An bestehendem Wissen andocken – ganz konkret

18. März 2020
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Physiotherapie-Dozent Stefan Jan beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Frage, wie er Studierenden beibringen kann, wie ein guter Physiotherapeut zu denken und zu handeln.

Im Unterricht von Stefan Jan wird zwar Grundlagenwissen vermittelt, doch im Zentrum steht das ganzheitliche Denken. Wer als Physiotherapeutin oder Physiotherapeut arbeiten will, braucht neben dem physiotherapeutischen Fachwissen fundierte Kenntnisse in Anatomie, Pathologie, Biomechanik oder Physiologie, doch erst wenn dieses Wissen mit unterschiedlichen Aspekten verknüpft wird, können Patientinnen und Patientenprobleme ganzheitlich analysiert und entsprechend behandelt werden.
Seit 25 Jahren beschäftigt sich Jan mit der Frage, wie eine gute Physiotherapeutin oder ein guter Physiotherapeut handeln udn behandeln muss und wie er Studierenden nicht nur Wissen, sondern auch die dahinterstehenden Denkprozesse vermitteln kann. Deshalb ging er in den 90er Jahren nach Australien, wo Physiotherapie schon damals ein akademischer Beruf war. Ein ganzes Team und jahrzehntelange Erfahrung aus Theorie und Praxis steht hinter dem Lehrkonzept der Module «Assessment und Intervention Muskuloskelettal», für welches Stefan Jan nun den ZHAW-Lehrpreis 2019 erhalten hat. Mit der Vergabe des Lehrpreises honoriert die Hochschule jedes Jahr besondere Lehrkonzepte. Rund 2000 Studierende hat er in seiner Zeit an der ZHAW unterrichtet.

Persönliche Erfahrungen sind die beste Motivation

«Theoretisches Wissen kann nur aufgenommen werden, wenn es an bestehendem Wissen andocken kann», erklärt Jan. Bestehendes Wissen beruhe meist auf persönlichen Erfahrungen und diese Erfahrungen bindet er in seinen Unterricht ein. Auf dem Unterrichtsplan steht beispielsweise die Brustwirbelsäule. Die Studierenden lernen sogenannte klinische Muster kennen, das sind archetypische Probleme, die in diesem Bereich auftreten können, wie eine blockierte Rippe. Jan zeigt auf, welche Charakteristika blockierte Rippen aufweisen oder wie sich die damit verbundenen Schmerzen äussern können. Um das klinische Muster besser zu veranschaulichen, bindet er nicht nur Erfahrungen aus der Praxis ein, sondern fragt auch die Studierenden nach ihren Erlebnissen. «Einer der häufigsten Gründe, Physiotherapie zu studieren ist die Freude an Bewegung und eigene Erfahrungen mit Verletzungen. Diese Motivation für den Beruf machen wir uns zunutze.» Denn intrinsische Motivation erleichtert das Lernen.
Nicht nur Theorie, der Unterricht erfolgt auch ganz praktisch in den Räumen der ZHAW.
Der Unterricht ist aufgebaut wie der physiotherapeutische Problemlösungsprozess, der auch in der Praxis angewendet wird: Nach der Erfassung des Ist-Zustands wird ein Soll-Zustand definiert und festgelegt, wie dieser erreicht werden soll. Die Aufgabenstellungen werden im Verlauf der Module fachlich immer komplexer. Je weiter fortgeschritten die Studierenden sind, desto vielschichtiger die Patientenbeispiele und klinischen Muster. Bereits Gelerntes wird mit neuem verbunden. Um ein Problem ganzheitlich zu erfassen, müssen die Studierenden somit immer mehr Aspekte berücksichtigen.

Jury und Studierende überzeugt

Damit die gelernten klinischen Muster nicht nur Theorie auf einer Powerpoint-Folie bleiben, erfolgt der Unterricht immer auch ganz praktisch in den Räumen der Hochschule. Hier können die Studierenden ganz konkret sehen und spüren, wie sich die Patientenbeispiele äussern würden. Mitten unter ihnen steht Stefan Jan, der auch gerne mal mit viel Humor auf eigene Verletzungen oder Haltungsprobleme hinweist.
Es sind die Studierenden, die Jan und sein Team für den Lehrpreis nominiert hatten. Die Begründung: «Er schafft es, uns das Wissen praxisorientiert, vernetzt und unglaublich spannend beizubringen. Immer ist ein passendes Patientenbeispiel aus seiner Erfahrung vorhanden, mit welchem wir den aktuellen Lehrstoff verbinden können.» Dieses Feedback freut Jan besonders: «Genau das war es, was wir mit unserem Konzept erreichen wollten.»