Eine Hebamme für die ganze Familie

19. März 2019
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Nicht immer herrscht eitel Sonnenschein, wenn ein Kind geboren wird: Manche Familien sind mit dem Neuankömmling überfordert. In dieser Situation leisten Hebammen wertvolle Unterstützung. Diese wird allerdings kaum adäquat honoriert, wie eine ZHAW-Studie zeigt.

Aller Anfang ist schwer – das gilt auch manchmal für ein neues Leben. Zwar ist die Geburt eines Kindes meistens ein freudiger Anlass, aber oft erschweren äussere Umstände den Start ins Leben: Komplikationen bei der Geburt, traumatische (Flucht-)Erfahrungen, psychische Erkrankungen, schwierige soziale und ökonomische Verhältnisse werfen ihre Schatten. Frei praktizierende Hebammen sind in solchen Situationen besonders gefragt, da sie rund 80 Prozent der jungen Familien nach der Entlassung aus dem Spital betreuen. Zwei Studien der ZHAW zeigen auf, welchen Nutzen betroffene Familien, aber auch Spitäler aus der Arbeit der Hebammen ziehen. Dazu wurden rund 400 frei praktizierende Hebammen befragt, Interviews mit Gesundheitsfachpersonen und Nutzerinnen durchgeführt sowie Daten des Hebammennetzwerks Familystart ausgewertet. Familystart Zürich hat sich zum Ziel gesetzt, im Kanton Zürich für Wöchnerinnen und Neugeborene eine optimale Nachbetreuung durch Hebammen zu gewährleisten, und vermittelt pro Jahr über 3000 Frauen an frei praktizierende Hebammen.
Die beiden Studien zeigen, dass Hebammen zunehmend mit sozialer und wirtschaftlicher Not konfrontiert sind . Hier herrscht Handlungsbedarf. «Es ist wichtig, dass nicht nur medizinische, sondern auch soziale Risiken frühzeitig erkannt werden», sagt ZHAW-Studienleiterin Jessica Pehlke-Milde . Denn: «Je früher die Unterstützung erfolgt, desto besser sind die Chancen auf eine ungestörte Entwicklung der Kinder.» Beispiele für eine solche Unterstützung sind Haushaltshilfen, Dolmetscherdienste, die auch kulturell vermitteln, aber auch psychologische Betreuung oder finanzielle Entlastungsangebote.

Arbeit stösst auf positives Echo

Bei der Auswertung der Daten von Familystart Zürich wurde deutlich, dass der grösste Teil der vermittelten Frauen ausländische Staatsangehörige (68 %) waren, rund ein Viertel von ihnen keine Berufsausbildung hatten und überdurchschnittlich oft durch schwere Geburten (Kaiserschnitte) oder Armut belastet waren. «Die betroffenen Frauen schätzen die Unterstützung bei der Hebammensuche und fühlen sich durch die Betreuung entlastet», sagt Susanne Grylka , Studienleiterin der Evaluation von Familystart Zürich. Die dem Netzwerk angeschlossenen Hebammen wiederum können dank der Koordinationsarbeit des Vereins ihre Arbeitszeit effizienter planen und Wegzeiten verkürzen, indem sie wohnortsnah Frauen betreuen. Auch die Spitäler beurteilen die Vermittlungsarbeit vom Hebammennetzwerk sehr positiv: Der Organisationsaufwand für das Pflegepersonal hat sich dadurch um bis zu 85 Prozent reduziert, was zu Zeitersparnis, mehr Zufriedenheit und weniger Stress führt.

Positives Echo

Dieses durchwegs positive Echo wird hingegen ökonomisch kaum gewürdigt. Für die Hebammen ist die Versorgung der Familien mit einem hohen zeitlichen Aufwand verbunden: Sie stehen praktisch rund um die Uhr für Notfalleinsätze und Beratung zur Verfügung. «Der Mehraufwand beispielsweise durch die Organisation eines Dolmetscherdienstes ist durch die pauschal vergüteten Hausbesuche nicht abgedeckt», erklärt Jessica Pehlke-Milde. «Andere Berufsgruppen in der Frühen Förderung werden im Stundenansatz bezahlt. Auch Hebammen sollten für den Zusatzaufwand entschädigt werden.»

Mehr Weiterbildung, bessere Vernetzung

Damit Hebammen sozial benachteiligte Familien kompetent betreuen und unterstützen können, sollten sie sich zudem im psychosozialen Bereich aus- und weiterbilden können – so die Empfehlung der Studienautorinnen. Zudem sei eine verstärkte Vernetzung mit Spitälern und weiteren Institutionen wünschenswert, damit das Potenzial der Hebammen optimal genutzt werden kann und Familien in schwierigen Situationen noch besser versorgt werden können – mit der Betonung auf «noch besser». Denn schon heute gilt: Hebammen sind in ihrem Job sehr engagiert. Eines kam in der Untersuchung nämlich auch deutlich zum Ausdruck: Die befragten Hebammen nehmen die Herausforderung in komplexen Betreuungssituationen an und sind gerne in ihrem Beruf tätig.