Massgeschneidert: Hochschulbildung on the Job

22. September 2020
3/2020

Lebenslang zu lernen bedeutet auch, überall zu lernen – nicht nur auf dem Hochschulcampus. Mit sogenannten massgeschneiderten Weiterbildungen geht die ZHAW dorthin, wo Hochschulwissen angewandt wird: in die Unternehmen.

Mit einer ganzen Wagenladung voller Muster an Emulsionen und Gels reise sie jeweils an, sagt Petra Huber. «Atelier sensoriel» heisst ihr Kurs, den Kosmetikunternehmen halb- oder ganztags buchen können. Den Firmen vermittelt sie Fachwissen in der Beurteilung von Sensorik und Haptik von Kosmetika. Den Begriff «angewandt» nimmt sie dabei fast wörtlich: Die Eigenschaften von Crèmes, Gels oder Lotionen liessen sich letztlich nur durch Riechen oder Spüren erfahren und testen, sagt sie – auch wenn chemische Verfahren hier unterstützen können.
Die Eigenschaften von Crèmes, Gels oder Lotionen lassen sich letztlich nur durch Riechen oder Spüren erfahren und testen: Das vermittelt Petra Huber, Dozentin für Kosmetik und Toxikologie, ihren Weiterbildungskunden.
Sie gebe eigentlich einen «sensorischen Sprachkurs», sagt die Dozentin für Kosmetik und Toxikologie am ILGI Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation des Departements Life Sciences und Facility Management. Denn jede Nase nimmt einen Duftstoff anders wahr, jeder Finger empfindet die Geschmeidigkeit einer Crème anders. Wenn das Marketing eine «geschmeidigere Crème» empfehle, wisse die Dame in der Entwicklung damit noch nicht, was sie an der Rezeptur genau verändern müsse. Es geht deshalb darum, die Attribute zu definieren und die Sprache, die sprachliche Charakterisierung einer Crème, zu vereinheitlichen – zu standardisieren.
Dahinter stehen aber handfeste betriebswirtschaftliche Erfordernisse: Mit der Standardisierung werden Schnittstellenprobleme beseitigt oder reduziert und dadurch die Effizienz im Unternehmen erhöht. Das Bedürfnis steigt: Huber registriert eine steigende Nachfrage von Firmen, aus der Schweiz und dem nahen Ausland.

Strategischer Pfeiler

Sogenannte massgeschneiderte Weiterbildungen wie das «Atelier sensoriel» des Departements Life Sciences und Facility Management sind ein wichtiger Pfeiler der ZHAW-Strategie zum lebenslangen Lernen. Unter dem Zeichen der Durchlässigkeit der Bildung bieten die Departemente der ZHAW Weiterbildungen an, die grösstenteils im Unternehmen selbst durchgeführt und spezifisch an die Bedürfnisse von Unternehmen und Verbänden angepasst werden. Denn Hochschulbildung soll in unterschiedlichen Kontexten stattfinden: «on Campus, online, on the Job», formuliert dies die Strategie. Sie antwortet damit aber auch auf Bestrebungen der Unternehmen, das betriebliche Lernen zunehmend in den Arbeitsalltag zu integrieren (vgl. Box).
Das IAP Institut für Angewandte Psychologie arbeitet beispielsweise schon seit Jahren mit dem Telekomunternehmen Swisscom in der internen Weiterbildung der Führungskräfte zusammen. Trainerinnen und Trainer aus Hochschule und dem Unternehmen entwickeln die Führungsausbildung und bilden Führungspersonen aus. Mit Methoden des Blended Learning und Flipped Classroom werden psychologische Grundlagen der Führung und wichtige Führungsthemen der Swisscom vermittelt, in webbasierten Trainings wie in aktiven Übungen. «Ein enger Austausch zwischen den Teilnehmenden erlaubt es ihnen, sich als Führungspersonen in ihren spezifischen Rollen weiterzuentwickeln», schreibt das IAP in seinem Praxisbuch «Psychologie hilft» vom April 2020.

Arbeitsmarktfähigkeit erhalten

Für vorwiegend ältere, erfahrene Kadermitarbeitende der Post-Briefzentren in Zürich-Mülligen und Härkingen entwickelte die School of Management and Law (SML) vor einigen Jahren eine interne Weiterbildung zum Thema Produktion und Logistik. Ziel der Weiterbildung für die Post war – neben der Vermittlung neuer Fachkenntnisse – der Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit. Deshalb sollte der Lehrgang durch ein offiziell anerkanntes Zertifikat abgeschlossen werden: Die 17 Teilnehmenden durchliefen zwei Certificates of Advanced Studies (CAS) und eine Abschlussarbeit zu einem Diploma of Advanced Studies, entwickelt von der SML. Älteren Mitarbeitenden gebe das gewohnte Umfeld Sicherheit, was den Lernerfolg fördere, wird der damalige Leiter des Briefzentrums Zürich-Mülligen, Robert Imholz, im SML-Blog zitiert. Zudem bilde die Klasse eine «Schicksalsgemeinschaft»; das fördere den Teamgeist und diene der Teamentwicklung.

Kaffeeexpertise aus aller Welt

Für ausgewählte Mitarbeitende von Nespresso wurde ein Lehrgang massgeschneidert.
Eine exklusive Lernkooperation ist die Nestlé-Tochter Nespresso mit dem ICBT Institut für Chemie und Biotechnologie des Departements Life Sciences und Facility Management eingegangen. «CAS in Coffee Expertise» nennt sich die interne Weiterbildung, die Nespresso ausgewählten Mitarbeitenden anbietet und die nach einem Jahr zu einem Zertifikatsabschluss auf CAS-Stufe führt. Das sei quasi «die Sahnehaube» der internen Schulungen und Trainings für die Mitarbeitenden, sagt Sabine de Castelberg, Verantwortliche Weiterbildung in der Fachgruppe Kompetenzzentrum Kaffee und Analytische Technologien am Institut.

Aussensicht ins Unternehmen bringen

Bei der Konzeption vor vier Jahren habe Nespresso explizit einen externen Hochschulpartner gesucht, um eine Aussensicht in die Schulungen einzubringen. «Sie wollten aus der Nespresso-Bubble rauskommen», umschreibt es de Castelberg. Das Programm wurde von den Experten bei Nespresso und der ZHAW gemeinsam entwickelt, und auch bei den Fachreferaten teilen sich Hochschule und Unternehmen auf.
Als Basis diente der hochschuleigene CAS-Lehrgang The Science and Art of Coffee, der die ganze Wertschöpfungskette des Kaffees behandelt, von der Pflanze bis zur Tasse. Er wurde dann auf die speziellen Anforderungen von Nespresso angepasst. So werden die betriebseigenen Nachhaltigkeitsprogramme mit anderen Standards der Branche verglichen, um eine gesamtheitliche Sicht zu erhalten. Wichtig sei auch die Frage, wie das neue Wissen ins Unternehmen eingebracht und an andere Mitarbeitende weitergegeben werden könne.

Gewinnbringende Kooperationen

Der einjährige Lehrgang wird im Blended Learning durchgeführt: Die Weiterbildung startet mit einem zehntägigen Workshop, der in Wädenswil bei der ZHAW und am «Coffee Campus» des Nespresso-Produktionszentrums in Romont FR stattfindet. Dort treffen sich die gut 15 ausgewählten Teilnehmenden, die aus der ganzen Welt anreisen: Nespresso mit Hauptsitz in Lausanne beschäftigt in über 60 Ländern der Welt über 12’000 Angestellte. So können sich die Teilnehmenden kennenlernen, was das folgende Online-Learning erleichtert, das unter anderem auch aus mehreren fest terminierten Virtual Classrooms besteht.
Die ZHAW-Strategie sieht die Vorteile der massgeschneiderten Weiterbildung für die Unternehmen auf verschiedenen Ebenen: «Sie fördert nicht nur die Wissens- und Kompetenzentwicklung in einer Organisation, sondern auch den firmeninternen Zusammenhalt und den Lernerfolg», heisst es in der Strategie. Doch auch für die ZHAW sind solche Kooperationen gewinnbringend: Der direkte Kontakt mit Experten aus der Praxis sei wichtig und lehrreich, und allenfalls entstünden aus einer solchen Zusammenarbeit auch Forschungsprojekte , sagt de Castelberg.

Lernen im Unternehmen: digital und emotional

In der Arbeitswelt 4.0 verändern sich Strukturen, Prozesse, Arbeitsbeziehungen und somit die Anforderungen an die arbeitenden Menschen. Sie müssen in ihren bestehenden Jobs für neue Aufgaben und Handlungsfelder weitergebildet werden. «Unternehmen integrieren das betriebliche Lernen darum wieder zunehmend in den Arbeitsalltag», heisst es im Praxisbuch «Psychologie hilft» des IAP Institut für Angewandte Psychologie. Denn: «Wissen bildet sich durch die Erfahrung in der Anwendung. Es geht um den Transfer von passenden Theorien in die eigene betriebliche Praxis», erklärt Christoph Negri, Leiter des IAP.
Die IAP-Studie «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0» (2017) ortete aufgrund von Gesprächen mit Führungskräften und Ausbildungsverantwortlichen mehrere Aspekte des Wandels betrieblichen Lernens: zunehmend digitale Lernwelten, vermehrtes Lernen on the Job, aber auch menschliches, emotionales Lernen über Gespräche, Feiern, Spiele.
Informelles Lernen erhält dabei einen höheren Stellenwert: Denn nur 10 Prozent aller Lernaktivitäten finden in formalen Weiterbildungsangeboten wie Seminaren oder Kursen statt. Weitere 20 Prozent ergeben sich im Austausch mit Arbeitskolleginnen und -kollegen oder Führungspersonen. Und volle 70 Prozent der Lernaktivitäten finden durch das tägliche Tun statt: durch berufliche Herausforderungen, eigene Erfahrungen und Alltagsaufgaben.
Um den unterschiedlichen Lernsituationen Arbeit, Gespräch, Feier und Spiel gerecht zu werden, braucht es entsprechende physische Lernräume. Das hat das Pharmaunternehmen Roche zusammen mit dem IAP in seinem Learning Center in Kaiseraugst AG umgesetzt. Auf rund 12 000 Quadratmetern richten sich flexible Räume unterschiedlicher Grösse auf Schulung, Kollaboration, Kommunikation, Konzentration und Erholung aus.