30- bis 39-Jährige in Zürich: In der «Rush Hour» des Lebens

19. Juni 2019
2/2019

Sie sind gut ausgebildet und stellen einen Fünftel der Bevölkerung Zürichs: Menschen zwischen 30 und 39 Jahren. Fast die Hälfte von ihnen hat kein Stimm- und Wahlrecht. Damit nimmt Zürich europaweit eine Sonderstellung ein. Forscherinnen der ZHAW haben untersucht, wie die Betroffenen mit dieser Situation umgehen.

Montserrat Mendez ist 37 Jahre alt, in Mexiko geboren und aufgewachsen. Sie hat in den USA und Genf gelebt, Finanzwesen und Banking studiert. Heute ist sie in Zürich zuhause und arbeitet als selbstständige Ernährungsberaterin. Sie ist eine typische Vertreterin der grössten Bevölkerungsgruppe der Stadt: Rund ein Fünftel oder 90'000 Bewohnerinnen und Bewohner Zürichs sind zwischen 30 und 39 Jahre alt, gut ausgebildet, die meisten arbeiten Vollzeit. Die Mehrheit von ihnen ist im Ausland geboren, und fast die Hälfte hat keinen Schweizer Pass. «Diese Altersgruppe bildet das wirtschaftliche Fundament der Stadt», erklärt Anna Schindler, Direktorin der Stadtentwicklung Zürich, die Bedeutung dieser Menschen. Um den verschiedenen Lebensrealitäten und Fragen dieser Gruppe auf den Grund zu gehen, hat die Stadt das Projekt «ZRH3039» lanciert; innerhalb dieses Projekts hat ein Forschungsteam des Departements Soziale Arbeit der ZHAW eine stadtethnografische Studie abgeschlossen. Schwerpunktthemen waren dabei Weichenstellungen in dieser Lebensphase und die Mehrfachbelastungen in Beruf und Familie, Lebensqualität, Identifikation, Zugehörigkeit und Teilhabe in der Stadt Zürich. Dazu hat das ZHAW-Forschungsteam 18 Menschen aus 9 Ländern und 7 Stadtkreisen befragt und Handlungsempfehlungen für die Stadt Zürich formuliert.

Kurze Wege, viele Möglichkeiten

Laut den Studienautorinnen zeichnen die Befragten «in vielen Aspekten ein sehr positives Bild der Stadt Zürich als ihres aktuellen Lebens- und Wohnorts». Sie schätzen Zürich als Stadt der kurzen Wege und bewegen sich mit Velos, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Mobility. Besonders positiv werten sie neben den Karriereangeboten die vielfältigen Freizeit- und Naherholungsmöglichkeiten sowie das grosse Angebot an Kultur, Partys und Gastronomie. Diesen positiven Aspekten stehen das hohe Preisniveau der Limmatstadt gegenüber, die angespannte Wohnraumsituation und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf. «Eine zeitgemässe, fortschrittliche Familien- und Vereinbarkeitspolitik ist dringend erwünscht», sagt Sonja Kubat, Ko-Autorin der Studie. Beispielhaft dafür ist die Aussage einer Frau mit drei Kindern: «Mein Mann und ich erleben den Alltag als stressiges Projektmanagement», sagt sie. «Das ist eigentlich ein zusätzlicher Job.» Zumal sich Kinderhort und Schule oder Kindergarten oft nicht am gleichen Ort befinden, wie eine «Leidensgenossin» sagt: «Es gibt zwar einen Hort ab 7 Uhr, aber der ist irgendwo. Also muss das Kind um 7 irgendwohin und um 8 Uhr wieder zurück in den Kindergarten.» Hinzu kommt für viele Expats, dass sie nicht auf familiäre Unterstützung bei der Kinderbetreuung zählen können. Generell ist festzuhalten: Diese Altersgruppe steht mitten in der «Rush Hour» des Lebens, in der vieles zusammenkommt – berufliche Laufbahn, Karriere und Familienplanung. «Ich glaube, das ist einfach die Zeit, wo man sich am meisten Fragen stellt», so eine 36-Jährige.

Wunsch nach politischer Mitbestimmung

Wenig flexible Betreuungszeiten, Stress im Alltag und teure Wohnungen gelten als Hauptursache für den Wegzug aus Zürich. Tatsächlich sind die Angehörigen der untersuchten Altersgruppe überdurchschnittlich mobil und deshalb schneller bereit, die Stadt wieder zu verlassen – erst recht, wenn sie keine Schweizer Staatsbürgerschaft haben. Viele von ihnen würden aber gerne auf der politischen Ebene mitbestimmen. So regen die Studienautorinnen denn auch an, Ausländerinnen und Ausländern auf Gemeinde- und Quartiersebene das Stimm- und Wahlrecht oder spezifische Mitwirkungsrechte einzuräumen. Ersterem erteilt Stadtenwicklerin Schindler eine klare Absage: «Das ist kein Thema», sagt sie. «Entsprechende Vorstösse wurden im Kanton und auch in der Stadt Zürich schon ein paar Mal abgelehnt.»

Stadtrandquartiere beleben

Bezahlbarer Wohnraum, mehr und vor allem preiswertere Betreuungsangebote, Förderung der (ökologischen) Mobilität: Diese durch die Studie belegten Wünsche sind kaum überraschend und die entsprechenden Handlungsempfehlungen bereits heute «integrierter Bestandteil städtischer Politik in Zürich», wie die Autorinnen festhalten. «Allerdings sollten auch neue Ansätze geprüft und bei ausgewählten Themen die Diskussionen gezielt vertieft und fortgeführt werden», sagt Sonja Kubat. So sollten insbesondere in Stadtrandquartieren – also dort, wo Familienwohnungen noch eher bezahlbar sind – «Treffpunkte geschaffen werden, welche die Kreativwirtschaft und einen Konsum unterstützen, die den neuen Altersgruppen gerecht werden und die Diversität fördern.» Zudem sollen der Austausch und das Netzwerk der Zuzügerinnen und Zuzüger auf Quartiersebene längerfristig gefördert werden.

Leihgrossmütter

Zum Thema Betreuungsangebote schlagen die Forscherinnen unter anderem vor, die Betreuungszeiten an Berufsanforderungen anzupassen, flexiblere Angebote bezüglich ungeplanter Einzeltage und die stundenweise Betreuung für Notfälle auszubauen. Zudem könnten Ersatzgrosseltern systematisch organisiert und deren Eignung überprüft werden. Für Anna Schindler ist klar, dass bei diesen Handlungsempfehlungen auch private Akteure angesprochen sind. «Es ist nicht Aufgabe der Stadt, Leihgrossmütter zu organisieren», erklärt die Stadtentwicklerin.

Digitale Stadt

Generell soll die gesamte Bevölkerung über anstehende politische Wahlen, Entscheidungen und Planungen informiert werden, vorzugsweise über eine App statt über eine Website. Wünschenswert wäre gemäss den Studienteilnehmenden, dass Informationen zu städtebaulichen Entwicklungen, Planungen und Diskussionen im Stadtraum breiter und häufiger publiziert werden. «Dafür braucht es neue Formate und Netzwerke zur Informationsvermittlung sowie Werkzeuge, um Partizipation zu testen», betont Kubat. Auch das entspricht den Vorstellungen der politisch Verantwortlichen, welche die «digitale Stadt» zum Strategieschwerpunkt erklärt haben.
Derweil geht das analoge Leben für Montserrat Mendez und ihre Altersgenossinnen weiter. Menschen, die woanders geboren sind, einen ausländischen Pass haben, aber in Zürich ihre Heimat gefunden haben: «Mein Mann und ich haben immer wieder evaluiert, ob wir hierbleiben oder weiterziehen möchten. In diesem Jahr haben wir entschieden: Hier ist unser Zuhause. Zürich ist unser Anker, Zürich ist unsere Stadt.»