Forschung zeigt den Weg aus der Krise: Interview mit Rektor Jean-Marc Piveteau

1. Juli 2020
2/2020

Über die Qualität des Unterrichts, den Digitalisierungsschub und wie die ZHAW hilft, gestärkt aus der Corona-Krise zu kommen, spricht Jean-Marc Piveteau, Rektor der ZHAW im Interview.

Wie geht es Ihnen in diesen ausserordentlichen Zeiten?

Jean-Marc Piveteau: Jean-Marc Piveteau: Sehr gut. Es sind nicht nur herausfordernde, sondern auch spannende Zeiten. Wie alle ZHAW-Angehörigen arbeite ich weitgehend im Home-Office und kenne mich mittlerweile in mehreren Videokonferenz-Tools aus. Auch ich habe einen Digitalisierungsschub erfahren.

Seit dem 8. Juni ist wieder Präsenz­unterricht erlaubt. Herrscht 
Courant normal an der ZHAW?

Nein. Bis Ende Juli wird es an der ZHAW keinen Präsenzunterricht geben und es gilt auch «Home-Office first». Erst ab dem Herbstsemester wird in Studium und Weiterbildung Präsenzunterricht stattfinden, ergänzt durch Elemente des Online-Studiums.

Bisher plante man in anderen Zeitdimensionen. Die Initiative ZHAW digital ist auf fünf Jahre ausgerichtet. Jetzt musste der gesamte Unterricht in einer Woche online gehen ... 

Das ist hervorragend gelungen in extremem Tempo, mit enormem Engagement und dank grosser Solidarität aller Beteiligten.

Ist die ZHAW mit ihrer digitalen Transformation bereits am Ziel?

Nein. Aber wir wissen jetzt besser, worüber wir reden, weil wir alle bei diesem Digitalisierungsschub live dabei waren. Wir kennen jetzt die Chancen und Grenzen beider Vermittlungsformen besser und wollen künftig die positiven Seiten gezielter kombinieren. ZHAW digital fördert die Entwicklung zukunftsgerichteter Formate. Der Unterricht wird künftig ein anderer sein als vor und während der Krise. Dies gilt auch für die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten werden. Es entsteht eine andere Arbeitskultur, davon bin ich überzeugt. Die Corona-Krise ist aber nicht nur eine didaktisch-technische Herausforderung, sondern auch eine emotionale.

Wie hilft die Hochschule ihren Studierenden?

Während der Krise haben wir die 
Studierenden mit unseren diversen Beratungsangeboten unterstützt – insbesondere mit der psychologischen Beratungsstelle. Studierende, die in finanzielle Nöte geraten sind, weil sie vielleicht ihren Job verloren haben – viele jobben ja in der Gastronomie, in sozialen Einrichtungen oder in Unternehmen, um das Studium zu finanzieren –, können ein zinsloses Darlehen von maximal 15'000 Franken beantragen.
«Es ist uns ganz wichtig, dass es keine Abstriche bei der Qualität des Unterrichts und keine Verzögerungen gibt.»

Diverse Studien zeigen, dass Abgänger, die in Rezessionen ihre erste Stelle suchen, gegenüber anderen Jahrgängen noch Jahre später benachteiligt sind bezüglich Lohn oder Aufstiegschancen.

Wie sich die Krise auswirken wird, ist offen. Es ist uns aber ganz wichtig, dass wir die Absolventinnen und Absolventen in dieser ausserordentlichen Situation gut auf ihre Abschlüsse vorbereiten, dass es keine Abstriche bei der Qualität des Unterrichts und keine Verzögerungen gibt. Sie sollen die gleichen Chancen haben wie frühere Jahrgänge.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die anderen Bereiche der ZHAW wie die Weiterbildung oder die Forschung? Gibt es Einnahmeausfälle?

Es ist noch zu früh für eine Zwischenbilanz. Die Forschenden haben aber, wo immer möglich, Projekte aus dem Home-Office fortgeführt. Oder sie haben neue Projekte mit Bezug zur Pandemie und zur Krise lanciert. Sie verhelfen also zu einem Informationsgewinn in dieser Phase mit so vielen Unbekannten, sei es bei der Suche nach Impf- und Wirkstoffen sowie mit Studien zur Situation der Bevölkerung oder von KMU. Viele dieser Studien bilden eine Basis dafür, die Krise verstehen und fundierte Entscheidungen treffen zu können.

Es werden Stimmen laut, die bei der Bildung sparen wollen angesichts der hohen Staatsverschuldung. Zahlen die Hochschulen die Rechnung für die Krise?

Es ist nicht an mir, zu sagen, wie man ein Sparpaket gestalten soll. Ich betone aber, dass die Bedürfnisse nach gut ausgebildeten Menschen und nach Forschung nicht weniger wurden. Gerade nach diesem Digitalisierungsschub, wie wir ihn erfahren haben, braucht es Fachkräfte, die mit der Situation und den Folgen umgehen und Zukunft gestalten können. Und es braucht Forschung, um gestärkt aus der Krise zu ­kommen.