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Aktive Filter: Kategorie: Forschung Kategorie: Research Autor: Simon Jäggi Ausgabe: 4/2020 Alle Filter entfernen
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Plötzlich alleine

Wenige Tage nach ihrem 18. Geburtstag packte Nina G. ihre Taschen und verliess das Haus ihrer Pflegeeltern für immer. Die Beziehung zur Pflegemutter hatte sich über die vergangenen Jahre immer weiter verschlechtert, oft kam es wegen Kleinigkeiten zu Streit. Sie wusste nicht, wohin, und zog zurück zu ihrer Mutter, die mit ihren eigenen Problemen beschäftigt war. Mit einem Mal musste sie sich um alles alleine kümmern. «Nach dem 18. Geburtstag fühlte ich mich zuerst einmal ziemlich alleine», sagt Nina G. In der Schweiz leben gemäss Schätzungen der Anlaufstelle Pflege- und Adoptivkinder Schweiz (PACH) rund 6000 Kinder und Jugendliche vorübergehend oder längerfristig in Pflegefamilien. Bis zum 18. Geburtstag sind die Pflegekinder von Fachpersonen begleitet. Nach Erreichen der Volljährigkeit endet der Pflegevertrag und viele Pflegekinder wollen oder müssen die Pflegefamilie verlassen. Die Behörden stoppen die Zahlungen an die Pflegefamilien, Beistände legen ihre Mandate nieder, Beziehungen zu Bezugspersonen brechen ab. «Viele Jugendliche verlieren mit dem 18. Geburtstag sämtliche Unterstützung. Das schafft eine schwierige Ausgangslage für den Start in die Selbständigkei t», sagt Karin Werner , Professorin am Departement für Soziale Arbeit der ZHAW, die zusammen mit Renate Stohler (Co-Projektleitung) in einem aktuellen Projekt zur Situation von Pflegekindern forscht. Jugendliche, die nach Erreichen der Volljährigkeit die Pflegefamilie oder das Heim verlassen, werden im internationalen Diskurs als Care Leaver bezeichnet. Was für Kinder gilt, die bei ihren Eltern aufwachsen, gilt für sie erst recht: Die wenigsten können mit 18 schon auf eigenen Beinen stehen. Plötzlich sind sie mit existenziellen Fragen konfrontiert: Welche rechtlichen Ansprüche habe ich? Welches Amt unterstützt mich? Wie kann ich Stipendien oder Prämienverbilligungen beantragen? Wie rechne ich mit der Krankenkasse ab? «Die allermeisten von ihnen sind auf Sozialhilfe angewiesen, weil sie für ihren Lebensunterhalt noch nicht aufkommen können, da sie oft noch mitten in der Ausbildung stehen», sagt Karin Werner. Studien aus dem Ausland zeigen, dass junge Erwachsene, die direkt mit dem Erreichen der Volljährigkeit aus der Pflegefamilie austreten, öfter von Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und sozialer Isolation betroffen sind. Die Situation von Care Leavern wird in vielen europäischen Ländern seit längerem erforscht. In der Schweiz rückte das Thema erst in den vergangenen Jahren in den Fokus der Wissenschaft. Dazu hat die Forschung des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie der ZHAW Soziale Arbeit massgeblich beigetragen. Professorin Karin Werner untersucht zusammen mit Kolleginnen in verschiedenen Forschungsprojekten die Situation von Care Leavern in der Schweiz. In Befragungen gaben rund zwei Drittel der Care Leaver an, sie seien zu wenig auf den Schritt in die Selbständigkeit vorbereitet worden und hätten nicht gewusst, wo sie Hilfe holen könnten. Deshalb wollten Karin Werner und Renate Stohler von ehemaligen Pflegekindern genauer erfahren, welche Angebote sie sich gewünscht hätten. Gemeinsam mit Jessica Brahmann als Mitarbeiterin starteten sie 2016 das Forschungsprojekt «Übergang in die Selbständigkeit: Pflegekinder wirken mit! », das von der Stiftung Mercator Schweiz unterstützt wird. Dazu holten sie eine Gruppe von ehemaligen Pflegekindern hinzu, die das Forschungsprojekt von Beginn an begleiteten. In einer ersten Phase befragten die Forscherinnen verschiedene Care Leaver zu ihren Erfahrungen. «Die meisten der ehemaligen Pflegekinder hätten sich rückblickend einen Austausch mit einer Person mit ähnlichem Erfahrungshintergrund gewünscht», so Karin Werner. Ausgehend von dieser Erkenntnis entstand gemeinsam mit der Begleitgruppe das Projekt «Take Off». Die Grundidee: Erwachsene Care Leaver engagieren sich als Mentorinnen und Mentoren und begleiten Pflegekinder beim Übergang in die Selbständigkeit. Die Mentorings dauern ein halbes Jahr und können danach verlängert werden. «Es ist ein Beratungsangebot auf Augenhöhe», sagt Karin Werner. «Ähnliche Projekte zeigen, dass die Hürden für solche Angebote oft weniger hoch sind.» Wenn das Gegenüber ähnliche Erfahrungen gemacht hat, schaffe das ein gewisses Grundvertrauen. Manche Probleme, etwa private Themen und Unsicherheiten, liessen sich so einfacher ansprechen. Das Interesse auf Seiten der Mentorinnen und Mentoren ist gross. Um mehr Pflegekinder zu erreichen, bräuchte es auch die Mitarbeit von Fachleuten wie Beiständinnen und Beistände sowie Familiendiensten, die das Projekt promoten. «Dort stellen wir jedoch manchmal eine gewisse Skepsis fest», sagt Karin Werner. «Dabei soll das Mentoringprojekt keine Fachpersonen konkurrenzieren», betont sie. Es brauche weiterhin professionelle Angebote und Unterstützung. «Das Mentoringprojekt kann dabei eine gute Ergänzung sein.» In enger Zusammenarbeit mit der Begleitgruppe haben die Forscherinnen noch weitere Angebote entwickelt. Es entstand ein Film, der die Anliegen der Care Leaver aus ihrer Perspektive aufzeigt, sowie die Informationsplattform careleaver.ch . Im September 2020 haben sich die Care Leaver der Begleitgruppe nun selbständig gemacht und den Verein Cequality gegründet, der sich für die Anliegen von Care Leavern einsetzt und das Projekt «Take Off» weiterführt. All dies sind Schritte mit einem Ziel: Pflege- und auch Heimkinder sollen beim Schritt in die Selbständigkeit jene Hilfe finden, die sie brauchen. Simon Jäggi

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