Fortschritt bringt nicht nur allein die Technik

22. Juni 2021
2/2021

Bei der Innovationsförderung steht oft technologisches Wissen im Vordergrund. Doch auch Forschung in Bereichen wie der Sozialen Arbeit, Psychologie und Gesundheit bringt neuartige Lösungen für die Gesellschaft, wie erfolgreich geförderte Projekte der ZHAW zeigen.

Intelligente Leggings, die Menschen mit einer Gehbehinderung unterstützen: Das ist die Idee des Exoskeletts «XoSoft». Ein länderübergreifendes Forscherteam, in dem die ZHAW vertreten war, entwickelte den Prototyp. Ein Hightech-Gerät, klar, das schon – doch Technik muss in der Gesellschaft ankommen. An der Entstehung tüftelten nicht nur Ingenieure mit, sondern auch Forschende aus dem Departement Gesundheit: die Forschungsstelle Physiotherapiewissenschaften. Deren Leiter Markus Wirz sagt: «Uns war es wichtig, die Perspektive der Nutzer einzubringen.» Ihnen müsse das Gerät am Schluss passen. Wirz denkt dabei auch an die wachsende Zahl älterer Menschen. Gefördert wurde das Projekt im EU-Forschungsprogramm Horizon 2020, die ZHAW-Partner erhielten rund 800'000 Franken.
Vom Schweizerischen Nationalfonds mit rund 500'000 Franken finanziert wird das bisher grösste Forschungsprojekt des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie am Departement Soziale Arbeit. Es untersucht die Geschichte der Adoptionen innerhalb der Schweiz. «Wir wollen herausfinden, wie Adoptionen begründet und umgesetzt wurden – und wie sie sich auf die Biografien der Betroffenen auswirkten», sagt Institutsleiter Thomas Gabriel. Mit an Bord ist die Vereinigung Pflege- und Adoptivkinder Schweiz. Gabriels Institut forscht schon länger zum Thema. Im Auftrag des Bundes beleuchteten die Forschenden jüngst die Adoptionen von Kindern aus Sri Lanka durch Schweizer Paare. Sie konnten belegen, dass die Behörden illegale Praktiken bis hin zum Kinderhandel tolerierten. Der Bundesrat sprach daraufhin gegenüber den Adoptierten sein Bedauern aus. Aus den Fehlern wolle man lernen.

Aus dem Schatten getreten

Das Forschungsflaggschiff der Fachgruppe Medienpsychologie am Psychologischen Institut der ZHAW ist die alle zwei Jahre erscheinende JAMES-Studie. Sie untersucht repräsentativ, wie Schweizer Jugendliche mit Medien umgehen. Das Projekt ist privatwirtschaftlich durch die Swisscom finanziert. Das Unternehmen entrichte «einen namhaften Betrag», sagt Gregor Waller, Co-Leiter der Forschungsgruppe. Die Zusammenarbeit sei von gegenseitigem Vertrauen geprägt, die Unabhängigkeit der Forschenden gewährleistet. Die Ergebnisse fliessen unter anderem in die Prävention, etwa zum Schutz der Jugendlichen vor sexueller Belästigung im Netz.
Junge und Medien, Adoptionen, ein Hilfsmittel für Gehbehinderte: Das sind nicht nur drei offensichtlich überzeugende Ideen, um anwendungsorientiertes Wissen hervorzubringen. Es sind auch drei Beispiele erfolgreicher Akquise von Fördermitteln in Bereichen, in denen dies als Herausforderung gilt. Denn die Gesundheitsberufe sind als junge akademische Fächer erst noch dabei, sich in der Forschungslandschaft zu positionieren. Und die Sozial- und Geisteswissenschaften stehen bei der Verteilung der Fördergelder oft im Schatten technologischer Disziplinen.

«Gesellschaftliches Interesse»

Dass es Forschenden von Fachhochschulen aus nichttechnologischen Bereichen dennoch gelingt, beträchtliche Fördermittel einzuwerben, «zeugt von der hohen Qualität ihrer Forschung», sagt Carole Probst Schilter von der Abteilung Hochschulentwicklung an der ZHAW. Jene Forschenden liessen sich von den Hürden nicht beirren. In absoluten Zahlen verbuchen zwar auch an der ZHAW Ingenieurwissenschaften und Life Sciences am meisten Drittmittel. Das hat laut Probst aber auch damit zu tun, dass technische Forschung wegen der Apparaturen und Labors teurer ist als sozialwissenschaftliche. Umgerechnet auf Vollzeitstellen, sei das Bild ausgeglichener.
Ob man das gut findet oder nicht: Am meisten Chancen auf Förderung hat, wer sich bei einem Thema bereits profiliert habe, stellt Psychologe Waller fest. Je relevanter und aktueller das Thema, desto besser, wie bei der Mediennutzung von Jugendlichen: «Das beschäftigt Eltern und Lehrpersonen.» Auch die soziale Arbeit gelange vor allem dann an Drittmittel, wenn ein gesellschaftliches oder politisches Interesse am Thema bestehe, weiss Sozialwissenschaftler Gabriel: «Es braucht ein Gespür für solche Bewegungen.» Die ZHAW mit ihrer «Nähe zu sozialen Dynamiken im urbanen Raum Zürich» habe da einen Standortvorteil.

Förderthema soziale Innovation

Die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Forschung mögen weniger greifbar sein als eine bahnbrechende Technologie oder ein neues Produkt. Doch sie können die Gesellschaft voranbringen, davon sind die ZHAW-Forschenden überzeugt. «Innovation ist auch ökologisch und sozial zu verstehen», unterstreicht Thomas Gabriel. Zudem habe jede technologische Entwicklung eine gesellschaftliche Dimension, fügt Gregor Waller an.
Die private Gebert Rüf Stiftung war es, die der Innovationsforschung aus sogenannt soften Disziplinen von Fachhochschulen früh den Weg ebnete. Sie lancierte eigens dafür das mehrjährige Förderprogramm BREF (»Brückenschlag mit Erfolg»). Der Grossteil der Fördersumme von insgesamt über neun Millionen Franken floss in die Fachbereiche Soziale Arbeit, Gesundheit, Kultur und Ökonomie.
Der stellvertretende Stiftungsdirektor Marco Vencato zieht eine positive Bilanz: «Dank ihres starken Bezugs zur Praxis konnten die Fachhochschul-Projekte einer Vielzahl von sozialen Innovationen zum Durchbruch verhelfen.» BREF ist abgeschlossen, doch soziale Innovation konnte laut Vencato als Förderthema etabliert werden. Heute definieren auch die grossen staatlichen Förderagenturen Nationalfonds und Innosuisse den Innovationsbegriff etwas breiter. Beispielhaft ist für Vencato ein ZHAW-Forschungsprojekt zur beruflichen Integration psychisch belasteter Jugendlicher. Nach der Anstossfinanzierung durch die Gebert Rüf Stiftung wird das Projekt der Psychologin Agnes von Wyl jetzt von Innosuisse mit einem doppelt so hohen Betrag gefördert.

Mehrwert «herunterbrechen»

Forschende, die den gesellschaftlichen Mehrwert ihres Vorhabens nicht nur behaupten, sondern «herunterbrechen und belegen» können, haben aus Sicht des Stiftungsvertreters die besten Karten bei den Evaluatoren. Was das betrifft, hat Physiotherapiewissenschaftler Markus Wirz keine Berührungsängste. Unter dem Eindruck steigender Gesundheitskosten sei es angezeigt, das Potenzial der Physiotherapie vermehrt zu erforschen. In der Gesundheitsversorgung der Schweiz seien in der Vergangenheit Operationen und Medikamente stark beachtet und gefördert worden. «Der Wirkstoff der Physiotherapie ist die körperliche Aktivität», sagt der ZHAW-Forscher, «er ist günstig und effektiv.»