Die Rückkehr der Stadt in die Natur

23. März 2021
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Städte sollen zu Orten werden, wo klimaverträglich und naturnah gewohnt, gearbeitet und gelebt werden kann. So will es das 2020 aktualisierte Landschaftskonzept des Bundes. Für die Realisierung sind interdisziplinär denkende Fachleute gesucht.

Fragt man Leute in der Stadt, in welcher Umgebung sie sich wohlfühlen, so wird selten der harte, steinerne Platz genannt. «Es ist meist das Grün, die Natur – ein Park beispielsweise – wo sich der Mensch gerne aufhält», sagt die Landschaftsarchitektin Anke Domschky: «Darüber wird im Städtebau oft hinweggesehen– dabei ist dies ganz wichtig.»
In der Diskussion um eine qualitativ hochwertige Stadtentwicklung ist die Biodiversität mit ihren Ökosystemen denn auch ein wichtiger Aspekt geworden. «Mit dem Klimawandel braucht man jetzt mehr Natur in der Stadt», umschreibt dies Domschky. Sie ist Dozentin für Landschaftsarchitektur und Urban Studies sowie Co-Leiterin des neuen CAS Stadtraum Landschaft am ZHAW-Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen.

Grün, verdichtet und qualitätsorientiert

Das sind auch die Bestrebungen des Bundes: Im Zeichen des Landschaftsschutzes sollen Städte «qualitätsorientiert verdichtet» und dabei Grünräume gesichert werden –  heisst es im Landschaftskonzept Schweiz, das im Jahr 2020 aktualisiert wurde. Bäume, Wälder, Gewässer, unversiegelte Böden, begrünte Fassaden und Dächer, freilebende Tiere: So soll ein angenehmes Klima in der Stadt herrschen und der Mensch sich erholen, bewegen und Natur erleben können.
Die Umsetzung dieses Konzeptes ist nicht einfach. Die Ansprüche an eine Stadt sind unterschiedlich und oft entgegengesetzt. Die Bevölkerung wächst und wird weiter zunehmen. Wohnen, Arbeit, Energie, Verkehr und Mobilität, Freizeit, Erholung oder Kultur – alle Bedürfnisse verlangen ihren Platz in der Stadt. Hinzu kommt: «Die nicht bebaute Fläche, Boden und Vegetation, hatten bisher keinen ökonomischen Wert», führt Domschky aus. Wohl aber einen ökologischen: Will man eine hundertjährige Buche ersetzen, so müsste man hundert zehnjährige Buchen dafür pflanzen, um die gleiche Leistung im Ökosystem zu erzeugen. «Es reicht nicht, statt der Buche drei kleine Bäumchen zu pflanzen.»

Gefragt ist Bestellerkompetenz

Für eine qualitativ hochwertige Entwicklung in Einklang mit der Natur müssen Expertinnen und Experten deshalb eine Stadtlandschaft lesen und interpretieren können: «Es gilt, die Charakteristika herauszuschälen», sagt Domschky. Daraus lassen sich dann die gewünschten Qualitäten formulieren – in einem Diskussionsprozess der unterschiedlichen Akteure. Interdisziplinäres Denken sei sehr wichtig, und es brauche Bestellerkompetenz: die Fachleute bei den Gemeinden müssen wissen, was sie innerhalb der rechtlichen Rahmenbedingungen bei Bauvorhaben von der Bauherrschaft fordern können. Solche Fachleute fehlten, sagt Domschky.

Annäherungen an die perfekte Stadtlandschaft

Doch wie sieht sie nun aus, die ideale, qualitativ hochwertige städtische Landschaft? Sicher seien es nicht Überbauungen mit einer simplen, einfach zu mähenden Rasenfläche zwischen den Gebäuden, so Domschky. Als positives Beispiel nennt die Landschaftsarchitektin ältere Genossenschaftsüberbauungen, welche mit ihrem oft grosszügigen Grünraum mit altem Baumbestand punkten – doch sie sind nicht sehr verdichtet gebaut. Sehr gut gelungen sei die neue Genossenschaft Entlisberg in Zürich Wollishofen mit dichter Begrünung und verdichteter Bauweise. «Doch die perfekte Stadtlandschaft gibt es nicht – aber mit dem Willen für ein nachhaltigeres Zusammenspiel von Stadt und Natur kann schon viel erreicht werden», sagt Domschky.