Die Frau, bei der es «fägt»

3. Dezember 2019
4/2019

Die Psychologin Barbara Schmocker hat einen fadengraden Werdegang mit preisgekröntem Bachelor- und Masterabschluss. Beruflich beschäftigt sie sich dagegen vor allem mit brüchigen Lebensläufen.

spekteinflössende Begriffe gibt es in der Berner Stadtverwaltung: «Kompetenzzentrum Arbeit – KA» ist so 
einer, er steht auf dem Schild am Eingang des gesichtslosen Gebäudes in Bern-Wankdorf. «Ermittlung der Arbeitsmarktfähigkeit – EAF» ein anderer, er ist im Innern an Bürotüren zu lesen. Wer die Schwellen überschreitet, merkt bald: Hinter der bürokratischen Fassade verbirgt sich viel Herz und Verstand. Etwa in Gestalt von Barbara Schmocker, Absolventin ZHAW Angewandte Psychologie. Der Lieblingsausdruck der 32-jährigen Berner Oberländerin: «Es fägt.» Oder auf gut Deutsch: Es läuft rund.
Routiniert führt Barbara Schmocker durch die Gänge: Auf der einen, mit mausgrauem Spannteppich belegten Geschossseite - der «Teppichetage», wie sie lachend anmerkt - befinden sich nüchterne Büros und Sitzungszimmer, auf der anderen Seite sieht es aus wie im Werkunterricht: Es gibt eine komplett ausgerüstete Schreinerei, Arbeitsinseln mit Lötstationen, Nähmaschinen und Werkzeugkästen. Auf Tischen liegen, säuberlich geordnet, Holzspielzeuge, Scherenschnitte, Metallfiguren und Taschen aus gebrauchten Planen. Hier ist Vielseitigkeit angesagt: «Die Teilnehmer durchlaufen bei uns ganz unterschiedliche Settings», sagt Barbara Schmocker, «nur so können wir sie aus vielen Perspektiven erfassen und am Ende hoffentlich die Puzzleteile zusammensetzen.»
Barbara Schmocker testet als Psychologin beim Kompetenzzentrum Arbeit der Stadt Bern wie arbeitsmarktfähig schwierig zu vermittelnde Stellensuchende sind.

Im Auftrag des RAVs

Als fallführende Psychologin klärt sie im Auftrag des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums RAV bei Stellensuchenden ab, ob und wie diese im Arbeitsmarkt bestehen können: Wie teamfähig ist der Klient oder die Klientin, wie flexibel, wie kommuniziert er, wie geht sie mit Kritik um? «Ich habe genau einen Monat Zeit, um mir ein Bild von einer Person zu machen», sagt Barbara Schmocker, «eine teilweise anspruchsvolle Aufgabe.» In dieser Zeit führen die Teilnehmenden Gespräche, durchlaufen psychodiagnostische Tests, erledigen, von sogenannten Arbeitsagogen angeleitet, handwerkliche oder administrative Aufgaben und werden in Workshops beobachtet.
«Viele empfinden Standortbestimmung nicht als Chance, sondern als Muss.»
Sieben Klientinnen und Klienten betreut Schmocker. Da muss sie den Überblick behalten. Das KA begleitet an 12 Standorten jährlich insgesamt 2000 Stellensuchende, von rund 300 ermitteln Spezialistinnen und Spezialisten wie Schmocker die Arbeitsmarktfähigkeit.

Arbeitsmarktfähigkeit testen

Bei den meisten Teilnehmenden hält sich die Vorfreude in Grenzen. «Viele empfinden Standortbestimmung nicht als Chance, sondern als Muss», sagt Schmocker, etwa wenn sie als Eintrittsarbeit dreidimensionale Scherenschnitte fertigen müssen. Doch bevor Neues entstehen könne, müssten Widerstände überwunden werden. Durch die Arbeiten in der Werkstatt erhält sie mit den Arbeitsagogen Aufschluss über arbeitsrelevante Faktoren: Wie sehr kann sich jemand konzentrieren, wie sind Auffassungsgabe und Arbeitstempo, gibt es unentdeckte Begabungen, die neue berufliche Perspektiven eröffnen? «Unser Ziel ist es, Ressourcen zu erkennen und Stolpersteine zu benennen. Im besten Fall gehen die Teilnehmenden gestärkt aus dem Setting, was die Arbeitsmarktattraktivität erhöht.»
Die Klienten stellen einen Durchschnitt der Bevölkerung dar: Männer, Frauen, Akademiker, Hilfsarbeiter, im jungen Erwachsenenalter bis kurz vor der Pensionierung. Alle haben einen Leidensweg hinter sich wie etwa ein Mann, noch keine 30 Jahre alt, Ausbildung abgebrochen, Stelle verloren, psychiatrisch krankgeschrieben und aus psychosozialen Gründen unfähig, Vorstellungsgespräche zu absolvieren. Mehr als die einzelnen Schicksale beschäftigen Schmocker die vielen «Systembrüche und -grenzen»: Menschen, die von Institu­tion zu Institution und von Therapie zu Therapie weitergereicht werden, was vielleicht kurzfristig entlastet, aber kaum nachhaltig ist.

Viel Nützliches aus dem Studium

Den Rucksack für ihre Arbeit hat sie an der ZHAW gefüllt: «Ich greife regelmässig auf meine Studienunterlagen zurück und finde zu jedem Thema eine passende Antwort», sagt Schmocker, «das ist extrem wertvoll.» Neben Kompetenzen zur Gesprächsführung erwähnt sie speziell das Gespür für die Anwendung von diagnostischen Instrumenten, das sie am Departement Angewandte Psychologie der ZHAW erworben hat.
«Anstatt Drogenkonsum von Jugendlichen zu verteufeln», so Schmocker, «sollten vielmehr Vorkehrungen getroffen werden, damit der Konsum nicht exzessiv wird.»
Zur ZHAW gelangte Schmocker eher zufällig. Aufgewachsen in Spiez, tat sie sich als Organisatorin von Kinderlagern, Jugendtreffs und Aufgabenhilfen hervor. In der Administration des Bildungszentrums Interlaken absolvierte sie eine kaufmännische Lehre und im Anschluss die gesundheitlich-soziale Berufsmaturitätsschule. Sie besuchte dann eine Informationsveranstaltung am IAP Institut für Angewandte Psychologie – und war sofort «Feuer und Flamme». Sie stieg in eine Teilzeitklasse ein, was sie als «Glücksfall» bezeichnet. Bereichernd war unter anderem, dass viele der Kolleginnen und Kollegen das Studium auf dem zweiten Bildungsweg absolvierten und deswegen im Durchschnitt älter waren als in Vollzeitklassen: «Ich habe vieles über die Studieninhalte hinaus gelernt. Dank der vielfältigen Gruppe hatte ich Gelegenheit, alles aus verschiedenen Perspektiven anzuschauen.» Das Teilzeitstudium erlaubte ihr, ihre Teilzeitstelle in der Berner Bildungsverwaltung zu behalten, wo sie unter anderem die Projektleitung für die Einführung der Evento-Software innehatte.

Auszeichnungen für Abschlussarbeiten

Für die Bachelorarbeit in Arbeits- und Organisationspsychologie untersuchte Schmocker am Beispiel der Berner Erziehungsdirektion, wie ein transformationaler Führungsstil die Mitarbeiterbindung beeinflusst. Von der Beratungsfirma MPW in Zürich, die in Kooperation mit der ZHAW Bachelorarbeiten mit hohem Praxisbezug prämiert, wurde sie dafür ausgezeichnet. Die Freude am wissenschaftlichen Arbeiten war jetzt erst recht geweckt.

Drogenkonsum von Jugendlichen

Die Masterarbeit in klinischer Psychologie schrieb sie mit einer Studienkollegin, die älter war und das Fach auch auf dem zweiten Bildungsweg studierte. «Gerade die Tatsache, dass wir aus unterschiedlichen Richtungen kamen, war sehr wertvoll», so Schmocker, «wir ergänzten uns persönlich gut und hatten einen ähnlichen Arbeits- und Schreibstil.» Die Autorinnen untersuchten, welche Faktoren den Drogenkonsum von Jugendlichen beeinflussen. «Anstatt Drogenkonsum von Jugendlichen zu verteufeln», so Schmocker, «sollten vielmehr Vorkehrungen getroffen werden, damit der Konsum nicht exzessiv wird.» Kern der Arbeit sind Handlungsanleitungen im Umgang mit Jugendlichen. Die Masterarbeit wurde vom Schweizerischen Berufsverband für Angewandte Psychologie ausgezeichnet.

Einblicke ins Bildungssystem

Neben ihren akademischen Meriten hat Barbara Schmocker an zahlreichen beruflichen Stationen Einblicke ins Bildungssystem gewonnen: Während der Master­arbeit etwa arbeitete sie in den RAV Interlaken und Bern, wo sie sich als IIZ-Beraterin ins Thema Sozialversicherungen einarbeitete; IIZ steht für Interinstitutionelle Zusammenarbeit von RAV, IV, Sozialhilfe und Berufsberatungs- und Informationszentren. Von ihrer jetzigen Arbeit, die sie seit Mai 2018 innehat, zeigt sie sich begeistert: «Es fägt menschlich und fachlich.»
In ihrem Büro steht ein Flipchart, wo sie akribisch alle Faktoren notiert hat, die zur Arbeitsmarktfähigkeit beitragen. Neben dem üblichen Mobiliar fällt eine kleine Muschel­girlande auf, die am Türrahmen baumelt: Erinnerungen an eine Reise nach Sri Lanka. Schmocker hat das Land während mehrerer Wochen alleine bereist. Beruflich und privat sei sie immer schon stark in soziale Kontakte eingebunden gewesen, sagt sie, ganz Psychologin: «Zu merken, dass ich, egal ob alleine oder zu zweit, immer eine Lösung finde, gab mir Sicherheit.»