Der digitale Stresstest

1. Juli 2020
2/2020

Dozieren und Studieren in Zeiten der Corona-Pandemie: Innerhalb einer Woche stellte die ZHAW den Präsenzunterricht in Studium und Weiterbildung auf Online-Unterricht um. Wie das grosse Experiment gelungen ist und welche Folgen der Digitalisierungsschub hat, darüber berichten Dozierende und Studierende.


Wenn die Handykamera das Praktikum ersetzt

Jürg Buchli ist ein Machertyp. Nach der Ankündigung des Shutdowns schnappt er sich seine Handykamera und fängt direkt an, Erklärvideos für seine Studenten zu drehen. So möchte er ihnen verschiedene Pumpenarten näherbringen, die sie normalerweise während ihres Praktikums in Wädenswil kennenlernen würden. «Die Videos sind zwar etwas hemdsärmelig, aber ich habe sie ruckzuck an einem Vormittag abgedreht, solange ich noch in die Schule konnte», sagt Buchli lachend.
«Wer arbeitet und nebenbei noch eine Schule besucht, ist sicher froh, wenn er nicht vor Ort präsent sein muss.»
Er kam 2012 zur ZHAW. Zuvor war er jahrelang in der Industrie als Lebensmitteltechnologe tätig. In Wädenswil unterrichtet er als Dozent für Betriebstechnik. Normalerweise besteht sein Kurs aus zwei Elementen: Praktika und Frontalunterricht. Letzterer findet neu auf der Plattform Microsoft Teams statt. Allerdings in anderer Form. Auf besprochene Power-Point-Folien, die die Studierenden selber anhören müssen, verzichtet Buchli. «Die finde ich grausam. Einfach vor den Studenten zu quatschen, bringt nichts. Die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz. Deswegen muss sich alle 10 bis 15 Minuten etwas ändern.»

Alle Vorlesungen garantiert ohne Säulenplätze

Buchli unterrichtet neu mit seinen selbstgedrehten Filmen. In diesen zeigt er den Studenten, wie Zahnradpumpen, Drehkolben- oder Zentrifugalpumpen zusammengebaut sind. «Die Studenten können das einigermassen nachvollziehen, aber es ist natürlich nicht das Gleiche, wie wenn du die Pumpen vor Ort anfassen kannst.» Bevor er ihnen die Filme zeigt, lädt er die Literatur dazu auf seine Unterrichtsseite der E-Learning-Plattform Moodle, die ZHAW-Dozierende und Studierende nutzen, garniert mit dem lockeren Spruch: «Alle Vorlesungen garantiert ohne Säulenplätze!» Buchli macht das Beste aus der aktuellen Situation. MS Teams findet er beispielsweise ein sehr gutes System zur Vermittlung von Wissen. Der Anfang des Fernunterrichts sei ihm allerdings schwergefallen.

Im Viertelstundentakt habe ich jeweils gefragt: ‹Seid ihr noch da?›

«Die meisten Studenten haben ihre Kamera ausgeschaltet. Das war speziell, plötzlich niemanden mehr zu sehen. Im Viertelstundentakt habe ich jeweils gefragt: ‹Seid ihr noch da? ›» Interaktionen würden neu weniger stattfinden, Fragen kämen vielleicht mal noch per Chatnachricht rein. Buchli ist ein Freund des Präsenzunterrichts, sieht ihn sogar als grosse Stärke der ZHAW. «Fernkurse haben eine schlechte Abschlussrate. ‹Seid froh, habt ihr den Präsenzunterricht. Der ist das Geheimnis dieser Schule›, sage ich meinen Studenten immer.» Dennoch glaubt er, dass die aktuelle Unterrichtsform eine Zukunft hat. Man könne die digitalen Tools gut für die Weiterbildung einsetzen. «Wer arbeitet und nebenbei noch eine Schule besucht, ist sicher froh, wenn er nicht vor Ort präsent sein muss.»