pendler stiegen auf öffentliche Verkehrsmittel um, nutzten Car-Sharing-Angebote oder bewegten sich in der Innenstadt mit Taxi oder Motorrad fort. Der Londoner Ansatz wurde von vielen weiteren Städten übernommen. «Nachhaltige Mobilität lässt sich nicht allein mit guter Infrastruktur erreichen.» Kopenhagen ist schon lange bekannt für seine Pro-Velo-Strategie, die es bereits seit den siebziger Jahren verfolgt. Fast die Hälfte aller Erwerbstätigen fährt in der dänischen Hauptstadt mit dem Velo zur Arbeit oder in die Schule. Spitzenreiter in Sachen Bike-Sharing war aber lange Paris: Die Kapitale Frankreichs hat 2007 mit einer Werbeagentur ein entsprechendes Angebot eingeführt, eine Public-Private Partnership. Die Zahl der Pendler, die fortan mit einem Vélib-Velo ins Büro fuhren, verdoppelte sich innerhalb kurzer Zeit. All diesen Initiativen sei etwas gemeinsam, sagt Hörler: «Nachhaltige Mobilität lässt sich nicht allein mit guter Infrastruktur erreichen.» Es brauche die Zusammenarbeit von öffentlicher Hand und privaten Unternehmen wie auch die Medien, die neue Technologien und Angebote bekannt machen und wichtige Zielgruppen erreichen. Obwohl Basel 2016 mit Catch a Car als erste Schweizer Stadt einen Free-Floating-Dienst für Autos eingeführt hat – ein solcher erlaubt einem, das Fahrzeug auf irgendeinem öffentlichen Parkplatz statt an einem fixen Standplatz abzustellen –, ist die Offenheit gegenüber solchen Angeboten eher gering. Car-Sharing und Ride-Sharing werde selten genutzt, heisst es im Projektbericht «Smart Commuting». Gerade Letzteres ist auch wenig bekannt. Flexibilität und Privatsphäre gehören zu den Hauptargumenten für das eigene Auto, Einschränkungen diesbezüglich werden ungern hingenommen. Sharing-Angebote wie Mobility, Catch a Car oder Sharoo werden – in der Schweiz wie auch im übrigen Europa – meistens als Mittel zur Kosteneinsparung gesehen und nicht vorrangig zur Entlastung von Verkehr und Umwelt. Es sind denn vor allem junge Menschen und solche mit eher niedrigem Einkommen, die am ehesten Interesse daran zeigen. Entsprechend sollten sich Strategien und Informationskampagnen mit dem Ziel breiterer Bekanntheit und Akzeptanz am Anfang auf diese Gruppen konzentrieren, so die Autoren von «Smart Commuting». «Ein professionelles Mobilitätsmanagement sollte auch in Unternehmen selbstverständlich sein.» «Ein professionelles Mobilitätsmanagement sollte auch in Unternehmen selbstverständlich sein», findet Hörler. Als Beispiel nennt er etwa das Paul-Scherrer-Institut: Der Betrieb verfügt über einen Verleih von Fahrrädern für seine Angestellten, bietet eine firmeneigene Plattform für Fahrgemeinschaften, führt mit den örtlichen Verkehrsbetrieben Gespräche über eine zusätzliche Buslinie – und hat kürzlich die jährlichen Parkplatzgebühren verdoppelt. Es müssten nicht nur neue Angebote geschaffen, so Hörler, sondern auch falsche Anreize abgeschafft werden. Gratisparkplätze etwa trügen wesentlich zum Entscheid bei, mit dem Auto zur Arbeit zu kommen. Nachhaltigere Lösungen entstünden aber oftmals nicht unbedingt aus Umweltüberlegungen, sondern schlicht aus Notwendigkeit heraus – etwa wenn ein Unternehmen umzieht oder ein zusätzliches Gebäude errichtet und der Platz für Parkplätze nun auf einmal knapp ist. Zeitgemässes und zukunftsträchtiges Pendeln bedeutet auch, die langsamste aller Fortbewegungsmöglichkeiten attraktiver und sicherer zu machen: «Es soll Spass machen, zu Fuss unterwegs zu sein», sagt Hörler. Grünere Strassen und breitere Wege sollen einladen zum Spazieren, Flanieren, Bummeln. Nachhaltige Mobilität bedeutet schliesslich immer auch die Frage: «Wie kann man leben und arbeiten, indem man grundsätzlich etwas weniger unterwegs ist?» Ümit Yoker

Wie viel Platz braucht man zum Wohnen?

Ihr Mini-Haus «immergrün» haben sie selbst entwickelt und gebaut. Die ehemaligen ZHAW-Studierenden Florentina Gojani (Betriebsökonomie) und Alesch Wenger (Architektur) testen seit Oktober 2018 ihr mobiles 12-Quadratmeter-Daheim und bieten als «kollektiv winzig» Dienstleistungen rund um Kleinwohnformen an. Der Trend zum Wohnen auf kleinem Fuss stammt aus Amerika und ist allmählich auch in Europa angelangt. Tiny Houses sind meist zwischen 10 und 55 Quadratmeter klein und sind oftmals auf Rädern montiert. Gojanis und Wengers Traumhäuschen bietet Arbeits- und Wohnraum für zwei Personen und beinhaltet Garderobe, Küche, Bad, Bett, einen Esstisch für fünf Personen, Wohn- & und Arbeitsnischen, Estrich, Keller, Haustechnik, Werkstatt und Reduit. Sechs Monate dauerten die Planungsarbeiten, in sechs Monaten haben die beiden «immergrün» mit Hilfe selbst gebaut. Die Materialkosten beliefen sich auf rund 50'000 Franken. «Wir fragen uns immer wieder, was uns im Leben wichtig ist, und sind zum Schluss gekommen, dass Flexibilität ganz oben steht», sagen die Häuschenbesitzer. Der bisherige Test ergab, dass die beiden 90 Prozent weniger Energie benötigen, im Schnitt wöchentlich gemeinam 200 Liter Frischwasser verbrauchen statt 2000 Liter wie in der früheren Wohnung. Eine Solaranlage deckt den Strombedarf.

Glattpark Opfikon: Stadtteil mit eigenem Park und See

Wer an der Tramhaltestelle Fernsehstudio aussteigt, ist in wenigen Schritten am schmalen See. Er ist 550 Meter lang und streckt sich elegant zur Autobahn hin. Dort, wo man die Fahrzeuge besser hört, ergab sein Aushub einen Erdwall. Er schottet das Areal gegen Strassenlärm ab. An Sommerwochenenden oder nach der Arbeit schwimmen manche aus dem Quartier im See und suchen Erfrischung, andere flanieren auf der Seepromenade. Bevor der Stadtspaziergang mit Roland Züger, Dozent am ZHAW-Institut Urban Landscape, jedoch dorthin ins Grün führt, gibt es einen kurzen Zwischenstopp. Er gilt den kürzlich fertiggestellten Bauten der zweiten Etappe an der Ecke des Quartiers zum Fernsehstudio. Zum einen hat die Genossenschaft ABZ hier 286 Wohnungen erstellt, die neue Bevölkerungsschichten ins bei Expats beliebte Quartier bringen. Das lässt sich an der Architektur ablesen: Gemeinschaftsräume und Ateliers im Erdgeschoss, eine begegnungsfreundliche Erschliessung durch offene, aussenliegende Treppenhäuser, Familienwohnungen und kleinere Einheiten fürs Wohnen ab 65. Zwischen den beiden Baukörpern liegen kollektive Gärten und Kinderspielplätze. Zum anderen ist neu auch «My Cocoon», die Nachbarüberbauung der Beamtenversicherungskasse. Sie erstreckt sich über fünf Hausnummern an der Glattparkstrasse und überrascht augenzwinkernd mit witzigen, ausgestülpten Loggien. Durch eine clevere Anordnung bietet jedes dieser Balkonkistchen erstaunlich viel Privatheit. Kein Zweifel, wir sind in einem urbanen Quartier unterwegs. Weiter gehts zur Seepromenade. Der Blick schweift über den Park, zum Wäldchen und den Grillplätzen. So viel Grünraum in einem neuen, verdichteten Stadtteil? Über zwölf Hektar Freifläche, ursprünglich Bauland im Wert von mehreren Hundert Millionen Franken, das heute als Naherholungs- und Freizeitraum genutzt wird. Nicht von ungefähr wurde das Gebiet, das damals noch Oberhauserriet hiess, in den 1980er Jahren als «teuerste Wiese Europas» gehandelt. Geplant waren Businessparks mit gegen 30‘000 Arbeitsplätzen und wohl ebenso vielen Parkplätzen. Freiwillig verzichteten die 21 Grundeigentümer nicht auf solche Renditeaussichten. «Die Bevölkerung wollte keinen Business-Park, sondern ein durchmischtes Quartier.» Roland Züger Roland Züger erinnert an die dramatische Planungszeit: «Über dem Projekt hing das Damoklesschwert der Auszonung.» Druckmittel war eine Volksinitiative, mit 754 Unterschriften, von der «Neuen Idee Opfikon» eingereicht. Die Bevölkerung wollte keinen Business-Park, sondern ein durchmischtes Stadtquartier. Das begriff die Gemeinde und arbeitete mit Planern einen entsprechenden Kompromiss aus. Der Clou daran: Ein Sondernutzungsplan gewährt eine bessere Ausnutzung der Bauparzellen, wenn die Eigentümer im Gegenzug den Park und See akzeptieren, eine Etappierung hinnehmen und die Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr mitfinanzieren. Sie stimmten zähneknirsch­end zu. Auch an der Urne kam der Kompromiss 1991 durch, die Initiative war vom Tisch. Als Resultat davon liegt nun westlich vom See auf knapp 55 Hektar der überbaute Teil des Glattparks. Drei Alleen mit kleinen Bächlein und wellenförmig angelegten Wegen führen ins Quartier hinein – bewusst angelegte Grünadern. Zusammen mit vielen Querwegen entsteht ein praktisches Netz von autofreien Verbindungen. Sie führen zu ­Dutzenden von recht unterschied­lichen fünfgeschossigen Wohnbauten, meist mit 3,5- und 4,5-Zimmer-Wohnungen, die ab 2006 bezogen wurden. Dann steigt die Dichte an: Beim Boulevard Lilienthal in der Mitte des Quartiers mischt sich die Wohnnutzung mit Dienstleistungen. Weiter zur stark befahrenen Thurgauerstrasse hin folgen siebengeschossige Bürobauten. Motorisierter Verkehr ist kaum wahr­zunehmen. Autos, die von der Thurgauerstrasse über drei Zufahrtsstrassen ins Quartier kommen, verschwinden rasch in einer der Tiefgaragen. Der baumgesäumte Boulevard Lilienthal liegt parallel zum See. Abgesehen vom Linienbus ist er verkehrsfrei. Flankiert von Gebäuden mit viereinhalb Meter hohen Sockelgeschossen für Coiffeur, Kinderhort, verschiedene Gewerbenutzungen, Läden und eine Pizzeria mit Tischen draussen vor der Tür, macht er auf städtisches Flair, was ihm nicht so recht zu gelingen scheint. Belebt sieht anders aus. Vielleicht, so sinniert der ZHAW-Dozent, wäre es sinnvoll, den Boulevard für Autos zu öffnen und Kurzzeitparkplätze anzubieten. Die DNA des neuen Stadtteils ist der gut durchdachte Masterplan des Büros Planpartner. «Klug aufgebaut, regelt er nur das Nötigste und lässt genug Freiraum für neue Entwicklungen über die lange Bebauungszeit von mehreren Jahrzehnten hinweg», sagt Roland Züger. Während wir dem Boulevard entlangschlendern, zeigt er auf ein eigenwilliges Gebäude in dunkler Blechhaut: «Minmax» will mit 40 Quadratmeter grossen Kleinwohnungen für Singles ein Segment abdecken, das im neuen Stadtteil zuvor zu kurz kam – im Hof zeugt prominent ein gläserner Turm mit zwei Wasch­salons und einer Gemeinschaftsküche von diesem Anspruch. Durch die Freiheiten, die der Mas­terplan lässt, wird die architektonische Qualität der einzelnen Bauten wichtig. Was im ganzen Glattpark auffällt, ist der unterschiedliche Umgang mit Aussenräumen. Manche Architekten setzen Wohnungen im Erdgeschoss schutzlos den Blicken des Quartiers aus. Da bleibt den Mietern oder Eigentümerinnen nur, sich notwehrmässig mit selbst aufgebautem Sichtschutz jeglicher Art abzuschotten oder die Storen durchgängig geschlossen zu halten. Andere Überbauungen zeigen Respekt für die Bedürfnisse nach einem Stück Privatheit vor der eigenen Wohnung. Eine Spur weniger Exponiertheit wünscht man sich manchmal auch im Park und den anderen öffentlichen Räumen. Kleinräumige Nischen, die man nutzen könnte, fehlen dort. Doch das lässt sich ja bei der dritten Bauetappe nachholen, die demnächst folgt. Die Möglichkeiten dazu lässt der Masterplan durchaus. Nach Abschluss der dritten Etappe bietet der Glattpark vor­aussichtlich Platz für 8000 Einwohner und 7000 Arbeitsplätze. Thomas Müller

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