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Von der Suchtberatung bis zur Spaziergeh-App

Während seines stationären Aufenthalts in einer psychosomatischen Rehaklinik für Burnout wird Marcel bereits auf seine Rückkehr in den Alltag vorbereitet. Das Fachpersonal instruiert ihn, wie er Frühwarnsymptome erkennt, mit einer App überwacht und bei einem Rückfall die Therapeutin per Online-Chat erreicht. «So kann eine weitere therapeutische Begleitung frühzeitig beginnen und nahtlos in den Alltag integriert werden», erklärt die Gesundheitswissenschaftlerin Elke Weber. Solche digitalen Gesundheitsinterventionen haben das Ziel, die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu verbessern. Dazu zählen nicht nur Apps, sondern auch Websites, Online-Beratungen oder telemedizinische Plattformen, auf denen Ärztinnen und Ärzte Daten wie Röntgenbilder oder Laborwerte weiterleiten und besprechen können. «Digitale Angebote sind eine grosse Chance, um Wartezeiten auf eine Beratung zu überbrücken oder um Patientinnen und Patienten zwischen Therapiesitzungen mittels Gesundheitsedukation zu begleiten», erklärt Weber. «So kann eine weitere therapeutische Begleitung frühzeitig beginnen und nahtlos in den Alltag integriert werden.» Elke Weber, Gesundheitswissenschaftlerin Die wissenschaftliche Mitarbeiterin unterrichtet an der ZHAW das Modul «Grundlagen digitaler Gesundheitskompetenz und -interventionen». Angeboten von der Fachstelle Interprofessionelle Lehre , ist es für zukünftige Hebammen sowie angehende Fachleute für Physiotherapie, Ergotherapie, Gesundheitsförderung und Pflege zugänglich. «Dadurch haben wir die Möglichkeit, die interdisziplinäre Zusammenarbeit – die erheblich zum Erfolg einer Behandlung oder Beratung beiträgt – zu üben und zu verstehen», sagt Weber. In drei Unterrichtsteilen stärkt sie die Kompetenz der Studierenden, selbst digitale Angebote zu nutzen und zu entwickeln. Die Grundlage zu allen digitalen Interventionen bildet dabei die digitale Gesundheitskompetenz: «Wir müssen Menschen befähigen, online seriöse Gesundheitsinformationen aufzufinden, zu verstehen und für das eigene Gesundheitsverhalten zu nutzen», erklärt Weber. Die Gesundheitswissenschaftlerin beobachtet, dass die Zahl der Apps und Websites rasant ansteigt, während gerade vulnerable Gruppen wie Jugendliche oder ältere Menschen Mühe haben, vertrauenswürdige Angebote zu erkennen und davon zu profitieren. Deshalb ist es der Gesundheitsförderin ein besonderes Anliegen, dass die Studierenden verstehen, wie online Vertrauen und Akzeptanz gegenüber neuen digitalen Hilfsmitteln entstehen. Ihre Studierenden führt sie deshalb in die Online-Vertrauens- und -Akzeptanzforschung ein und lässt sie bestehende digitale Gesundheitsangebote kritisch untersuchen: Wirkt das Angebot auf mich professionell? Gibt es ein Impressum? Bringen die dort aufgeführten Leistungserbringenden entsprechende Qualifikationen mit? «Eine solche Recherche sollte der Nutzung von eHealth immer vorausgehen», sagt Weber. Die Studierenden entwickeln schliesslich in interdisziplinären Gruppen eigene Ideen für digitale Gesundheitsinterventionen, die sie auf einem wissenschaftlichen Poster präsentierten. Eine Gruppe kombinierte digitale und Präsenzangebote beispielsweise für eine Website, die Jugendliche und Schwangere mit einer Suchterkrankung informiert, aber auch sozialen Austausch über Chatfunktionen oder Narcotics-Anonymous-Treffen anbietet. «Gemeinsam gegen Einsamkeit» hiess der Vorschlag eines weiteren Teams. Es nutzte Online-Kanäle, um Rentnerinnen und Rentner für gemeinsame Spaziergänge zu begeistern. Die begleiteten Ausflüge fördern das physische und psychische Wohlbefinden, indem sie das Zugehörigkeitsgefühl stärken und neue Kontakte ermöglichen. «Im Bereich Digital Health ist eine fundierte wissenschaftliche Vorarbeit zentral, um möglichst passgenaue Angebote entwickeln zu können.» Elke Weber, Gesundheitswissenschaftlerin Die Arbeit am eigenen Projekt machte es möglich, die erworbenen Grundlagen anzuwenden und über die konkreten Bedürfnisse der Zielgruppe zu reflektieren. «Im Bereich Digital Health ist eine fundierte wissenschaftliche Vorarbeit zentral, um möglichst passgenaue Angebote entwickeln zu können», erklärt Weber. Digitale Gesundheitsinterventionen eröffnen insbesondere in ländlichen Gebieten neue Zugänge zur Gesundheitsversorgung. «Auf dem Land sind die Gesundheitsversorgung sowie die Infrastruktur tendenziell rückläufig und die Einwohnerschaft muss zunehmend längere Wege zu Gesundheitseinrichtungen auf sich nehmen», sagt Weber. Im kommenden Herbstsemester bietet sie daher ein Aufbaumodul an, das sich digitalen Angeboten für die ländliche Schweiz widmet. Dabei werden die Studierenden auch die spezifischen Ressourcen von ländlichen Gebieten analysieren. «Auf dem Land ist beispielsweise das Gemeindeleben aktiver», führt Weber aus. «Das ist eine Chance, um Menschen digitale Hilfsmittel näherzubringen und Vertrauen aufzubauen.» Stéphanie Hegelbach

Medizininformatik: Daten managen für eine bessere Gesundheit

Die Datenflut im Gesundheitsbereich nimmt ständig zu. Die Digitalisierung verspricht ein besseres Verständnis von Krankheiten und somit auch gezieltere Massnahmen zur Prävention, genauere Diagnosen und personalisierte Behandlungen. Um von den riesigen Datenmengen zu profitieren, müssen sie jedoch richtig verstanden und sinnvoll genutzt werden. Dies lernen Studierende in zwei neuen Digital-Health-Studiengängen der School of Engineering sowie des Departements Life Sciences und Facility Management . Diesen Sommer starten rund 60 Personen mit dem neuen Bachelorstudium Medizininformatik an der School of Engineering. Sie eignen sich das Rüstzeug an, um künftig an den Schnittstellen zwischen den Bereichen Medizin und Informatik zu arbeiten – etwa in Spitälern oder bei Krankenkassen. «Unsere Studierenden lernen, beide Welten zu verstehen», erklärt Thomas Järmann , Leiter Lehre am Departement. Sie programmierten in der Regel nicht selber umfangreiche und komplexe Software, passten jedoch diese zum Teil an die spezifischen Verhältnisse an und sorgten dafür, dass die gesammelten Daten von diagnostischen Tests, Medikamenten, Therapien und Operationen übersichtlich und sicher an der richtigen Stelle verfügbar sind. Während der sechs Semester im Vollzeit- beziehungsweise acht Semester im Teilzeitstudium beschäftigen sich die Studierenden unter anderem mit den Grundlagen des Gesundheitssystems und der Medizin, mit Machine Learning in der Diagnostik, Robotik im Rehabilitationsbereich, Bioinformatik und Statistik, aber auch mit Datenschutz und Ethik. Im engen Kontakt mit Branchen des Gesundheitswesens habe sich gezeigt, dass der Bedarf an entsprechenden Fachkräften gross sei, sagt Järmann. «Unsere Studierenden lernen, beide Welten zu verstehen – die der Medizin und jene der Informatik.» Thomas Järmann, Leiter Lehre an der School of Engineering Im interdisziplinären Studiengang der ZHAW unterrichten auch Dozierende der Bereiche Gesundheit, Life Sciences, Gesundheitsökonomie, Wirtschaftsinformatik und Linguistik. Ebenso divers sind die Vorerfahrungen der ersten Studierenden: Während die einen aus der Pflege oder Sozialarbeit kommen, bringen andere einen kaufmännischen Hintergrund mit und einige wenige stammen aus der Informatik. «Die Heterogenität ist eine Herausforderung», sagt Thomas Järmann. «Wir wollen aber alle Interessierten abholen.» Eine gute Vorbereitung seien die mathematischen Vorkurse der School of Engineering. Derweil sind in Wädenswil bereits vor einem Jahr 47 Personen im neuen Bachelorstudiengang Applied Digital Life Sciences gestartet und rund 50 weitere beginnen dieses Jahr. Es handelt sich schweizweit um ein einzigartiges Angebot. Die Studierenden lernen mit Big Data umzugehen, die mitten aus dem Leben stammen – etwa aus den Bereichen Pharmazie, Chemie, Biotechnologie, Landwirtschaft, Umwelt oder Gesundheitswesen. Ab dem vierten Semester tauchen sie in eine von drei Vertiefungsrichtungen ein: Digital Environment (Umweltbereich), Digital Labs and Production (Labore und Produktionsstätten unter anderem der Chemie-, Pharma- und Lebensmittelbranche) oder Digital Health (Bereich Gesundheit). «Der Studiengang ist so interdisziplinär und abwechslungsreich, wie ihr späterer Berufsalltag sein wird.» Céline Reinbold, Studiengangleiterin In der Vertiefung Digital Health werden neben Konzepten für die Datenverarbeitung auch anatomische und physiologische Kenntnisse vermittelt sowie statistische Anwendungen zum Umgang mit Daten aus der Epidemiologie und Genetik. «Informatik und Naturwissenschaften halten sich ungefähr die Waage», sagt Studiengangleiterin Céline Reinbold . Genau dieses Profil sei im Gesundheitswesen vermehrt gefragt, betont die Psychologin und Hirnforscherin. «Es braucht Leute, die zwischen diesen Bereichen vermitteln können und beide Sprachen sprechen.» Typische Einsatzorte sind unter anderem Pharmakonzerne, die individuelle Krebstherapien aufgrund genetischer Profile von Patientinnen und Patienten entwickeln, oder ein Schlaflabor, wo viele medizinische Parameter gemessen und ausgewertet werden. Auch die Tiermedizin kann von Applied-Digital-Life-Sciences-Spezialistinnen und -Spezialisten profitieren: Hier wird zum Beispiel an Sensoren geforscht, welche die Vitalzeichen von Pferden erheben. Lernfähige Algorithmen bestimmen daraus anschliessend die Ovulationsphasen von Stuten. Somit können invasive Untersuchungen vermieden werden. Auch dieser Studiengang baut auf einer Zusammenarbeit mit diversen anderen Instituten der ZHAW sowie mit dem Studiengang Data Science der School of Engineering auf. Dieser Ansatz ermögliche den Studierenden einen Überblick über verschiedene Fachgebiete, erklärt Céline Reinbold. «Der Studiengang ist so interdisziplinär und abwechslungsreich, wie ihr späterer Berufsalltag sein wird.» Andrea Söldi

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