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Aktive Filter: Kategorie: Dossier Autor: Ümit Yoker Ausgabe: 1/2020 Alle Filter entfernen
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Auch winzige Arsendosen töten irgendwann

«Worte können sein wie winzige Arsendosen, und nach einiger Zeit ist die Wirkung da», habe Viktor Klemperer einst über die Sprache der Nationalsozialisten gesagt. Philipp Dreesen, Sprachwissenschaftler an der ZHAW, zitiert den deutschen Philologen nicht ohne Grund: Gemeinsam mit der Linguistin Julia Krasselt ist Dreesen in den vergangenen Jahren der Frage nachgegangen, woran sich politische Radikalität im Wortschatz eigentlich festmacht – gerade auch dort, wo sie auf den ersten Blick nicht unbedingt ersichtlich ist. Die beiden Forscher des Departements Angewandte Linguistik haben dazu den Wortschatz von Spiegel, Bild und Zeit mit demjenigen der rechtspopulistischen Plattformen PI-News und Compact verglichen. «Eigentlich taten wir nichts anderes als Wörter auszuzählen», erzählt Krasselt schmunzelnd. «Allerdings braucht es einen sehr grossen Datensatz, um aussagekräftige Informationen zu erhalten.» Mehr als 600’000 redaktionelle Beiträge haben die zwei Wissenschaftler analysiert, alles Texte, die zwischen 2008 und 2018 online erschienen sind. Die Grundidee: Die Bedeutung eines Wortes ist nicht einfach gegeben, sondern erschliesst sich oft erst aus dem Kontext, in den es eingebettet ist. Deshalb untersuchten Krasselt und Dreesen nicht nur, welche Begriffe je nach Medienangebot wie oft vorkamen – sondern auch, welche Wörter sich in deren unmittelbarer Nachbarschaft häuften. Wie sich zeigte, gibt es einen Wortschatz, den die beiden Forscher nur in den rechtspopulistischen Medien antreffen: Mainstreampresse, Lügenmedien oder Asylforderer gehören etwa zu diesem – Signalwörter, aus denen deutlich eine rechtspopulistische beziehungsweise radikalisierte Haltung spricht. «Begriffe des Alltags wie Espresso oder Knoblauch, die in etablierten Medien häufig vorkommen, sucht man hingegen vergeblich», sagt Dreesen. Das liegt vor allem daran, dass PI-News und Compact fast ausschliesslich über Politik berichten würden und die Berichterstattung zudem auf Themen wie Islam, Migration und Medienkritik einengten, sagen die beiden. Was die beiden Wissenschaftler an ihren Forschungsergebnissen aber besonders erstaunt: Selbst dort, wo rechtspopulistische News-Plattformen dieselben Begriffe verwenden wie die sogenannten Orientierungsmedien, haben sie häufig nicht die gleiche Bedeutung. So engen PI-News oder Compact den Bedeutungshorizont von eigentlich neutralen Worten wie Verhältnis, Leistung oder Industrie so stark ein, dass mit der Zeit nur noch eine politische und negativ konnotierte Lesart möglich ist. Ein Wort wie Figur wird in den rechtspopulistischen Portalen beispielsweise ausschliesslich zur Beschreibung der physischen Statur in einem Fahndungsprofil eingesetzt – also etwa um zu sagen, dass ein gesuchter Täter eine kräftige Figur habe. Die etablierten Medienhäuser hingegen verwenden das Wort viel breiter. Irgendwann lassen sich solche Begriffe selbst in anderen Kontexten nicht mehr unvoreingenommen lesen, sind sich Dreesen und Krasselt einig. Diese Worte durchlaufen im wahrsten Sinne eine Radikalisierung: Sie verwandeln sich von unverfänglichen Begriffen zu Ausdrücken mit politischer Sprengkraft. Es sind ausserdem Wortkonstruktionen wie «Gedenkindustrie», die ironischerweise genau das verhindern, was sich rechtspopulistische Medienangebote so gross auf die Fahne schreiben: Die Möglichkeit, sich frei eine Meinung zu bilden. Plattformen wie PI-News oder Compact begründen die Notwendigkeit ihrer Existenz damit, dass die etablierten Medienhäuser einseitig berichten und keine anderen Ansichten zulassen würden. «Ein Begriff wie Gedenkindustrie lässt allerdings keinerlei Raum für differenzierte und demokratische Diskussionen», sagt Dreesen. Er stellt lediglich vor die Wahl, der darin enthaltenen Weltsicht zuzustimmen oder Position dagegen zu beziehen – in diesem Fall gegen die Behauptung, dass die Erinnerung an den Holocaust ein gross angelegtes Geschäftsmodell sei und vornehmlich aufrechterhalten werde, um Profit daraus zu schlagen. Der mühsam errungene Konsens, dass das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus ein Staatsauftrag ist, wird immer mehr aufgeweicht, sind die beiden Wissenschaftler überzeugt. «Solche Worte können Schleusen öffnen.» Auch Aleksandra Gnach, Professorin für Medienlinguistik an der ZHAW, beschäftigt sich mit der Radikalisierung von Sprache. Sie richtet ihr Augenmerk vor allem auf die sozialen Medien. «Auf Facebook und Co. wird heute abgehandelt, was früher am Stammtisch besprochen wurde – allerdings mit weiterreichenden Konsequenzen», sagt die Sprach- und Medienwissenschaftlerin. Kommunikation mit derartiger Reichweite sei früher vorwiegend Journalistinnen und Journalisten vorbehalten gewesen. Diese orientieren sich in ihren Beiträgen stark an einer schriftlichen Sprache und haben diverse rechtliche und ethische Vorgaben einzuhalten, etwa die Verpflichtung zu einer ausgewogenen Berichterstattung. Was veröffentlicht wird, wurde reflektiert, redigiert, gegengelesen. «In den sozialen Medien ist der Austausch unmittelbarer und ähnelt mehr der mündlichen Kommunikation.» 29 Prozent der 11- bis 16-jährigen Mädchen und Jungen haben hasserfüllte oder erniedrigende Kommentare gegen Menschen oder bestimmte Gruppen gesehen. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Es wird in den sozialen Medien also spontaner , vielleicht auch unüberlegter kommuniziert. Das alleine erklärt aber noch nicht, warum sich Sprache gerade dort häufig so leicht radikalisiert. Gnach macht zudem Gründe sozialer wie technologischer Natur aus: So liege es in der Natur des Menschen, nach Gleichgesinnten zu suchen, und diese Suche gestalte sich gerade in den sozialen Medien vielfach leicht. In jeder Gemeinschaft gelten eigene Regeln, Werte und Normen, auch, was die Sprache betrifft: Wo jemand aber etwa für die Aussage, dass alle Muslime zu deportieren seien, nicht mit Missbilligung noch sozialen Sanktionen rechnen muss, sondern ungeteilten Zuspruch erhält, wird irgendwann eine Wortwahl normal, die anderswo undenkbar wäre. Die Folge: Man empfindet immer radikalere Ansichten für zulässig und äussert sie mit zunehmender Selbstverständlichkeit. Hinzu kommt: Kommunikation ist in den sozialen Medien anonymer als im realen Leben. Man bekommt wenig mit von der Wirkung, die ein Posting für die betroffene Person hat. Es fällt relativ leicht, das Gegenüber zu abstrahieren, im schlimmsten Fall sogar, sein Menschsein zu negieren. 24 Prozent der 9- bis 16-Jährigen in der Schweiz wurden online schon einmal diskriminiert. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Die Algorithmen hinter Social-Media-Plattformen verstärken all diese Tendenzen zusätzlich: Was einem an neuen Beiträgen vorgeschlagen wird, orientiert sich in der Regel am bisherigen Suchverlauf – und so findet sich jeder je länger, je mehr in einer Blase wieder, die ausschliesslich die eigenen Interessen und Haltungen widerspiegelt. Dabei werden beispielsweise bei Youtube automatisch immer extremere Beispiele ins Blickfeld gespült – Inhalte, die viel Beachtung finden, verbreiten sich extrem schnell. Irgendwann stösst man so kaum mehr zufällig auf andere Themen oder abweichende Ansichten, so wie es etwa beim Durchblättern einer Zeitung noch vorkommt. 5 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben selbst Hassinhalte an andere geschickt. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Von pauschalen Verboten oder einem Verteufeln der sozialen Medien hält Gnach trotzdem wenig. Die Forscherin fordert dazu auf, die klassische Medienberichterstattung kritisch zu reflektieren: Qualitätsmedien würden sich vorwiegend an ein gebildetes und urbanes Publikum wenden und deren Lebenswelt abbilden. Viele Menschen fänden sich darin aber nicht wieder und sähen ihre Sorgen und Ängste zu wenig wahrgenommen. Die Wissenschaftlerin ist überzeugt: Wenn es den grossen Medienhäusern gelänge, diesen Teil der Bevölkerung zurück in den öffentlichen Diskurs zu holen, wäre auch für sie selbst viel gewonnen. «Sie wären wieder für viel mehr Menschen relevant.» Stereotype sind oft die Basis von radikalisierten, z. B. frauenfeindlichen oder antisemitischen Aussagen. Sie sind aber zugleich ein Bestandteil unseres Denkens. Sie vereinfachen uns das Leben, sie reduzieren die Komplexität unseres Alltags. «Selbst Tiere verfügen über Stereotypen, Feind- und Beuteschemata etwa», sagt Christiane Hohenstein, Professorin für Interkulturalität und Sprachdiversität an der ZHAW. Dies entbindet uns jedoch nicht von Verantwortung, gesellschaftliche Stereotype zu reflektieren und zu hinterfragen. «Wir müssen Vorurteilen nicht willenlos erliegen.» Grenzen wir bestimmte Bevölkerungsgruppen mit sprachlichen Mitteln aus, z. B. Homosexuelle, Frauen oder Menschen jüdischen Glaubens, wird damit schleichend der Boden für noch schlimmere Taten bereitet. «Physischer Gewalt geht stets radikale Sprache voraus», sagt Hohenstein. «Sie legitimiert Gewalt.» Gefährlich ist insbesondere, wenn Politiker und Politikerinnen die Grenzen des Sagbaren stetig erweitern und immer radikalere Ansichten salonfähig machen. «So wie sich Donald Trump heute äussert – das wäre für jemanden mit seiner Verantwortung vor kurzem noch undenkbar gewesen.» Deshalb seien die Politik, aber auch die Medien in der Pflicht, wieder wachsamer zu werden und auch sprachlich entschieden für demokratische Prinzipien einzutreten – eine Verantwortung, der viele in den vergangenen Jahren viel zu wenig nachgekommen seien. So seien rechtsextrem geprägte Argumentationen und entmenschlichende Metaphern wie «Flüchtlingsflut» in den vergangenen Jahren manchmal zu wenig reflektiert aufgenommen worden, kritisiert Hohenstein. «Es ist eine Illusion zu glauben, dass einmal erreichte demokratische Prinzipien nicht mehr verteidigt werden müssen», sagt Hohenstein. Der Kampf gegen den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen durch Sprache sei nie ein für alle Mal gewonnen. Vieles, was in der Vergangenheit an Rechten für Frauen, Homosexuelle oder ethnische Minderheiten erreicht worden ist, liesse sich erschreckend leicht wieder rückgängig machen. «Es bleibt ein permanentes Seilziehen.» Ümit Yoker

Warum so grob, lieber Leser?

Der Umgangston in den Kommentarspalten von Newsportalen lässt einen manchmal sprachlos zurück. Warum wird gerade dort so heftig ausgeteilt, und zu welchen Zeitungsthemen findet man am meisten böse Kommentare? Der ZHAW-Absolvent Luca Passerini hat sich in seiner Bachelorarbeit «Hass im Netz – Eine Analyse von Online-Kommentaren zu News-Artikeln» im Studiengang Kommunikation mit diesen Fragen auseinandergesetzt und stiess auf überraschende Antworten. Ursprünglich ging er von folgenden Hypothesen aus: Erstens, zu Zeitungsbeiträgen über Migration gibt es viel mehr Hasskommentare, als wenn es etwa um Gesundheitskosten, Klimawandel oder Altersvorsorge geht. Dies liegt, zweitens, vor allem daran, dass Leserinnen und Leser die Folgen der Migrationspolitik als besonders schwerwiegend einstufen. Für seine Studie zählt Passerini zur sogenannten Hate Speech nicht nur Kommentare, in denen Menschen ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung wegen diskriminiert werden – sondern auch Postings, in denen eine Person aufgrund individueller Merkmale beschimpft wird. Als Datengrundlage hat der 25-Jährige vergangenen Frühling drei Tage lang Zeitungsartikel und Leserkommentare zu aktuellen Politthemen in der Schweiz zusammengetragen. Die knapp 40 online publizierten Zeitungsbeiträge beziehungsweise mehr als 3300 Kommentare aus verschiedenen nationalen und regionalen Newsportalen förderten Erstaunliches zutage: So traf Passerini nicht etwa bei den Migrationsthemen am häufigsten auf Hasskommentare – sondern in der Kategorie «Politiker als Personen», zu der neben Interviews mit Politikern auch Artikel über neu besetzte politische Ämter gehörten. Wurde bei den Beiträgen über Migration und Asyl jeweils in einem von fünf Kommentaren wüst ausgeteilt, war es bei den Artikeln zu Politikern jedes vierte Posting. Die Aussagekraft des Ergebnisses wird jedoch etwas eingeschränkt dadurch, dass letztere Kategorie lediglich drei Beiträge beziehungsweise 70 Kommentare umfasste. Mit der zweiten Hypothese scheint Passerini dennoch richtig zu liegen: Wenn es um Migration geht, werden die Folgen politischer Entscheidungen als besonders gravierend betrachtet, wie eine anschliessende Befragung mehrerer Kommentarschreibender zeigte. Doch noch etwas überraschte den Kommunikationsfachmann, dessen Studie als beste Bachelorarbeit im Bereich Journalismus ausgezeichnet wurde: Zwar scheint das Thema ausschlaggebend dafür zu sein, wie häufig ein Zeitungsartikel ganz grundsätzlich kommentiert wird. Wie häufig es in Kommentaren aber zu Beschimpfungen, Beleidigungen oder gar Drohungen kommt, hängt vor allem von den Meinungen und Ansichten anderer Kommentarschreibender ab. Leser wettern also in erster Linie – übereinander. Ümit Yoker

Wie streiten auf Facebook und Co?

Wer andere Menschen in den Sozialen Medien beschimpft oder beleidigt, ist selten an einem offenen Austausch interessiert. «Hitziges Mitdiskutieren bringt wenig», sagt die Sprach- und Medienwissenschaftlerin Aleksandra Gnach. Sachliche Argumente hingegen sind beim persönlichen Angriff einen Versuch wert. «Wir müssen nicht tatenlos zusehen, wenn ganze Menschengruppen pauschal angegriffen oder gar bedroht werden», sagt Gnach. Ein Satz wie «Diese Aussagen gehen zu weit» markiert Präsenz und Solidarität mit den betroffenen Personen. Facebook-Gruppen wie #ichbinhier setzen ebenfalls klare Zeichen gegen Hass im Netz und fördern den konstruktiven Dialog in den Sozialen Medien. «Wir müssen nicht tatenlos zusehen, wenn ganze Menschengruppen pauschal angegriffen oder gar bedroht werden.» So klein die Chance ist, dass man mit rationalen Argumenten einen Hassredner von einer anderen Sichtweise überzeugt – manchmal lohnt es sich trotzdem, andere Perspektiven in eine Diskussion einzubringen und pauschale Aussagen und Angriffe öffentlich zu hinterfragen. Erstens wird den Hassrednern so nicht einfach das Feld überlassen. Zweitens erreicht man möglicherweise Mitlesende, die noch unentschlossen sind in ihrer Meinung. Hasskommentare kann und soll man den jeweiligen Plattformen oder auch Behörden melden. Facebook etwa hat einen Button, mit dem man die Plattform auffordern kann, unangemessene Posts zu entfernen. Manchmal reicht es auch, die Person darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich mit ihren Kommentaren strafbar macht und dafür angezeigt werden kann. IAM MediaLab der ZHAW Ümit Yoker

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