Dank Sensoren fühlen sich Senioren zu Hause sicherer

3. Dezember 2019
4/2019

Technologische Entwicklungen ermöglichen es alten Menschen, auch bei hohem Pflegeaufwand daheim zu leben. Fachleute der ZHAW unterstützen bei der Auswahl aus dem breiten Angebot.

Ruth Felix hatte Besuch zum Mittagessen. In der Küche stehen noch die Reste der Käsewähe, die sie selber gebacken hat. Auch den tadellosen Haushalt erledigt die 86-Jährige noch weitgehend selbstständig. Vor vier Jahren ist die Witwe von ihrem Einfamilienhaus in die Alterswohnung gezogen, in einen Neubau, der unmittelbar neben dem Alterszentrum Sonnenhof in Wil liegt. Bei Bedarf können Mieterinnen und Mieter hauswirtschaftliche oder pflegerische Leistungen von nebenan beziehen. Hier fühle sie sich gut aufgehoben, sagt sie. «Schauen Sie, wie grün es hier ist», freut sich die 
Seniorin und zeigt aus dem Fenster. 
Seit dem Frühling sind acht Wohnungen zudem mit einem neuen 
Sicherheitssystem ausgestattet: Drei Sensoren registrieren die Bewegungen der Bewohnerinnen und Bewohner und reagieren bei Unregelmässigkeiten.

Alarm bei Ausrutschen im Bad

Seit dem Frühling sind acht Wohnungen zudem mit einem neuen 
Sicherheitssystem ausgestattet: Drei Sensoren registrieren die Bewegungen der Bewohnerinnen und Bewohner und reagieren bei Unregelmässigkeiten. Würde Ruth Felix im Bad ausrutschen und nicht mehr aufstehen können, würde das System nach 
einiger Zeit das Pflegepersonal über das Smartphone alarmieren. «Zum Glück ist noch nie so etwas passiert», sagt die vitale Seniorin. Sie sei nicht ängstlich und noch weitgehend gesund. «Doch man weiss nie in meinem Alter.»
Die Firma Thurvita, welche neben dem Sonnenhof diverse weitere Altersinstitutionen betreibt, testet das Sicherheitssystem mit Fachpersonen der ZHAW und der ebenfalls in Wil ansässigen Firma Alcare, die auf Assistenztechnologien spezialisiert ist. Denn im Ortsteil Bronschhofen plant Thurvita eine neue Überbauung mit Alters- und Familienwohnungen sowie einem angegliederten Pflegezentrum. Dort sollen die betagten Menschen auch bei hohem Pflegebedarf möglichst lange zu Hause leben können, wenn sie dies wünschen.
Ein System mit drei Sensoren schlägt Alarm, wenn Unregelmässigkeiten auftreten.
Im Korridor, im Schlafzimmer und auf der Toilette sind die Sensoren angebracht.

Evaluation der passenden 
Assistenztechnologie

Um ihre Sicherheit zu gewährleisten, seien die heute gängigen Alarmsysteme unzureichend, erklärt die stellvertretende Pflegedienstleiterin Rosalba Huber. „Wenn jemand ohnmächtig wird, kann er den Notrufknopf am Arm oder in der Wohnung nicht mehr selber betätigen.“ Um beim neuen Projekt „Älter werden im Quartier“ frühzeitig allfällige bauliche Massnahmen einleiten zu können, habe man den Findungs- und Evaluationsprozess bereits jetzt aufgegleist.
Im Bereich Assistenztechnologien für das Alter sind zahlreiche Angebote auf dem Markt. Für eine Institution sei es gar nicht so einfach, das Passendste auszuwählen, weiss Andrea Kofler vom Forschungsbereich Facility Management in 
Healthcare am IFM Institut für Facility Management und Co-Leiterin des Pilotprojekts namens ThurvitaTech. Nach einer Bedürfnisabklärung mit dem Management von Thurvita unternahm das Projektteam eine Vorselektion aus einer 
Liste von fast 30 Angeboten. Das Thur­vita-Management bestimmte dann fünf Anbieter, die ihre Systeme präsentierten.

Algorithmus lernt Gewohnheiten

Die Institution entschied sich schliesslich für das System EasierLife, weil es die meisten Anforderungen erfüllte. Es basiert auf einem Algorithmus, der Abweichungen von den Tagesabläufen der Mieterinnen und Mieter erkennt. Diese Parameter müssen zuerst ins System eingegeben werden. Steht eine Person zum Beispiel meistens um sieben Uhr morgens auf, würde das System reagieren, wenn eine halbe Stunde später noch keine Bewegung in der Wohnung registriert wurde. Die Meldung erfolgt je nach Einstellung des Smartphones per SMS, Mail oder Klingelton. Die Empfänger können sich dann telefonisch beim betreffenden Mieter erkundigen, ob alles in Ordnung sei. Erreichen sie die Person nicht, müssen sie in der Wohnung vorbeigehen. Für das System Easier­Life sprach auch, dass es einfach ist in der Installation und Handhabung und bei Bedarf auch mit weiteren Technologien wie etwa Rauchmeldern oder Glasbruchsensoren kombiniert werden kann. Weiter fällt das System nicht auf in der Wohnung, was der Wunsch der Mieterschaft war.
«Ich hatte nie das Gefühl, dass mich jemand überwacht», sagt Ruth Felix.
Ein wichtiges Thema, das die Projektverantwortlichen untersucht haben, ist der Datenschutz. Die Technologie stammt aus Deutschland. Die Daten werden deshalb auf deutschen Servern abgespeichert und ausgewertet. Das sei problematisch, sagt Kofler. Entscheide man sich langfristig für EasierLife, wäre es wünschenswert, den Server direkt bei Thurvita zu haben.

Ohne Auseinandersetzung geht es nicht

Eine grosse Herausforderung für die Pflegefachpersonen ist der Umgang mit der riesigen Informationsflut, wie sich bei der Evaluation gezeigt hat. Vor allem am Anfang, als das Personal mit dem System noch wenig vertraut war und erst noch die individuellen Tagesabläufe der acht Testpersonen erfassen musste, herrschte zum Teil Verunsicherung, und es kam auch öfters zu Fehlalarmen. Besonders nachts und im Spätdienst, wenn im Pflegezentrum nur wenig Personal anwesend ist, sei das eine grosse Belastung, sagt Kofler. «Die Pflegenden müssen lernen, die Meldungen zu deuten.» Dazu müssten sie die Signale auch im zeitlichen Ablauf betrachten. Denn manchmal schickt das System zuerst zwar einen Alarm, kurz danach aber wieder eine Entwarnung.

Umstellung für Pflegepersonal

Wichtige Themen sind auch Schulung, Support und Wartung. «Eine Institution muss bereit sein, aus den eingespielten Bahnen herauszutreten und neue Kompetenzen aufzubauen», erklärt Alcare-Geschäftsführerin Christiane Brockes. «Das Pflegepersonal muss im Umgang mit digitalen Technologien geschult werden. So kann es Vertrauen fassen und Berührungsängste abbauen.» Auch der technische Dienst brauche neue Ressourcen und Kompetenzen, betont Brockes. «Will eine Institution von den digitalen Technologien profitieren, muss sie sich um die nötigen Weiterbildungen bemühen.» Dies sei aber auch eine Chance für das Personal, sich weiterzuentwickeln. Mit der technischen Unterstützung bleibe schliesslich mehr Zeit für die Bewohnerinnen und Bewohner.

Mieter können die Sensoren selbst ausschalten.

Die Mieterinnen und Mieter können die Sensoren auch selber ausschalten, wenn sie sich gestört fühlen. Man habe ihnen erklärt, dass es keine Kameras seien und man sie nicht beobachten könne, sagt 
Huber. «Wir haben den freiwilligen Teilnehmern auf unseren Smartphones gezeigt, wie ihre Bewegungen abgebildet werden.»
Ruth Felix fühlt sich auf alle 
Fälle sicher mit den Sensoren im Korridor, im Schlafzimmer und auf der Toilette. Die kleinen Geräte hinderten sie nicht daran, sich auch mal unbekleidet zwischen Bad und Schlafzimmer zu bewegen, lacht die lebensfrohe Frau. «Ich hatte nie das Gefühl, dass mich jemand überwachen will.»