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Aktive Filter: Kategorie: Dossier Kategorie: Main Topic Autor: Karin Meier Alle Filter entfernen
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Orientierung für Graubereiche

Wie weit darf eine Maskenpflicht gehen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen? Wie viele Menschen aus verschiedenen Haushalten sollen sich noch treffen dürfen? Sollen Besuche von Angehörigen in Pflegeheimen erlaubt sein? Die Frage, wie stark die persönliche Freiheit des Einzelnen eingeschränkt werden darf, beschäftigt Politikerinnen und Politiker, die CEOs von Spitälern und Pflegeheimen, Epidemiologinnen und Epidemiologen und andere Gesundheitsfachpersonen. Sie wägen ab, wann Empfehlungen ausreichen, wann Anreize gegeben werden sollen und wann Verbote mit Sanktionen eingesetzt werden müsse, wenn es darum geht, Menschen im Interesse der Gesundheit zu bestimmten Verhaltensweisen hin zu beeinflussen, . Um ethische Fragestellungen wie diese kümmern sich auch Fachpersonen der Gesundheitsförderung und Prävention. Bei der öffentlichen Hand wägen sie ab, mit welchen Regeln und Gesetzen eine Verhaltensänderung erreicht werden soll. Beispiele sind die Einschränkung des Tabakkonsums oder die Förderung des geschützten Geschlechtsverkehrs. Bei Krankenkassen prüfen die Fachpersonen, welche Anreize für einen gesunden Lebensstil möglich sind und ob bestimmte Verhaltensweisen sanktioniert werden dürfen. Angehörige kurativer Gesundheitsberufe – wie Hebammen, Physiotherapeutinnen und -therapeuten, Pflegefachpersonen oder Ergotherapeutinnen und -therapeuten – begegnen in ihrem Arbeitsalltag ähnlichen Herausforderungen. Mit welchen Mitteln darf etwa eine Pflegeperson einen dementen Patienten dazu bringen, seine wöchentliche Dusche zu akzeptieren? Wie kann man Eltern empfehlen, ihr Kind zu impfen, wenn sie Impfungen gegenüber kritisch sind? Wie reagiert eine Physiotherapeutin, deren Patientin sich ihr gegenüber rassistisch verhält? «Menschen in Gesundheitsberufen finden sich oft in Situationen wieder, in denen das richtige Vorgehen nicht klar auf der Hand liegt», sagt Karin Nordström, Co-Leitung BSc Gesundheitsförderung und Prävention am Institut für Gesundheitswissenschaften der ZHAW Gesundheit. Berufsethische Codes beziehungsweise Leitlinien oder Berufsverständnisse bieten eine Orientierungshilfe für Graubereiche wie diese. Sie werden von den Berufsverbänden der einzelnen Gesundheitsberufe erarbeitet und existieren etwa für Hebammen, Physio- und Ergotherapeutinnen und -therapeuten, Pflegefachpersonen sowie Gesundheitsförderinnen und -förderer. «Die Codes werden von den Berufsverbänden ausgearbeitet und regeln vier Bereiche: Dies ist erstens der Umgang mit den Patientinnen und Patienten beziehungsweise den Klientinnen und Klienten. Trotz Macht- und Wissensasymmetrie soll er auf Augenhöhe erfolgen und von Respekt geprägt sein», sagt Karin Nordström. Die Codes thematisieren ausserdem die Qualität der Arbeit, die Merkmale, welche eine Berufsgruppe definieren, samt Anforderungen an die Ausbildung sowie die Zusammenarbeit sowohl mit Menschen derselben Berufsgruppe als auch mit Angehörigen anderer Gesundheitsberufe. Ein weiterer Code wurde von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) ausgearbeitet. Diese «Charta 2.0 – Interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen» führt die Kriterien auf, anhand derer sich Fachpersonen verschiedener Gesundheitsberufe bei der Zusammenarbeit leiten lassen sollen. «Ein berufsethischer Code ist kein Kochrezept.» Karin Nordström, ZHAW, Gesundheit Um junge Berufsleute möglichst früh für die berufsethischen Codes zu sensibilisieren, sind diese Bestandteil der Ausbildung. Die ZHAW Gesundheit hat das Thema in all ihren Bachelorstudiengängen in den Lehrplan aufgenommen. Angehende Hebammen zum Beispiel befassen sich bereits im ersten Semester mit den Grundlagen zu Ethik. Sie werden mit ethischen Begriffen vertraut gemacht, diskutieren den Ethikcode ihres Berufsstandes und reflektieren ihr Berufsverständnis anhand konkreter Fälle. Weiter setzen sich alle Studierenden in multi- und interprofessionellen Modulen und studiengangübergreifend zusammengesetzten Gruppen unter anderem mit der «Charta 2.0 – Interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen» auseinander. Die Auseinandersetzung mit den berufsethischen Codes hilft Fachpersonen in Gesundheitsberufen, in schwierigen Situationen angemessene Entscheidungen zu treffen. Eindeutige Antworten auf ethische Dilemmata vermögen jedoch auch die Codes nicht zu geben. «Ein berufsethischer Code ist kein Kochrezept mit einer klaren Handlungsanleitung», sagt Karin Nordström: «Er dient vielmehr als Kompass, um sicherer durch die Graubereiche mit ihren vielen Nuancen zu navigieren.» Karin Meier

«Es ist besser, die Norm dem Kind anzupassen»

Michael Amacher arbeitet als Ergotherapeut im Zentrum für Kinder mit Sinnes- und Körperbeeinträchtigung (ZKSK) in Solothurn. Der Grossteil der Kinder, die in seine Therapiestunde kommen, haben motorische Defizite, Verhaltensauffälligkeiten, ADHS oder Entwicklungsstörungen. So verschieden die Diagnosen, so unterschiedlich sind auch die Therapiestunden. Und dennoch gebe es Gemeinsamkeiten, sagt Michael Amacher: «All diese Kinder haben Schwierigkeiten im täglichen Leben. Ich unterstütze sie bei dessen Bewältigung und befähige sie so zur aktiven Teilhabe in ihrem Alltag.» Dies tut er auf spielerische Weise und auf die Interessen des Kindes abgestimmt, damit sie mit möglichst viel Elan bei der Sache sind. Die meisten Therapieziele sehen vor, dass ein Kind selbstständiger agieren kann. Es soll sich etwa allein anziehen können oder fähig sein, in der Schule selbstständig und fokussiert eine Aufgabe zu lösen. Selbstständigkeit sei deshalb so wichtig, weil sie in unserer Gesellschaft als etwas Normales betrachtet werde. Michael Amacher erlebt «Normalität» jedoch auch als relative, zuweilen sogar verhandelbare Grösse. «Was im Umfeld eines Kindes als normal betrachtet wird, wird für das Kind zur Norm. Weil jedes Kind in einem anderen Umfeld aufwächst, erlebt auch jedes eine etwas andere Art von Normalität, mit der es zurechtkommen muss.» Wenn Michael Amacher jedoch merkt, dass ein Kind überfordert wird, versucht er zwischen dessen Bedürfnissen und den Ansprüchen von Lehrpersonen und Eltern zu vermitteln. «Es ist besser, die Norm dem Kind anzupassen als das Kind der Norm.» Seine eigenen Vorstellungen darüber, was normal ist, lässt Michael Amacher bei der Arbeit so gut als möglich aussen vor. «Bei der Therapie geht es nicht darum, jemandem meine Ansichten überzustülpen.» Seinen Beruf übt er denn auch mit einem hohen Mass an Reflexion aus. Nichtsdestotrotz sei es unmöglich, stets völlig wertneutral zu sein. Als Beispiel nennt er den Fall eines Zweitklässlers, der seine Schuhe nicht binden konnte und deshalb Modelle mit Klettverschlüssen trug. «Das Kind hatte kein Problem mit der Situation. Für mich war dies jedoch nicht der Norm entsprechend. Denn ich erinnerte mich daran, wie viel es mir in diesem Alter bedeutet hatte, meine Schuhe ohne Hilfe binden zu können.» Die Angelegenheit löste sich dann von selbst: Als das Kind mit Fussballspielen anfing und feststellte, dass Fussballschuhe Schnürsenkel haben, war es auf einmal erpicht, das Schuhebinden zu lernen. Weil er Menschen enger begleiten und seine Kreativität einbringen wollte, entschied sich Michael Amacher nach seinem Lehrabschluss als Augenoptiker für die Ergotherapie. Er absolvierte nebenberuflich die Soziale und Gesundheitliche Berufsmaturität sowie ein Vorpraktikum. Anschliessend studierte er Ergotherapie an der ZHAW Gesundheit, wo er 2017 mit dem Bachelor abschloss. 2018 begann er als Ergotherapeut im ZKSK. Daraufhin besuchte Michael Amacher diverse Weiterbildungen mit Schwerpunkt Pädiatrie. Seit Herbst 2020 ist er wieder bei der ZHAW Gesundheit immatrikuliert: Er absolviert den European Master of Science in Occupational Therapy. In der Ergotherapie hat Michael Amacher (31) seinen Traumberuf gefunden: «Ich finde es toll, dass ich im Leben meiner Klientinnen und Klienten etwas Positives bewirken kann. Die Kinder selbst, aber auch ihre Eltern und Lehrpersonen bringen mir deshalb viel Wertschätzung entgegen. Das motiviert zusätzlich.» Dank ihren zahlreichen Spezialisierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten habe die Ergotherapie auch als Beruf viel zu bieten. Nichtsdestotrotz seien Männer immer noch untervertreten. Seine Empfehlung an die Bildungsinstitutionen: «Männer sollten spezifischer angesprochen werden, indem man ihnen die Vielfalt des Berufs besser aufzeigt.» Karin Meier

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