«Nur dank gegenseitiger Unterstützung war die Umstellung möglich»

1. Juli 2020
2/2020

Innerhalb einer Woche musste von Präsenz- auf Online-Unterricht umgestellt werden. Lisa Messenzehl , Leiterin der ZHAW-Fachgruppe Blended Learning, berichtet über die Herausforderungen und weshalb die Situation trotz des enormen Aufwands auch sehr motivierend war.

Der gesamte Unterricht der ZHAW wurde innerhalb einer Woche in den virtuellen Raum verlegt. War die ZHAW auf so etwas überhaupt vorbereitet?

Lisa Messenzehl: Mit so einer extremen Situation hat niemand gerechnet. Als sich im Februar eine Verschlechterung der Lage abzuzeichnen begann, haben wir zwar bereits damit begonnen, erste Dokumentationen für virtuellen Unterricht aufzubauen. Damals gingen wir aber davon aus, dass einzelne Dozierende oder Studierende krankheitshalber ausfallen könnten. Die Umstellung in diesem grossen Umfang war schliesslich eine Herausforderung. Es ist aber extrem gut gelungen. Ich ziehe den Hut vor allen beteiligten Dozierenden, Mitarbeitenden wie auch Studierenden.

Das war das Corona-Semester

Dozieren und Studieren in Zeiten der Corona-Pandemie: Innerhalb einer Woche stellte die ZHAW den Präsenzunterricht in Studium und Weiterbildung auf Online-Unterricht um. Wie das grosse Experiment gelungen ist und welche Folgen der Digitalisierungsschub hat, darüber berichten Dozierende und Studierende.

Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt?

Es war zwar sehr intensiv, aber auch extrem motivierend. Der ganze Bereich Blended Learning stand plötzlich im Rampenlicht, und ich habe gemerkt, dass wir etwas bewegen können.

Warum hat die Umstellung so gut geklappt?

Ein wichtiges Element war die gegenseitige Unterstützung auf allen Ebenen: zwischen Dozierenden, Fachbereichen und auch departementsübergreifend. Nur dank dieser gegenseitigen Unterstützung ist die Umstellung innerhalb dieser extrem kurzen Zeit möglich gewesen. Es sind Communities, die sich austauschten und halfen. Wir haben am Tag, als der Lockdown absehbar war, die Taskforce E-Learning ins Leben gerufen, in der alle Departemente und auch die IT-Abteilung vertreten sind. In den ersten Wochen haben wir uns täglich getroffen. 

Einige der Dozierenden übernehmen den Frontalunterreicht eins zu eins ins Digitale und stossen damit an Grenzen. Was raten Sie da?

Es gibt einfache Tricks, um den Unterricht onlinetauglich zu machen. Eine Möglichkeit sind asynchrone Szenarien. Das können Texte und Videos sein, mit denen die Studierenden zwischendurch selber arbeiten und sich zu den Inhalten austauschen, etwa in Foren. Oft geht es darum, die Rolle des Dozierenden neu zu finden. Er oder sie ist mehr Coach als Frontalrednerin. Diese Erfahrung machen einige Dozierende das erste Mal. Nachdem wir uns im ersten Schritt sehr viel mit Tools beschäftigt haben, wird es in einem nächsten Schritt sehr viel mehr um Didaktik gehen. Wir versuchen, die aktuell vorhandene Offenheit, Flexibilität und Kreativität für die Zukunft fruchtbar zu machen.
«Wir versuchen, die aktuell vorhandene Offenheit, Flexibilität und Kreativität für die Zukunft fruchtbar zu machen.»

Wie gehen die Studierenden mit der neuen Situation um? Hatten diese bereits alle nötigen Online-Skills?

Zeitgleich mit der Umstellung auf Online haben wir einen Selbstlernkurs zu Digital Literacy anbieten können, der sehr viele der notwendigen Kompetenzen vermittelt. Die Studierenden sind aus meiner Sicht erstaunlich schnell reingewachsen. Sie waren sehr flexibel und haben sehr viel Verständnis für die neue Situation gezeigt.

An der ZHAW studieren nicht nur Ingenieure und Informatikerinnen, sondern auch Hebammen und Sozialarbeiter. Gibt es Studiengänge, deren Unterricht gar nicht virtuell durchgeführt werden kann?

Oberstes Ziel war es bei der Umstellung, möglichst zu vermeiden, dass Unterricht verschoben werden muss. Selbstverständlich gibt es Bereiche, in denen der Online-Unterricht nicht das gleiche bieten kann wie der physische Unterricht. Wenn zum Beispiel die haptische Erfahrung wichtig ist wie im Gesundheitsbereich oder wenn die Arbeit in einem Labor dazugehört. Das ist eine grosse Herausforderung. Es wurden aber viele kreative Lösungen gefunden.

Wie ist die Umstellung im Bereich Weiterbildung gelaufen?

In meinen Augen ist die Ausgangslage eine andere. Viele Weiterbildungsteilnehmende haben sich bewusst für ein Präsenzprogramm entschieden, Austausch und Networking rund um eine Weiterbildung sind wichtig. Hier stossen Online-Formate natürlich an ihre Grenzen.
 
«Selbstverständlich freuen sich die meisten Dozierenden und Studierenden auf den physischen Unterricht. Die soziale Interaktion ist natürlich zentral.»

Welche Arten von Prüfungen sind an der ZHAW vorgesehen?

Schriftliche Prüfungen werden hauptsächlich über die Lernplattform Moodle gemacht. Entweder als klassische Prüfungen, in denen die Studierenden mit Zeitlimit Fragen beantworten, oder als wissenschaftliche Arbeiten, die sie offline schreiben und dann abgeben. Alle schriftlichen Prüfungen finden Open-Book statt, das heisst, dass Hilfmittel erlaubt sind. Zudem gibt es mündliche Prüfungen. Didaktisch gesehen sind die Online-Prüfungen eine grosse Chance. Es können zum Beispiel auch Audios und Videos eingesetzt werden.

Wie gehen die Studierenden mit Online-Prüfungen um?

Meine Beobachtung ist, dass digitale Prüfungen in den letzten Jahren für die Studierenden immer normaler wurden. Die Studierenden schätzen zum Beispiel sehr, dass sie nicht mit der Hand schreiben müssen. Das entspricht heutzutage eher der Realität. Bisher fanden diese digitalen Prüfungen aber immer an der Hochschule und nicht zuhause statt.

Sehnen sich jetzt nicht alle nach der Rückkehr auf den Campus?

Selbstverständlich freuen sich die meisten Dozierenden und Studierenden auf den physischen Unterricht. Die soziale Interaktion ist natürlich zentral. Meine Hoffnung ist es, dass der Hochschulunterricht in Zukunft gesamthaft profitieren kann, weil Dozierende ihr methodisches Repertoire vermehrt auf das Digitale ausdehnen werden. Künftig kann man sich das Beste aus beiden Welten nehmen.

Open-Book-Prüfung

Bei Open-Book-Prüfungen sitzen die Studierenden vor ihrem eigenen Computer zuhause und dürfen ganz bewusst Hilfsmittel wie Skripte, Bücher oder Internetressourcen benutzen. Die Prüfungsaufgaben sind aber keine reinen Wissensaufgaben, die einfach schnell gegoogelt werden können. Im Falle von Open-Book-Prüfungsaufgaben müssen Studierende ihr Wissen in einem bestimmten Kontext anwenden können. Das Erarbeiten von Lösungen bei einer Open-Book-Prüfung entspricht viel mehr der Arbeitsweise, wie sie in der Berufspraxis üblich ist.