Wie Studierende geprüft werden

Wie die Lehre entwickeln sich Lernkontrollen laufend weiter. An der ZHAW werden innovative Methoden eingesetzt, um die Studierenden optimal auf ihren künftigen Berufsalltag vorzubereiten. 

An der ZHAW wird nach wie vor viel Fachwissen vermittelt. Daneben ist es aber wichtiger geworden, Kompetenzen zu schulen. Die Studierenden sollen dazu befähigt werden, vernetzt zu denken, und daraus ihre Handlungen ableiten. Der Wandel, der um die Jahrtausendwende eingesetzt hat, spiegelt sich in den Prüfungen wider. «Sie sind ein Abbild der Lernziele und der Unterrichtformen», sagt Stefan Jörissen, Lehrentwickler und Dozent am Departement Angewandte Linguistik. 

Realitätsnahe Settings

Viele Leistungsnachweise werden heute kompetenzorientiert ausgestaltet; berufsrelevante Fähigkeiten werden in einem möglichst realitätsnahen Setting getestet. So müssen Masterstudierende in der Vertiefung «Konferenzdolmetschen» im Rahmen ihrer Abschlussprüfungen beispielsweise eine Rede, die über Video eingespielt wird, simultan verdolmetschen. Angehende Hebammen müssen einer realitätsgetreuen Baby-Simulationspuppe eine Magensonde legen und künftige Pflegefachleute einem «Patienten» Blut abnehmen. Faktenwissen bilde dafür die Grundlage, sagt Cécile Ledergerber, Professorin am Departement Gesundheit. «Aber primär geht es um die Behandlung, Beratung und Pflege von Menschen, da steht das Verständnis komplexer Zusammenhänge klar im Vordergrund.» 
Die Entwicklung von der reinen Wissensabfrage hin zu kompetenzorientierten Prüfungen werde weiter voranschreiten. Darin sind sich mehrere der angefragten ZHAW-Vertreter einig.
Masterstudierende in der Vertiefung «Konferenzdolmetschen» müssen im Rahmen ihrer Abschlussprüfungen eine Rede, die über Video eingespielt wird, simultan verdolmetschen.
Das Spektrum der in den einzelnen Fachrichtungen angewandten Prüfungsformen ist breit. Es reicht von schriftlichen Arbeiten, Portfolios, Fallstudien und Simulationen über Referate sowie Präsentationen bis hin zu mündlichen Prüfungen. Dabei wird zunehmend auf digitale Methoden gesetzt. Grund dafür sei nicht in erster Linie der Effizienzgewinn, sagt Benjamin Eugster, Leiter des Projekts «E-Assessment: ZHAW-weite Rahmenbedingungen». Ziel sei es vielmehr, dass die Studierenden ihre digitalen Fähigkeiten erweiterten.

Nicht nur die Lernwege flexibilisieren

In welchem Tempo und Umfang digitale Lernkontrollen an Bedeutung zunehmen werden, hängt  nicht nur von technischen Entwicklungen ab, sondern auch von infrastrukturellen Bedingungen. So braucht es, um E-Assessments zufriedenstellend durchführen zu können, neben der geeigneten Hard- und Software auch geeignete Räumlichkeiten. Ab einer Teilnehmerzahl von 100 Studierenden gelangen einige Departemente diesbezüglich an ihre Grenzen. «Es ist auch denkbar, dass vermehrt orts- und zeitunabhängige Prüfungsleistungen erbracht werden», sagt Markus Kunz, Professor an der School of Engineering, «dass also auch die Lernkontrolle individualisiert wird.» 
Jörg Wendel von der School of Management and Law geht davon aus, dass innovative partizipative Lehr- und Lernformen zunehmen werden. Als Beispiel nennt er das im Studiengang Wirtschaftsrecht integrierte Modul «Law Clinic», in dem Studierende reale Beratungsarbeit leisten. «Es ist anzunehmen, dass fach- und somit durchaus auch departementübergreifende Module und deren Kompetenzen wichtiger werden.» 

Beim Digital Storytelling geht es darum, ein bestimmtes Thema in eine Geschichte zu packen.
Die Frage, wie Leistungsnachweise künftig aussehen sollten, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, müsse unbedingt mehr Gewicht erhalten, findet Daniela Lozza, E-Learning Verantwortliche am Departement Life Sciences und Facility Management. Es werde zwar viel über Personalisierung, Kompetenzorientierung und selbstständiges Lernen gesprochen. Es würden aber oft nur die Lernwege flexibilisiert, und Ende Semester werde standardisiertes Fachwissen geprüft. Daniela Lozza würde sich etwas mehr Offenheit gegenüber den Fähigkeiten der einzelnen Studierenden wünschen. Als interessantes Modell erwähnt sie die Personal Development Plans, mittels derer Massnahmen definiert werden, um sich in gewissen Bereichen zu verbessern. «Die Studierenden können aktiv an ihren Stärken und Schwächen arbeiten», sagt sie. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass die Leistungsnachweise aufeinander aufbauten und ein Feedback vorliege, bevor die nächste Lernkontrolle anstehe. «Nur so können Studierende ihr Lernen selbstständig und eigenverantwortlich steuern.»

Möglichst nah am Berufsalltag

Wie muss eine Hebamme reagieren, wenn die Herztöne eines Kindes während der Geburt stark abfallen? Wie geht sie am besten mit einer Frau um, die nach der Entbindung abrupt aufsteht und zu kollabieren droht? Mit solchen realitätsnahen Situationen werden künftige Hebammen nach dem dritten und nach dem sechsten Semester in einem Prüfungsparcours konfrontiert. 
An acht verschiedenen Stationen müssen sie nicht nur Fachwissen und technische Fertigkeiten unter Beweis stellen. Sie müssen zudem zeigen, dass sie vernetzt denken, klar kommunizieren und kompetent handeln können. Simulationspersonen und plastische Modelle sorgen dafür, dass sie die Aufgaben als möglichst praxisnah erleben. 

«Die Prüfung ist intensiv», sagt Claudia Putscher-Ulrich, Leiterin der Kompetenzgruppe Skills im Bachelorstudiengang Hebamme. Viele Studierende seien im Vorfeld entsprechend nervös. Anders als in einem theoretischen Test müssten sie eine Problemstellung sofort anpacken. «Sie können nicht einfach weiterblättern.» 
Der Ablauf ist streng getaktet. Die Studentinnen haben jeweils zwei Minuten Zeit, sich in die bevorstehende Aufgabe einzulesen. Für die Interaktion mit den werdenden Eltern oder dem Neugeborenen stehen ihnen danach sechs Minuten zur Verfügung. «Unter Druck konzentriert zu arbeiten, gehört zu unserem Beruf», sagt Claudia Putscher-Ulrich. Die Methode «Objective Structured Clinical Examination» (OSCE) sei zwar personal- und zeitintensiv. Sie eigne sich jedoch besonders gut, um praktische Kompetenzen zu testen. «Sie zeigt, ob jemand fähig ist, das theoretische und das praktische Wissen miteinander zu verknüpfen.» 
Die Prüfungsform wird bei den Hebammen seit 2010 angewandt, sie kommt aber auch in den Studiengängen Ergotherapie, Physiotherapie sowie Pflege zum Einsatz. In einem Fähigkeitstest zeigen angehende Pflegefachleute elf Wochen nach Studienbeginn beispielsweise eine Blutzuckermessung. In der Skills-Prüfung am Ende des ersten Semesters müssen sie dann verschiedene Injektionen durchführen, Vitalzeichen messen und Blut entnehmen. «Praktische und schriftliche Prüfungen ergänzen sich optimal, um die Leistungen der Studierenden im Hinblick auf den ersten Praxiseinsatz zu prüfen», sagt Sibylle Truninger, Dozentin am Institut für Pflege.

Didaktisch und administrativ ein Gewinn

Studierende arbeiten nicht nur zunehmend digital. Sie werden auch immer häufiger in E-Assessments getestet. «Digitale Prüfungen nehmen an der ZHAW zu», sagt Benjamin Eugster, Beauftragter Blended Learning. Noch befinde man sich allerdings weitgehend in der Pilotphase. Formative Leistungsnachweise, welche den individuellen Lernstand dokumentieren und nicht notenrelevant sind, werden in vielen Studiengängen bereits intensiv auf der Lernplattform Moodle durchgeführt. Bei bewerteten Prüfungen kommen E-Assessments erst vereinzelt und bislang nur in Klassen mit maximal 170 Studierenden zum Zug. «In der einen oder anderen Form werden digitale Prüfungen ohnehin Einzug in die Hochschullehre halten», ist Eugster überzeugt. «Denn sie ermöglichen es den Studierenden, so zu schreiben, wie sie es sich aus ihrem Alltag gewohnt sind und sie es auch in ihrer beruflichen Praxis tun werden.» Insbesondere in einem papierlosen Studium stelle ein handschriftlicher Leistungsnachweis einen Bruch dar.

Safe Exam Browser

Im Studiengang Facility Management, der im dritten Jahr papierlos organisiert ist, gehören E-Assessments bereits zum Alltag. Sie kommen in erster Linie auf der Bachelorstufe in Kursen mit über 70 Teilnehmenden zum Einsatz und dauern zwischen 20 und 60 Minuten. Die Studierenden bringen dazu ihre eigenen Geräte mit, auf denen sie den Safe Exam Browser installieren. Dieser sorgt dafür, dass sie nur einen eingeschränkten Internetzugang haben, nicht miteinander kommunizieren und nicht auf andere Programme zugreifen können. Über ein Passwort gelangen sie zur anstehenden Prüfung. Haben sie diese gelöst, müssen sie sich über ein weiteres Passwort abmelden. Erst dann können sie ihr Gerät wieder vollumfänglich nutzen. «Die Studierenden haben ausschliesslich zu den vorgesehenen Seiten Zugang», sagt Barbara Hinnen, die für die technische Vorbereitung und Durchführung verantwortlich ist. Solange keine weiteren Dokumente oder Programme einbezogen würden, sei diese Prüfungsform nicht betrugsanfälliger als herkömmliche Methoden. Dass nicht gespickt oder abgeschrieben wird, überwacht wie bis anhin eine Aufsicht. 

Besonders sichere Systeme für Informatiker gefragt

Im Studiengang Informatik waren die Erfahrungen mit einer ungetesteten Version des Safe Exam Browser, der von der ETH entwickelt und permanent verbessert wird, zunächst weniger positiv. In einem Pilotversuch mit rund 30 Studierenden hatten 25 Prozent der Notebooks unerwünschte Effekte gezeigt. Sie liessen sich zum Beispiel nicht mehr herunterfahren. «Die Fehlerbehebung war teilweise recht aufwendig», sagt Dozent Mark Cieliebak. Bislang habe man keine Lockdown-Software gefunden, welche den Anforderungen des Studiengangs gerecht werde. Die Hürden für Betrugsversuche müssten besonders hoch sein. «Angehende Informatiker sehen es als Herausforderung, ein Tool auseinanderzunehmen.» Im Rahmen einer Projektarbeit prüfen zwei Informatikstudierende den Safe Exam Browser nun in Zusammenarbeit mit der ETH auf Herz und Nieren.

Datenschutz ist wichtig

Flavio Di Giusto, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Innovative Didaktik, erwähnt zwei Voraussetzungen, die bei E-Assessments erfüllt sein müssen. Personendaten müssen geschützt und alle Teilnehmenden gleichbehandelt werden. Sorgen etwa technische Probleme für Verzögerungen, muss den Betroffenen die entsprechende Zeit gutgeschrieben werden. Am Departement Life Sciences und Facility Management in Wädenswil wird dies so gehandhabt. Sie habe für den Notfall stets einige Ersatzgeräte dabei, sagt Barbara Hinnen. «So können wir jederzeit umsteigen.» Zeitverluste werden sofort mittels einer Nutzeränderung gutgeschrieben. Damit die Studierenden im Vorfeld wissen, wie ein digitaler Test aussieht, hat sie einen Online-Kurs erarbeitet. In Coachings klärt sie darüber hinaus offene Fragen, was der Nervosität entgegenwirkt. «Die Studierenden müssen sich nicht davor fürchten, der Technik ausgeliefert zu sein».

Keine Handschriften entziffern

E-Assessments seien zu Beginn mit einem gewissen Mehraufwand verbunden, stellt Benjamin Eugster fest. Automatisierte Auswertungen vereinfachten jedoch die Korrektur; die gewonnene Zeit könne dafür genutzt werden, mehr offene Aufgaben zu stellen und mit individuellem Feedback zu bewerten. «Wir müssen keine Handschriften mehr entziffern», sagt Barbara Hinnen. Das Korrigieren sei insgesamt einfacher geworden. Arbeiteten mehrere Dozierende zusammen, könnten sie Lösungsvorlagen hinterlegen oder gleichzeitig unterschiedliche Aufgaben in derselben Prüfung korrigieren.

Bilder oder Videos für den Anwendungsbezug

Das Ziel sei neben der administrativen Vereinfachung ein didaktischer Mehrwert, betont Flavio Di Giusto von der School of Management an Law. Indem in E-Assessments Bilder, Videos sowie zusätzliche Unterlagen eingesetzt würden, erhöhe sich der Anwendungsbezug. Digitale Leistungsnachweise würden in interdisziplinären Teams erarbeitet, sagt Esther Forrer Kasteel, Leiterin Zentrum Lehre Soziale Arbeit. Dadurch nehme die Qualität der einzelnen Formate und Fragen tendenziell zu. «Eine erste Auswertung hat zudem ergeben, dass die Textqualität der Antworten auf offene Fragen sprachlich wie konzeptionell positiver ausfällt.»

Drei-Minuten-Geschichten

Die Handykamera eignet sich nicht nur für Schnappschüsse aller Art. Sie kann auch dazu genutzt werden, wissenschaftliche Inhalte in einem Video aufzubereiten. Beim Digital Storytelling geht es darum, ein bestimmtes Thema in eine Geschichte zu packen. «Digital Stories können klassische Leistungsnachweise ersetzen, wenn dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden», sagt Christine Brombach, Professorin am Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation. Die Methode, die aus der Film- und Kunstszene stammt, sei mit neuen Lernerfahrungen verbunden und schule nebenbei die digitalen Fähigkeiten. 
Die Dozentin hat sie bereits in zwei Kursen an der ZHAW und im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der Universität Wien angewandt. Gemeinsames Thema war die Verwendung von Convenience-Produkten in Privathaushalten. Die Studierenden mussten dazu dreiminütige Videos erstellen. Darin zeigen sie auf, in welchem Kontext sie ein für sie wichtiges Convenience-Produkt verwenden und mit welchem zeitlichen und finanziellen Aufwand es verbunden wäre, dieses selbst herzustellen. Einige demonstrieren ihre Erkenntnisse an konkretem Anschauungsmaterial, andere verwenden Zeichnungen oder einen Avatar. «Nicht künstlerische Aspekte, sondern die wissenschaftliche Auseinandersetzung steht dabei im Vordergrund», so Christine Brombach. Kreativität habe zwar Platz, alle Aussagen müssten jedoch wissenschaftlich untermauert sein. Digitale Arbeiten zu bewerten, sei genauso aufwendig wie herkömmliche, sagt sie weiter. «Man braucht ein klares Bewertungsraster, das man zuvor auch kommuniziert, und muss sich die Videos mehrfach anschauen.» 
Christine Brombach hat Digital Storytelling bislang eingesetzt, ohne die Ergebnisse zu benoten. Mit zwei Kolleginnen von der Technischen Universität Berlin und der Fachhochschule Albstadt-Sigmaringen ist sie derzeit daran, die Vor- und Nachteile dieser Methode zu evaluieren und eine Anleitung für den notenrelevanten Einsatz auszuarbeiten. Die Drei-Minuten-Filme der Studierenden könnten dereinst in den Social Media geteilt und damit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden.