«Es ist besser, die Norm dem Kind anzupassen»

23. März 2021
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Der Ergotherapeut Michael Amacher fördert Kinder mit Beeinträchtigungen in der Bewältigung ihres Alltags. Seine Erkenntnis: Normalität ist subjektiv.

Michael Amacher arbeitet als Ergotherapeut im Zentrum für Kinder mit Sinnes- und Körperbeeinträchtigung (ZKSK) in Solothurn. Der Grossteil der Kinder, die in seine Therapiestunde kommen, haben motorische Defizite, Verhaltensauffälligkeiten, ADHS oder Entwicklungsstörungen. So verschieden die Diagnosen, so unterschiedlich sind auch die Therapiestunden. Und dennoch gebe es Gemeinsamkeiten, sagt Michael Amacher: «All diese Kinder haben Schwierigkeiten im täglichen Leben. Ich unterstütze sie bei dessen Bewältigung und befähige sie so zur aktiven Teilhabe in ihrem Alltag.» Dies tut er auf spielerische Weise und auf die Interessen des Kindes abgestimmt, damit sie mit möglichst viel Elan bei der Sache sind.

Normalität als relative Grösse

Die meisten Therapieziele sehen vor, dass ein Kind selbstständiger agieren kann. Es soll sich etwa allein anziehen können oder fähig sein, in der Schule selbstständig und fokussiert eine Aufgabe zu lösen. Selbstständigkeit sei deshalb so wichtig, weil sie in unserer Gesellschaft als etwas Normales betrachtet werde. Michael Amacher erlebt «Normalität» jedoch auch als relative, zuweilen sogar verhandelbare Grösse. «Was im Umfeld eines Kindes als normal betrachtet wird, wird für das Kind zur Norm. Weil jedes Kind in einem anderen Umfeld aufwächst, erlebt auch jedes eine etwas andere Art von Normalität, mit der es zurechtkommen muss.» Wenn Michael Amacher jedoch merkt, dass ein Kind überfordert wird, versucht er zwischen dessen Bedürfnissen und den Ansprüchen von Lehrpersonen und Eltern zu vermitteln. «Es ist besser, die Norm dem Kind anzupassen als das Kind der Norm.»
«Bei der Therapie geht es nicht darum, jemandem meine Ansichten überzustülpen»: ZHAW-Absolvent Michael Amacher.
Seine eigenen Vorstellungen darüber, was normal ist, lässt Michael Amacher bei der Arbeit so gut als möglich aussen vor. «Bei der Therapie geht es nicht darum, jemandem meine Ansichten überzustülpen.» Seinen Beruf übt er denn auch mit einem hohen Mass an Reflexion aus. Nichtsdestotrotz sei es unmöglich, stets völlig wertneutral zu sein. Als Beispiel nennt er den Fall eines Zweitklässlers, der seine Schuhe nicht binden konnte und deshalb Modelle mit Klettverschlüssen trug. «Das Kind hatte kein Problem mit der Situation. Für mich war dies jedoch nicht der Norm entsprechend. Denn ich erinnerte mich daran, wie viel es mir in diesem Alter bedeutet hatte, meine Schuhe ohne Hilfe binden zu können.» Die Angelegenheit löste sich dann von selbst: Als das Kind mit Fussballspielen anfing und feststellte, dass Fussballschuhe Schnürsenkel haben, war es auf einmal erpicht, das Schuhebinden zu lernen.

Traumberuf Ergotherapie

«Ich finde es toll, dass ich im Leben meiner Klientinnen und Klienten etwas Positives bewirken kann»: Michael Amacher.
Weil er Menschen enger begleiten und seine Kreativität einbringen wollte, entschied sich Michael Amacher nach seinem Lehrabschluss als Augenoptiker für die Ergotherapie. Er absolvierte nebenberuflich die Soziale und Gesundheitliche Berufsmaturität sowie ein Vorpraktikum. Anschliessend studierte er Ergotherapie an der ZHAW Gesundheit, wo er 2017 mit dem Bachelor abschloss. 2018 begann er als Ergotherapeut im ZKSK. Daraufhin besuchte Michael Amacher diverse Weiterbildungen mit Schwerpunkt Pädiatrie. Seit Herbst 2020 ist er wieder bei der ZHAW Gesundheit immatrikuliert: Er absolviert den European Master of Science in Occupational Therapy.

Männer noch untervertreten

In der Ergotherapie hat Michael Amacher (31) seinen Traumberuf gefunden: «Ich finde es toll, dass ich im Leben meiner Klientinnen und Klienten etwas Positives bewirken kann. Die Kinder selbst, aber auch ihre Eltern und Lehrpersonen bringen mir deshalb viel Wertschätzung entgegen. Das motiviert zusätzlich.» Dank ihren zahlreichen Spezialisierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten habe die Ergotherapie auch als Beruf viel zu bieten. Nichtsdestotrotz seien Männer immer noch untervertreten. Seine Empfehlung an die Bildungsinstitutionen: «Männer sollten spezifischer angesprochen werden, indem man ihnen die Vielfalt des Berufs besser aufzeigt.»