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Die Enzymtrainerin

Mittags auf dem ZHAW-Campus Reidbach in Wädenswil: In den Bioreaktoren der Fachstelle Biokatalyse und Prozesstechnologie werden literweise oder in kleinem Massstab Escherichia-coli-Bakterien gerührt oder geschüttelt. Die Kolibakterien sind mit einem Bauplan für die gewünschten Enzyme versehen und sollen sich vermehren, um so grössere Mengen der Biokatalysatoren zu produzieren. In speziellen Verfahren werden die Enzyme später abgetrennt und sollen als Katalysatoren bei chemischen Prozessen eingesetzt werden. Während Rebecca Buller, Leiterin der Fachstelle, die Journalistin und Fotografen durch die Labore ihres Teams führt, erzählt sie von der jungen und aufstrebenden Disziplin Biokatalyse, die angetreten ist, chemische Prozesse noch wirkungsvoller und nachhaltiger zu machen: «In der westlichen Welt haben wir eine sehr hohe Lebensqualität erreicht.» Die Gesellschaft stehe jetzt aber vor neuen Herausforderungen: «Wie kann eine nachhaltige Nahrungsmittel- und Energieversorgung aussehen, welche Antworten gibt es auf nach wie vor offene Gesundheits- oder Umweltfragen? Hier will die Biokatalyse zu Lösungen beitragen.» Dabei setzt die Disziplin auf Enzyme, die Multitalente aus der Natur. Sie helfen, chemische Reaktionen zu beschleunigen, giftige Reagenzien und Lösungsmittel zu ersetzen und nicht zuletzt Reaktionen überhaupt erst zu ermöglichen, die ohne sie gar nicht erreichbar wären. Sie können durch Fermentation in grossen Mengen hergestellt werden, wirken sehr spezifisch, sind biologisch abbaubar und im Gegensatz zu Edelmetallen, die bisher häufig als Katalysatoren eingesetzt werden, nicht von grossen Preisschwankungen betroffen. «Vor allem die Geruchs- und Geschmacksstoffbranche, die Pharma- sowie die agrochemische Industrie haben die Stärken der Biokatalyse erkannt», betont die Professorin für Chemische und Biotechnologische Methoden, Systeme und Prozesse. «Enzyme optimieren ist wie Hochleistungssport.» Nach der Besichtigung der Labore führt sie die Besucher in ihr Büro. Anhand von Modellen auf ihrem Laptop erklärt sie, was die Biokatalyse genau macht: «Weil die wenigsten Enzyme so eingesetzt werden können, wie sie in der Natur vorkommen, werden sie durch die sogenannte gerichtete Evolution für industrielle Anwendungen optimiert.» Dank der rasanten Entwicklung in der Molekularbiologie, insbesondere im Bereich Gensequenzierung und -synthese, können Enzyme immer einfacher und preisgünstiger optimiert werden. Das führte in den vergangenen 20 Jahren zu einem Aufschwung der Disziplin. Im Jahr 2018 erhielt die US-Forscherin Frances Arnold den Chemie-Nobelpreis für Arbeiten zur gerichteten Evolution von Enzymen. Rebecca Buller vergleicht das Optimieren von Enzymen mit dem Profisport: «Im Hochleistungssport werden zuerst Talente gesucht, bevor sie dann durch Training zu Spitzenleistungen gebracht werden.» Auf der Suche nach einem industriell einsetzbaren Enzym identifizieren die Fachleute ebenfalls zuerst mögliche Kandidaten, die prinzipiell in der Lage sein müssen, das gewünschte Molekül herzustellen. «Dann folgt das Training, bei dem unsere Forscherinnen und Forscher das Enzym mittels der gerichteten Evolution zu Hochleistungen bringen.» Wie schwierig das Training ist, verdeutlicht sie an einem Rechenbeispiel: Enzyme bestehen aus 20 verschiedenen Aminosäuren, die wie Legobausteine aneinandergereiht sind. Diese Bausteinketten sind meist zwischen 200 und 400 Aminosäuren lang. Damit ein Enzym genau so arbeitet, wie die Forscherinnen und Forscher es möchten, müssen häufig einige Aminosäure-Bausteine ausgetauscht werden. Würde man nur zwei davon gleichzeitig ändern, wären 400 neue Varianten möglich, bei fünf gibt es bereits 3,2 Millionen Möglichkeiten. «All diese Kombinationen zu testen, wäre für einen Menschen schlicht unmöglich.» «Die Meisterschaft ist dann gewonnen, wenn ein optimiertes Enzym die Produktherstellung ermöglicht.» Deshalb setzt ihre Fachstelle auf Automatisierung und Künstliche Intelligenz. Computergestützte Modelle zur Vorhersage werden entwickelt. «Das System lernt dabei, wie sich bestimmte Aminosäure-Kombinationen auf die Enzymaktivität auswirken – und so unterstützt der Algorithmus uns bei der Suche nach der idealen Bausteinkombination.» Entscheidend ist dann noch eine erfolgsversprechende «Spiel-Strategie»: Bei welchen Temperaturen, welchem pH-Wert oder welcher Enzymmenge verläuft die gewünschte Reaktion bestmöglich? «Die Weltmeisterschaft haben wir dann gewonnen, wenn ein optimiertes Enzym die Herstellung des gewünschten Produkts erleichtert oder überhaupt erst ermöglicht.» Im «Trainingscamp» von Rebecca Buller befinden sich derzeit unter anderem Enzymkandidaten, die helfen sollen, Plastikabfall abzubauen. Im Jahr 2016 wurde ein solches Enzym in einer Bodenprobe einer japanischen Recyclinganlage entdeckt. «Es ist nicht gerade das schnellste Enzym der Welt», scherzt Rebecca Buller. Deshalb wollen sie und ihr Kooperationspartner, die ETH Zürich, dem Enzym durch Algorithmus-gestützte gerichtete Evolution auf die Sprünge helfen. Gefördert wird das Projekt im Rahmen des nationalen Forschungsschwerpunkts «Catalysis». Bei der Suche nach dem «Best-Talent» zur Herstellung von Wirkstoffen gegen antibiotikaresistente Keime, kooperiert ihre Fachstelle mit Fachleuten der Universität Bern im Rahmen des Sonderprogramms «Bridge» der Förderagentur Innosuisse des Bundes und des Schweizerischen Nationalfonds. «Multiresistente Bakterien verursachen heute viel Leid und hohe Kosten», erklärt Rebecca Buller, «deshalb wollen wir zur Entwicklung neuer Wirkstoffe beitragen.» Als Mutter zweier kleiner Kinder war sie selbst schon froh, wenn Antibiotika bei Infektionen halfen und das Fieber zurückging. Deshalb setzt sie sich dafür ein, dass es auch künftig selbstverständlich sein soll, bakteriell verursachte Infektionen mit Antibiotika bekämpfen zu können. Im Fokus dieser Arbeiten stehen Peptide – vielversprechende aus Aminosäuren aufgebaute organisch-chemische Verbindungen. Sie werden im Körper jedoch schnell als Fremdstoffe erkannt und abgebaut. Das Forschungskonsortium untersucht deshalb, ob und wie die Peptide mit Hilfe von enzymatischen Transformationen so stabilisiert werden können, dass neu Peptidwirkstoffe entstehen, die dann eine Wirksamkeit gegen resistente Bakterienstämme entfalten könnten. Die Faszination für die Chemie und die Enzyme führt Rebecca Buller, nicht nur auf ihre gute Chemielehrerin zurück: «Ich war schon als Kind sehr neugierig und mathematisch, naturwissenschaftlich interessiert.» Aufgewachsen in einer deutschen Kleinstadt in der Nähe von Münster, studierte sie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Chemie. «Mich fasziniert, wie diese Disziplin unser Leben so stark bestimmt, von der Ernährung und der Kleidung über Farben bis zur Speicherung von Energie und vielem mehr.» Während des Studiums wurde ihr klar: «Die Natur betreibt die bessere Chemie. Wir können einiges von ihr lernen.» «Die Natur macht die beste Chemie.» Spricht sie über Enzyme, gerät sie regelrecht ins Schwärmen: «Enzyme sind solch perfekte, kleine Maschinen.» Im Studium lernte sie moderne molekularbiologische Methoden kennen und begann, sich für die Arbeit mit massgeschneiderten Enzymen zu begeistern. Während ihres Studienjahrs an der University of California in Santa Barbara konnte sie zum ersten Mal intensiv in diesem wissenschaftlichen Feld experimentieren. Für ihre Doktorarbeit an der ETH Zürich widmete sie sich der gerichteten Evolution von Enzymen und konnte Ergebnisse ihrer Arbeit in der renommierten Wissenschaftszeitschrift «Nature» publizieren. «Später wollte ich nicht nur verstehen, wie Prozesse auf molekularer Ebene funktionieren, sondern auch, wie man dieses Wissen für Anwendungen in der Industrie nutzen kann», sagt die heutige Professorin. Sie nahm daher eine Stelle beim international tätigen Schweizer Aromen- und Duftstoff-Hersteller Firmenich an und leitete ein Labor in Genf. Im Eilzugtempo lernte sie Französisch: «Ich konnte nämlich zu Beginn kein Wort – aber im Labor müssen wir in jeder Hinsicht die gleiche Sprache sprechen», sagt Rebecca Buller, die heute mit ihrer Familie im Limmattal lebt. «Mich fasziniert, wie die Chemie unser Leben so stark bestimmt.» Nach vier Jahren in dem Westschweizer Unternehmen vermisste sie das akademische Umfeld und die Zusammenarbeit mit Studierenden. Eine Stellenausschreibung für den Aufbau eines Kompetenzzentrums Biokatalyse an der ZHAW weckte sofort ihr Interesse: «Ich mag es, mit interdisziplinären Teams zu arbeiten und etwas von Grund auf zu gestalten», sagt Rebecca Buller und ergänzt: «Mit den neuen Erkenntnissen, die wir in unserer Forschungsgruppe erzielen, können wir nicht nur die Grundlagenforschung voranbringen, sondern sie gleichzeitig auch in Zusammenarbeit mit verschiedenen Firmen testen.» Seit ihrem Wechsel an die ZHAW sind fünf Jahre vergangen. Sie hat inzwischen die Fachstelle Biokatalyse in der Schweiz zur wichtigsten Adresse in der angewandten Biokatalyse gemacht. Hatte sie zu Beginn eine Mitarbeiterin, arbeiten hier heute 15 wissenschaftliche Mitarbeitende, technische Angestellte und PhD-Studierende. Sie konnte bedeutende Forschungsprojekte akquirieren, gefördert von Innosuisse, dem Schweizerischem Nationalfonds und Industriepartnern. Wie ihre Enzyme wirkt auch die Professorin bisweilen wie ein Katalysator und bringt Menschen zusammen, die ohne ihr Zutun schwerer oder gar nicht zusammengefunden hätten. Das war so beim «Innovationsraum Biokatalyse», bei dem Rebecca Buller im Auftrag und mit zwei Millionen Fördermitteln des Bundes vor drei Jahren dieses Netzwerkprojekt startete. Dabei wurden nicht nur zahlreiche biokatalytische Forschungsvorhaben erfolgreich finanziert und Forschende vernetzt, sondern die Biokatalyse auch besser im Studium verankert. Nicht zuletzt gründete sie die Plattform Swiss Women in Chemistry (SWC) mit, ein Netzwerk für Chemikerinnen verschiedener Altersstufen und Tätigkeitsbereiche, welches auch Mentoring-Programme für junge Forscherinnen organisiert. Für die Natur begeistert sich Rebecca Buller nicht nur beruflich, sondern auch privat. Mit ihrer Familie verbringt sie ihre Freizeit gerne in den Schweizer Bergen. Und während sie erzählt, deutet sie aus ihrem Bürofenster, wo die Alpen an dem Tag zum Greifen nah erscheinen, während im Labor die Kolibakterien geschüttelt werden. Rahel Meister, Patricia Faller

Der Unternehmer, der keiner ist

Manchmal reicht eine einzige E-Mail aus, um das Leben auf den Kopf zu stellen. Im April 2018 hat Mathias Bonmarin so eine Nachricht in seinem Posteingang vorgefunden. «Es war wie ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk», erinnert sich der ZHAW-Dozent, der zu dem Zeitpunkt gerade mitten im Unterricht steckte. Kurz vor seinem 39. Geburtstag erreichte ihn die Zusage für ein Fulbright-Stipendium und damit der grösste Erfolg seiner bisherigen Forscherkarriere. Das Fulbright-Programm ist eines der prestigeträchtigsten Stipendienprogramme weltweit und fördert durch bilaterale Verträge und Vereinbarungen den akademischen Austausch mit den USA. Für Bonmarin war dies der Startschuss für turbulente Wochen und Monate, an deren Ende er sich samt Frau und Kind in Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio wiederfinden sollte. «Die Freude über die Zusage war natürlich riesig, auch wenn sie ein bisschen Stress verursacht hat. Im Januar war ich gerade erst Vater geworden. Im August sollte nun schon mein Gastaufenthalt in den USA beginnen – das waren viele Veränderungen in kurzer Zeit», so Bonmarin rückblickend. Dank des Fulbright-Stipendiums ist Mathias Bonmarin seit letztem Sommer für ein Jahr zu Gast an der University of Cincinnati. Ob er die Schweiz vermisst? «Eigentlich nicht so richtig», meint Bonmarin im Gespräch via Skype etwas verlegen. Er sieht sich als Kosmopolit. Der Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin fühlte sich nie mit nur einem Ort verbunden. Zwar in Bern geboren, wuchs er jedoch in Marseille auf und absolvierte dort schliesslich seinen Master in Biomedical Engineering. Ein Jahr davon verbrachte er in England. Es folgten ein zweites Masterstudium in Optics, Optoelectronics and Microwaves in Grenoble und ein Wirtschaftsstudium in Belgien, bevor es ihn 2006 für sein Doktorat wieder zurück in die Schweiz zog. Und nun also in die USA. «Ich fühle mich überall zuhause, sofern meine kleine Familie dabei ist und ich das tun kann, was ich gerne möchte», so Bonmarin. Was er möchte, ist forschen für die Medizintechnik. An der ZHAW hat er unter anderem die aktive Thermographie – ein bildgebendes Verfahren aus der Werkstoffprüfung – zur Untersuchung von Haut eingesetzt. Daraus entstanden ist ein Diagnosegerät für Dermatologen, das Hautpartien berührungsfrei mit einer Infrarotkamera untersucht und visualisiert. Auch zur Verbesserung der Krebstherapie mit Nanopartikeln hat Bonmarin beigetragen. Mit Kollegen der Uni Fribourg hat er eine Methode entwickelt, um Nanopartikel so präzise zu messen, dass sich diese optimal für das Abtöten von Tumorzellen herstellen und dosieren lassen. «Wenn wir reale Probleme lösen wollen, müssen wir auch die Erwartungen aus der Wirtschaft berücksichtigen.» Aus beiden Forschungsprojekten sind Start-up-Unternehmen entstanden, an denen der ZHAW-Forscher beteiligt ist. Neben dem Forscher Bonmarin gibt es somit auch den Unternehmer Bonmarin, der neben seinen zwei Mastertiteln in Ingenieursdisziplinen sein Masterstudium in Ökonomie mit summa cum laude abgeschlossen hat. «Ich habe wohl irgendwie beides im Blut: Mein Vater war Wissenschaftler an der Uni in Marseille und meine Mutter stammt aus einer Unternehmerfamilie», erklärt Bonmarin. Gleichzeitig betont er, dass ihm persönlich die Forschung wichtiger sei. «Ein guter Wissenschaftler sollte aber beide Welten kennen. Wenn wir reale Probleme lösen wollen, müssen wir auch die Erwartungen aus der Wirtschaft berücksichtigen.» Die Tage in Cincinnati beginnen früh für Bonmarin. Wegen der sechsstündigen Zeitverschiebung hat er nur morgens Gelegenheit, mit der Schweiz zu telefonieren und sich über ZHAW-Projekte auszutauschen. «Das habe ich wohl am meisten unterschätzt an diesem Auslandsaufenthalt: Man ist nicht einfach mal weg, sondern arbeitet quasi an zwei Orten gleichzeitig», sagt Bonmarin. Er sieht den Grund dafür auch bei sich selbst: «Ich will immer das Maximum aus meinen Möglichkeiten herausholen und bin ziemlich ehrgeizig – manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr.» Mit der Geburt seines Sohnes seien die Prioritäten aber etwas verschoben worden. Er habe mehr Ausgleich und Ablenkung durch die Familie. Die Start-ups seien in den Hintergrund gerückt. «Die Forschung empfinde ich nicht einfach nur als Arbeit – sie treibt mich an.» Die Forschung indes geniesse immer noch einen hohen Stellenwert. «Die Forschung empfinde ich nicht einfach nur als Arbeit – sie treibt mich an», so Bonmarin, und mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: «Ausserdem hält mich der Umgang mit den Studierenden jung.» So arbeitet er also früh morgens an einem EU-geförderten Forschungsprojekt der ZHAW im Bereich Thermographie, ehe er sich seinen Aufgaben vor Ort widmet – einem Ort, der unterschiedlicher kaum sein könnte. Rund 45'000 Studierende sind an der University of Cincinnati eingeschrieben. Der Campus verfügt über ein eigenes Busliniennetz. Im campuseigenen Football-Stadion feuern 40'000 Fans die UC Bearcats an. «Auf mich wirkt das alles enorm gross. Für hiesige Verhältnisse ist es aber eher ein kleiner und kompakter Campus», relativiert Bonmarin. Bei der Arbeit geht es für ihn auch hier um Medizintechnik. Er begleitet ein Forschungsprojekt im Bereich «Wearable Sensors», konkret sind es tragbare Sensoren für Hautmessungen. «Wir versuchen verschiedene Parameter der Haut zu messen, beispielsweise auch Schweiss, um so Informationen über die Hydration und den Stoffwechsel zu erfahren», so Bonmarin, der ausserdem auch Studierende im Medtech-Labor betreut. Aber warum Cincinnati? Warum nicht Harvard? «Hier in Cincinnati ist der Hauptsitz von Procter & Gamble – die arbeiten eng mit der Universität zusammen», erklärt Bonmarin. Der Unternehmer in ihm blitzt wieder auf. Für den Konsumgüter-Konzern arbeitet er als wissenschaftlicher Berater im Bereich «Skin Research». Kein Neuland für Bonmarin: An der ZHAW hatte er zusammen mit zwei Absolventen bereits vor zwei Jahren einen Hauttester entwickelt, um die Wirksamkeit von Hautcrèmes zu überprüfen – das dritte Start-up, an dem Bonmarin beteiligt ist. Wenn Mathias Bonmarin von seinem Leben in den USA erzählt, dann klingt es fast so, als wolle er gar nicht mehr zurückkommen. «Nein, ich komme ganz sicher zurück», versichert er. «Ich sehe meine Zukunft an der ZHAW. Ausserdem habe ich es meinen Eltern und Schwiegereltern versprechen müssen.» Mit im Gepäck wird er neue Ideen und Ziele haben. Die Arbeit in den USA sei inspirierend für ihn. «Hier lässt man die Studierenden das Labor organisieren. Das ist für sie ganz normal: Sie putzen, bestellen Material, tragen die Verantwortung für einen reibungslosen Betrieb – obwohl sie nicht als Assistenten angestellt sind», erklärt Bonmarin. Er ist sich bewusst, dass das an der ZHAW nicht genau so umsetzbar ist, findet den Ansatz zu mehr Eigenverantwortung aber prüfenswert. Ausserdem möchte er weiterhin neue Medtech-Innovationen vorantreiben: «In den USA verkauft sich die Forschung besser. Resultate werden offensiv gestreut – da sind wir in der Schweiz viel zurückhaltender, als wir es sein müssten.» Dennoch bevorzuge er die europäische Art des Zusammenarbeitens, wo man auch mal anecken dürfe. Und da fällt ihm ein, dass er die Schweiz vielleicht doch ein wenig vermisst. Matthias Kleefoot

«Die Pflege muss sich einmischen»

Auf dem kleinen Besprechungstisch im Büro der Chefin steht eine grosse, schöne Orchidee. Wer der Leiterin des ZHAW-Instituts für Pflege gegenübersitzt, erhält jedoch keine Botschaften durch die Blume. Katharina Fierz, 58, Pflegewissenschaftlerin mit Doktortitel, spricht Klartext: «Die Pflege muss sich einmischen», sagt sie. Ihr gefallen selbstbewusste Pflegevertreterinnen und -vertreter, die das gesellschaftliche Potenzial ihres Fachgebiets in die Öffentlichkeit und alle möglichen Gremien tragen. Auch sei die Pflege einer der spannendsten Berufe, die sie kenne, betont die Institutsleiterin: «Wer sich auf sie einlässt, wagt etwas und bekommt viel zurück.» Ihre Stelle in Winterthur übernahm Fierz im Frühling 2018. Sie wechselte von der Universität Basel, wo sie für das pflegewissenschaftliche Masterprogramm verantwortlich war. Auf die Frage, wie das erste Jahr nach dem Wechsel von der Uni an die Fachhochschule war, antwortet sie «streng» und lacht. Vorher habe sie sich vorwiegend um Inhalte gekümmert und Studierende betreut. Jetzt, mit der Führungsfunktion, seien vermehrt Strukturen, Organisationseinheiten und Verbindungen in ihr Blickfeld gerückt: «Meine neue Position macht es notwendig, dass ich diese kennenlernte, mit ihnen arbeite, kommuniziere, netzwerke.» Das sei so interessant wie anspruchsvoll. An der Führungsaufgabe reizt Katharina Fierz das Mitgestalten: der Pflege als Profession, des Instituts mit seinen 62 Mitarbeitenden und über 400 Studierenden, der ZHAW als Bildungsinstitution. Sie unterstützt und fördert gerne Menschen. Zusammenarbeit und Partnerschaftlichkeit sind ihr wichtig. Da habe sie seit ihrem Einstieg Akzente gesetzt, sagt sie: «Ich bilde mir meine Meinung nicht im stillen Kämmerlein, sondern in der Diskussion und Auseinandersetzung mit anderen.» Sie sei, als Vorgesetzte und Person, fassbar und zugänglich. Das werde geschätzt – jedenfalls erhalte sie entsprechendes Feedback. «Die Pflege braucht ihre eigene Forschungsbasis.» Dass Katharina Fierz ihr Berufsleben der Pflege widmen würde, stand nicht von Anfang an fest. Nach der Matura in Zürich studierte sie Anglistik, dann Biologie. Beides brach sie ab, das eine freiwillig, das andere unfreiwillig. «Ich bestand die Prüfung nicht», erinnert sie sich. Eine ungewohnte Erfahrung für die sonst stets Bestleistungen erzielende Schülerin und Studentin. Das Selbstbewusstsein war angeknackst. Als junge Frau wandte sie sich vorerst von der akademischen Welt ab. Sie absolvierte eine Ausbildung als diplomierte Pflegefachfrau und arbeitete zehn Jahre lang in der Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) in Zürich. In der Pflegepraxis tätig zu sein, erfüllte sie sehr. Doch als sie erfuhr, in Basel baue die Medizinische Fakultät den ersten Lehrstuhl für Pflegewissenschaft an einer Schweizer Universität auf, zog es sie zur Alma Mater zurück. Als das neue Institut 2000 den Betrieb aufnahm, gehörte Katharina Fierz zum ersten Jahrgang der Studierenden. Später promovierte sie. In ihrer Dissertation untersuchte sie, wie die Pflege HIV-Betroffene im Umgang mit Symptomen unterstützen kann, für die es zu jener Zeit noch keine unmittelbar lindernden Massnahmen gab. So machte eine bleischwere Müdigkeit vielen Patientinnen und Patienten zu schaffen. Mit Support der Pflege lernten sie, damit umzugehen, und gewannen so die Kontrolle über ihren Alltag zurück. Gute Pflege richte den Blick auf den ganzen Menschen, das Umfeld, den Alltag, den Umgang mit der Erkrankung, sagt Katharina Fierz. An dem Beispiel zeigt sich für sie das Wesen der Pflege und ihrer Erforschung: «Es geht nicht nur um ‹Cure›, also um Heilung, sondern ganz umfassend um ‹Care›.» Während der Zeit an der Universität Basel stiess sie auch erstmals auf ein Thema, über das sie später publizierte und ihre Antrittsvorlesung an der ZHAW hielt: wissenschaftliches Fehlverhalten. Damit ist unter anderem gemeint, dass Forschende Daten erfinden oder – ohne dies zu beschreiben – verändern. Dass sie fremde Gedanken als eigene ausgeben oder Textpassagen ohne Herkunftsangabe übernehmen. Schweizer Erhebungen dazu gibt es nicht, internationale erst wenige. Fierz hat sie alle studiert. Das Problem dürfte verbreiteter sein als angenommen, schliesst sie daraus. Und wie die Medizin sei auch die Pflegewissenschaft nicht gegen Fehlverhalten gefeit. «Die Pflege muss von Gesetzes wegen immer noch für jeden Pipifax eine ärztliche Verordnung einholen.» Katharina Fierz Meist stehe gar keine betrügerische Absicht dahinter, sondern ungenügendes Bewusstsein. Oder auch eine Kultur, in der gewisse Dinge nicht angesprochen werden dürfen. Dass die Grenze zwischen richtig und falsch vielfach fliessend sei, macht es auch nicht einfacher. Ihr Interesse an diesem speziellen, ja heiklen Gegenstand sei rein forschungsbedingt, stellt Fierz klar. Nie habe sie in ihrem Umfeld unlauteres Gebaren in verfälschender Absicht beobachtet. Es gehe aber um die Glaubwürdigkeit der Forschung, deshalb müssten schon Studierende dafür sensibilisiert und in korrektem Verhalten geschult werden. Seit Katharina Fierz ihr Pflegestudium begann, hat sich die Pflege als akademisches Fach in der Schweiz weiter etabliert. Davon zeugen auch die Master-Studiengänge an den Fachhochschulen. Richtig so, findet sie: «Die Pflege braucht ihre eigene Forschungsbasis.» Eines ihrer Ziele als Institutsleiterin ist es, die Rolle der «Advanced Practice Nurse» (APN) ausgestalten zu helfen. Qualifizierte Pflegeexpertinnen können an verschiedenen Orten im Gesundheitswesen verantwortungsvolle, wirtschaftlich tragbare Aufgaben übernehmen, stellt sie fest und beginnt einige aufzuzählen: Betreuung der zunehmend älteren, chronisch kranken Menschen in den Hausarztpraxen, Begleitung von Patienten vor, während und nach dem Spitalaufenthalt, Übernahme komplexer Aufgaben im Spital. Auch wenn bereits einige APN im Einsatz sind, fehlt es noch an wichtigen Voraussetzungen. Wieder wird Fierz deutlich: «Die Pflege muss von Gesetzes wegen immer noch für jeden Pipifax eine ärztliche Verordnung einholen.» Sie unterstützt die Pflegeinitiative, die das ändern möchte. Und sie ist optimistisch. Integrierte Gesundheitsversorgung, in der die Berufe auf Augenhöhe zusammenarbeiten, werde sich durchsetzen. An die Kraft zur Veränderung glaubte sie schon in jugendlichem Alter, als sie sich in der Stadt Zürich gegen Wohnspekulation engagierte. Heute wohnt sie mit ihrem Partner in einer Genossenschaftssiedlung am Stadtrand von Zürich. Der Limmatstadt hat sie nie den Rücken gekehrt. In Zürich ist sie verwurzelt, sie mag den See, die Urbanität. Als Ausgleich zum kopflastigen Berufsalltag geht sie wöchentlich ins Qigong und macht, schon seit 25 Jahren, orientalischen Tanz. Weil sich mit dem neuen Arbeitsort ihre Pendeldistanz verkürzt hat, gewinnt sie Zeit. «Ich überlege mir, mehr im Garten zu arbeiten», sagt sie, «das erdet mich.» Susanne Wenger

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