Interkulturalität: Lernen ohne Grenzen

22. September 2020
3/2020

Zertifizierte internationale Erfahrungen und interkulturelle Kompetenzen erhöhen die Chancen auf Stellen beim Traumarbeitgeber. Die ZHAW will die internationalen Profile von Studierenden schärfen.

Drei Kontinente, vier Sprachen und unterschiedliche Zeitzonen: Im Kurs Corporate Social Responsibility, Sustainable Development Goals (CSR-SDG-Food) erfahren 25 ZHAW-Studierende gerade, wie es ist, in globalen Teams virtuell zusammenzuarbeiten. Mit Kommilitonen aus den USA, Japan und Holland erörtern sie, wie nachhaltig Lebensmittel bekannter Marken sind und welche Verbesserungen möglich wären. Sie müssen sich in hochschulgemischten Teams organisieren, gemeinsam Aufgaben lösen, Konflikte aus dem Weg räumen und Leistungsnachweise erbringen.

Das Web als neutraler Raum für interkulturelle Begegnungen

«Die Wertschöpfungsketten sind weltweit verflochten», sagt Daniel von Felten, Koordinator für internationale Beziehungen am ZHAW-Institut für Facility Management (IFM). Veränderungen könne man nur anstossen, wenn man mit allen Beteiligten kollaboriere. Dabei helfe es, sich der kulturellen Unterschiede bewusst zu sein. «Wir agieren aus unserem gewohnten sozio-kulturellen Kontext heraus», sagt er. In einem Collaborative Online International Learning (COIL) lerne man, verschiedene «Realitäten» wahrzunehmen und damit umzugehen.
«Man trifft auf andere Verhaltensweisen», sagt Daniela Lozza, Verantwortliche Digital Education am Departement Life Sciences und Facility Management. Dabei sei man, anders als während eines Auslandaufenthalts, nicht ganz von der fremden Kultur umgeben. Man begegne sich online in einem neutraleren Raum, der durch die Interaktion zwischen den Kulturen gestaltet werde. Die Teams müssten sich auf Regeln verständigen und würden einen Lernprozess durchlaufen. «Die Studierenden müssen sich in ihr Gegenüber hineinversetzen, aber auch ihr eigenes Verhalten reflektieren.»
«Ich möchte lernen, wie ich geschäftlich und privat besser mit anderen Kulturen umgehen kann.»
— Velia Roth
Neben ihren fachlichen, interpersonellen und sprachlichen Kenntnissen erweitern COIL-Teilnehmende ihr digitales Wissen. Sie lernen technische Tools kennen und produktiv einzusetzen. «Gerade in der aktuellen Corona-Situation sehen wir, wie wichtig virtuelles Kollaborieren ist», sagt von Felten.
«Ich möchte lernen, wie ich 
privat und geschäftlich besser mit unterschiedlichen Kulturen umgehen kann», sagt Velia Roth, die in Wädenswil Facility Management studiert. Die Bachelorstudentin hat bereits zwei COILs absolviert. Mit Studierenden aus Mexiko hat sie überlegt, wie man ein Produkt im jeweils anderen Land erfolgreich bewirbt. Mit Studierenden aus China hat sie Fragen zur Interkulturalität diskutiert. Nun beteiligt sie sich am aktuellen Projekt mit Japan, den USA und Holland. «Die Zeitdifferenz ist eine der grössten Herausforderungen», sagt sie. Ihre Erfahrungen aus den ersten beiden Kursen sind positiv. Sie hat nicht nur andere Wertevorstellungen und Traditionen kennengelernt, sondern auch festgestellt, «dass es immer einen Weg gibt, zusammenzuarbeiten.» Entscheidend sei, dass man sich austausche. Wisse man, wie der andere vorgehe, könne man sich darauf einstellen. «Ich habe schon viel für die globale Zusammenarbeit gelernt.»


Nicht nur Studierende profitieren

Die Dozierenden profitieren ebenfalls. Sie legen das Thema, die Sprache sowie die Didaktik gemeinsam fest und sind bereits während der Planung mit länderspezifischen Eigenheiten konfrontiert. «Ich lerne mit jedem neuen Partner dazu», sagt Daniel von Felten, der die Unterrichtsmethode 2017 an seinem Institut lanciert hat. Als Beispiel erwähnt er, dass Lehrpersonen in den USA zahlreiche Regulatorien zu beachten haben, welche sich auf den Unterricht auswirken. Sie dürfen ihre Studierenden etwa nicht zu einem gemeinsamen Online-Meeting aufbieten. Für das aktuelle, weltumspannende Projekt fand der COIL-Pionier erstmals Verbündete an einem anderen Departement. Das Departement Soziale Arbeit konnte fünf Teilnehmende dazu einladen. «Wir möchten die interkulturellen Kompetenzen unserer Studierenden stärken», sagt Anne Schillig, Zentrum für Bildung, Entwicklung und Services. Sozialarbeitende seien in einem internationalen, heterogenen Umfeld tätig. Ein COIL gebe ihnen Gelegenheit, von zu Hause aus interkulturelle Erfahrungen zu sammeln. Dies komme gerade jenen entgegen, die wegen familiärer Verpflichtungen oder aus anderen Gründen nicht so mobil seien. «Im Lockdown haben wir gesehen, dass nicht jede Reise nötig ist.» Damit Absolventinnen und Absolventen das Erlernte potenziellen Arbeitgebern gegenüber ausweisen können, führt das Departement Soziale Arbeit im Herbst das Certificate International Profile (CIP) ein. «Sie sollen sich damit von anderen Bewerbern abheben können», sagt Schillig.
«Wir haben im Vorjahr gemeinsame ZHAW-Standards für internationale Profile erarbeitet.»
— Vera Narodnitzkaia
Das CIP ist eine Zusatzqualifikation, die das Studium nicht verlängert. «Die ZHAW misst der interkulturellen Bildung einen hohen Stellenwert bei», sagt Vera Narodnitzkaia, Leiterin ZHAW-Stabsstelle Internationales. «Wir haben im Januar 2019 gemeinsame Standards für internationale Profile erarbeitet». Die Hochschule gibt Mindestanforderungen vor. Dazu zählen unter anderem der Nachweis einer Fremdsprache auf Niveau C 1, ein Auslandaufenthalt von mindestens acht Wochen oder 
6 ECTS-Punkte und eine Reflexionsarbeit zum interkulturellen Lernprozess. Die einzelnen Departemente definieren zusätzlich fachspezifische Aktivitäten und Leistungen. Einige bereiten ihre Studierenden mit dem Modul «Intercultural Competence for Outgoing Students (ICOS)» auf einen Auslandaufenthalt vor (siehe Box).
Das CIP wird bisher von der School of Engineering und dem 
Departement Gesundheit angeboten. «Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten heute in internationalen Teams und sind weltweit vernetzt», sagt Wolfgang Kickmaier, Leiter International Relations der School of Engineering. Viele Unternehmen setzten internationale Erfahrungen und interkulturelle Kompetenzen voraus. «Mit dem CIP haben Studierende grössere Chancen, eine Stelle bei ihrem Wunscharbeitgeber zu finden.» Pro Jahrgang nehmen jeweils 20 bis 40 Prozent der Studierenden teil.

Verschiedene Nationalitäten 
unter Kolleginnen und Patienten

Auch Stella Krepp, Leiterin Internationale Beziehungen am Departement Gesundheit, betont die zunehmende Interkulturalität. «Unsere Absolventinnen und Absolventen arbeiten in Berufsfeldern, die stark international geprägt sind.» In der Pflege haben 30 Prozent aller 
Arbeitskräfte einen anderen kulturellen Hintergrund; unter den 
Patienten sind ebenso zahlreiche Nationalitäten vertreten. «Wer interkulturelle Fähigkeiten erwirbt, soll diese nachweisen können», 
findet Krepp. COILs sind eine Möglichkeit, solche zu erwerben. Die ZHAW geht diesbezüglich voran. Seit Juni ist sie als erste Schweizer Hochschule Mitglied des SUNY COIL Networks, der ausserhalb der EU weltweit grössten Organisation in diesem Bereich. Die Koordinatoren, 
Daniel von Felten, Daniela 
Lozza und Anne Schillig, sind sich einig: «Die Unterrichtsmethode hat grosses Potenzial.»

Interkulturelle Kompetenz für das Studium im Ausland

Für ihr Certificate International Profile (CIP) erbringen ZHAW-Studierende auch Leistungen im Bereich interkulturelle Kompetenz, zum Beispiel im neuen Modul Intercultural Competence for Outgoing Students (ICOS). Dieses richtet sich an alle Studierenden, die ein Auslandsemester oder -praktikum planen.
An der Modul-Entwicklung haben verschiedene ZHAW-Departemente und das Ressort Internationales mitgewirkt. «Wir nutzen diese Interdisziplinarität auch im Unterricht als Ressource. Die Studierenden bereiten ihren Aufenthalt fachübergreifend vor und nach, sie werden von Dozierenden verschiedener Departemente unterrichtet und gecoacht», erzählt Dozentin Miryam Eser Davolio vom Departement Soziale Arbeit.
Sie hat die Entwicklung des Moduls geleitet, dessen Pilotdurchgang im Frühlingssemester 2021 mit Studierenden aus Gesundheit, Angewandter Linguistik, Sozialer Arbeit und voraussichtlich Angewandter Psychologie startet. «Wir erarbeiten mit den Studierenden gezielt interkulturelle Fähigkeiten und internationales Know-how und trainieren ihre interkulturelle Sensitivität unabhängig von der Fachrichtung», so Eser Davolio. Zudem schulten die Studierenden ihre Reflexionskompetenz und setzten sich während des Aufenthalts bewusst mit Erfahrungen und Herausforderungen im neuen Kontext auseinander.
Nach dem Auslandsaufenthalt reflektieren sie diese Erfahrungen und ihren Zuwachs an Kompetenzen, um diese für ihre berufliche Zukunft gezielt nutzen und weiterentwickeln zu können.