Das Gespenst der Disruption

18. März 2020
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Spricht man von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz, so wird die disruptive Kraft dieser Technologien betont. Solche Innovationen können Gesellschaften radikal ändern, sagt Wirtschaftsethiker Mathias Schüz.

Wie «eine grosse Angstschweiss-Wolke» hänge der Begriff Disruption über allen Vorträgen auf Business-Konferenzen, schreibt Zukunftsforscher Matthias Horx auf der Webseite seines Instituts. Es gehe ein Gespenst um in Europa – in der Ökonomie, der Politik, ganz besonders aber auf Wirtschaftskongressen. Sein Name: Disruption. Und damit die Angst vor der Ungewissheit: Nichts ist mehr sicher, alles ist der Zerstörung, dem Untergang geweiht – denn das ist der Ursprung des Begriffs disruptiv: störend und zerstörend, unterbrechend und zerreissend.

«The Innovator’s Dilemma»

Als «Guru der disruptiven Innovation» gilt der im Januar verstorbene Harvard-Professor Clayton M. Christensen. Er hatte diesen Begriff Ende der neunziger Jahre in seinem Buch «The Innovator’s Dilemma» geprägt. Vor dem Hintergrund von Shareholder Value und internetgetriebenem Technologieboom setzte er den Rahmen für eine disruptive Innovation sehr eng: Ein Unternehmen biete einfachere Produkte zu einem geringeren Preis an, die Kunden nehmen nach und nach die neuen Angebote an. Das bisherige Konkurrenzprodukt wird ersetzt oder vollständig vom Markt verdrängt – «und damit passiert Disruption», so Christensen in einem Interview im Jahr 2016 gegenüber haufe.de. Oder alternativ schaffen disruptive Unternehmen neue Märkte und Kundensegmente, die es vorher noch nicht gab. Mit dem PC und dem Laptop sei beispielsweise ein neuer Markt entstanden, so Christensen – auch das eine disruptive Innova­tion. Der nächste Schritt sei dann das Smartphone gewesen.
«Eine Innovation zerstört per se etwas Altes – das kennzeichnet eine Innovation.»
— Mathias Schüz
Mathias Schüz, Professor für Responsible Leadership und Unter­nehmensethik an der School of Management and Law und promovierter Physiker und Philosoph, sieht diese Diskussion gelassener: «Eine Innovation zerstört per se etwas Altes – das kennzeichnet geradezu eine Innovation», sagt er im Gespräch. Insofern sei der Begriff disruptive Innovation eine Tauto­logie. Und betreffe nicht nur Nischen der Ökonomie. «Das Zerstören ist ein Prinzip im Leben», verdeutlicht er. «Deshalb gefällt mir Schumpeters Begriff der schöpferischen Zerstörung besser», so Schüz.

Die zerstörerische Kraft der Eisenbahn

Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter hat den Begriff der schöpferischen Zerstörung im Jahr 1942 in seinem Werk «Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie» geprägt. Neue Produktionsfaktoren, die sich erfolgreich durchsetzen, verdrängen und zerstören alte – die Zerstörung ist notwendig, um Neues zu schaffen. Die Erfindung der Eisenbahn war für Schumpeter ein Beispiel dafür: Die Betreiber von Postkutschen gerieten in Bedrängnis, doch längerfristig bot die Bahn schnellere, komfortablere und güns­tigere Transporte.

Innovationen zwingen zu Verhaltensänderungen

Wirtschaftsethiker Schüz geht noch einen Schritt weiter: Eine technologische Neuerung werde dann erst zur Innovation, wenn sie menschliche Verhaltensmuster verändere. Die Eisenbahn leitete im 19. Jahrhundert eine neue Ära des Transports ein, und in jüngster Vergangenheit haben Personal Computer und Internet Verhaltensmuster des Menschen radikal verändert. Oder der Mobilfunk: Telefonkabinen, die eine gewisse Privatsphäre beim Telefonieren gewährten, sind aus dem Ortsbild verschwunden. Übers Handy ist das Telefonieren öffentlich geworden. Mit dem iPhone hat Apple dann den Mobilfunk mit dem Internet kombiniert und damit den Menschen digital mobil gemacht. Anbieter wie Blackberry oder Microsoft hatten lange das Potenzial dieser neuen Technologie ignoriert. Doch «disruptive Technologien zwingen die Konkurrenz, sich anzupassen», so Schüz. «Wenn sie nicht aufspringt, ist der Zug abgefahren.»
«Innovationen können ganze Gesellschaftsformen zunichtemachen.»
— Mathias Schüz
Innovationen können weit tiefgreifender wirken: «Sie können ganze Gesellschaftsformen zunichtemachen», sagt Schüz. Die Entwicklung der Dampfmaschine Ende des 18. Jahrhunderts steht als Symbol für den Beginn der Industrialisierung und das Ende der Agrargesellschaft. Das Paradebeispiel für eine radikale Veränderung der Gesellschaft ist aber die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg um das Jahr 1450. «Der Buchdruck leitete eine ganz neue Epoche ein», so Schüz. Die Schwarze Kunst begrub das Mittelalter und war der Start von Neuzeit und Reformation. Das Wissen war nicht länger das Monopol der katholischen Kirche, sondern für eine breite Gesellschaftsschicht zugänglich. Alphabetisierung und Bildung wurden dadurch erst möglich und führten schliesslich zum Zeitalter der Aufklärung: «Die Freiheit des Menschen fängt mit dem Buchdruck an», so Schüz.

Segen und Fluch der künstlichen Intelligenz

Und heute sieht der Wirtschafts­ethiker diese Freiheit und die Autonomie des Menschen wieder in Gefahr: Die Kombination von Künstlicher Intelligenz (KI) und Big Data werde wiederum tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen bewirken. Die Versprechungen der Künstlichen Intelligenz, so Schüz, zielten darauf ab, menschliches Versagen zu mindern und das Wohlverhalten in der Gesellschaft zu fördern. Die EU hat dies in ihrem im Februar publizierten «Weissbuch zur Künstlichen Intelligenz» ausgeführt: KI könnte zu einer verbesserten Gesundheitsvorsorge, mehr Effizienz in Landwirtschaft und Produktion führen oder zum Klimaschutz beitragen, heisst es dort.
«Dann droht die beste Errungenschaft der Aufklärung zerstört zu werden, nämlich die Würde des Menschen, die sich in seiner Autonomie zeigt.»
— Mathias Schüz
Wenn diese Innovationen zu neuen Freiräumen für Kreativität und Selbstverwirklichung führten, dürfte diese Entwicklung durchaus begrüssenswert sein, so Schüz. Doch wenn nicht? «Dann droht die beste Errungenschaft der Aufklärung zerstört zu werden, nämlich die Würde des Menschen, die sich in seiner Autonomie zeigt.» Diesen potenziellen Gefahren von KI sind sich auch die Weissbuch-Autoren der EU bewusst: Undurchsichtige Entscheidungsprozesse, Diskriminierungen, Eingriffe ins Privatleben oder Missbrauch zu kriminellen Zwecken werden aufgeführt. «Angesichts der erheblichen Auswirkungen, die KI auf unsere Gesellschaft und die notwendige Vertrauensbildung haben kann, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die europäische KI auf unseren Werten und Grundrechten wie Menschenwürde und Schutz der Privatsphäre fusst», so das Weissbuch.

Gefahr des Autonomieverlusts

Wie weit diese im «Zeitalter des Überwachungskapitalismus» bereits mehr als gefährdet sind, zeigt die Philosophin und Sozialpsychologin Shoshana Zuboff, emeritierte Professorin an der Harvard Business School, in ihrem gleichnamigen Buch auf. Menschen werden zu Lieferanten von Verhaltensdaten, einem kostenlosen Rohstoff für die Tech-Giganten im Silicon Valley. Über Verhaltens-Tracking durch KI werden sie dann in ein wirtschaftlich gewünschtes Verhalten gelenkt. Das führt zum Verlust des selbstbestimmten, menschenwürdigen Lebens, so Schüz: «Der Mensch wird auf eine Maschine reduziert, die nur noch blind auf äussere und innere Reize reagiert.» Nach der Vermessung der Welt nun die Vermessung des Menschen. Der Mensch laufe Gefahr, seine Autonomie an digitale Geräte und Technologien abzugeben: «Er gerät damit wieder in diese selbstverschuldete Unmündigkeit, aus welcher der Aufklärer Immanuel Kant vor knapp 240 Jahren den Menschen befreien wollte», so Schüz. Eine radikale Wende.

Verlierer der Digitalisierung

Die Disruption der menschlichen Autonomie könnte eine Wirkung der digitalen Innovationen sein. Eine weitere Gefahr sieht Schüz auf dem Arbeitsmarkt: «Es wird Verlierer geben», sagt er. Und damit soziale Verwerfungen und politische Umbrüche, falls diese Verlierer der Digitalisierung vergessen gehen.
Technologische Innovationen können positive wie negative Verhaltensänderungen bewirken. Im Moment befinde man sich an einem Scheideweg, so Schüz: Wird KI eingesetzt, um Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zu beseitigen – oder um sie zu verschärfen? Die Therapie des Wirtschaftsethikers: Vorsichtig und skeptisch sein bezüglich der disruptiven Kraft von paradiesischen Versprechungen und die Verantwortung des Menschen nicht auf Maschinen abschieben.

Wer hätte das gedacht!

«Es gibt keinen Grund, warum jemand einen Computer in seinem Haus wollen würde.»: Ken Olsen, Präsident der Digital Equipment Corp., 1977
«Niemand kauft einem schottischen Einwanderer Frikadellen im Brot ab.»: Antwort der Bank nach einem Kreditgesuch von McDonald’s, 1952
«Schwerer als Luft? Flugmaschinen sind unmöglich!»: Lord William Thomson Kelvin, Präsident der Royal Society, 1895
«Die Amerikaner ­brauchen vielleicht das Telefon, aber wir nicht. Wir haben sehr viele Eilboten.»: Sir William Preece, Chefingenieur der britischen Post, 1896 zu Graham Bell