Der Unternehmer, der keiner ist

19. March 2019
1/2019
  • Menschen

Mathias Bonmarin erforscht neue Lösungen für die Medizintechnik. Aus seinen Entwicklungen sind schon Unternehmen entstanden. Er selbst bleibt der Wissenschaft treu – derzeit aber nicht nur an der ZHAW.

Manchmal reicht eine einzige E-Mail aus, um das Leben auf den Kopf zu stellen. Im April 2018 hat Mathias Bonmarin so eine Nachricht in seinem Posteingang vorgefunden. «Es war wie ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk», erinnert sich der ZHAW-Dozent, der zu dem Zeitpunkt gerade mitten im Unterricht steckte. Kurz vor seinem 39. Geburtstag erreichte ihn die Zusage für ein Fulbright-Stipendium und damit der grösste Erfolg seiner bisherigen Forscherkarriere. Das Fulbright-Programm ist eines der prestigeträchtigsten Stipendienprogramme weltweit und fördert durch bilaterale Verträge und Vereinbarungen den akademischen Austausch mit den USA. Für Bonmarin war dies der Startschuss für turbulente Wochen und Monate, an deren Ende er sich samt Frau und Kind in Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio wiederfinden sollte. «Die Freude über die Zusage war natürlich riesig, auch wenn sie ein bisschen Stress verursacht hat. Im Januar war ich gerade erst Vater geworden. Im August sollte nun schon mein Gastaufenthalt in den USA beginnen – das waren viele Veränderungen in kurzer Zeit», so Bonmarin rückblickend.
Mit Kollegen der Universität Fribourg hat Mathias Bonmarin eine Methode entwickelt, um Nanopartikel so präzise zu messen, dass sich diese optimal für das Abtöten von Tumorzellen herstellen und dosieren lassen.

Forscher und Kosmopolit

Dank des Fulbright-Stipendiums ist Mathias Bonmarin seit letztem Sommer für ein Jahr zu Gast an der University of Cincinnati. Ob er die Schweiz vermisst? «Eigentlich nicht so richtig», meint Bonmarin im Gespräch via Skype etwas verlegen. Er sieht sich als Kosmopolit. Der Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin fühlte sich nie mit nur einem Ort verbunden. Zwar in Bern geboren, wuchs er jedoch in Marseille auf und absolvierte dort schliesslich seinen Master in Biomedical Engineering. Ein Jahr davon verbrachte er in England. Es folgten ein zweites Masterstudium in Optics, Optoelectronics and Microwaves in Grenoble und ein Wirtschaftsstudium in Belgien, bevor es ihn 2006 für sein Doktorat wieder zurück in die Schweiz zog. Und nun also in die USA. «Ich fühle mich überall zuhause, sofern meine kleine Familie dabei ist und ich das tun kann, was ich gerne möchte», so Bonmarin.
Mathias Bonmarin hat ein Diagnosegerät für die Dermatologie entwickelt, das Hautpartien berührungsfrei mit einer Infrarotkamera untersucht und visualisiert.
Was er möchte, ist forschen für die Medizintechnik. An der ZHAW hat er unter anderem die aktive Thermographie – ein bildgebendes Verfahren aus der Werkstoffprüfung – zur Untersuchung von Haut eingesetzt. Daraus entstanden ist ein Diagnosegerät für Dermatologen, das Hautpartien berührungsfrei mit einer Infrarotkamera untersucht und visualisiert. Auch zur Verbesserung der Krebstherapie mit Nanopartikeln hat Bonmarin beigetragen. Mit Kollegen der Uni Fribourg hat er eine Methode entwickelt, um Nanopartikel so präzise zu messen, dass sich diese optimal für das Abtöten von Tumorzellen herstellen und dosieren lassen.
«Wenn wir reale Probleme lösen wollen, müssen wir auch die Erwartungen aus der Wirtschaft berücksichtigen.»
Aus beiden Forschungsprojekten sind Start-up-Unternehmen entstanden, an denen der ZHAW-Forscher beteiligt ist. Neben dem Forscher Bonmarin gibt es somit auch den Unternehmer Bonmarin, der neben seinen zwei Mastertiteln in Ingenieursdisziplinen sein Masterstudium in Ökonomie mit summa cum laude abgeschlossen hat. «Ich habe wohl irgendwie beides im Blut: Mein Vater war Wissenschaftler an der Uni in Marseille und meine Mutter stammt aus einer Unternehmerfamilie», erklärt Bonmarin. Gleichzeitig betont er, dass ihm persönlich die Forschung wichtiger sei. «Ein guter Wissenschaftler sollte aber beide Welten kennen. Wenn wir reale Probleme lösen wollen, müssen wir auch die Erwartungen aus der Wirtschaft berücksichtigen.»
Die ZHAW-Studierenden Giaele Quadri und Andreas Bachmann haben unter seiner Ägide ein günstiges Therapiegerät gegen die Hauterkrankung Leishmaniose konzipiert.

Cincinnati statt Harvard

Die Tage in Cincinnati beginnen früh für Bonmarin. Wegen der sechsstündigen Zeitverschiebung hat er nur morgens Gelegenheit, mit der Schweiz zu telefonieren und sich über ZHAW-Projekte auszutauschen. «Das habe ich wohl am meisten unterschätzt an diesem Auslandsaufenthalt: Man ist nicht einfach mal weg, sondern arbeitet quasi an zwei Orten gleichzeitig», sagt Bonmarin. Er sieht den Grund dafür auch bei sich selbst: «Ich will immer das Maximum aus meinen Möglichkeiten herausholen und bin ziemlich ehrgeizig – manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr.» Mit der Geburt seines Sohnes seien die Prioritäten aber etwas verschoben worden. Er habe mehr Ausgleich und Ablenkung durch die Familie. Die Start-ups seien in den Hintergrund gerückt.
«Die Forschung empfinde ich nicht einfach nur als Arbeit – sie treibt mich an.»
Die Forschung indes geniesse immer noch einen hohen Stellenwert. «Die Forschung empfinde ich nicht einfach nur als Arbeit – sie treibt mich an», so Bonmarin, und mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: «Ausserdem hält mich der Umgang mit den Studierenden jung.» So arbeitet er also früh morgens an einem EU-geförderten Forschungsprojekt der ZHAW im Bereich Thermographie, ehe er sich seinen Aufgaben vor Ort widmet – einem Ort, der unterschiedlicher kaum sein könnte. Rund 45'000 Studierende sind an der University of Cincinnati eingeschrieben. Der Campus verfügt über ein eigenes Busliniennetz. Im campuseigenen Football-Stadion feuern 40'000 Fans die UC Bearcats an. «Auf mich wirkt das alles enorm gross. Für hiesige Verhältnisse ist es aber eher ein kleiner und kompakter Campus», relativiert Bonmarin.
Bei der Arbeit geht es für ihn auch hier um Medizintechnik. Er begleitet ein Forschungsprojekt im Bereich «Wearable Sensors», konkret sind es tragbare Sensoren für Hautmessungen. «Wir versuchen verschiedene Parameter der Haut zu messen, beispielsweise auch Schweiss, um so Informationen über die Hydration und den Stoffwechsel zu erfahren», so Bonmarin, der ausserdem auch Studierende im Medtech-Labor betreut. Aber warum Cincinnati? Warum nicht Harvard? «Hier in Cincinnati ist der Hauptsitz von Procter & Gamble – die arbeiten eng mit der Universität zusammen», erklärt Bonmarin. Der Unternehmer in ihm blitzt wieder auf. Für den Konsumgüter-Konzern arbeitet er als wissenschaftlicher Berater im Bereich «Skin Research». Kein Neuland für Bonmarin: An der ZHAW hatte er zusammen mit zwei Absolventen bereits vor zwei Jahren einen Hauttester entwickelt, um die Wirksamkeit von Hautcrèmes zu überprüfen – das dritte Start-up, an dem Bonmarin beteiligt ist.

Inspiration im Gepäck

Wenn Mathias Bonmarin von seinem Leben in den USA erzählt, dann klingt es fast so, als wolle er gar nicht mehr zurückkommen. «Nein, ich komme ganz sicher zurück», versichert er. «Ich sehe meine Zukunft an der ZHAW. Ausserdem habe ich es meinen Eltern und Schwiegereltern versprechen müssen.» Mit im Gepäck wird er neue Ideen und Ziele haben. Die Arbeit in den USA sei inspirierend für ihn. «Hier lässt man die Studierenden das Labor organisieren. Das ist für sie ganz normal: Sie putzen, bestellen Material, tragen die Verantwortung für einen reibungslosen Betrieb – obwohl sie nicht als Assistenten angestellt sind», erklärt Bonmarin. Er ist sich bewusst, dass das an der ZHAW nicht genau so umsetzbar ist, findet den Ansatz zu mehr Eigenverantwortung aber prüfenswert. Ausserdem möchte er weiterhin neue Medtech-Innovationen vorantreiben: «In den USA verkauft sich die Forschung besser. Resultate werden offensiv gestreut – da sind wir in der Schweiz viel zurückhaltender, als wir es sein müssten.» Dennoch bevorzuge er die europäische Art des Zusammenarbeitens, wo man auch mal anecken dürfe. Und da fällt ihm ein, dass er die Schweiz vielleicht doch ein wenig vermisst.
  • Matthias Kleefoot