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Finanzjournalismus: Wie sag ich’s meiner Leserin?

Marlies Whitehouse* : Finanzjournalisten sehen sich als Vermittler zwischen Finanzexperten und Laien. Sie verpacken abstraktes Finanzwissen in Storys, setzen dabei aber häufig beträchtliches Basiswissen und Interesse im Bereich Finanzen ­voraus. Zunehmend verhindern Sparmassnahmen bei der Qualitätssicherung, dass komplexe Sachverhalte in einer Sprache beschrieben werden, die dem Vorwissen der Leserinnen und Leser angepasst ist. Überdies sind die Finanzkenntnisse der breiten Leserschaft gering, wie diverse Studien zeigen, was es nahezu verunmöglicht, Zusammenhänge und Entwicklungen in der Finanzwelt angemessen zu beschreiben. Sie beschaffen sich Informationen vorwiegend online und im persönlichen Gespräch mit Finanzexperten. Meldungen und Expertenberichte, die bei Redak­tionen und Finanzjournalisten eingehen, sind Ausgangspunkt und Hintergrundwissen für entstehende Artikel. Zitierte Expertenmeinungen und Quotes werten einen Artikel in den Augen von Finanzjournalisten auf, wobei die zitierten Fachpersonen nicht prominent sein, sondern eine dezidierte Meinung vertreten müssen. Finanzexperten sind auch gute Ideenquellen für Geschichten aus der Finanzwelt. Das Finanzfachwissen der Leserschaft, also ihre Fähigkeit, Finanztexte zu verstehen, wird von den Finanzjournalisten generell als tief eingeschätzt. Finanzjournalisten erwarten vom Zielpublikum Interesse am Thema und Basiswissen im Bereich Finanzen, so zum Beispiel, dass der Unterschied zwischen Aktien und Obligationen bekannt ist. Gleichzeitig verstehen sie sich als Vermittler von Wissen zwischen Finanzexperten und Laien. Darum wird ein Artikel vor der Publikation idealerweise von mehreren Stellen gegengelesen und wenn nötig vom Autor überarbeitet, damit der Text funktionieren kann für die Leserschaft, die sich die Journalisten vorstellen. Die Ergebnisse dieser Studie sollen Anhaltspunkte bieten für Reflexion, Weiterentwicklung von Strategien und Praktiken der Finanzkommunikation. So ist etwa zu fragen, wie Finanzjournalisten als Vermittler zwischen Experten und Laien wirken können, wenn bei den Medienhäusern in der Qualitätssicherung, welche die Interessen des Lesers mit einbeziehen sollte, drastisch gespart wird. Zudem sollen die Resultate der Studie Bildungsinstitutionen darauf hinweisen, dass noch Handlungsbedarf besteht, wenn die Lücke von erwarteter und effektiver Finanzliteralität geschlossen werden soll. Demokratisches Ziel ist, dass alle mitreden können, wenn es um Zahlen geht, die sie angehen. Finanzwissen wird immer noch vernachlässigt im Bildungssystem der Schweiz. Die nächste Finanzkrise wird kommen. Je mehr wir alle die Zusammenhänge verstehen und je besser wir uns darauf vorbereiten können, desto kleiner wird der Schaden sein – und das kommt letztlich allen zugute.

Sag mir, wo die Frauen sind?

Städte sind nur so smart wie ihre (Software-)Entwickler – und das sind mehrheitlich Männer. Um genderübergreifendes kreatives Potenzial für die Städteentwicklung nutzen zu können, wird im IAM MediaLab ein Virtual-Reality-Game entwickelt, das weltweit Frauen zur Mitgestaltung und -programmierung von Smart Cities einlädt. Smart Cities heissen deshalb smart, weil sie selbst lernen – zum Beispiel bei der künstlich intelligenten Steuerung von Verkehrsflüssen oder Quartierentwicklungen. Diese Steuerung beruht auf Algorithmen, Daten und Programmen. Zurzeit sind aber neun von zehn Menschen, die solche Programme entwickeln und Städte planen, Männer. Dabei kommen die Bedürfnisse, Erwartungen und Ideen von Frauen zu kurz: Es entstehen Städte von Männern für Männer. Doch wie kommt es dazu? Laut Professorin Aleksandra Gnach, Co-Leiterin des Forschungs- und Arbeitsschwerpunkts Medienlinguistik am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft, wegen einer einseitigen Datengrundlage. Caroline Criado Perez, britische Journalistin und feministische Aktivistin, zeigt in ihrem Buch «Invisible Women: Data Bias in a World Designed for Men», dass dieses Ausklammern der Frauen Teil eines grösseren Problems ist: des Gender-Data-Gap. Daten, die über alle gesellschaftlichen Bereiche erhoben werden, widerspiegeln typischerweise die Erfahrungen von Männern, nicht von Frauen. Solche Daten bilden aber die Grundlage für die weitere Forschung und für künftige Entwicklungen. Sie werden von Algorithmen reproduziert, was ihre Einseitigkeit verstärkt, wie Professor Daniel Perrin, Direktor des Departements Angewandte Linguistik, aufgezeigt hat. «Beispiele wie Ada Lovelace und Mariéme Jamme machen deutlich, wie wichtig es ist, dass Frauen schon hier mitwirken, beim Schreiben der Algorithmen, nach denen sich die selbstlernenden Systeme entwicken.» Gnach bilanziert: «Wir wissen heute: Je stärker wir die gesamte Stadtbevölkerung, also Männer und Frauen, in die Entwicklung einbinden, desto besser gelingt sie.» Deshalb hat das Team die Initiative ergriffen, mit der koreanischen Ewha Womans University in Seoul ein Projekt zu starten, das weltweit Frauen stärker in die Planung und Entwicklung von Smart Cities einbezieht – und zwar mit einem Virtual-Reality-­Game. Am diesjährigen Städtefestival «Zurich meets Seoul» (siehe Box) hat Gnach die Idee des Spiels namens «Women and the City» vorgestellt und die Interak­tion mit dem Publikum genutzt, um kulturübergreifende Narrative für das Spiel zu entwickeln. Auf Basis der Ergebnisse des Austauschs in Seoul wird das IAM Media­Lab ein Innosuisse-Projekt einreichen mit Praxispartnern aus Seoul, Winterthur und Zürich. Claudia Sedioli

Dank Sensoren fühlen sich Senioren zu Hause sicherer

Ruth Felix hatte Besuch zum Mittagessen. In der Küche stehen noch die Reste der Käsewähe, die sie selber gebacken hat. Auch den tadellosen Haushalt erledigt die 86-Jährige noch weitgehend selbstständig. Vor vier Jahren ist die Witwe von ihrem Einfamilienhaus in die Alterswohnung gezogen, in einen Neubau, der unmittelbar neben dem Alterszentrum Sonnenhof in Wil liegt. Bei Bedarf können Mieterinnen und Mieter hauswirtschaftliche oder pflegerische Leistungen von nebenan beziehen. Hier fühle sie sich gut aufgehoben, sagt sie. «Schauen Sie, wie grün es hier ist», freut sich die Seniorin und zeigt aus dem Fenster. Seit dem Frühling sind acht Wohnungen zudem mit einem neuen Sicherheitssystem ausgestattet: Drei Sensoren registrieren die Bewegungen der Bewohnerinnen und Bewohner und reagieren bei Unregelmässigkeiten. Seit dem Frühling sind acht Wohnungen zudem mit einem neuen Sicherheitssystem ausgestattet: Drei Sensoren registrieren die Bewegungen der Bewohnerinnen und Bewohner und reagieren bei Unregelmässigkeiten. Würde Ruth Felix im Bad ausrutschen und nicht mehr aufstehen können, würde das System nach einiger Zeit das Pflegepersonal über das Smartphone alarmieren. «Zum Glück ist noch nie so etwas passiert», sagt die vitale Seniorin. Sie sei nicht ängstlich und noch weitgehend gesund. «Doch man weiss nie in meinem Alter.» Die Firma Thurvita, welche neben dem Sonnenhof diverse weitere Altersinstitutionen betreibt, testet das Sicherheitssystem mit Fachpersonen der ZHAW und der ebenfalls in Wil ansässigen Firma Alcare, die auf Assistenztechnologien spezialisiert ist. Denn im Ortsteil Bronschhofen plant Thurvita eine neue Überbauung mit Alters- und Familienwohnungen sowie einem angegliederten Pflegezentrum. Dort sollen die betagten Menschen auch bei hohem Pflegebedarf möglichst lange zu Hause leben können, wenn sie dies wünschen. Um ihre Sicherheit zu gewährleisten, seien die heute gängigen Alarmsysteme unzureichend, erklärt die stellvertretende Pflegedienstleiterin Rosalba Huber. „Wenn jemand ohnmächtig wird, kann er den Notrufknopf am Arm oder in der Wohnung nicht mehr selber betätigen.“ Um beim neuen Projekt „Älter werden im Quartier“ frühzeitig allfällige bauliche Massnahmen einleiten zu können, habe man den Findungs- und Evaluationsprozess bereits jetzt aufgegleist. Im Bereich Assistenztechnologien für das Alter sind zahlreiche Angebote auf dem Markt. Für eine Institution sei es gar nicht so einfach, das Passendste auszuwählen, weiss Andrea Kofler vom Forschungsbereich Facility Management in Healthcare am IFM Institut für Facility Management und Co-Leiterin des Pilotprojekts namens ThurvitaTech. Nach einer Bedürfnisabklärung mit dem Management von Thurvita unternahm das Projektteam eine Vorselektion aus einer Liste von fast 30 Angeboten. Das Thur­vita-Management bestimmte dann fünf Anbieter, die ihre Systeme präsentierten. Die Institution entschied sich schliesslich für das System EasierLife, weil es die meisten Anforderungen erfüllte. Es basiert auf einem Algorithmus, der Abweichungen von den Tagesabläufen der Mieterinnen und Mieter erkennt. Diese Parameter müssen zuerst ins System eingegeben werden. Steht eine Person zum Beispiel meistens um sieben Uhr morgens auf, würde das System reagieren, wenn eine halbe Stunde später noch keine Bewegung in der Wohnung registriert wurde. Die Meldung erfolgt je nach Einstellung des Smartphones per SMS, Mail oder Klingelton. Die Empfänger können sich dann telefonisch beim betreffenden Mieter erkundigen, ob alles in Ordnung sei. Erreichen sie die Person nicht, müssen sie in der Wohnung vorbeigehen. Für das System Easier­Life sprach auch, dass es einfach ist in der Installation und Handhabung und bei Bedarf auch mit weiteren Technologien wie etwa Rauchmeldern oder Glasbruchsensoren kombiniert werden kann. Weiter fällt das System nicht auf in der Wohnung, was der Wunsch der Mieterschaft war. Ein wichtiges Thema, das die Projektverantwortlichen untersucht haben, ist der Datenschutz. Die Technologie stammt aus Deutschland. Die Daten werden deshalb auf deutschen Servern abgespeichert und ausgewertet. Das sei problematisch, sagt Kofler. Entscheide man sich langfristig für EasierLife, wäre es wünschenswert, den Server direkt bei Thurvita zu haben. Eine grosse Herausforderung für die Pflegefachpersonen ist der Umgang mit der riesigen Informationsflut, wie sich bei der Evaluation gezeigt hat. Vor allem am Anfang, als das Personal mit dem System noch wenig vertraut war und erst noch die individuellen Tagesabläufe der acht Testpersonen erfassen musste, herrschte zum Teil Verunsicherung, und es kam auch öfters zu Fehlalarmen. Besonders nachts und im Spätdienst, wenn im Pflegezentrum nur wenig Personal anwesend ist, sei das eine grosse Belastung, sagt Kofler. «Die Pflegenden müssen lernen, die Meldungen zu deuten.» Dazu müssten sie die Signale auch im zeitlichen Ablauf betrachten. Denn manchmal schickt das System zuerst zwar einen Alarm, kurz danach aber wieder eine Entwarnung. Wichtige Themen sind auch Schulung, Support und Wartung. «Eine Institution muss bereit sein, aus den eingespielten Bahnen herauszutreten und neue Kompetenzen aufzubauen», erklärt Alcare-Geschäftsführerin Christiane Brockes. «Das Pflegepersonal muss im Umgang mit digitalen Technologien geschult werden. So kann es Vertrauen fassen und Berührungsängste abbauen.» Auch der technische Dienst brauche neue Ressourcen und Kompetenzen, betont Brockes. «Will eine Institution von den digitalen Technologien profitieren, muss sie sich um die nötigen Weiterbildungen bemühen.» Dies sei aber auch eine Chance für das Personal, sich weiterzuentwickeln. Mit der technischen Unterstützung bleibe schliesslich mehr Zeit für die Bewohnerinnen und Bewohner. Die Mieterinnen und Mieter können die Sensoren auch selber ausschalten, wenn sie sich gestört fühlen. Man habe ihnen erklärt, dass es keine Kameras seien und man sie nicht beobachten könne, sagt Huber. «Wir haben den freiwilligen Teilnehmern auf unseren Smartphones gezeigt, wie ihre Bewegungen abgebildet werden.» Ruth Felix fühlt sich auf alle Fälle sicher mit den Sensoren im Korridor, im Schlafzimmer und auf der Toilette. Die kleinen Geräte hinderten sie nicht daran, sich auch mal unbekleidet zwischen Bad und Schlafzimmer zu bewegen, lacht die lebensfrohe Frau. «Ich hatte nie das Gefühl, dass mich jemand überwachen will.» Andrea Söldi

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