Bernadette Sütterlin: Bei der Reduktion der Wohnfläche handelt es sich natürlich um eine viel einschneidendere Massnahme, als wenn man beschliesst, weniger Fleisch zu essen. Zudem fehlt sicher allgemein auch das Bewusstsein, welche Hebelwirkung die Reduzierung der Wohnfläche in Bezug aufs Energiesparen und die Emissionen hätte. Ein weiterer Grund ist, dass die Wohnfläche noch stark mit dem Statusdenken verknüpft ist: Ein Umzug in eine kleinere Wohnung würde wie ein sozialer Abstieg empfunden. «In Dänemark bietet die Gemeinde Hausbesitzenden eine kleinere Alternative für ihr Zuhause an, wenn die Kinder ausgezogen sind.» Matthias Haase, Spezialist für nachhaltige Gebäudeplanung Devi Bühler: Beim Wohnen ist alles etwas komplexer. Bewohnerinnen und Bewohner allein können da wenig bewirken. Es braucht Massnahmen auf allen Ebenen – Bauherrschaft, Investierenden, Behörden, alle müssen aktiv werden. Unsere Gebäude sind häufig nicht so gebaut, dass man aus einer Wohneinheit einfach zwei Einheiten machen kann, dann etwa wenn die Kinder erwachsen sind. Matthias Haase : Aus Dänemark habe ich ein gutes Beispiel gehört. Dort bietet die Gemeinde den Hausbesitzenden, denen die eigenen vier Wände zu gross werden, wenn die Kinder ausgezogen sind, eine kleinere Alternative an. Diese liegt vielleicht auch zentraler oder ist günstiger und einfacher zu bewirtschaften. Das grosse Haus wird dann frei für eine junge Familie mit Kindern. Eine kleinere Wohnfläche allein bringt aber nicht automatisch schon eine Verbesserung hinsichtlich Klimaschutz. «Zu wissen, dass man mit seinem Verhalten etwas für die Umwelt macht und sich moralisch gut verhält, führt zu einer höheren Lebenszufriedenheit.» Bernadette Sütterlin, Verhaltenspsychologin Haase: Es kommt ja auf den Energiestandard des Gebäudes an. Hierfür sind mittlerweile Energieausweise Pflicht, wenn man seine Immobilie verkaufen will. Selten sind die Energiewerte aber Entscheidungskriterium für eine Wohnung oder ein Haus. Da spielen viele andere Parameter eine Rolle – etwa die Lage oder der Preis. Bisher konnten wir leider noch keine direkte Korrelation zwischen Hauspreis und Energieverbrauch eines Gebäudes beobachten. Haase: Ich würde da einziehen. Wir dürfen uns nichts vormachen: Früher oder später kommen solche Regeln vermehrt. Jetzt sind jene Genossenschaften noch die Vorreiter, die zeigen, was eigentlich ein konsequenter Klimaschutz bedeuten würde. Je mehr Zeit wir verstreichen lassen und je krasser die Klimakrise wird, desto mehr wird aber auch die Politik mit solchen Verboten und Anweisungen agieren müssen. Sütterlin: Hierfür sind natürlich solche Menschen offener, die generell schon den Voluntary Simplicity Lifestyle praktizieren. Bei anderen, die dadurch ihre Freiheit eingeschränkt sehen, kann dies gar zu konträren Verhaltensweisen führen. Personen, die nicht durch intrinsische Motivation angetrieben werden, neigen auch eher zu negativen Übertragungseffekten. So jemand sagt sich dann: Ich habe eine kleinere Wohnung, deshalb darf ich weiter weg in die Ferien verreisen. Mit Regeln oder finanziellen Anreizen allein kann man Verhalten nicht wirklich auf lange Sicht nachhaltig verändern, wenn die intrinsische Motivation fehlt. «Seit dem Start vor anderthalb Jahren haben über 130 Menschen im KREIS-Haus übernachtet.» Devi Bühler, Spezialistin für Kreislaufwirtschaft im Wohn- und Baubereich Sütterlin: Man sollte nicht immer nur von Verzicht sprechen, sondern auch von den weiteren positiven Nebeneffekten, die klimafreundliches Verhalten haben kann. Wenn man zum Beispiel das Fahrrad nimmt oder zu Fuss geht, hat dies einen positiven Einfluss auf die Gesundheit. Weniger Konsum führt auch zu mehr Freiheiten in Bezug auf Zeit und Raum. Studien haben zudem gezeigt: Wenn man weiss, dass man sich moralisch gut verhält, ist man auch mit seinem Leben zufriedener. Bühler: Am Ende hängt es davon ab, ob man gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern gute, sinnvolle und kreative Lösungen findet und wie der ganze Transformationsprozess begleitet und umgesetzt wird. Man muss die nötigen Anstrengungen unternehmen, damit die Bewohnerinnen und Bewohner Angebote als angenehm empfinden. Wenn sie sich angesprochen fühlen, werden diese Massnahmen gar nicht als Verzicht wahrgenommen. Klimaneutralität und Suffizienz sind sehr abstrakte Begriffe. Wie sich nachhaltiges Wohnen anfühlt, das haben Sie, Devi Bühler, mit dem nahezu autarken, kreislauffähigen KREIS-Haus in Feldbach am Zürichsee erlebbar gemacht. Wie gross ist das Interesse? Bühler: Seit dem Start des Angebots vor anderthalb Jahren haben über 130 Leute im Kreis-Haus übernachtet. An den Führungen nahmen über 800 Menschen teil. Hinzu kommen über 400 Interessierte am ersten Tag der offenen Tür. (Siehe auch Box am Ende des Interviews.) «Man muss die nötigen Anstrengungen unternehmen, damit die Bewohnerinnen und Bewohner sich angesprochen fühlen. Dann werden diese Massnahmen gar nicht als Verzicht wahrgenommen.» Devi Bühler, Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen Bühler: Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Wir wollen ja auch, dass sich die Leute dort wohlfühlen. Alles, was man zum Leben braucht, steht zur Verfügung – aber halt auf eine möglichst ressourceneffiziente Art und Weise. Die grössten Vorbehalte wurden gegenüber dem Trocken-WC geäussert. Alle Interessierten waren aber positiv überrascht, dass es keine unangenehmen Gerüche gibt und wie spannend die Technik dahinter ist. Bühler: Von den Kurzzeitbewohnenden haben 97 Prozent gesagt, sie könnten sich das vorstellen, dauerhaft in einem solchen Haus zu wohnen, 51 Prozent von ihnen sogar ohne Vorbehalte, 46 Prozent, wenn es noch die eine oder andere Anpassung gäbe. 3 Prozent geben an, bereits so zu wohnen. Keiner der Besuchenden hat also angegeben, sich nicht vorstellen zu können, in einem nachhaltig gebauten Haus zu leben. Das hat mich selbst positiv überrascht. Schliesslich ist es ja ein Forschungsprojekt, da läuft nicht immer alles rund. Klar sind diese Feedbacks für die Gesamtbevölkerung nicht repräsentativ. Denn die Besuchenden des KREIS-Hauses bringen meist eine gewisse Affinität zu Umweltthemen mit. Aber es zeigt eben auch: Es gibt ein Potenzial an First Movern. Zudem bin ich zuversichtlich, angesichts des wachsenden Umweltbewusstseins bei den jungen Leuten. Haase: Die Gebäude sind ja zum Teil 50 oder noch mehr Jahre alt. Die kann man nicht einfach abreissen und neu bauen entsprechend dem KREIS-Haus-Modell. Dafür hätten wir gar nicht die Ressourcen. Also müssen wir die energetische Renovierungsrate von heute knapp einem Prozent auf 3 oder 4 Prozent jährlich erhöhen, um den CO 2 -Fussabdruck in dem erforderlichen Zeitrahmen reduzieren zu können. In interdisziplinären Teams wird geprüft, wo die verschiedenen Stellschrauben sind, um etwas wirkungsvoll und nachhaltig zu verändern. Haase: Das Projekt Renowave (siehe auch Box am Ende des Interviews) gliedert sich in vier Bereiche: Zuerst schauen wir, welche Förderprogramme und Initiativen es auf regionaler, kantonaler oder kommunaler Ebene gibt, wie zum Beispiel kostenlose Energieberatungen, die man unter Hausbesitzenden bekannter machen könnte. Im zweiten Teil untersuchen wir neuartige technische und architektonische Lösungen für energetische Fassadensanierungen. Mit industriell vorgefertigten Fassaden etwa lässt sich eine komplette Hausfassade in einem Tag austauschen. Haase: Und die Beeinträchtigungen durch Lärm etc. würden stark minimiert. Damit solche Sanierungen auch umgesetzt werden können, schauen wir im dritten Teil neuartige Finanzierungsmodelle an. Finanzdienstleister könnten spezielle Angebote für solche energetischen Renovierungen kreieren, wie das zum Beispiel die Raiffeisenbank macht, mit der wir zusammenarbeiten. Der vierte Bereich beschäftigt sich mit neuen Geschäftsmodellen für Bauunternehmungen. Denkbar wären hier One-Stop-Shops, die sich um alles kümmern, was mit einer energetischen Sanierung zu tun hat, sodass Investorinnen und Investoren nur eine einzige Anlaufstelle hätten. «Bei Sanierungen oder neuen Heizungen müsste man stärker auf die Betriebskosten fokussieren.» Matthias Haase, Institut für Facility Management Haase: Neben fehlenden finanziellen Ressourcen erschweren unterschiedliche Eigentümerinteressen klimaneutrale Sanierungen. Wir haben das am Fallbeispiel der Siedlung Büel in Dinhard bei Winterthur untersucht. Diese Siedlung stammt aus den 70er Jahren. Die 51 Wohneinheiten haben 51 verschiedene Eigentümerinnen und Eigentümer. Sie spiegeln den Durchschnitt der Schweizer Gesellschaft: Wenigverdienende, ältere Bewohnende, junge Familien etc. Immer neun Gebäude teilen sich eine Wärmezentrale für Heizung und Warmwasser. Haase: Viele Eigentümerinnen und Eigentümer haben Angst, die Sanierungen finanziell nicht stemmen zu können. Oder sie sind schon älter und sehen keinen Sinn mehr darin. Das könnte man ändern, indem man nicht wie bisher zu stark auf die Investitionskosten fokussiert, wenn etwa eine neue Heizung eingebaut werden soll, sondern auf die Lebenszykluskosten. Denn hinsichtlich Betriebskosten ist eine Wärmepumpe einer Ölheizung klar überlegen. Die Co-Benefits einer Sanierung müssten stärker betont werden: Man spart Energie und damit laufende Kosten. Zusätzlich steigert man das Wohlbefinden und den Wert des Eigentums. Berücksichtigt man dann noch die CO 2 -Einsparung, ist es ein leichtere Entscheidung. Sütterlin: Oft erreichen die Informationen die Leute nicht, oder sie sind zu komplex. Die Wissens- und Informationsvermittlung ist ein oft verwendeter Ansatz. Er bedingt jedoch, dass die Leute auch wirklich motiviert sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Was generell gut funktioniert, ist die Nutzung des sozialen Einflusses. «Die Bewohnerinnen und Bewohner orientieren sich am Verhalten der anderen und wollen besser oder zumindest gleich gut sein.» Bernadette Sütterlin, Institut für Nachhaltige Entwicklung Sütterlin: Man kann sich zum Beispiel in einer Siedlungen Freiwillige suchen, die sehr motiviert und sehr gut vernetzt sind – sogenannte Block Leader. Diese können anderen Siedlungsbewohnern und -bewohnerinnen Informationen vermitteln und sie dazu bewegen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, oder sie bei der Umsetzung von gewissen Verhaltensweisen unterstützen. Eine weitere Möglichkeit, um eine Verhaltensänderung anzustossen, ist, soziale Normen bewusst zu machen. Diesen Ansatz haben wir in einer Studie zur Reduktion des Energieverbrauchs im Hüttengraben-Areal in Küsnacht erfolgreich eingesetzt (siehe auch Box am Ende des Interviews). Sütterlin: Ja. Indem wir den Mieterinnen und Mietern wöchentlich den Warmwasserverbrauch ihres Haushalts und jenen des Durchschnitts der anderen Haushalte zugespielt haben, wurde eine soziale Norm – das heisst, wie andere sich verhalten oder welches Verhalten erwartet wird – bewusst gemacht, und es wurde ein sozialer Vergleich angestossen. Die Bewohnerinnen und Bewohner orientierten sich am Verhalten der anderen und wollten besser oder zumindest gleich gut wie die Nachbarn sein. Das hat zu einer starken Reduzierung des Warmwasserverbrauchs geführt. Der Mensch möchte Teil einer sozialen Gruppe sein und strebt nach sozialer Anerkennung. Dieses Bedürfnis kann man sich entsprechend zunutze machen, um ein energiefreundliches Verhalten zu fördern. Sütterlin: Es braucht die Kombination mit anderen Ansätzen zur Verhaltensänderung. Das kann die Nutzung des sozialen Einflusses sein oder der Einsatz eines Echtzeit-Feedbacks. Viele kennen mittlerweile die digitale Handbrause Amphiro, die ein Echtzeit-Feedback zum Wasserverbrauch beim Duschen gibt. Wenn ich beim Duschen direkt auf dem Display sehe, wie ich mit meinem Duschverhalten Einfluss auf den Energieverbrauch nehmen kann und wie stark die Eisscholle schmilzt, auf der ein Eisbär steht, dann fördert das die Selbstwirksamkeit. Denn ich sehe direkt, dass ich mit kleinen Verhaltensänderungen schon eine grosse Wirkung erzielen kann. Patricia Faller, Interview Patricia Faller