Von Crowdworkern, Fussballfans und Palliative Care

19. Juni 2019
2/2019

Ist ein Crowdworker ein Arbeitnehmer oder ­ein selbstständig Erwerbender? Wie kann ­Fan­arbeit Gewalt vorbeugen? Wie nehmen Krebskranke Palliative Care wahr? Drei ­Bachelorarbeiten liefern Antworten. Von Eveline Rutz


Wo Fanarbeit 
ansetzen kann

Manche Fussballfans liefern sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit Anhängern der gegnerischen Mannschaft. Sie prügeln sich im und ausserhalb des Stadions und zuweilen sogar auf Verabredung. Warum es innerhalb der Fankultur zu Gewalt kommt, ist nicht einfach zu erklären. Leander Wüthrich spricht von einem komplexen Phänomen, welches nur mit einer Kombination verschiedener Theorien zu erfassen sei. Er legt in seiner Bachelorarbeit unter anderem dar, dass Frustration zu unkontrollierter Aggression führen und gewalttätiges Verhalten erlernt werden kann. Starke Subkulturen wirken gerade auf Jugendliche anziehend, die sich nach Zugehörigkeit und Halt sehnen. Sie haben eigene Normen und Werte: Wer Gewalt ausübt, gewinnt an Ansehen. Aber auch massenpsychologische Theorien liefern Erklärungsansätze. «Das Individuum kann innerhalb der Anonymität der Masse seinen Trieben nachgehen, ohne Konsequenzen zu fürchten.» Als Reaktion auf Gewaltexzesse, betreiben die grossen Schweizer Clubs seit rund zehn Jahren Fanarbeit. «Sie packen diese unterschiedlich an», stellt Wüthrich fest. Einige bieten ihren Fans einen Treffpunkt, einige unterstützen sie bei der Lehrstellen- und Jobsuche. Sie organisieren die Anreise zu Auswärtsspielen und animieren dazu, die Extrazüge sauber zu halten. Sie realisieren zudem spezielle Programme für Kinder und Jugendliche oder für Anhänger, die bereits straffällig geworden sind und etwa ein Stadionverbot erhalten haben. «An gewisse gewaltbereite Fans kommt man leider kaum heran», sagt Leander Wüthrich. Sie nähmen Fanarbeiter als Vertreter des Staates und damit als Feindbild wahr.

Rechtliche Fragen beim Crowdworking

Ist jemand, der über Online-Plattformen wie Book a Tiger, Clickworker oder Uber an Arbeit gelangt, selbstständig 
tätig oder unselbstständig beschäftigt? «Crowdworker arbeiten oft in einem rechtlichen Graubereich», stellt Sandra Stierli fest. Die Absolventin legt in ihrer Bachelorarbeit dar, nach welchen Kriterien das aktuelle Recht qualifiziert. Entscheidend ist etwa, welche Art von Vertrag der Arbeitende und die Plattformbetreiber miteinander eingehen. Schliessen sie einen Arbeitsvertrag, liegt eine unselbstständige Tätigkeit vor. Einigen sie sich auf einen Werkvertrag oder Auftrag, begründen sie eine selbstständige Tätigkeit. Arbeitsrechtlich seien Crowdworker meist als Selbstständige einzustufen. Sie agieren selbstbestimmt und verpflichten sich nur bezüglich einer bestimmten Aufgabe, gewisse Bedingungen zu erfüllen. Die Folge: Sie pofitieren nicht von arbeitsrechtlichen Schutzbestimmungen wie Lohnfortzahlung bei Krankheit. Im Sozialversicherungsrecht ist der Arbeitnehmerbegriff weiter gefasst. Merkmale einer Selbstständigkeit sind etwa, dass jemand unternehmerisches Risiko trägt und seine Tätigkeit frei organisieren kann. Nach dem Status richtet sich die Höhe der 
Sozialversicherungsbeiträge. «Die Gewichtung der Kriterien kann im Einzelfall sehr unterschiedlich ausfallen.»Gerichte müssten weitere Klarheit schaffen. Crowdworking werde an Bedeutung zunehmen: «Man muss die Entwicklung genau verfolgen, um einen Handlungsbedarf

Palliative Care: Flyer gegen Vorurteile

Unter Palliativer Betreuung versteht man die ganzheitliche und umfassende Pflege von Menschen mit einer krankheitsbedingt begrenzten Lebenserwartung. Sie soll den Betroffenen bis zuletzt eine möglichst hohe Lebensqualität bieten und ihr Leiden lindern. Palliative Care kann aber auch Ängste wecken. Sie wird von einem Teil der Erkrankten als passive und minderwertige Therapieform wahrgenommen, die erst in der Phase des Sterbens zum Einsatz kommt. Sie wird von vielen mit Autonomieverlust und Perspektivenlosigkeit assoziiert. «Es bestehen viele Unsicherheiten und Vor­urteile», sagt die Absolventin Nina Schneider. Zusammen mit Sabine Rüegg hat sie untersucht, wie Krebspatientinnen und -patienten über Palliative Care denken. Laut sieben relevanten Studien überwiegen die negativen Wahrnehmungen. Betroffene und Angehörige, die von medizinischen Fachpersonen mit dem Thema konfrontiert werden, reagieren teilweise schockiert. Sie rechnen damit, dass der Tod unmittelbar bevorsteht, obwohl der Gedanke der palliativen Behandlung schon Monate oder Jahre vor dem Sterben aufkommen sollte. Palliative Care zuzulassen, bedeutet in ihren Augen, die Hoffnung aufzugeben. Deshalb kommt dem Pflegepersonal, das die Betroffenen eng betreue, eine wichtige Rolle zu. Es müsse Fragen klären und Ängste abbauen. Als Hilfsmittel im Spital­alltag haben die beiden Bachelor­absolventinnen einen Flyer erarbeitet, der fünf Vorurteile richtigstellen soll.