Studierende sind ängstlicher

22. September 2020
3/2020

Die Corona-Pandemie erhöht das Angstlevel bei Studierenden: Zu dieser Zwischenbilanz kommen zwei laufende Studien der ZHAW. Allerdings hat sich bei manchen Befragten während des Lockdowns das Befinden auch verbessert.

Als der Bundesrat am 13. März vor die Medien trat und der Schweiz den Stillstand verordnete, veränderte sich auch für zahlreiche Studentinnen und Studenten der Alltag quasi über Nacht. Hörsäle wurden geschlossen, Präsenzunterricht wurde gestrichen, Begegnungen auf dem Campus waren nicht mehr möglich. Doch welche psychischen Auswirkungen hatte der Lockdown auf die Studierenden der ZHAW? Wie bewältigten sie diese neue Situation? Diesen Fragen geht ein Forschungsteam unter der Leitung von Julia Dratva, Leiterin Forschungsstelle Gesundheitswissenschaften an der ZHAW Gesundheit, in zwei Studien nach. In der dritten Woche des Lockdowns schrieben die Forschenden alle Studierenden der ZHAW an, rund 20 Prozent erklärten sich zur Teilnahme bereit. «Mit diesem Rücklauf sind wir sehr zufrieden», sagt Dratva. «Schliesslich wurde nur ein unpersönliches Massenmail verschickt.»

Zuhause bleiben fällt schwer

Befragt wurden die Teilnehmenden unter anderem dazu, ob und wie sie die Empfehlungen der Behörden umgesetzt haben, aber auch, welche Auswirkungen die Pandemie auf ihr Befinden hat und wie sie die einzelnen Institutionen – darunter nebst dem Bundesrat auch die ZHAW – wahrgenommen haben. Noch sind längst nicht alle Daten ausgewertet, und in den nächsten Monaten werden weitere Befragungen stattfinden. Doch bereits die Zwischenresultate lassen aufhorchen. «Ich war positiv überrascht, wie hoch die Bereitschaft der Befragten ist, die empfohlenen Massnahmen umzusetzen. Das widerspricht dem negativen Bild, das teilweise in den Medien von Jugendlichen gezeigt wurde», sagt Studienleiterin Dratva. Bei den meisten Massnahmen – also Social Distancing, Hygienevorschriften etc. – gaben mehr als 90 Prozent an, dass sie sie befolgen würden. Nur die Empfehlung, zuhause zu bleiben, wurde offensichtlich weniger ernst genommen. «Natürlich können wir nicht überprüfen, ob die Befragten auch tatsächlich so handeln, wie sie angeben», sagt Dratva. «Aber die Tatsache, dass es innerhalb der einzelnen Massnahmen Differenzen bei den Antworten gibt, deutet darauf hin, dass sie ehrlich waren.»
«Frauen waren  eher bereit, sich ins Private zurückzuziehen, während Männer öfter Langeweile empfunden haben.»
Gerade bei der Disziplin lässt sich eine Geschlechterdifferenz beobachten: Frauen waren offenbar eher bereit, sich ins Private zurückzuziehen, und gaben auch häufiger an, die Zeit mit der Familie zu geniessen, während Männer öfter Langeweile empfunden hätten. «Das entsprich einem Genderklischee», sagt Dratva. «Aber wir wissen aus anderen Studien, dass Frauen andere Antwortmuster zeigen, im Positiven wie aber auch im Negativen, beispielsweise wenn es um Krankheiten oder Konflikte geht.»

Gestiegener Angstlevel

Einen Fokus legte das Forschungsteam auf das psychische Befinden der Befragten. «Unsere Studie zeigt deutlich, dass im Lockdown die Ängstlichkeit gestiegen ist», sagt Dratva. Um das Angstlevel zu bestimmen, haben die Forscherinnen auf etablierte Instrumente aus der medizinischen Forschung zurückgegriffen, sodass ein Vergleich mit dem «Normalzustand» gezogen werden kann. «Dieser Befund sollte nachdenklich stimmen – gerade auch im Hinblick darauf, dass weltweit schon in normalen Zeiten circa ein Fünftel der jungen Menschen von psychischen Belastungen oder Erkrankungen betroffen sind.» Durch den Lockdown sind viele Studierende aufgrund fehlender Verdienstmöglichkeiten auch finanziell in eine prekäre Situation geraten. Im weiteren Verlauf der Untersuchungen wollen die Forscherinnen denn auch spezifisch abfragen, ob die Beratungsangebote der ZHAW in Anspruch genommen wurden.

Bei einigen verbesserte sich das Befinden

Aufgefallen ist aber auch noch etwas anderes: Manchen Befragten, die sich vor dem Lockdown nicht so gut fühlten, hat die Ausnahmesituation offenbar gut getan – sie gaben an, dass sich ihr Befinden verbessert habe. Das könnte daran liegen, dass manche Stressfaktoren weggefallen sind, der Schulweg beispielsweise oder die Schwierigkeiten im Studienalltag, Ausbildung und Familienverpflichtungen zu vereinbaren.

Wie viele der untersuchten Personen haben Antikörper gegen das Virus entwickelt?

Die Forschungsstelle für Gesundheitswissenschaften untersucht ab September mit dem Projekt «Corona Immunitas – Winterthur» bei rund 600 Schülerinnen und Schülern (Gymnasien, Berufsschulen) sowie ZHAW-Studierenden aus dem Raum Winterthur die sogenannte Seroprävalenz bei SARS-CoV-2 sowie mögliche gesundheitliche Folgen der Pandemie. Die Seroprävalenz gibt Aufschluss darüber, ob und wie viele der untersuchten Personen Antikörper gegen das Virus entwickelt haben.
Die Studie wird in zwei Etappen – im September/Oktober 2020 sowie im Februar/März 2021 – durchgeführt. Sie besteht aus einem Fragebogen, den die Teilnehmenden ausfüllen, Blutentnahmen für Antikörper-Test sowie weiteren Kurzerhebungen.
Das Projekt ist Teil der landesweiten Studie «Corona Immunitas», die von der Stiftung «Swiss School of Public Health plus» initiiert wurde und unter anderem vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) finanziert wird. Die Studie soll politischen Entscheidungsträgern wichtige epidemiologische Daten zur Pandemie und zur Immunität der Schweizer Bevölkerung gegen das Coronavirus liefern. Bislang fehlen repräsentative Daten zur Seroprävalenz und der gesundheitlichen Folgen der Corona-Pandemie sowohl auf Ebene der Allgemeinbevölkerung, als auch bei spezifischen Personengruppen und in bestimmten Settings. Deshalb werden im Rahmen von «Corona Immunitas» verschiedenste Alters-, Berufs- oder auch Risikogruppen auf eine Ansteckung durch das Virus und die Entwicklung einer Immunität hin untersucht. Damit möchte die Studie unter anderem auch Daten dazu erheben, welche Effekte Schutzmassnahmen für besonders exponierte Berufe oder für Risikogruppen haben.