Unternehmen ohne Chefs

1. Dezember 2020
4/2020

Im Internet entstehen digitale Firmen, die dezentral und demokratisch aufgebaut sind – Gegenpole zu dominanten Giganten wie Google oder Amazon. ZHAW-Ökonomen erforschen die neuartige Organisationsform.

Ein sperriger Begriff: die Dezentralisierte Autonome Organisation, abgekürzt DAO. Aber man sollte ihn sich merken. Denn viele Fachleute sehen in der DAO die kommende Organisationsform unserer zunehmend durchdigitalisierten Welt.
Am besten stellt man sich unter einer DAO zunächst eine Blockchain vor (siehe Kasten). Auf dieser Blockchain lassen sich Zahlungen mit einer Digitalwährung tätigen, aber noch viel mehr. Beispielsweise umfasst sie auch digitale, in Programmiersprache verfasste Abmachungen, sogenannte «Smart Contracts», die sich automatisch ausführen lassen, wenn die Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Werden mehrere solcher Smart Contracts verbunden und dezentral durch ihre Teilhaber gesteuert, spricht man von einer DAO.

Ohne Chef, ohne Gremien, ohne Sitzungen

Eine DAO ist also eine Art digitale Firma, die ohne Chefs, ohne Gremien, ohne Sitzungen auskommt. Das ganze Innenleben der Firma ist automatisiert. «Alle Prozesse werden dezentral abgewickelt», sagt Michael Lustenberger, Blockchain-Experte an der ZHAW School of Management and Law. «Im Gegensatz zu klassischen Firmen brauchen DAOs keine hierarchische Struktur mehr.» Nochmals anders gesagt: Blockchains erlauben Transaktionen ohne Vermittler. DAOs ermöglichen Unternehmertum ohne Führungskräfte.

Noch keine DAOs in Reinform

Das Gebiet ist jung und in Entwicklung – DAOs in Reinform existieren darum heute noch nicht. Aber es gibt «Blockchains mit DAO-Charakter», wie Florian Spychiger sagt, der ebenfalls an der ZHAW School of Management and Law forscht. Als Beispiel nennt er die Tezos-Stiftung mit Sitz in Zug, die mit ihrer neuartigen Blockchain den Finanzsektor erobern will. Tezos ist eine Plattform für digitale Finanzgeschäfte, die jeweils gleich mit der Blockchain-eigenen Digitalwährung bezahlt werden können. «Die Weiterentwicklung geschieht hier bereits on-chain», sagt Spychiger. «Die ganze Community kann Verbesserungsvorschläge einbringen, über die dann direkt via die Blockchain abgestimmt wird.»

Wer schlichtet im Streitfall?

Solche Abstimmungsprozesse gehören zum Kern von Dezentralisierten Autonomen Organisationen, denn sie ersetzen hier die Management-Entscheide. Schwierige Fragen sind damit verbunden: Wer hat wie viel Stimmgewicht? Wie verhindert man, dass sich die unterlegene Minderheit nach einer Abstimmung abspaltet? Ist es überhaupt sinnvoll, wenn alle Teilhaber, die sich in der Materie womöglich gar nicht auskennen, bei allen Fragen mitreden? Mancherorts setzt man dann doch wieder auf ein Kernteam, das beispielsweise darüber entscheidet, welche Vorschläge zur Abstimmung kommen. Eine andere offene Frage ist jene nach Schlichtungsgremien ausserhalb der Blockchain. Denn trotz ausgeklügelter Mechanismen wird es immer Streitfälle geben, die in den Smart Contracts nicht vorhergesehen wurden. Restlos alles lässt sich nicht digitalisieren.

Geeignet für Vermittlungsplattformen

Trotz solcher ungeklärter Fragen bescheinigen die beiden ZHAW-Forscher den DAOs eine grosse Zukunft. Das Einsatzgebiet gehe weit über den Finanzbereich hinaus. «Sehr geeignet sind DAOs vor allem für Vermittlungsplattformen, etwa für Wohnungen oder Dienstleistungen», sagt Michael Lustenberger. «Ein Fahrdienstvermittler beispielsweise bräuchte eigentlich keine Angestellten.» Es genügt eine digitale Plattform, wo Fahrer und Kunden sich finden können. Bezahlt wird digital über die Plattform-eigene Währung. Die Benutzer wären gleichzeitig Teilhaber und könnten über die Weiterentwicklung der DAO bestimmen. Alles digital, alles dezentral.

Keine Gewinne

Technisch wäre das schon heute machbar. Dass noch keine Fahrdienstvermittler-DAO existiert, liegt daran, dass bestehende Anbieter wie Uber oder Lyft kein Interesse daran haben, ihr Unternehmen zu dezentralisieren und demokratisieren. Denn dabei entfiele der Gewinn, den sie heute mit ihren Geschäften machen. Auch ein gewinnorientierter Jungunternehmer wird darum zögern, eine DAO zu gründen. «Am Anfang braucht es sicher viel Idealismus», sagt Michael Lustenberger. «Man muss eine Form finden, um freiwillige Anfangsinvestitionen zu entschädigen. Etwa indem man die Gründer am Erfolg der DAO teilhaben lässt.»

Das sich selbst verwaltende Haus

DAOs eignen sich aber nicht nur für Plattformen: Sie können auch physische Objekte steuern. Paradebeispiel hierfür ist das sich selbst verwaltende Haus, das niemandem gehört. Es heisst no1s1 (gesprochen: «no one’s one») – angestossen hat das Projekt der Zürcher Thinktank Dezentrum, der sich mit digitalen Zukunftsszenarien auseinandersetzt. Das Haus soll, wenn es denn einmal steht, durch eine Blockchain gesteuert werden und für Veranstaltungen zur Verfügung stehen. Es organisiert sich vollständig selber: schliesst Verträge mit Veranstaltern ab, kassiert dafür Geld, ruft Handwerker und bezahlt sie. So ein Haus ist, wie alle DAOs, auch effizient und kostengünstig, spart man sich doch die Verwaltungskosten.

Wer haftet?

«Ziel dieses Pionier-Projektes ist es, neue Denkanstösse zu geben und herauszufinden, was funktioniert und was nicht», sagt Florian Spychiger. «Die grösste Herausforderung ist derzeit die rechtliche Lage. Die Behörden wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.» Dabei geht es um Fragen wie: Wer haftet für Schäden? Wer ist verantwortlich, wenn es eine illegale Aktion im Haus gibt? Wo können sich Nachbarn über Lärm beschweren? Ein Objekt, das sich selbst gehört und verwaltet, ist in unserem Rechtssystem nicht vorgesehen.
Rechtsunsicherheit ist auch mit ein Grund, warum Firmen, die über Lieferketten miteinander verbunden sind, meist keine DAOs gründen. Eigentlich wäre die Organisationsform dafür prädestiniert, den Weg eines Produkts von den Rohstofflieferanten bis zum Endverbraucher zu dokumentieren, die Nachverfolgbarkeit zu verbessern und die Abläufe zu automatisieren. Oft setzen die Beteiligten dabei heute zwar tatsächlich auf eine Blockchain, wählen aber für die Entscheidungsfindung eine klassische Rechtsform. So fühlen sie sich wohler.

Fahrzeugzulassungen vereinfachen

So auch bei Cardossier, einem Grossprojekt im Automobilbereich: Mehrere Autoimporteure, Versicherer, das Bundesamt für Strassen und das Strassenverkehrsamt des Kantons Aargau haben sich zusammengetan, um den ganzen Lebenszyklus von Autos digital zu dokumentieren und zu vereinfachen. So soll die Zulassung eines Neuwagens, bei der ein Käufer bisher mit einer Versicherung verhandeln und beim Strassenverkehrsamt aufkreuzen muss, künftig automatisch via Smart Contract erfolgen. Dank der gesammelten Daten sind auch neue Geschäftsmodelle denkbar, etwa der Verkauf von garantiert unmanipulierten Gebrauchtwagen-Dossiers an Kaufinteressenten.

Totale Transparenz nicht erwünscht

Für die Weiterentwicklung der Plattform setzen die Beteiligten nicht auf eine DAO: Sie haben dazu einen Verein gegründet. Selbst von der klassischen Blockchain ist man abgekommen, weil in diesem Fall die totale Transparenz, welche diese bietet, gar nicht erwünscht ist. Die nun gewählte Plattform bietet dieselben Vorteile in Sachen Effizienz und Sicherheit, verunmöglicht aber, dass beteiligte Firmen die Daten ihrer Konkurrenten einsehen können.

Für ein demokratisches Internet

Die Beispiele zeigen es: Die Dezentralisierte Autonome Organisation muss ihre ideale Form und die geeigneten Einsatzfelder noch finden. Michael Lustenberger sieht dabei Möglichkeiten, die weit über das Wirtschaftliche hinausgehen. «Hinter den DAOs steckt auch ein gesellschaftskritischer Gedanke», sagt er. «Sie könnten helfen, das Internet von morgen zu demokratisieren.» Denn beim sich derzeit entwickelnden Internet der Dinge, das Gegenstände und Menschen in einem einzigen grossen Netz miteinander verwebt, besteht die Gefahr, dass einzelne Grossunternehmen wie Amazon oder Google die Steuerung übernehmen.
Viel besser wäre laut Lustenberger eine unabhängige Plattform in Form einer DAO, an die sich Anbieter von Dienstleistungen und Produkten zu vernünftigen Konditionen anschliessen könnten. «So liesse sich verhindern, dass ein zentralistischer Konzern alles steuert und mehr über uns weiss, als uns lieb ist.» Da ist die dezentrale Form der DAO, wo der Einzelne idealerweise auch seine Daten selbst verwalten kann, doch viel sympathischer.

Was ist eine Blockchain?

Man stellt sie sich am besten wie ein grosses Kassenbuch vor, das alle Überweisungen innerhalb einer Gemeinschaft festhält. Die Transaktionsdaten werden in elektronische Blöcke zusammengefasst, die Blöcke aneinandergekettet – daher der Name Blockchain («Blockkette»). Jedes Mitglied der Gemeinschaft hat eine laufend aktualisierte Kopie des Kassenbuchs gespeichert. Dies macht die Blockchain sicher, denn würde ein Hacker irgendwo einen Block manipulieren, so würden dies die anderen Mitglieder sofort merken. Darum sind Überweisungen via Blockchain effizient und günstig: Es braucht keine Vermittler wie etwa Banken, welche die Transaktionen überwachen. Das bekannteste Beispiel einer Blockchain ist die Digitalwährung Bitcoin. Die Technologie eignet sich aber nicht nur für Geldüberweisungen, sondern für alle heiklen Daten, etwa für Verträge oder Dokumente. Das Beratungsunternehmen PwC schätzt das globale wirtschaftliche Potenzial von Blockchains bis 2030 in einer neuen Studie auf 1,8 Billionen Dollar.