Impulse für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

19. Juni 2019
2/2019

Community Development oder soziokulturelle Anima­tion: Die Gemeinwesenarbeit unterstützt Menschen darin, sich für ihre Lebensqualität einzusetzen. Das stärkt die Zivilgesellschaft – und kann sozialen Brennpunkten in Städten vorbeugen.

Ein riesiges begehbares Stadtmodell, das eine ganze Halle ausfüllte, hatten Bewohnerinnen und Bewohner von Winterthur letztes Jahr gebaut und damit ihre Vorstellungen einer lebenswerten und attraktiven Stadt der Zukunft ausgedrückt. Die Modellbauer wurden «Stadtwerkstätter» genannt, und die damit verbundene interdisziplinäre Veranstaltungsreihe wollte «das fachliche Nachdenken über die Stadt der Zukunft mit künstlerischen und partizipativen Mitteln verknüpfen». Oder diesen Mai in Zürich: Unter dem Motto «Das Gute liegt häufig näher, als man denkt» führte die Stadt Zürich – und weitere Schweizer Städte – einen Tag des Nachbarn durch. Bewohnerinnen und Bewohner wurden animiert, ihre Nachbarinnen und Nachbarn zu sich nach Hause zu einem Kaffee einzuladen oder einen Grillabend zu organisieren. Hinter solchen Anlässen und Initiativen steht die Gemeinwesenarbeit als Teilgebiet der Sozialen Arbeit. 
 


Ein Gefühl von Verbundenheit erzeugen

Menschen zu treffen, sich mit ihnen auszutauschen, sie kennenzulernen und gemeinsam etwas zu erarbeiten: Das kann Beziehungen oder das Gefühl von Verbundenheit festigen und zu gegenseitigen Hilfeleistungen führen. «Die Gemeinwesen­arbeit gibt Impulse für den gesellschaftlichen Zusammenhalt», umschreibt dies Urs Frey. Er ist Studienleiter des MAS Community Development des Departements Soziale Arbeit. Angesichts von Ökonomisierung und Flexibilisierung des Alltags und der gesellschaftlichen Individualisierung sei eine starke Zivilgesellschaft wichtig, sagt Frey. Sie zeige sich in ehrenamtlicher Arbeit wie in demokratischer Beteiligung und drücke sich in selbstorganisierten Projekten aus.

Aus Betroffenen sollen Beteiligte werden.

Bürgerinnen oder Bewohner zu mobilisieren oder sie darin zu unterstützen, sich gemeinsam für ihr Wohl einzusetzen, ist das Ziel der Gemeinwesenarbeit. Aus Betroffenen sollen Beteiligte werden. Das kann in der Stadt, im Quartier, in der Wohnsiedlung, Kirchgemeinde oder Alterssiedlung sein; und Fachkräfte der Gemeinwesenarbeit sind in Kinder- und Jugendarbeit wie in generationenübergreifenden Themen tätig, engagieren sich in Genossenschaften oder in 
der Gemeinde- und Stadtentwicklung. Wobei Frey anmerkt, dass der Begriff Gemeinwesenarbeit heute etwas aus der Mode gekommen sei: Oft wird von Soziokultureller Animation gesprochen oder der englische Begriff «Community Development» 
verwendet.


Selbsthilfe statt Almosen

Die Anfänge der Gemeinwesenarbeit reichen ins 19. Jahrhundert zurück, als Sozialreformer in London und anderen Städten Armut und soziale Ungerechtigkeit bekämpfen wollten. Im 
Jahr 1884 wurde im Londoner 
Eastend mit der Toynbee Hall ein Nachbarschafts- und Bildungszentrum ins Leben gerufen, das bis heute besteht. Das Zentrum gilt als eines der ersten Engagements von Gemeinwesenarbeit und war Modell für viele weitere Gründungen: Selbsthilfe statt Almosen war das Leitmotiv.

Soziale Auswirkungen des 
Bevölkerungswachstums

Heute beschäftigt sich die Gemeinwesenarbeit unter anderem mit den Folgen der Urbanisierung. Die grossen Entwicklungsfragen drehen sich heute um das Bevölkerungswachstum. Wenn die Stadt Zürich gemäss Prognosen bis ins Jahr 2040 um bis zu 100 000 Bewohnerinnen und Bewohner anwachsen wird: Was hat dies für soziale Auswirkungen? Beispielsweise die bauliche Verdichtung nach innen, die Verteuerung des Wohnraums und die damit verbundene Verdrängung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen oder auch die zunehmende Verkehrsbelastung? Wie viel Dichte ist erträglich, bevor sie Stress­gefühle verursacht? Was braucht es, damit Menschen, die immer enger wohnen, auch ein Gefühl von Miteinander entwickeln? Denn eine soziale Stadtentwicklung wolle «lebendige Siedlungen, wo man dem anderen hilft», so Frey. Und nicht zuletzt seien soziale Städte mit hoher Lebensqualität auch ein attraktiver Wirtschaftsstandort.
Gemeinsam etwas erarbeiten und Beziehungen festigen: Im Gemeinschaftsgarten – wie hier in der Freilager-Siedlung in Zürich – treffen sich Menschen aller Nationen, Generationen und Schichten.

«Mein Quartier, mein Zuhause»

In der neu gebauten Siedlung Freilager in Zürich könnten beispielsweise auf rund 70 000 Quadratmetern gut 2500 Menschen leben und arbeiten, verdeutlicht er. Von Anfang an eingeplant wurde neben Freiräumen und Grünflächen sowie einem 2000-Watt-Energiekonzept auch die soziale Durchmischung: 60 der 800 Mietwohnungen sind vergüns­tigt für einkommensschwache Bevölkerungs­gruppen,­ 200 Wohnungen für Studierende reserviert. «Mein Quartier, mein Zuhause» ist der Claim der Siedlung, und die Quartier-Community wird über eine App vernetzt und gestärkt, sei es mit einer Verkaufs- und Tauschbörse, Jogginggruppen oder anderen Fragen und Anliegen, welche für die Nachbarschaft interessant sein könnten.

Sozialarbeitende als Sparringpartner der Stadtplanung

Frey stellt ein Umdenken fest: Bei Stadt- und Raumplanern sei die Akzeptanz gestiegen, dass bei einem Siedlungsprojekt auch die soziale Komponente berücksichtigt werden müsse. Im Umkehrschluss bedeute dies aber auch, dass Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter Anforderungen und Probleme der Stadtplaner kennen und zum Sparringpartner der Planung werden müssten.

Im Weiterbildungsstudiengang MAS Community Development werde den Fragen der Stadtplanung viel Raum gegeben, sagt er. Unterstrichen wird dies durch die Kooperation mit dem Institut Urban Landscape (IUL) des Departements Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen. «Wir wollen verhindern, dass soziale Brennpunkte wie in anderen Städten ent­stehen.» Das eigentliche «Horrorszenario», so Frey, von dem die Schweiz bisher verschont geblieben sei, seien segregierte Vorstädte, wie es sie etwa in der Metropole Paris gebe, wo Armut, Kriminalität und Chancenlosigkeit herrschten und wo Arbeitslosigkeit oft über Generationen «weitervererbt» werde. Der Kern der Gemeinwesen­arbeit habe sich aber seit seinen Anfängen im 19. Jahrhundert nicht verändert, meint er: 
«Es braucht eine Anwaltschaft für die Schwächeren in der Gesellschaft.»

Weiterbildungen zum Thema Urbanisierung

Soziale Arbeit
– MAS Community Development
– CAS Gemeinwesen – Planung, Entwicklung und Partizipation (in Kooperation mit dem Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen)
– CAS Werkstatt Soziokultur
Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen
– CAS Städtebau
– CAS Stadtraum Strasse
Life Sciences und Facility Management
– CAS Natur im Siedlungsraum