Glattpark Opfikon: Stadtteil mit eigenem Park und See

19. Juni 2019
2/2019

Der Glattpark in Opfikon ist recht dicht bebaut – und schweizweit einmalig: Ein Fünftel des neuen Quartiers zwischen der Stadt Zürich und dem Flughafen besteht aus einem grossen Park mit See. Sehr beliebt ist die Wohngegend auch bei Expats.

Wer an der Tramhaltestelle Fernsehstudio aussteigt, ist in wenigen Schritten am schmalen See. Er ist 550 Meter lang und streckt sich elegant zur Autobahn hin. Dort, wo man die Fahrzeuge besser hört, ergab sein Aushub einen Erdwall. Er schottet das Areal gegen Strassenlärm ab. An Sommerwochenenden oder nach der Arbeit schwimmen manche aus dem Quartier im See und suchen Erfrischung, andere flanieren auf der Seepromenade.
Bevor der Stadtspaziergang mit Roland Züger, Dozent am ZHAW-Institut Urban Landscape, jedoch dorthin ins Grün führt, gibt es 
einen kurzen Zwischenstopp. Er gilt den kürzlich fertiggestellten Bauten der zweiten Etappe an der Ecke des Quartiers zum Fernsehstudio. Zum einen hat die Genossenschaft ABZ hier 286 Wohnungen erstellt, die neue Bevölkerungsschichten ins bei Expats beliebte Quartier bringen. Das lässt sich an der Architektur ablesen: Gemeinschaftsräume und Ateliers im Erdgeschoss, eine begegnungsfreundliche Erschliessung durch offene, aussenliegende Treppenhäuser, Familienwohnungen und kleinere Einheiten fürs Wohnen ab 65. Zwischen den beiden Baukörpern liegen kollektive Gärten und Kinderspielplätze.
«My Cocoon»: Clever angeordnet, bieten aus­gestülpte Loggien viel Privatheit.
Zum anderen ist neu auch «My Cocoon», die Nachbarüberbauung der Beamtenversicherungskasse. Sie erstreckt sich über fünf Hausnummern an der Glattparkstrasse und überrascht augenzwinkernd mit witzigen, ausgestülpten Loggien. Durch eine clevere Anordnung bietet jedes dieser Balkonkistchen erstaunlich viel Privatheit. Kein Zweifel, wir sind in einem urbanen Quartier unterwegs.
Der See mit Lärmschutzwall gegen die Autobahn: Treffpunkt für Jung und Alt.
Weiter gehts zur Seepromenade. Der Blick schweift über den Park, zum Wäldchen und den Grillplätzen. So viel Grünraum in einem neuen, verdichteten Stadtteil? Über zwölf Hektar Freifläche, ursprünglich Bauland im Wert von mehreren Hundert Millionen Franken, das heute als Naherholungs- und Freizeitraum genutzt wird. Nicht von ungefähr wurde das Gebiet, das damals noch Oberhauserriet hiess, in den 1980er Jahren als «teuerste Wiese Europas» gehandelt. Geplant waren Businessparks mit gegen 30‘000 Arbeitsplätzen und wohl ebenso vielen Parkplätzen. Freiwillig verzichteten die 21 Grundeigentümer nicht auf solche Renditeaussichten.
«Die Bevölkerung wollte keinen 
Business-Park, sondern ein durchmischtes Quartier.»
— Roland Züger

Roland Züger erinnert an die dramatische Planungszeit: «Über dem Projekt hing das Damoklesschwert der Auszonung.» Druckmittel war eine Volksinitiative, mit 754 Unterschriften, von der «Neuen Idee Opfikon» eingereicht. Die Bevölkerung wollte keinen Business-Park, sondern ein durchmischtes Stadtquartier. Das begriff die Gemeinde und arbeitete mit Planern einen entsprechenden Kompromiss aus. Der Clou daran: Ein Sondernutzungsplan gewährt eine bessere Ausnutzung der Bauparzellen, wenn die Eigentümer im Gegenzug den Park und See akzeptieren, eine Etappierung hinnehmen und die Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr mitfinanzieren. Sie stimmten zähneknirsch­end zu. Auch an der Urne kam der Kompromiss 1991 durch, die Initiative war vom Tisch.
Drei Alleen mit kleinen Bächlein und wellen­­förmig angelegten Wegen führen ins Quartier – bewusst angelegte Grünadern.
Als Resultat davon liegt nun westlich vom See auf knapp 55 Hektar der überbaute Teil des Glattparks. Drei Alleen mit kleinen Bächlein und wellenförmig angelegten Wegen führen ins Quartier hinein – bewusst angelegte Grünadern. Zusammen mit vielen Querwegen entsteht ein praktisches Netz von autofreien Verbindungen. Sie führen zu ­Dutzenden von recht unterschied­lichen fünfgeschossigen Wohnbauten, meist mit 3,5- und 4,5-Zimmer-Wohnungen, die ab 2006 bezogen wurden. Dann steigt die Dichte an: Beim Boulevard Lilienthal in der Mitte des Quartiers mischt sich die Wohnnutzung mit Dienstleistungen. Weiter zur stark befahrenen Thurgauerstrasse hin folgen siebengeschossige Bürobauten.
Besonders auffällig ist der unterschiedliche Umgang mit Aussenräumen.
Motorisierter Verkehr ist kaum wahr­zunehmen. Autos, die von der Thurgauerstrasse über drei Zufahrtsstrassen ins Quartier kommen, verschwinden rasch in einer der Tiefgaragen. Der baumgesäumte Boulevard Lilienthal liegt parallel zum See. Abgesehen vom Linienbus ist er verkehrsfrei. Flankiert von Gebäuden mit viereinhalb Meter hohen Sockelgeschossen für Coiffeur, Kinderhort, verschiedene Gewerbenutzungen, Läden und eine Pizzeria mit Tischen draussen vor der Tür, macht er auf städtisches Flair, was ihm nicht so recht zu gelingen scheint. Belebt sieht anders aus. Vielleicht, so sinniert der ZHAW-Dozent, wäre es sinnvoll, den Boulevard für Autos zu öffnen und Kurzzeitparkplätze anzubieten.
Das Wohn- und Gewerbehaus «Minmax» am Boulevard Lilienthal setzt mit Kleinst- und Cluster­wohnungen einen neuen Akzent.
Die DNA des neuen Stadtteils ist der gut durchdachte Masterplan des Büros Planpartner. «Klug aufgebaut, regelt er nur das Nötigste und lässt genug Freiraum für neue Entwicklungen über die lange Bebauungszeit von mehreren Jahrzehnten hinweg», sagt Roland Züger. Während wir dem Boulevard entlangschlendern, zeigt er auf ein eigenwilliges Gebäude in dunkler Blechhaut: «Minmax» will mit 40 Quadratmeter grossen Kleinwohnungen für Singles ein Segment abdecken, das im neuen Stadtteil zuvor zu kurz kam – im Hof zeugt prominent ein gläserner Turm mit zwei Wasch­salons und einer Gemeinschaftsküche von diesem Anspruch.
Durch die Freiheiten, die der Mas­terplan lässt, wird die architektonische Qualität der einzelnen Bauten wichtig. Was im ganzen Glattpark auffällt, ist der unterschiedliche Umgang mit Aussenräumen. Manche Architekten setzen Wohnungen im Erdgeschoss schutzlos den Blicken des Quartiers aus. Da bleibt den Mietern oder Eigentümerinnen nur, sich notwehrmässig mit selbst aufgebautem Sichtschutz jeglicher Art abzuschotten oder die Storen durchgängig geschlossen zu halten. Andere Überbauungen zeigen Respekt für die Bedürfnisse nach einem Stück Privatheit vor der eigenen Wohnung.
Zwei Bauetappen sind fast fertig. Hier ist noch Platz für eine Schule
Eine Spur weniger Exponiertheit wünscht man sich manchmal auch im Park und den anderen öffentlichen Räumen. Kleinräumige Nischen, die man nutzen könnte, fehlen dort. Doch das lässt sich ja bei der dritten Bauetappe nachholen, die demnächst folgt. Die Möglichkeiten dazu lässt der Masterplan durchaus. Nach Abschluss der dritten Etappe bietet der Glattpark vor­aussichtlich Platz für 8000 Einwohner und 7000 Arbeitsplätze.

Weitere Impressionen aus dem Glattpark-Quartier