Wie Energiezukunft in der Öffentlichkeit entsteht

18. März 2020
1/2020

Die ZHAW hat die Muster des Sprachgebrauchs in der Schweiz zum energiepolitischen Wandel untersucht. Mit Unterstützung des Bundesamts für Energie ist eine einzigartige digitale Sammlung an Sprachdaten erstellt und analysiert worden.

Die Schweizer Energiepolitik und -versorgung sind im Umbruch. Angesichts der Unsicherheit über die künftigen Entwicklungen und des Wandels in Politik, Wirtschaft und Technologie steigt die Abhängigkeit der Akteure von Wissen, das in öffentlichen Diskursen geteilt wird. Deshalb haben sich ZHAW-Forschende der Frage gewidmet, wie solche Diskurse modelliert, wie sie analysiert und wie Ergebnisse für die Kommunikationspraxis nutzbar gemacht werden können. Damit hat die ZHAW in den letzten drei Jahren wissenschaftliche Grundlagen gelegt, mit denen Kommunikationsakteure ihre Aufgaben in der energiepolitischen Transformation künftig besser erfüllen können.

Unterschiedliche Muster in Landessprachen

«Erste Erkenntnisse zeigen, dass sich die Energiediskurse in den Schweizer Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch nicht nur voneinander unterscheiden, sondern auch wechselseitig beeinflussen», sagt ZHAW-Forscher Peter Stücheli-Herlach vom Departement Angewandte Linguistik. Die jeweiligen Diskurse orientieren sich durch die Verwendung von Ortsbezeichnungen deutlich an der jeweils eigenen Sprachregion und am jeweiligen Nachbarland Deutschland, Frankreich oder Italien.
Erneuerbare Energien spielen in deutschsprachigen Diskursen inzwischen eine fast gleich grosse Rolle wie nichterneuerbare. Die französische Schweiz braucht den Ausdruck «fossile Energien» hingegen häufiger als die Deutschschweiz. Allerdings nimmt die Bedeutung erneuerbarer Energien unter dem Einfluss deutschsprachiger Textproduktion zum Beispiel durch Übersetzungen auch in französisch- und italienischsprachigen Diskursen zu. Dies ist ein Indiz, dass sich diese schweizerischen Landessprachen gegenseitig beeinflussen. Insgesamt erhält die Wasserkraft gegenüber der Sonnen- und Windenergie in den Schweizer Energiediskursen ein grösseres Gewicht. Das kann als eine Schweizer Besonderheit in der europäischen Energiewende gelten.

Über eine Milliarde Wörter zu spezifischen Themen

Gefördert wurde das Projekt «Energiediskurse in der Schweiz» durch das Programm «Energie – Wirtschaft – Gesellschaft (EWG)» des Bundesamtes für Energie (BFE). Erstellt und untersucht wurde eine der grössten Textsammlungen ihrer Art, die insgesamt rund 1,2 Milliarden Wörter umfasst. Die auswertbaren Daten reichen bis ins Jahr 2010 zurück. Die Basis für das Korpus bilden frei zugängliche Textquellen im Internet: beispielsweise sämtliche Inhalte der Webseiten von Bundesbehörden, energiepolitisch aktiven Interessensverbänden und politischen Parteien sowie vieler Tages-, Wochen- und Fachmedien – dies jeweils in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache. Diese Daten wurden systematisch selektioniert und linguistisch annotiert und stehen Interessierten für künftige Projekte der energiepolitischen Umfeldanalyse zur Verfügung.

Grundlage für anschlussfähige Kommunikation

Diskurse entstehen aus Sicht der Angewandten Linguistik, wenn der Gebrauch von Sprachen bestimmte Muster – wie typische Themen, Begriffe oder Wortkombinationen – ausprägt, die sich bei verschiedenen Kommunikationsakteuren finden und sich über längere Zeit beobachten lassen. Dabei handelt es sich um die sprachliche Form des kollektiv geteilten Wissens, welches eine unabdingbare Voraussetzung für den demokratischen Dialog und für erfolgreiche Innovationen darstellt. «In öffentlichen Diskursen entwickelt sich ein ‘common ground’, auf den Akteure setzen müssen, wenn sie verstanden werden wollen», erläutert Peter Stücheli-Herlach. Das Projekt zeigt deshalb Wege auf, wie sich Akteure der energiepolitischen Transformation und anderer, verwandter Politikbereiche in den grossen Datenmengen öffentlicher Diskurse orientieren und für sie relevante Analysen durchführen können. Mit softwaregestützten Methoden ist es möglich, in grossen Datenmengen Muster des öffentlichen Sprachgebrauchs zu messen und dann systematisch zu interpretieren. Solche Erkenntnisse sind eine Grundlage für eine anschlussfähige und damit dialog- und zielgruppenorientierte Kommunikation in kontroversen Umfeldern der Demokratie und der interdisziplinären Innovation.