Ein Praktikum zwischen Gewalt und Geburt

24. September 2019
3/2019

Winterthur-Buenaventura: die 23-jährige Vera Probst hat ihr Praktikum als Hebamme in einer der gefährlichsten Städte Kolumbiens gemacht.

Für die eigene Sicherheit gab es keine Garantie in Buenaventura. Die Atmosphäre war angespannt, immer wieder hörte ich von Schiessereien zwischen bewaffneten Gruppen. Die südkolumbianische Hafenstadt gilt als die gefährlichste Stadt Kolumbiens. Die Menschen, mehrheitlich Afrokolumbianer, leben in grosser Armut und inmitten ständiger Konflikte. Sie sind sehr herzlich, doch in ihrer Welt ist es besser, anderen Menschen nicht zu sehr zu vertrauen.

Verbindungen zum Hebammenverband

Ich musste in den zehn Wochen hier lernen, mich auf mich selbst zu verlassen. In Kolumbien war ich bereits vor zwei Jahren, im Rahmen des Einblickspraktikums während meines Bachelorstudiums als Hebamme. Damals hatte ich die Gründerin des Hebammenverbandes der Pazifikregion kennengelernt, welche mich bei meinem letzten Abschlusspraktikum von April bis Juni dieses Jahres unterstützt und begleitet hat.

Traditionelles Wissen

Hebammen sind in Kolumbien nicht in das Gesundheitssystem eingebunden wie in der Schweiz. Im Spital kümmern sich Arzt und Pflegefachperson um Gebärende. Auf dem Land aber arbeiten traditionelle Hebammen ohne medizinische Ausbildung. Im Verband sind sie vernetzt, und ich habe bei Treffen und Projekten mitgewirkt und auch vorgetragen, wie die Geburtshilfe in der Schweiz funktioniert. Viele dieser Hebammen sind Analphabetinnen, sie geben ihr traditionelles Wissen mündlich weiter. Dieses Wissen wollte ich kennenlernen, denn ich denke, dass hier in der Schweiz viel von diesen Traditionen verloren gegangen ist.
In Kolumbien hat die Studentin Vera Probst (l.) von den einheimischen Hebammen viel traditionelles Wissen erfahren.
Die Hebammen begleiten die Frauen während der ganzen Schwangerschaft und sind auch Vertraute, Beraterin und Mediatorinnen. Ihre uralten traditionellen Praktiken umfassen den Einsatz von lokalen Heilpflanzen wie Oregano, Brennnessel oder Gewürznelken, Massagetechniken und Rituale. Sie verstehen den Körper einer Schwangeren anders, ganzheitlicher. Die richtige Ernährung spielt eine grosse Rolle, und es wird viel mehr über Berührung untersucht, über Abtasten, Reiben und Massieren, und so kann auch die Lage des Ungeborenen verändert und für die Geburt vorbereitet werden. Während wir hier mit dem Konzept «Anspannung–Entspannung» arbeiten, denken sie in den Kategorien «Wärme–Kälte». Sie verabreichen beispielsweise am Ende der Schwangerschaft und nach der Geburt Heilpflanzen, die innerlich wärmen sollen. Oder am 40. Tag nach der Geburt feiern sie ein Abschlussritual zur äusserlichen und innerlichen Schliessung des Körpers: Dabei werden mit einem Tuch einzelne Körperteile der Frau sanft umwickelt und für einige Minuten gehalten.

Entschleunigen

Hier in Buenaventura sind die Menschen auch zufrieden mit dem, was der Tag bringt, etwa Gespräche mit Bekannten. Als Schweizerin bin ich es gewohnt, den Tag aktiv zu gestalten, um am Abend Erfolge vorweisen zu können. Ich musste mich quasi entschleunigen, mein in der Schweiz erworbenes Wissen hinten anstellen und lernen, ihre Lebens- und Arbeitsweise zu verstehen und zu akzeptieren. Sonst hätte die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Ich habe viel gelernt, als Hebamme wie als Mensch.