Für die Revolution auf dem Teller

18. März 2020
1/2020

Zwei neue Studiengänge sollen die Herausforderungen der Agro-Food-Branche an der Wurzel packen. Radikal anders ist auch die Art und Weise, wie diese Formate konzipiert und realisiert werden.

Wie wir essen und wie wir unsere Lebensmittel produzieren, stellt uns vor grosse Herausforderungen. Die Agro-Food-Branche trägt massgeblich zur Umweltproblematik bei, kann Erkrankungen begünstigen und führt in unseren Breitengraden zu Foodwaste, während es in anderen Teilen der Erde den Menschen an Lebensmitteln mangelt oder immer mehr Menschen hungern müssen. Es braucht eine radikale Transformation, welche die ZHAW am Departement Life Sciences und Facility Management in Wädenswil in Angriff genommen hat.
Projektmanagerin Agro-Food-Business Maya Wiestner will bei künftigen Studierenden die Freude an der Gestaltung des Wandels wecken.
«Nur so ist es möglich, die Probleme an der Wurzel zu packen und die für einen effektiven Wandel notwendigen andersartigen Lösungen zu kreieren.»
— Maya Wiestner
Bei der Entwicklung eines neuen Bachelor- und eines neuen Masterstudiengangs mit Fokus auf ein nachhaltiges und starkes (resilientes) Agro-Food-Business hat das Kernteam ungewohnte Wege ausprobiert: Es wurden alle, die ein Interesse an der Branche und deren Veränderungen haben, zur Mitwirkung eingeladen. Auf einen Kick-off Workshop 2018 folgten eine Online-Umfrage, zwei Dutzend Experteninterviews und noch einmal zwei Co-Creation Workshops im vergangenen Jahr. Insgesamt haben über 400 Leute beim Kreieren der neuen Studiengänge mitgeholfen. Projektmanagerin Maya Wiestner erklärt: «Wir haben bestehende Strukturen bewusst vorerst nicht miteinbezogen. Nur so ist es möglich, die Probleme an der Wurzel zu packen und die für einen effektiven Wandel notwendigen andersartigen Lösungen zu kreieren.»

Food-Branche – vernetzt statt verkettet

So könnte ein Wertschöpfungsnetzwerk der Agro-Food-Branche aussehen.
Zentrale Ausgangslage war, dass die herkömmliche Wertschöpfungskette der involvierten Akteure der Lebensmittelherstellung nicht zukunftsfähig ist. «Die Kette bewirkt, dass für den einzelnen Akteur nur die vor- oder nachgelagerte Partei von Bedeutung ist», sagt Maya Wiestner, «aber eigentlich beeinflussen sich alle gegenseitig.»

Ganzheitliches Denken

Stattdessen braucht es ein globales Netzwerk, bei dem alle Mitglieder zusammenarbeiten, ist Maya Wiestner überzeugt. Oder anders ausgedrückt: «Wenn wir in der Schweiz einen Kaffee trinken, müssen wir auch für die Kaffeeproduzierenden und die Plantagen in Südamerika Verantwortung übernehmen.»

Unternehmerisches Denken

Die künftigen Studierenden sollen lernen, wie so ein Netzwerk funktioniert und welche Auswirkungen gezielte Eingriffe an einer Stelle auf das ganze System haben. Aufbauend auf diesem fachlichen, ganzheitlichen Verständnis, können Menschen mit Wissen bezüglich Wirtschaft und Unternehmertum ausgebildet werden. Sie sollen Freude an der Gestaltung des Wandels entwickeln. Im Kern geht es darum, die Agro-Food-Branche in ökologischer, sozialer wie auch wirtschaftlicher Hinsicht zu gestalten. «Wir möchten die Studierenden zu einem Systemwechsel befähigen und es ihnen ermöglichen, die dazu notwendigen Kompetenzen zu entwickeln.»

Freier lernen

Der geplante Bachelor- und Masterstudiengang ist deshalb so ausgerichtet, dass die Studierenden Erfahrungen machen, scheitern dürfen und mit Dozierenden auf Augenhöhe nach Lösungen suchen können. Es gibt nicht die eine Antwort auf die Frage nach einer perfekten Agro-Food-Branche, die an einer Prüfung abgefragt werden könnte. Vielmehr sind die Inhalte und das Ergebnis auch während des Studiums offen; die Studierenden sind ein Teil des Lösungswegs, der in enger Kooperation mit Organisationen aus der Praxis erst erarbeitet werden muss. Open Curriculum nennt man diese Art des Lernens, wenn nicht das Wissen an sich, sondern die zu erwerbenden Kompetenzen im Zentrum stehen.

Vorbereitungen für den Start

Nun gilt es, die entstandenen Ideen in ein für die ZHAW passendes Konzept umzuformulieren. An diesem Balanceakt arbeitet das institutsübergreifende Kernteam im Moment, weiterhin breit abgestützt durch den Einbezug der interessierten Community. Wenn alles rund läuft, soll der erste Studiengang innerhalb der nächsten zwei Jahre starten.